II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Tiergestützte Therapie 3
2.1. Therapie 3
2.2. Tiergestützte Therapie (TT) 3
2.2.1. Animal-Assisted-Activities (AAA) 3
2.2.2. Animal-Assisted-Therapie (AAT) 4
2.2.3. Tiergestützte Pädagogik 4
2.3. Entstehungsgeschichte der TT 5
2.4. Einsatzbereiche von TA und TT 7
3. Die Mensch-Tier-Beziehung 9
3.1 Die Mensch-Tier-Beziehung - historischer Abriss 9
3.2. Positive Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung 13
3.2.1. Physische/physiologische Wirkung 14
3.2.2. Mentale und psychologische Wirkungen 15
3.2.3. Soziale Wirkungen 16
3.3. Biophilie 17
3.4. Du-Evidenz 19
3.5. Bindungstheorie 21
3.6. Schichtenlehre der Person nach Rothacker 25
3.7. Zusammenfassung 27
4. Kommunikation und Interaktion 29
4.1. Die menschliche Kommunikation 29
4.2. Tierische Kommunikation 32
4.3. Mensch-Tier-Kommunikation 33
4.4. Mensch-Tier-Interaktion 37
4.5. Taktile Reize in der Mensch-Tier-Interaktion 43
4.6. Zusammenfassung 47
5. Praktische Mensch-Tier-Interaktion 49
5.1. Für welche Klientel ist TT besonders geeignet? 49
5.2. Für welche Klientel ist TT nicht geeignet? 49
5.3. Welche Tiere sind besonders geeignet? 50
5.4. Gedanken zum Tierschutz 54
5.5. Hygiene-Aspekt 57
5.6. Beispiele für angewandte Mensch-Tier-Interaktionen 60
5.6.1 Freie Mensch-Tier-Begegnung 60
5.6.2 Tierbesuchsdienst 62
5.6.3 Entwicklungsfördernde Therapie 64
III
5.6.4 Kurzzeittherapie in einer Schäferei 66
6. Theoretische und konzeptionelle Einbindung in die Soziale Arbeit
6.1. TT im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit 6.2. Kritik an TT 74
6.3. Einheitliche Ausbildungsstandards für TT 79
7. Schlussbetrachtung und Ausblick 83
Anhang
Adressen
1
Tiergestützte Therapie im Kontext Soziale Arbeit
1. Einleitung
Tiere werden schon seit einigen Jahren in der Sozialen Arbeit eingesetzt. Anfangs waren es vor allem die Reit- und die Delphintherapie. Mittlerweile entstehen laufend neue Formen der tiergestützten Therapie. Dabei können therapeutische oder pädagogische Zielsetzungen im Vordergrund stehen.
Immer wieder habe ich in der Literatur und in den unterschiedlichen Studien zum Thema tiergestützte Therapie, von einem oder dem „heilsamen Prozess“ in der Mensch-Tier-Interaktion gelesen. Meistens wird dieser heilsame Prozess jedoch nicht näher erläutert. Darum möchte ich mich in meiner Diplomarbeit genauer damit auseinandersetzen. Die übergeordnete Frage lautet also: Was genau macht den heilsamen Prozess in der Mensch-Tier-Interaktion aus? Was wirkt warum? Und wie?
Der Anspruch dieser Arbeit soll außerdem sein, einen umfassenden Überblick über die tiergestützte Therapie in der Sozialen Arbeit zu geben. Dabei berücksichtige ich auch aktuelle Tendenzen. Der Aufbau der Arbeit unterteilt sich in sieben Kapitel. Kapitel zwei stellt nach der Einleitung eine detaillierte Einführung in das Thema dar. Es beginnt mit einigen wichtigen Definitionen und berichtet über die Entstehungsgeschichte und die Einsatzbereiche von tiergestützter Therapie.
Kapitel drei befasst sich mit der Mensch-Tier-Beziehung. Es beleuchtet die historische Entwicklung dieser Beziehung und benennt die positiven Wirkungen, die sich für den Menschen ergeben können. Es werden außerdem erste mögliche Erklärungsmodelle für den heilsamen Prozess aufgestellt.
2
Kapitel vier hat die Mensch-Tier-Kommunikation und -Interaktion zum Thema. Dazu werden jeweils Aspekte der menschlichen und tierischen Kommunikation benannt, um dann darzustellen, auf welcher gemeinsamen (Sprach)Ebene eine artübergreifende Kommunikation stattfinden kann. Es werden außerdem weitere Theorien für den heilsamen Prozess aufgestellt.
