Laurence um Rat. Dieser hat einen Plan: Julia soll in der Nacht vor ihrer Hochzeit eine Substanz zu sich nehmen, die sie tot erscheinen lässt. Unterdessen will Pater Laurence Romeo einen Eilbrief nach Mantua zukommen lassen, woraufhin dieser nach Verona zurückkehren soll, um die in der Kirche von Verona Beach aufgebahrte, dann wieder erwachte Julia mit sich nach Mantua zu nehmen. Während Julia die Substanz tatsächlich einnimmt und ihre Trauerfeier zelebriert wird, verpasst Romeo den Zeitpunkt, zu dem der Eilbrief gesendet wird. Alle erneuten Versuche von Pater Laurence, Romeo das Telegramm zukommen zu lassen, schlagen fehl. Romeo erfährt lediglich von einem seiner Freunde, der ihn in Mantua besucht, dass Julia tot ist. Daraufhin kehrt Romeo nach Verona Beach zurück, erwirbt bei einem alten Mann ein Fläschchen Gift und macht sich auf den Weg zur Kirche von Verona Beach, wo er Julia tot auffindet. Noch während diese wieder erwacht, nimmt er das Gift und stirbt. Julia begeht daraufhin Selbstmord mit Romeos Waffe. Der Tod der beiden Liebenden führt letztendlich zur Versöhnung der verfeindeten Familien.
Charaktere
Anhand der Kostüme, welche die einzelnen Darsteller auf dem von Julias Vater organisierten Maskenball tragen, lässt sich am besten eine Analyse der Charaktereigenschaften dieser vornehmen.
Einige Kostüme unterstreichen die Diskrepanz zwischen den realen Eigenschaften eines Charakters und der Rolle, die dieser spielen möchte. So tritt Romeo (perfekt besetzt mit Leonardo Di Caprio) auf dem Maskenball als Ritter auf, was seinen Mut und seine noblen Intentionen hervorheben soll. Doch dieses Kostüm harmonisiert nicht mit Romeos Charakter, da er eigentlich von Melancholie, gewollter Einsamkeit und - nach dem Tod Mercutios - von Rachegelüsten geleitet wird. Auch das Kostüm von Julias Vater (Paul Sorvino) spiegelt nicht dessen wahren Charakter wider. Er tritt als dominanter Kaiser Nero auf, ist aber in Wirklichkeit nur teilweise dominant, nämlich dann, wenn er seine Tochter und deren Amme schlägt. Ansonsten scheint er sich eher dem Alkohol als seiner Familie zuzuwenden, wodurch er ein erhebliches Stück seiner Macht einbüßt.
In den meisten Fällen akzentuiert jedoch das Kostüm den Charakter der jeweiligen Figur. So tritt Julia (gespielt von Claire Danes) als Engel auf, wodurch ihre Unschuld, ihre einzigartige Schönheit und Reinheit betont werden. Dave Paris (Paul Rudd), der aufstrebende Unternehmer und Julias Gatte in spe, bereichert den Maskenball als Astronaut. Dieses Kostüm ist ein Indikator für den schnellen Aufstieg Paris‘ zu einem berühmten Junggesellen, aber auch für dessen teilweise angedeutete Arroganz. Mercutio (exzellent dargestellt von Harold Perrineau), Romeos bester Freund, tritt als Drag-Queen auf, was seinen einfallsreichen und humorvollen Charakter unterstreicht. Mercutio liebt es, zu feiern und seinen Körper in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Er ist sogar derart impulsiv, dass er ohne jegliche Vorwarnung seine Pistole am Strand abfeuert. Julias Mutter, Gloria Capulet (Diane Venora), sieht sich selbst als Göttin und Männer verführende Machtausüberin. Diese Eigenschaften kann sie perfekt als Cleopatra verkörpern. Weiterhin tritt Benvolio als Mönch auf, was seine Rolle als Streitschlichter und beruhigend wirkender Pol in diesem Film betont. Als letztes wird dem Zuschauer Tybalt (John Leguizamo) als Teufel verkleidet vorgestellt. Dieses Kostüm ist eigentlich dasjenige, welches die Rolle einer Figur in diesem Film am besten zur Schau bringt. Tybalt ist äußerst temperamentvoll. Dieses Temperament schlägt jedoch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Heimtücke und Hinterlist um. Tybalt sucht immer den direkten Kampf mit den Montagues, was im Laufe der Handlung schließlich zu seinem Tod führt.
Eine wichtige Rolle kommt einem Charakter zu, der nicht am Maskenball teilnimmt, nämlich Pater Laurence. Er agiert als Vermittler zwischen Romeo und Julia und wird privat als Hawaiihemd tragender, experimentierfreudiger Lebemann dargestellt; im beruflichen
Bereich jedoch trägt er immer die für ihn angemessene Kleidung, nämlich die eines Priesters.
