Die Verdrängung stellt einen dynamischen Prozess dar, der im psychoanalytischen Modell des psychischen Apparates anzusiedeln ist. Bevor dieser Einzelaspekt zur Darstellung kommt, soll das psychoanalytische Modell noch einmal in Erinnerung gerufen werden. Dieses gliedert sich in zwei Teile: 1. Das topographische Modell klassifiziert psychische Inhalte in Abhängigkeit ihres Bewusstheitsgrads und fasst sie zu Systemen zusammen, die untereinander durch einen Zensor geregelt werden: Das System Bewusstsein (Bw) umfasst alle dem Bewusstsein zugänglichen seelischen Inhalte und lässt sich als eine Ich-Funktion verstehen. Das heisst, mittels den kognitiven Prozessen Denken, Erinnern, Planen, Schlussfolgern und Urteilen werden in diesem System innere (im psychophysischen Bereich) und äussere (in der Umwelt) Reizkonfigurationen zugunsten optimaler Anpassung, Integration und Bedürfnisregulierung verarbeitet. Dem Bw schliesst sich das Vorbewusste (Vbw) an, hier lagern all jene psychischen Inhalte, die zwar momentan nicht bewusst sind, die jedoch willentlich und unwillentlich jederzeit abrufbar sind (Erlerntes und Erfahrungen, die nur in bestimmten Situationen zum Einsatz kommen: z. B. das Steuern eines Autos). Bw und Vbw sind wiederum aus dem Unbewussten (Ubw) gediehen, welches den Raum aller nicht zugänglichen psychischen Inhalte umfasst. Im Ubw siedeln sowohl das Urverdrängte (Freud 1915b, S. 250f), also der Teil des Ubw, der nie bewusst war (d.h. archaische und vorsprachliche Inhalte) als auch verdrängte verfemte Emotionen und Vorstellungen, die teils bewusst, teils nie bewusst waren, und die aus der bewussten Erinnerung eliminiert wurden. Dieses Wegdrücken unerwünschter Bewusstseinsinhalte lässt auf einen Konflikt zwischen den Instanzen schliessen: 2. Das Drei-Instanzen-Modell gliedert die menschliche Psyche in drei Teile, die ineinander wirken und in Konflikt geraten können. Der Kernbestandteil dieses Modells ist das Ich, es entspricht dem massgeblichen Steuerungs-, Regulations- und Kontrollorgan der Persönlichkeit, ein starkes und autonomes Ich gewährleistet eine relativ symptomfreie Verarbeitung von Triebimpulsen und Affekten unter Berücksichtigung des Realitätsprinzips (vs. Lustprinzip). Das Ich entwickelt sich via Körper, Sinne, Emotionen und Intellekt ab der Zeugung weit über die Adoleszenz hinaus (Individuierung via Einbettung-Positionierung-Kontrolle) mit dem Ziel, ein Teil einer Gemeinschaft zu werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
Die Verdrängung
1. Das topographische Modell
2. Das Drei-Instanzen-Modell
3. Die Triebtheorie
4. Der Konflikt
5. Die Verdrängung
5.1. Einführung
5.2. Verdrängung in der frühen Kindheit
5.4. Die Verdrängung als Trieb
5.5. Die Aufhebung der Verdrängung
6. Fragen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der psychoanalytischen Theorie der Abwehr, wobei der Fokus auf dem Mechanismus der Verdrängung innerhalb des psychischen Apparates liegt. Ziel ist es, die strukturellen und dynamischen Bedingungen zu erläutern, die zu intrapsychischen Konflikten führen und den Prozess der Verdrängung als bewusste oder unbewusste Abwehrmaßnahme des Ichs verständlich zu machen.
- Strukturmodell des psychischen Apparates (topographisches Modell und Drei-Instanzen-Modell)
- Psychoanalytische Triebtheorie und deren dualistische Ausrichtung
- Entstehung und Dynamik intrapsychischer Konflikte
- Psychodynamik und Entwicklungsaspekte der Verdrängung
Auszug aus dem Buch
5.1. Einführung
Die Verdrängung ist ein unbewusster Vorgang, der innerhalb des triebdualistischen Systems der Psyche bedrohliche seelische Inhalte aus dem Bewusstsein entfernt und sie ins Unbewusste abschiebt, das heisst, peinliche, verbotene, peinigende und Angst auslösende Vorstellungen (Gedanken, Bilder, Erinnerungen) werden ‚vergessen’ bzw. unbewusst. Sie setzt da ein, wo ein Trieb Gefahr läuft im Hinblick auf eine andere Forderung z. B. vom Über-Ich zu grosse Unlust hervorzurufen. Freud stellt zur räumlichen Veranschaulichung folgende Metapher vor:
„Wir setzen also das System des Unbewussten mit einem grossen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schliesse sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewusstsein weilt. Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einlässt, wenn sie sein Missfallen erregen. … Die Regungen im Vorraum des Unbewussten sind dem Blick des Bewusstseins, das sich ja im andern Raum befindet entzogen; sie müssen zunächst unbewusst bleiben. Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgewiesen worden sind, dann sind sie bewusstseinsunfähig; wir heissen sie verdrängt.“ (1917, S. 305 f.)
