Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Nonsens bei Alice im Wunderland 5
3. Die Lesart von Alice im Wunderland als Traumdichtung 8
3.1 Von der Phantasie zum dichterischen Werk 8
3.2 Traumtechnik bei Alice im Wunderland 12
3.3 Traumdeutung 14
4. Die sozialkritische Lesart von Alice im Wunderland 18
4.1 Die Gesellschaft des viktorianischen England 18
4.1.1 Utilitarismus 19
4.1.2 Das Kind im Blick der Zeit 20
4.2 Nonsens bei Alice im Wunderland als Kritik der Gesellschaftsverhältnisse 20
4.2.1 Utilitarismus bei Alice im Wunderland 21
4.2.2 Kindlichkeit bei Alice im Wunderland 23
5. Fazit 25
6. Literatur 27
Prim ärliteratur: 27
Allgemeine Sekundärliteratur: 27
Sekund ärliteratur zu Lewis Carroll: 28
1. Einleitung
Carroll - oder zunächst noch Charles Lutwidge Dodgson - war ein dreißigjähriger Mathematikdozent am Oxforder Christ Church College. Anlässlich einer Bootstour auf der Themse, erzählte er der kleinen Alice Liddell und einigen Freundinnen die 1865 als Alice’s Adventures in Wonderland 1 erschienene Geschichte. 2 Der in der Geschichte auftretende Nonsens, verbunden mit einer jederzeit unberechenbaren Gegenwelt, machen den Reiz der Geschichte und den bis heute währenden Erfolg aus.
Dodgson, der Autor dieser verrückten Geschichte war im gemeinen Sinne kein außergewöhnlicher Mann, vielmehr ein äußerst bürgerlicher Mathematikdozent. Bis heute wird aus verschieden Perspektiven heraus versucht die Interdependenzen zu klären, die eine Verbindung herstellen zwischen dem Unsinn bei Alice im Wunderland 3 und dem Berufslogiker Carroll.
Diese Arbeit wird zwei Lesarten vorstellen, die dem Leser einen Einblick in das verwirrende Dunkel des Nonsens gewähren sollen. Als Grundlage dieser beiden Lesarten, wird vorab eine Beschreibung des auftretenden Unsinns vorgenommen. Die dort erworbenen Erkenntnisse zu Struktur und Erscheinungsformen des Nonsens werden in den folgenden Ausführungen aufgegriffen und konkretisiert. In der ersten Lesart soll Alice im Wunderland als eine szenische Konstruktion aus Traumabschnitten dargelegt werden. Hierzu wird die Freud’sche Abhandlung Der Dichter und das Phantasieren 4 als konzepttheoretisches Fundament dienen. Carroll selbst spricht an verschiedenen Stellen von Tagträumen die ihm teilweise als Vorlage zur Textkonzeption dienten. Diese Traumtechnik wird im dritten Kapitell vorgestellt und soll die Berechtigung einer eingehenden Betrachtung der traumhaften Struktur untermauern. Die kapitellabschließende Anwendung der Freud’schen Theorie auf den Text und den Autor wird offenbaren welche Mechanismen beim fantastischen
1 Carroll, Lewis: Alice im Wunderland. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1973. Anmerkung: Alle
folgenden Zitate des hiermit angegebenen Primärtextes, werden im weiteren Verlauf der Arbeit mit
einer in runden Klammern eingefassten Seitenzahl vermerkt.
2 Hildebrandt, Rolf.: Nonsense-Aspekte der englischen Kinderliteratur. Weinheim: Beltz Verl. 1970. S.
122.
3 Der Titel des Primärtextes, wird im folgenden mit AW abgekürzt werden.
4 Freud, Siegmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: Ders., Studienausgabe, Band. 10: Bildende
Kunst und Literatur. Hrsg. von Alexander Mitscherlich, A. Richards und J. Strachey. 11. korrigierte
Auflage, Frankfurt am Main 1997.
4
Schreiben greifen und welche Funktion der Autor, als Träumender, in seinem
eigenen Werk übernimmt.
