„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der zu dienen, hat das deutsche Volk ..., ...dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen.“ 0 So lautet die Präambel der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland von 1949. Mit der Betonung auf der „Verantwortung vor Gott“ sowie mit dem sich anschließenden normativen Grundrechtskatalog, an dessen Spitze die Würde des Menschen steht 1 , ist unübersehbar auf überpositives, ja auch überrationales Recht, also Naturrecht wenn man so will, zurückgegriffen worden, vor allem vor dem Hintergrund der totalitären Erfahrung im Nationalsozialismus. Unter diesem Aspekt bedeutet dies wieder eine Annäherung an die lange Tradition normativer Naturrechtskonzepte, die im 16. Jahrhundert als Schule von Salamanca entstand und über Hobbes, Locke und Rousseau im 18. Jahrhundert „das politische Denken Europas nahezu vollständig beherrschte“ 2 . Offensichtlich aber nicht das von Jeremy Bentham (1748 - 1832), der als Begründer des Utilitarismus in die ist 3 , Geschichte eingegangen denn gerade von solchen normativen Naturrechtskonzeptionen, die mit Ausnahme von Spinozas alle von einem spezifisch definierten Naturzustand des Menschen ausgehen 4 , wendet sich dieser radikal ab. In seinem 1789 erschienen Werk „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ 5 verwirft er jedwede Rechtskonzeption, die sich auf wie auch immer geartete normativen Prämissen aufbaut zu Gunsten eines spezifischen Nützlichkeitsprinzips als letzter Entscheidungsinstanz. Demnach wird das zum, sittlich Guten erhoben, was mit dem Nutzen des einzelnen beziehungsweise im sozialen Kontext mit dem der gesamten Gemeinschaft in Einklang steht. Die Definition des Gemeinwohls erfolgt also rein empirisch als Summe aller Einzelinteressen. Als Anhänger eben dieser Schule zeigt sich John Stuart Mill in seinem Essay „Utilitarianism“ (1861) 6 . Zugleich aber nimmt er eine entscheidende Motivation vor, indem er die glücksstiftenden Handlungen, denn nur darin besteht ihr Nutzen, nun auch qualitativ differenziert. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept des Utilitarismus
2.1. Utilitarismus von Jeremy Bentham
2.2. Einordnung
2.3. Mills Modifikation
3. Das Unutilitaristische in „On Liberty“
3.1. Intention, Struktur und Spannungsfeld
3.2. Nützlichkeit oder Wahrheit?
3.3. Der teleologische Aspekt
3.4. Anthoropologische Konstanten
3.5. Individueller Freiheitsraum
3.6. Die Grenzen gesellschaftlicher Autorität
4. Abschließende Bemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der klassischen utilitaristischen Philosophie Jeremy Benthams und den liberalen Freiheitskonzeptionen von John Stuart Mill in dessen Werk „On Liberty“. Ziel der Analyse ist es aufzuzeigen, dass Mills Versuch, liberale Grundwerte mit utilitaristischen Prinzipien zu versöhnen, zu einer normativen Argumentation führt, die sich in Teilen von einem rein empirischen Nützlichkeitsverständnis distanziert und teleologische sowie anthropologische Prämissen einbezieht.
- Kritische Analyse des Benthamschen Utilitarismus und dessen empirischer Basis.
- Untersuchung der qualitativen Modifikationen des Utilitarismus durch John Stuart Mill.
- Herausarbeitung der teleologischen Elemente und des Fortschrittsbegriffs in Mills „On Liberty“.
- Diskussion der Vereinbarkeit von individuellen Freiheitsräumen mit einer utilitaristischen Gemeinwohl-Maximierung.
- Evaluation des „Preises“, den ein konsequenter Utilitarismus in liberalen Demokratien zahlen muss.