Kapitel fünf beschäftigt sich mit der praktischen Durchführung von tiergestützter Therapie. Es gibt Aufschluss darüber, für welche Klientel tiergestützte Therapie sich besonders empfiehlt und für welche nicht. Es werden außerdem Überlegungen zum Tierschutz angestellt und Hygienefragen im Umgang mit Tieren beantwortet. Das Kapitel schließt mit der exemplarischen Vorstellung einiger tiergestützter Projekte aus der Praxis.
Das sechste Kapitel befasst sich mit der theoretischen und konzeptionellen Einbindung in die Soziale Arbeit. Die Idee von tiergestützter Therapie wird außerdem kritisch diskutiert. Das Kapitel endet mit Vorschlägen zu einheitlichen Ausbildungsstandards. Das letzte Kapitel formuliert eine kritische Schlussbetrachtung und stellt Überlegungen zu Entwicklungstendenzen der tiergestützten Therapie in der Sozialen Arbeit an.
3
2. Tiergestützte Therapie
Dieses Kapitel soll eine Einführung ins Thema sein. Dazu werde ich zunächst wichtige Begriffe definieren und erklären. Im Anschluss daran werde ich die Entstehungsgeschichte von tiergestützter Therapie darstellen und über die verschiedenen Einsatzbereiche informieren.
2.1. Therapie
Allgemein ist „Therapie“ eine Bezeichnung für die Behandlung von Krankheiten mit gezielten Maßnahmen. Der Eintrag im Fremdwörterduden lautet: „(Med.; Psychol.) Heilbehandlung“ 1 . Was bedeutet nun tiergestützte Therapie?
2.2 Tiergestützte Therapie (TT)
"Unter tiergestützter Therapie versteht man alle Maßnahmen, bei denen durch den gezielten Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden sollen. Das gilt für körperliche wie für seelische Erkrankungen." 2 Als tiergestützt können somit sämtliche Aktionen bezeichnet werden, welche Tiere in irgendeiner Form in therapeutische Prozesse mit einbeziehen. Ziel solcher Therapieformen kann die Gesundung oder Verbesserung der körperlichen oder seelischen Verfassung eines Menschen sein. Es werden im Wesentlichen folgende zwei Formen unterschieden:
2.2.1 Animal-Assisted-Activities (AAA)
„Unter AAA fallen Tierbesuchsprogramme, bei denen Tierhalter mit
1 Duden. Das Fremdwörterbuch 2001, S. 992.
2 Verein Tiere als Therapie (TAT) 2005.
4
ihren Tieren für einen bestimmten Zeitraum eine Institution besuchen. Die Tierbesuche richten sich nicht auf die gezielte Behandlung bestimmter Personen aus, haben keine Zielvereinbarungen, und es werden auch keine Aufzeichnungen über den Verlauf des Besuches gemacht.“ 3 Diese Besuche können auch von Laien oder ehrenamtlichen Helfern durchgeführt werden.
Der deutsche Begriff hierfür ist tiergestützte Aktivität (TA). Es wird auch immer häufiger von tiergestützten Fördermaßnahmen gesprochen.
2.2.2 Animal-Assisted-Therapie (AAT)
Der Unterschied zu AAA ist, „dass AAT immer von einem Arzt, Therapeuten, Sozialpädagogen o.ä. durchgeführt wird, wobei das Hauptaugenmerk auf der pädagogischen Ausbildung des Experten liegt. (...) Zentrale Bedeutung bei der AAT ist die vorherige Festsetzung und Definition der Ziele sowie eine genaue Dokumentation über den Verlauf der Therapie.“ 4
Dies setzt außerdem voraus, dass eine genaue oder vermutete Diagnose zugrunde liegt. Die AAT wird individuell auf diese Diagnose ausgerichtet. Dabei stimmt sich der Therapeut auch mit den anderen Behandelnden des Klienten ab, so dass die AAT in den gesamten Behandlungs- und Betreuungsplan des Klienten integriert wird. Der deutsche Begriff hierfür ist tiergestützte Therapie (TT).
2.2.3 Tiergestützte Pädagogik (TP)
Bei der TP ist der Auftraggeber häufig eine Schule oder eine andere pädagogische Einrichtung. Somit handelt es sich meistens nicht um einen einzelnen Klienten, sondern um eine Klientengruppe.