Als zweiter Leseansatz wird eine Betrachtung des Nonsens auf seine sozialkritischen
Inhalte vorgestellt. Dem geht die Annahme voraus, dass Carroll mit seinem
Wunderland ein Gesellschaftssystem entworfen hat, das eine Inkongruenz zur
viktorianischen Gesellschaft darstellt. Ob diese offensichtlichen Unvereinbarkeiten
gesellschaftskritische Elemente enthalten, wird untersucht werden. Eine Einführung
zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten der viktorianischen Epoche wird die
Begrifflichkeiten des Utilitarismus 5 und der Kindlichkeit ins Licht rücken, auf diese die
sozialkritische Betrachtung fokussiert ist. Welche Lesart sich als schlüssiger und
plausibler herauskristallisiert wird im Fazit diskutiert werden.
2. Nonsens bei Alice im Wunderland
Der Nonsens fängt „ schon auf der ersten Seite des Buches an Da ist kein
Plan , kein Plot, da ist nur ein Anfang mit einer unwahrscheinlichen Situation“ 6 Diese
von Hurrelmann angesprochenen unwahrscheinlichen Situationen, die auch an
anderer Stelle als holiday of the mind 7 bezeichnet werden, sind Elemente des
Carroll ’schen Nonsens. Im Wunderland angekommen, eröffnet sich umgehend der
„Unfug, den Carroll mit den körperlichen Dimensionen des kleinen Mädchens treibt.“ 8
Eine andere Form des Unsinns ist das für Märchen typische Moment der
Verwandlung, dass sich jedoch bei AW nur in der Metamorphose des hässlichen
Kindes zum Ferkel manifestiert und keiner näheren Betrachtung unterzogen wird.
Der größte Teil des Carrollschen Unsinns entwickelt sich dialogisch. Alice misslingt in
diesen Dialogen die kommunikative Interaktion mit den Wunderlandbewohnern
w ährend des gesamten Handlungsverlaufs. Das Ihr anerzogenes Regelsystem
kommunikativer Umgangsformen findet im Wunderland keine Ansatzpunkte mehr.
So kommt es jedes Mal zu einer Auseinandersetzung, bei der Alice den Kürzeren zieht
Nicht etwa, weil Alice minder gewitzt und schlagfertig wäre als ihre Wunder-Partner. Sondern
5 Anmerkung: Philosophisches Prinzip des Strebens nach einem höheren Nutzen menschlichen
Handelns. Zur weiterführenden Erläuterung siehe Kapitell 4.1.1.
6 Hürlimann, Betina: Europäische Kinderbücher. Zürich: Atlantis Verlag 1959. 162
7 Petzold, Dieter: Formen und Funktionen der englischen Nonsense-Dichtung im 19. Jahrhundert.
N ürnberg: Hans Carl Verlag 1972. S. 191.
8 Ebd.: 162
5
weil sie einfach abprallen muß an einem Gegner, der die bislang verbindlichen Regeln
mißachtet oder gar nicht kennt.“ 9
„[W]ie trügerisch, zerbrechlich, unlogisch die sprachlichen Konventionen sind“ 10 , verdeutlicht der Schnapphase beispielsweise während der Mad Tea Party. Er bricht die sprachliche Konvention, dass man seinem Gegenüber nur etwas anbieten darf, wenn man es auch besitzt.
»Ein Schluck Wein?» fragte der Schnapphase einladend.
Alice sah sich auf dem Tisch um, aber da stand nur eine Teekanne. »Ich sehe keinen Wein», bemerkte sie.
»Ist auch gar keiner da», sagte der Schnapphase. »Dann war es nicht sehr höflich, welchen anzubieten», sagte Alice zornig. »Es war auch nicht sehr höflich, sich ungebeten an unsern Tisch zu setzen», sagte der Schnapphase. (S. 70).
Der Carrollsche Unsinn, wie an diesem Beispiel gezeigt, wirkt gleichzeitig befremdlich und komisch. Das auslösende Moment für diese Leserempfindungen ist die Vermischung von viktorianischer Realität 11 und der unvorhersehbaren Willkür der Wunderlandbewohner.
Der Begriff Vermischung ist jedoch unpräzise. Denn Alice befindet sich im Wunderland, dem System des Unsinns. Der Unsinn ist das vorherrschende Prinzip, dem sich der Sinn zu unterwerfen hat. „Ordnungskategorien wie Raum und Zeit, Moral, Identität und Kommunikation“ 12 werden aufgelöst und durch ein abstruses Logiksystem des Nonsens ersetzt. Diese inkongruenten Logiken der Wunderlandbewohner fußen auf „Komik erzeugende[m] Widersinn radikaler Verstöße gegen Denkgewohnheiten, […] [der] spielerische[n] Verrätselung von Sprache, Logik und Erfahrungswirklichkeit[…]“. 13 Der Nonsens greift dabei meist auf die von der Sprache gebotenen Zufällen zu. Oft dienen homophone Wörter, die in keinen semantischen Sinnzusammenhang stehen als verbindendes Element der Wunderlandlogik.