Auszug aus dem Buch
3.1. Intention, Struktur und Spannungsfeld
Vorab sei erwähnt, dass es im folgenden nicht darum geht, Mill in seinem Hauptaussagen material anzugreifen. Seine Verdienste im Kampf für die politische Freiheit des Individuums sind unbestritten. Seine hohe Antizipationsfähigkeit struktureller demokratischer Defizite, sein Wissen um die Macht der Gewohnheit und vor allem seine eindringliche Warnung vor der Einschränkung der Freiheit des Individuums durch die öffentliche Meinung haben ihm vor dem Hintergrund der nicht zuletzt aus totalitären Massenideologien resultierenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts vor allem des 2. Weltkrieges, zu Recht den Titel eines „Apostels der Freiheit“ eingebracht.33 Da ein Großteil der verfochtenen Grundsätze aber, wie Mill selbst zugibt34, durch Humanismus und Aufklärung bereits zu seiner Zeit auf eine mehr als dreihunderjährige Erörterungstradition zurückblicken kann, erscheint es nach Dafürhalten des Verfassers legitim, den Fokus der Analyse auf die von Mill angestrebte Argumentationslogik zu legen und angesichts, der erwähnten Kontinuitätslinien überwiegend darin die Originalität von „On Liberty“ zu sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet die Fragestellung in den historischen und philosophischen Kontext des Naturrechts und des Utilitarismus ein und skizziert das Ziel der Analyse, Mills Modifikationen des Utilitarismus in „On Liberty“ kritisch zu hinterfragen.
2. Das Konzept des Utilitarismus: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen des Benthamschen Utilitarismus als rein empirisches System und leitet zu Mills Modifikationen über, die eine qualitative Differenzierung von Freuden einführen.
3. Das Unutilitaristische in „On Liberty“: Der Hauptteil analysiert, wie Mill durch seinen Wahrheitsbegriff, teleologische Fortschrittsvorstellungen und anthropologische Annahmen die Grenzen des strikten Utilitarismus überschreitet.
4. Abschließende Bemerkung: Das Fazit resümiert, dass Mills Versuch einer Synthese von Utilitarismus und humanistischen Werten zwar geistreich ist, aber fundamentale Diskrepanzen offenbart, die das Spannungsverhältnis für moderne liberale Demokratien verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Utilitarismus, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, On Liberty, Freiheit, Nützlichkeitsprinzip, Gemeinwohl, Liberalismus, Naturrecht, Anthropologie, Teleologie, Fortschritt, Individualität, Moralphilosophie, Wertegemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen philosophischen Untersuchung des Werks „On Liberty“ von John Stuart Mill und dessen theoretischer Auseinandersetzung mit dem klassischen Utilitarismus nach Jeremy Bentham.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Definition von Nützlichkeit, die Qualität von Glück und Freuden, die Rolle individueller Freiheit gegenüber gesellschaftlicher Autorität sowie die Begründung moralischer Werte in einem liberalen System.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Mills Philosophie in „On Liberty“ über das rein utilitaristische Modell Benthams hinausgeht und in einem Spannungsfeld zwischen empirischer Nutzenmaximierung und normativen, teleologischen Menschenbildern steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische, philosophiegeschichtliche Textanalyse, die argumentationslogische Kontinuitäten und Brüche zwischen Bentham und Mill herausarbeitet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur von Mills Argumentation, seinen Wahrheitsbegriff, die Rolle der Individualität, das Harm-Principle sowie die teleologischen Implikationen seines Freiheitsbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Utilitarismus, Freiheit, Individualität, Nützlichkeitsprinzip und normative Argumentation beschreiben.
Wie unterscheidet Mill seine Auffassung von der Benthams?
Mill führt eine qualitative Unterscheidung von Freuden ein und betont geistige sowie künstlerische Werte, während Bentham das Glück rein quantitativ und empirisch-additiv bewertete.
Welches Fazit zieht der Verfasser zur Vereinbarkeit von Mills Theorie?
Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass Mills Positionen sich kaum mehr mit einem rein quantitativen Utilitarismus vereinbaren lassen, da er das Ziel der „moralischen Wiedergeburt“ und des Fortschritts stärker gewichtet als das bloße Nützlichkeitsprinzip.
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- Thomas Schmidle (Author), 2001, John Stuart Mill: On Liberty , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70756