3 Förster 2005, S. 26f.
4 Förster 2005, S. 27.
5
„Es geht dem Auftrag nicht unbedingt eine Krankheit und Diagnose voraus. Freizeitgestaltung, Wissensvermittlung, Förderung - das alles sind Dinge, die man dem pädagogischen Bereich zuordnet.“ 5 Bei der TP wie auch bei der TT gilt:
Von den Tieren wird in diesem Zusammenhang immer häufiger von Co-Therapeuten gesprochen.
2.3. Zur Entstehungsgeschichte von TT
Tiere wurden schon früh in der Behandlung menschlicher Störungen eingesetzt, laut McCulloch möglicherweise bereits im achten Jahrhundert. In Heimen wurden Tiere zur Verbesserung des menschlichen Wohlbefindens bereits 1792 im York Retreat (Einrichtung für Geisteskranke) in England und gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Bethel (Behandlungszentrum für Epileptiker) in Deutschland eingesetzt. Seit 1960 wurde die Tiertherapie auf folgende Bereiche ausgeweitet: Behandlung von behinderten Menschen mit Reittherapien, Behandlungen von Gefühlsstörungen bei Kindern und Erwachsenen in der Klinik und ambulant, Nebenbehandlung von Patienten mit chronischen Körperbehinderungen und medizinischen Krankheiten, Verminderung der Gewalttätigkeit in Gefängnissen und Verringerung der Einsamkeit alter Menschen in Pflegeheimen oder zu Hause. Dabei wurde die Wirksamkeit dieser Therapiemethoden jedoch nicht immer wissenschaftlich dokumentiert.
5 Bull 2005, S. 236f.
6 Bull 2005, S. 237.
6
Der Psychologe Boris Levinson gilt als Pionier im Einsetzen von Haustieren als therapeutische Werkzeuge und verfasste als Erster in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Literatur zu diesem Themengebiet. Levinsons Erkenntnisse lenkten erstmals die Aufmerksamkeit auf den möglichen Wert von Haustieren.
Er entdeckte zum Beispiel, dass Haustiere als Katalysatoren für menschliche Interaktionen wirken können. Laut Levinson stellen Haustiere für Kinder ein Übertragungsobjekt dar, durch die ein Kind eine nicht bedrohliche Beziehung eingehen und diese Erfahrung später auf Beziehungen zu Menschen erweitern und generalisieren kann. 7 Ende der 70er Jahre gründeten Mediziner, Verhaltensforscher, Psychologen, Psychotherapeuten und Gerontologen aus den USA und aus Großbritannien eine Gesellschaft, die sich die weitere Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung zur Aufgabe machte. Bis heute hat diese Gesellschaft bereits fünf Unterorganisationen in den USA, Großbritannien, Australien, Frankreich und Österreich gegründet. Die Forschungsaktivitäten beinhalteten die Bewertung und
Weiterentwicklung von praktischen, tiergestützten Therapie- und Beratungsprozessen.
In der Praxis entstanden Pet Visiting Programs (Tierbesuchsdienste): Tierschutzvereine, tierliebende Gruppen und Institutionen besuchen mit speziell ausgebildeten Therapietieren Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser und psychiatrische Anstalten. Außerdem entstanden Streichelzoos für Großstadtkinder. In der europäischen wissenschaftlichen Forschung sticht besonders das Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT), gegründet 1977 in Österreich, hervor. In Deutschland gründete sich 1988 der Forschungskreis für Heimtiere in der Gesellschaft. 8 (Weitere Adressen deutscher Vereine, Organisationen und Institutionen im Anhang.)
7 Levinson zit. nach McCulloch 1985, S. 26.
8 vgl.: Förster 2005, S. 27ff.
7
Tiergestützte Therapie ist ein sich neu etablierender Berufs- und Wissenschaftszweig, an dem folgende Wissenschaften beteiligt sind: menschliche und tierische Verhaltensforschung, allgemeine und spezielle Psychologien, Psychoanalyse und Psychiatrie, Soziologie, Pädagogik, Gerontologie, Sozialisationsforschung, Human- und Veterinärmedizin. „Streng genommen hat diese Wissenschaft noch nicht einmal einen Namen, und auch welche Disziplin sie einmal am stärksten akzentuieren wird, ist noch offen.“ 9
2.4. Einsatzbereiche von TA und TT
TA und TT bieten sich (bis auf wenige Ausnahmen, die ich in Kapitel 5.2. benenne) überall dort an, wo mit Menschen im pädagogischen oder therapeutischem Sinne gearbeitet wird.