9 Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der
Renaissance bis zu Moderne. 3. Aufl. München: Wilhelm Fink Verlag 2002. S. 289.
10 Petzold, Dieter: Das englische Kunstmärchen im neunzehnten Jahrhundert. Hrsg. von Helmut
Gneuss et al.. Tübingen: Niemeyer Verlag 1981 (=Buchreihe der Anglia Zeitschrift für englische
Philologie, Band 20). S. 238.
11 Anmerkung: Die viktorianische Gesellschaft kann vorerst als eine Gesellschaft mit hohen
Ansprüchen an Tugend und Moral beschrieben werden. Zur weiteren Beschreibung siehe Kapitell 4.
12 Kreutzer, Eberhard: Lewis Carroll: „Alice in Wonderland“, „Through the Looking-Glass”. München:
Wilhelm Fink Verlag 1984. S. 63.
13 Ebd.: S. 63.
6
»[…] Unser Lehrer war eine alte Schildkröte - wir nannten ihn das Schaltier -« »Warum denn Schaltier, wenn er doch keins war?« fragte Alice. »Wir nannten ihn Schaltier, denn er schalt hier«, sagte die falsche Suppenschildkröte ungehalten; »du bist wirklich sehr schwer von Begriff.« (S. 98).
So schafft Carroll eine Welt, in der nicht Vernunft das gesellschaftliche Miteinander bestimmt, sondern willkürliche Assoziationen eine Berechtigung als common sense 14 einfordern. In dieser Welt existiert „kein Referendum, wie Realität, Normalität oder Einverständnis.“ 15 Carroll lässt eine Welt entstehen, in der die Brüche der gesellschaftlichen Konventionen zum Prinzip erklärt werden. In der Gestalt, dass Norm - wie Alice sie vertritt - nur als Übergang zwischen Inkongruenzen betrachtet werden kann. 16 Alices in den Unfug injiziertes Realitätsverständnis dient somit oft nur als Ansatzpunkt für assoziativen Unsinn und führt zu einem Zustand, in dem Bedeutung fließend und veränderbar wird wie in einer Traumwelt. Diese Inkompatibilität der Systeme führt zu einer zunehmenden Verunsicherung der Protagonistin und des Lesers. Alice ist es nicht möglich dem Unsinn eine Berechtigung zu erteilen, doch der Leser ist angehalten „das Spiel mitzuspielen, oder das Buch aus der Hand zu legen.“ 17
Es ist nun aber keine Gegenwelt in der jegliche Konformitäten und Sinnzusammenhänge der viktorianischen Gesellschaft in Opposition gestellt werden, sondern eine andere Welt, „die aus den Teilen dieser [viktorianischen] Welt wie aus ihren Trümmern zusammengesetzt ist.“ 18
Der Unsinn entwirft eine neue Ordnung, vor deren Gesetzen die praktizierten der alten nur noch ein Stück Vergangenheit sind, ohne doch durch befreiendere, nicht-restriktive ersetzt worden zu
sein. 19
Die neu entworfene Ordnung beherbergt jedoch in einem Punkt eine gewisse Kontingenz. Sie besteht aus einer Ansammlung von Einzelszenen, deren Zusammensetzung nicht als obligatorisch, sondern als fakultativ zu betrachten ist. Eine Zerstückelung und Neuzusammensetzung wäre durchführbar und unter
14 Hildebrandt, R.: Nonsense-Aspekte. S. 130. Anmerkung: Als Common sense bezeichnet
Hildebrandt eine allgemeingültige Auffassung von Realität.
15 Reichert, Klaus: Lewis Carroll. Studien zum literarischen Unsinn. München: Carl Hanser Verlag
1974. S. 12.
16 Vgl. Ebd. S. 12.
17 Hildebrandt, R.: Nonsense-Aspekte. S. 126.
18 Reichert, K.: Lewis Carroll. S.10.
19 Ebd.: S.10.
7
Arbeit zitieren:
Florian Dülks, 2006, Traumdichtung und Sozialkritik als zwei potentielle Lesarten von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, München, GRIN Verlag GmbH
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