Zusammenfassung der Kapitel
Die Verdrängung: Einleitende Definition der Verdrängung als dynamischer Prozess innerhalb des psychischen Apparates.
1. Das topographische Modell: Darstellung der psychischen Systeme Bewusstsein, Vorbewusstes und Unbewusstes sowie deren gegenseitige Abgrenzung.
2. Das Drei-Instanzen-Modell: Erläuterung der psychischen Instanzen Ich, Es und Über-Ich sowie deren Rolle bei der Regulation von Trieben und Affekten.
3. Die Triebtheorie: Überblick über die dualistischen Triebtheorien und die Funktionsweise von Trieb-Quelle, Ziel und Objekt.
4. Der Konflikt: Analyse der Entstehung von intrapsychischen Konflikten und der resultierenden Symptombildung als Kompromissleistung.
5. Die Verdrängung: Detaillierte Untersuchung des Verdrängungsvorgangs, seiner ontogenetischen Entwicklung und seiner Funktion als antagonistischer Trieb.
6. Fragen: Reflexionsfragen zur Vertiefung der theoretischen Konzepte wie der Wächter-Metapher und der Bewusstwerdung verdrängter Inhalte.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Verdrängung, Ich, Es, Über-Ich, Triebtheorie, intrapsychischer Konflikt, Abwehrmechanismus, Unbewusstes, Bewusstsein, Symptombildung, Triebschicksale, Vorstellungsrepräsentanz, Psychodynamik
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet die Grundlagen der psychoanalytischen Abwehrlehre mit besonderem Fokus auf den Mechanismus der Verdrängung.
Welche psychischen Instanzen werden in dem Modell unterschieden?
Es werden das topographische Modell (Bewusstsein, Vorbewusstes, Unbewusstes) sowie das Drei-Instanzen-Modell (Ich, Es, Über-Ich) herangezogen.
Wie definiert die Arbeit den intrapsychischen Konflikt?
Ein Konflikt entsteht, wenn Triebwünsche des Es auf die regulatorischen Instanzen treffen und keine adäquate Abfuhr finden, was zur Verdrängung führen kann.
Welche Rolle spielt die Triebtheorie für das Verständnis der Abwehr?
Die Triebtheorie bildet den dynamischen Hintergrund, um zu verstehen, warum und wie bestimmte Triebimpulse abgewehrt werden müssen, um das psychische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Was ist der Kerninhalt der Verdrängung?
Verdrängung ist eine Ich-Leistung, bei der unangenehme oder bedrohliche seelische Inhalte aus dem Bewusstsein ins Unbewusste verschoben werden.
Welche zentralen Schlüsselbegriffe sind entscheidend?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das Unbewusste, der Wunsch-Abwehr-Konflikt, die Triebschicksale und die Vorstellungsrepräsentanz.
Ab welchem Alter setzt die Verdrängung laut Dornes ein?
Nach Martin Dornes setzt die Verdrängung als gereifte Ich-Leistung etwa nach dem zweiten Lebensjahr ein, wenn das Kind eine symbolische Repräsentation entwickelt hat.
Wie unterscheidet sich der Wächter vom Zensor?
In der Metapher Freuds fungiert der Wächter als Instanz an der Schwelle zum Bewusstsein, die seelische Regungen zensiert und unerwünschte Inhalte zurückweist.
Was bedeutet der Satz "Wo Es war, soll Ich werden"?
Dieser Satz beschreibt das Ziel der psychoanalytischen Therapie: den Übergang von einem Zustand der unbewussten Triebbeherrschung hin zu einer bewussten, ich-gesteuerten Integration.
- Citation du texte
- Franziska Amsel Muheim (Auteur), 2006, Verdrängung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70990