In Deutschland entstehen immer mehr Einrichtungen die TA oder TT anbieten, bzw. schon bestehende Einrichtungen entschließen sich, ihr Angebot entsprechend auszuweiten, daher kann ich hier lediglich einen groben Überblick geben, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Im pädagogischen Bereich geht es dabei eher um Wissensvermittlung und um einen bewussten Umgang mit anderen Lebewesen und der Umwelt allgemein. Für diese Form der TA bieten sich zum Beispiel so genannte Schulbauernhöfe an. Das Angebot richtet sich in der Regel an Schulklassen. Die pädagogische Zielsetzung hat Priorität, die landwirtschaftliche Produktion ist sekundär. Für Menschen mit körperlicher Behinderung kann sich die Hippotherapie anbieten. Dabei sitzt der Patient, der in der Regel unter Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates leidet, passiv auf einem Pferd und lässt sich von den Schwingungen des Pferderückens bewegen. Diese ärztlich verordnete Behandlung wird in der Regel von Krankengymnasten mit Zusatzausbildung zum Hippotherapeuten durchgeführt.
9 Greiffenhagen 1992, S. 17.
8
Eine weitere Form der TT für Menschen mit körperlichen Behinderungen ist die Delfintherapie. Sie wird auch für an Autismus erkrankte Menschen angewendet. Der Tiergarten in Nürnberg wird diese Therapieform in naher Zukunft anbieten. Der positive therapeutische Effekt dieser Behandlungsform ist umstritten.
„In der Resozialisation Strafgefangener geht es in der Regel darum, diejenigen, die gegen gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen verstoßen haben, wieder an diese anzupassen.“ 10 In den USA werden Tiere bereits seit einigen Jahren erfolgreich in Gefängnissen eingesetzt. In dem deutschen reformbedürftigen Vollzugssystem beginnt man zögerlich, sich diesem Trend anzupassen. Immer mehr Krankenhäuser, Psychosomatische Kliniken, Wohnheime für alte Menschen etc. halten sich eigene Kleintiere innerhalb der Gebäude oder auf dem Grundstücksgelände in Freigehegen oder laden sich regelmäßig Tierbesuchsdienste ein, um ihre Klienten die positiven Auswirkungen der Mensch-Tier-Begegnung spüren zu lassen. Was genau mit diesen positiven Auswirkungen gemeint ist, möchte ich im nächsten Kapitel näher beleuchten.
10 Gusella 2003, S. 431.
9
3. Die Mensch-Tier-Beziehung
In diesem Kapitel möchte ich zunächst die historische Entwicklung in der Mensch-Tier-Beziehung aufzeigen. Im Anschluss daran werde ich die positiven Wirkungen in der Mensch-Tier-Beziehung, die sich in die drei Bereiche physische, psychische und soziale (Aus)Wirkungen unterteilen lassen, benennen. Danach werde ich verschiedene Theorien aus der Biologie und Psychologie verwenden, um die positiven (Wechsel)Wirkungen in der Mensch-Tier-Beziehung zu erklären. Abschließen werde ich dieses Kapitel mit einer Zusammenfassung.
3.1. Die Mensch-Tierbeziehung - historischer Abriss
Menschen und Tiere waren zu allen Zeiten miteinander verbunden. Schon die frühen Hochkulturen glaubten an Götter in Tiergestalten, bzw. lebten mit der Vorstellung, dass Tiere Mittler zwischen Menschen und Göttern seien. Für viele heute noch lebenden Naturvölker und religiösen Gruppen bildet diese Vorstellung die Basis ihrer ethisch-religiösen Sozialordnung. Im Hinduismus und im Buddhismus wurden Normen entwickelt, die die Nichtverletzung von Tieren achten. Im Janismus 11 wird das Töten oder die Schädigung lebender Wesen strikt verboten. Bei vielen anderen Naturvölkern ist die Mensch-Tier-Beziehung vom mythischen Denken und einer Ordnungsstruktur beeinflusst. So finden nach einem Fehlverhalten - etwa einer Tiertötung - anschließend Beschwörungs- oder Entschuldigungsriten statt. „Naturvölker haben Tiere immer mit großem Interesse und Bewunderung betrachtet und sie als Mitgeschöpfe gesehen, welche uns Lehren erteilen, an denen wir wachsen sollen.“ 12
Nach Otterstedt „...ist es aber vor allem die menschliche Vorstellung vom Wesen des Tieres, welche die emotionale Grundlage der Mensch-Tier-
11 DemBuddhismus nahe stehende, auf Selbsterlösung gerichtete, im Unterschied zum Buddhismus aber streng asketische indische Religion.
12 Förster 2005, S. 20.
10
Beziehung innerhalb einer geschichtlichen Entwicklung sichtbar werden lässt. Die Mensch-Tier-Beziehung kann somit nicht losgelöst von dem Gesamtkontext menschlicher Kultur und Gesellschaft gesehen werden.“ 13 Die Mensch-Tier-Beziehung hat also im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte unterschiedliche Ausprägungen und
Gewichtungen erfahren. Diese Einschätzung wird von Lehne geteilt: „Kulturgeschichtlich gesehen war das Verhältnis von Mensch und Tier schon immer von religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Rahmenbedingungen
mitbestimmt.“ 14 Nach Lehne sind den Tieren im Laufe der Jahrhunderte jeweils unterschiedliche Rollen zugeschrieben worden: „Tiere sind zunächst in gleicher Weise nützlich wie heilig. Sie waren Tauschgegenstände ebenso wie Objekte der Selbstdarstellung, Sündenböcke und Verdammte ebenso wie geliebte Freunde.“ 15 Nach Rheinz sei an der jeweils aktuell zugeschriebenen Tierrolle der psychische Entwicklungsstand des Menschen abzulesen: „Die Rolle, die der Mensch auf den verschiedenen Stufen seiner Kulturentwicklung dem Tier zuwies, gibt Aufschluss über seine eigene seelische Entwicklung. Die Geschichte des Tieres ist ein Schlüssel der Psychohistorie.“ 16 Im Folgenden möchte ich einige historische Stationen der Mensch-Tier-Beziehung aufzählen.
Während im Polytheismus Tiere als Mittler zwischen Menschen und Göttern verstanden und verehrt wurden, machte der allmähliche Wandel zum Monotheismus Tiere als Mittler zum nunmehr einzigem Gott scheinbar überflüssig. Nach Otterstedt entstand dadurch eine Mensch-Tier-Dissoziation. „Diese Entwicklung bildete die Grundlage der Störung eines geordneten Zusammenspiels des Menschen mit der Natur, des harmonischen Zusammenspiels und der Verhaltensprozesse zwischen Mensch und Tier.“ 17 Greiffenhagen beschreibt diesen Vorgang noch
13 Otterstedt 2003a, S. 15.
14 Lehne 2003, S. 26.
15 Lehne 2003, S. 26.
16 Rheinz 1994, S. 29.
17 Otterstedt 2003a, S. 18.
11
deutlicher: „Die archaische Verbindung zwischen Mensch und Tier zerriss.“ 18
Das Judentum und die Schriften des Alten Testaments waren wegweisend für die spätere christliche Mensch-Tier-Beziehung und deren Deutung. Der Gott der Christen war nicht mehr Teil der Natur, sondern er selbst hat sie erschaffen. Die Menschen wurden sesshaft und machten sich, getreu dem biblischen Auftrag, Tiere und Erde untertandie Domestikation der Tiere begann. 19 Dazu Rheinz: „Das christliche Naturverständnis, geprägt von Herrschaft und Unterjochung, verkennt das in den Fünf Büchern Mose festgelegte dialektische Verständnis von Nutzung und Schonung der Natur.“ 20
Im 13. Jahrhundert fand erneut ein Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung statt. Tiere wurden nun als uns gleichgestellte Werke des allmächtigen Schöpfers gesehen. Es wurden ihnen eine spezifische Wahrnehmungsstruktur und Gefühle zugesprochen. „Und es entstand bereits die Erkenntnis, dass Grausamkeiten gegenüber Tieren zu Grausamkeit gegenüber Menschen führen kann: Ein verändertes Verhalten des Menschen zu den Tieren wird auch Einfluss auf das Verhalten der Menschen untereinander haben.“ 21 Nach Otterstedt wird das neuzeitliche Verständnis zwischen Mensch und Tier nicht von einer Fortführung dieser Gedanken bestimmt, sondern der Mensch bestehe erneut auf eine Sonderstellung gegenüber der Natur. „Erneut wurde die Mensch-Tier-Beziehung von der Antike beeinflusst und es verschärfte sich der Gegensatz zwischen Geistigem und Triebhaften, das heißt die Schwerpunkte der humanistischen Werte lagen in der rationalen, dem Menschen zugeordneten Lebenssteuerung.“ 22 Nach Otterstedt begann sich ab dem 18. Jahrhundert ein neuer Weg für Mensch und Tier abzuzeichnen. „So wurde nun nicht mehr allein die geistige Leistung als Maßstab genommen. Vielmehr entdeckte man im
18 Greiffenhagen 1991, S. 21.
19 vgl Förster 2005, S. 21.
20 Rheinz 1994, S. 34.
21 Otterstedt 2003a, S. 22.
22 Otterstedt 2003a, S. 23.
12
Bereich des Fühlens und der Sensibilität Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier. Dies führte zu menschlichen Verpflichtungen gegenüber den Tieren, v.a. aber auch zu Tierrechten und damit zu den ersten Tierschutzbewegungen.“ 23
Dieser neue Trend wurde im Zuge der Industrialisierung noch mal gefährdet. Tiere wurden zum kalkulierbaren Kosten- und Nutzenfaktor. Es entstanden große Mastbetriebe, die die Tierhaltung zu einer Tierproduktion wandelten. „Die Mensch-Tier-Beziehung entwickelte sich von einer Du- zu einer Es-Beziehung, das Tier wurde eine Sache, ein beliebiger Posten im Kontobuch des Betriebes.“ 24 Doch zeitgleich befassten sich auch Naturwissenschaft und Philosophie (Tierethik) sowie immer mehr soziale Gruppen (u.a. Tierrechtsidee) mit der Lebensqualität der Tiere und setzten sich entsprechend ein. Zusammenfassend lässt sich sagen: „Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Tier ist eine Geschichte von Zuneigung und Grausamkeit, von Gefühlsübersteigerung und Gleichgültigkeit, vor allem jedoch von Macht und Machtmissbrauch.“ 25
Greiffenhagen betont, dass es wichtig sei, diese Widersprüche in der gemeinsamen Geschichte anzunehmen, um Tiere therapeutisch und pädagogisch für die menschlichen Zwecke einsetzen zu können. „Einerseits haben wir uns durch unsere Kulturgeschichte weit vom Tier entfernt, andererseits zeigen uns heute menschliche und tierische Verhaltensforschung, wie dicht wir von Natur dem Tiere benachbart sind und wie viel Leben wir mit ihm teilen. Nur wer diesen Widerspruch erträgt und mehr: ihn als Bestimmungsfaktor der Humanität annimmt, kann sich für menschliche Sozialisation auf die Hilfe von Tieren stützen.“ 26
23 Otterstedt 2003a, S. 25.
24 Otterstedt 2003a, S. 25.
25 Rheinz 1994, S. 15.
26 Greiffenhagen 1991, S. 20.
13
3.2. Positive Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung
In den modernen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts ist das Tier Nahrungsquelle, Forschungs-, Status- und Sammelobjekt, und es wurde auch zum Partner und Freund. „Es ist vor allem das Haustier, welches durch seine psychosoziale Bedeutung das menschliche Bedürfnis nach Kontakt mit der Natur beantwortet.“ 28
Fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens eine Phase durchleben, in der er mehr oder weniger bewusste Beziehungen mit Tieren eingeht. Dies gilt besonders während der Kindheit, den Entwicklungsjahren, aber auch im fortgeschrittenen Alter. Ein Kind sieht in seinem Tier häufig einen Spielkameraden oder Seelentröster, wenn es sich zum Beispiel von den Eltern unverstanden oder gar abgelehnt fühlt. Für einen alten Menschen wird sein Tier häufig zum sozialen Partner oder gar zum einzigen Freund. Ein Tier kann zum Freizeit- und Sportpartner werden. Und selbst das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit kann von einem Tier gestillt werden.
Besonders Menschen, die Schwierigkeiten haben, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu erhalten, können von einer Beziehung zu einem Tier profitieren.
„Oft können traumatisierte Menschen erst durch ein Tier wieder Nähe, Intimität und Körperkontakt zulassen, da der Umgang mit Tieren authentischer und weniger bedrohlich ist als mit Menschen.“ 29 Aber was genau macht nun die positive Wirkung in der Mensch-Tier-Beziehung aus? Warum halten sich so viele Menschen ein oder gleich
27 Otterstedt 2001, S. 121.
28 Otterstedt 2003a, S. 25.
29 Förster 2005, S. 51.
14
mehrere Heimtiere? Was kann uns ein Tier geben was wir woanders scheinbar nicht bekommen?
Laut Aaron Honori Katcher haben Heimtiere sieben Funktionen, die sich positiv auf die menschliche Gesundheit auswirken können:
1. „Gefährtenschaft
2. Etwas zur Pflege
3. Etwas zum Berühren
4. Etwas, das einen in Trab hält
5. Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
6. tägliche Bewegung
7. Sicherheit“ 30
Carola Otterstedt erweitert diese positiven Wirkungen der Heimtierhaltung, in dem sie auch die Tierbegegnungen wie sie in einer tiergestützten Therapie auftreten können, berücksichtigt. Dabei unterteilt sie in physischen, mentalen und sozialen Wirkungsweisen:
3.2.1. Physische/physiologische Wirkung
1. „Senkung des Blutdrucks Herzfrequenz, Puls- und Kreislaufstabilisierung (über Streicheln, reine Präsenz)
2. Muskelentspannung Körperkontakt, entspannte Interaktion
Wirkungen
euphorisierende Effekte durch Freisetzung von Beta-Endophinen (Stabilisierung des Immunsystems) über erregungssenkendes Lachen/Spielen
4. Verbesserung von Gesundheitsverhalten Allgemeine
motorische Aktivierung, Bewegung an frischer Luft/beim Spiel, Muskulaturtraining, Aktivierung der Verdauung, Anregung zu besserer Ernährung/Körperpflege, Reduzierung von
Übergewicht/Alkohol- und Nikotingenuss, Förderung von Regelmäßigkeit/Tagesstruktur
5. Praktische/technische Unterstützung (insbesondere
Servicetiere) Führung und Leitung (Blinde, gehörlose), Schutz und Sicherheit, Arbeits-, Aufgabenerleichterung
30 Katcher zit. nach McCulloch 1985, S. 28.
15
3.2.2. Mentale und psychologische Wirkungen
1. Kognitive Anregung und Aktivierung Lernen über Tiere und Tierhaltung, Anregung des Gedächtnisses (Tiernamen, etc.), Austausch und Gespräch mit anderen Menschen 2. Förderung emotionalen Wohlbefindens Akzeptiert werden, geliebt werden, Zuwendung, Bestätigung, Trost, Ermunterung, Zärtlichkeit, Intensität, spontane Zuneigung und Begeisterung usw.
3. Förderung von positivem Selbstbild, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein Konstante Wertschätzung, Erfahrung von Autorität und Macht, Bewunderung erfahren, Gefühl gebraucht zu werden, Verantwortung übernehmen, Bewältigungskompetenz erleben, usw.
4. Förderung von Kontrolle über sich selbst und die Umwelt Kontrollerfahrung in Pflege, Versorgung, Führung und erreichtem Gehorsam, Erfordernis der Selbstkontrolle, Sensibilisierung für eigene Ressourcen, Zwang zu aktiver Bewältigung, Vermittlung von Bewältigungskompetenz und Kompetenzerfahrung, Zutrauen, Aufbau von Alltagsstrukturen usw.
5. Förderung von Sicherheit und Selbstsicherheit, Reduktion von Angst Unbedingte Akzeptanz, konstante und kontinuierliche Zuneigung, unkritische Bewunderung, unbedrohliche und belastungsfreie Interaktionssituation; Aschenputtel-Effekt (gleich wie unattraktiv, ungepflegt, hilflos, langsam, usw.), einfache Welt (Füttern Nahsein, Vertrautheit), psychologische Effekte, praktischer Schutz usw.
6. Psychologische Stressreduktion, Beruhigung und Entspannung Wahrnehmungs- und Interpretationsveränderung von Belastung, gelassenere Stressbewertung, Trost und Beruhigung, Ablenkung, Relativierung von Konsequenzen, Umbewertung/Umbilanzierung von Ereignissen, Aufwertung kleiner Freuden usw. 7. Psychologische Wirkung sozialer Integration Erfüllung von Bedürfnissen nach Zusammensein, Geborgenheit, Erfahrung von Nähe, Gemeinsamkeit, nicht allein sein usw. 8. Regressions- Projektions- und Entlastungsmöglichkeiten (Katharsis) Stilles Zuhören, Ermöglichen affektiver Entladung und offenen emotionalen Ausdrucks, Erinnerungsmöglichkeit, enttabuisierter Umgang, Identifikationsmöglichkeit und Projektionsfläche usw.
9. Antidepressive Wirkung, antisuizidale Wirkung Zusammensein und Gemeinsamkeit, Vertrauen und Vertrautheit, sicherer Halt und emotionale Zuwendung, Unbewertung von Belastung, Trost und Ermutigung, Förderung von Aktivität, Verantwortung, Bezogenheit und Verbundenheit, Freude, Lebendigkeit, Spontanität und Spaß erleben
16
3.2.3. Soziale Wirkungen
1. Aufhebung von Einsamkeit und Isolation Tierkontakt selbst, Förderung von Kontakten/Kontaktvermittlung und sozialer Katalysator, Herstellung von Kontakt/Eisbrecher 2. Nähe, Intimität, Körperkontakt Erleben von Beziehungen und Verbundenheit
3. Streitschlichtung, Familienzusammenhalt Vermittlung von Gesprächsstoff und Zusammengehörigkeit 4. Vermittler von positiver sozialer Attribution Sympathie, Offenheit, Unverkrampftheit“ 31
Selbstverständlich können diese positiven Wirkungen nur dann zur Geltung kommen, wenn der Mensch den Tierkontakt grundsätzlich befürwortet.
Der reine Kontakt zum Tier oder die bloße Anwesenheit eines Tieres können allerdings keine Krankheiten heilen. „Tiere wirken sicher nicht bio-chemisch oder instrumentell auf kranke Organe oder auf den Organismus, sondern Tiere stärken oder bereichern das Gefüge von Beziehungen zwischen der Person und ihrer belebten Umgebung.“ 32 Wenn bei der Interaktion von Mensch und Tier von einem „heilsamen Prozess“ gesprochen wird, so ist ein heilsamer Prozess im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklung gemeint. Die Begegnung mit dem Tier löst Impulse aus, die unsere körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Kräfte beeinflussen. In der Tiergestützten Therapie werden diese Impulse vom Therapeuten bekräftigt und unterstützt.
Im folgenden Teil möchte ich weitere Erklärungsmodelle für die positiven Effekte in der Mensch-Tier-Beziehung beleuchten.
31 Otterstedt 2003b, S. 66ff.
32 Olbrich 2003a, S. 69.
33 Otterstedt 2001, S. 23.
Arbeit zitieren:
Sonja Doepke, 2007, Tiergestützte Therapie im Kontext Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Grundlagen und Praxis der tiergestützten Therapie und Pädagogik
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 26 Seiten
Die Interaktion zwischen Kind und Hund als fördernder Prozess in der A...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 99 Seiten
Integration von behinderten Kindern im Elementarbereich
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 22 Seiten
Canis Lupus Therapeuticus und anderes Getier
Möglichkeiten und Grenzen tier...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 80 Seiten
Tiergestütze-Pädagogik - Modeerscheinung oder adäquate Reaktion auf un...
Kritische Betrachtung einer Me...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 114 Seiten
Stress durch Arbeitslosigkeit - Erklärung und Gegenmaßnahmen
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit, 16 Seiten
Musizieren auf ausgewählten Rhythmusinstrumenten mit geistig behindert...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Examensarbeit, 91 Seiten
Praktikumsbericht für das integrierte Betriebspraktikum (ISOP) am Allg...
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Praktikumsbericht / -arbeit, 13 Seiten
Die moralische Entwicklung nach Piaget und Kohlberg
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Skript, 4 Seiten
Kommunikation im Change Management
Eine qualitative Metaanalyse
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Bachelorarbeit, 51 Seiten
Fingerspiele, Abzählreime und Rechenlieder im Anfangsunterricht Mathem...
Unterrichtsentwurf, 13 Seiten
Sonja Doepke's Text Tiergestützte Therapie im Kontext Sozialer Arbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sonja Doepke hat den Text Tiergestützte Therapie im Kontext Sozialer Arbeit veröffentlicht
Sonja Doepke hat einen neuen Text hochgeladen
Tiergestützte Therapie bei Demenz
Die gesundheitsförderliche Wir...
Eileen Hegedusch, Lars Hegedusch
Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert
Positionsbestimmungen Sozialer...
Birgit Bütow, Karl August Chassé, Rainer Hirt
0 Kommentare