Verona Beach
Im Gegensatz zum Original Shakespeares, welches im „lieblichen Verona“ spielt, wird in diesem Film Verona Beach als Stadt der Gewalt und des Chaos charakterisiert. Das Stadtbild Veronas wird mehrmals aus der Vogelperspektive gezeigt, um einen filmischen Überblick über die Hektik einer modernen Großstadt zu bekommen, was zudem noch durch vereinzelte schnelle Schnittsequenzen betont wird. Das Stadtbild ist geprägt von Wolkenkratzern, von denen zwei speziell aus der Gesamtheit der anderen herausragen. Es sind die Hochhäuser der verfeindeten Familien Montague und Capulet, welche dieselbe Höhe haben, um den Stellenwert dieser beiden gleichwertigen Familien herauszustellen. Sie befinden sich auf demselben Machtlevel, nämlich dem der führenden Familien in Verona Beach. Zwischen den beiden dominanten Wolkenkratzern befindet sich eine überdimensionale Christusstatue als Symbol Veronas, welche große Ähnlichkeit mit der Statue in Rio de Janeiro hat. Der nicht enden wollende Verkehr und die ständige Überwachung der Stadt durch Polizeihubschrauber spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in diesem Film: Zum einen vermitteln sie die Autorität des Polizeichefs Prince, der versucht, das Verbrechen in der Stadt - wenn auch meist vergeblich - einzugrenzen, zum anderen bewirken sie, dass der Zuschauer einen überaus passenden Eindruck von dem Chaos und der Unübersichtlichkeit der Szenerie gewinnt, welche dann letztendlich auch zum Tod der beiden Protagonisten führen. Das Ende dieser Tragödie spielt in der Kirche von Verona, auf deren Kuppel ebenfalls eine überdimensionale Christusstatue angebracht ist. Die religiöse Symbolik scheint in diesem Film also eine hervorragende Rolle einzunehmen und wird daher in dieser Rezension zu einem späteren Zeitpunkt nochmals aufgegriffen. Baz Luhrmann gelingt es in seinem Film auch, in gekonnter Weise intermediale Bezüge auf andere Dramen William Shakespeares zu nehmen. So heißt eine Imbissbude am Strand von Verona Beach „Rosencrantzky’s“, eine Allusion auf eine an Shakespeares Hamlet orientierte Tragikomödie namens Rosencrantz and Guildenstern Are Dead von Tom Stoppard; auf einem Plakat wird „Prospero-Whiskey“ angeboten, womit Luhrmann auf den Hauptcharakter des shakespeareschen Schauspiels The Tempest verweist. Weiterhin heißt ein Kaufladen am Strand „The Merchant of Verona Beach“ in Anlehnung an Shakespeares The Merchant of Venice. Zudem fährt die Kamera immer wieder auf ein altes Gebäude, das den Schriftzug „Globe Theatre“ trägt, ein Verweis auf das von Shakespeare errichtete Theater, in dem seine eigenen Dramen aufgeführt wurden.
Als einen perfekten Gegensatz zum hektischen Stadtleben in Verona Beach zeichnet Baz Luhrmann das Bild von Mantua, dem Ort, den Romeo nach seiner Verbannung aufsucht. Mantua wird als eine savannenartige Wohnwagensiedlung dargestellt, in der nicht das Leben im Vordergrund steht, sondern die Tristesse desselben. Die Szenerie dieses Ortes bereitet den Zuschauer daher - aufgrund ihrer Symbolik der Vergänglichkeit des Lebens - in beeindruckender Weise auf den nahenden Tod Romeos vor.
Filmische Elemente * Realisierung von Prolog und Epilog
Der berühmte shakespearsche Prolog wird von Luhrmann realisiert, indem er zweimal gelesen wird: Das erste Mal durch ein fade-in von einer Nachrichtensprecherin in einem Fernseher vor schwarzem Hintergrund - ein überaus markantes intermediales Element, das zweite Mal von einer Zeitungsberichte über die Straßenkämpfe zwischen den verfeindeten Familien unterlegenden Stimme (off-voice). Die kurzen, in schnellen Schnittsequenzen zusammengetragenen Zeitungsausschnitte sowie die durch rasante Kamerafahrten gewonnenen Eindrücke der Stadt Verona Beach zwingen den Zuschauer quasi dazu, Interesse gegenüber der filmischen Entwicklung der Tragödie zu zeigen, da zwar durch Vorausblicke der Tod Romeos und Julias vorausgesagt wird, ansonsten aber nur einige Details über den Streit zwischen Montagues und Capulets bekannt werden. Zudem werden
in weißen Schlagzeilen vor schwarzem Hintergrund Teile des Prologs dargestellt sowie die wichtigsten Charaktere der verfeindeten Familien vorgestellt. Der Epilog aus Shakespeares Romeo und Julia schafft den Rahmen für die gesamte vorausgegangene Handlung. Wiederum tritt die Nachrichtensprecherin aus dem Vorspann in einem kleinen Fernseher auf, welcher durch ein fade-out immer kleiner wird, und liest den letzten Teil des shakespeareschen Epilogs. *Rückblenden und Vorblicke
Schon im Vorspann des Films wird der Zuschauer, wie bereits erwähnt, durch Vorausblicke auf den Verlauf der Handlung hingewiesen und kann sich somit ein Bild von der Entwicklung der Tragik in diesem Film machen. Als vertretendes Beispiel für die Vielzahl an Rück- und Vorblicken soll das folgende gelten: Der Mord an Tybalt begleitet Romeo durch den ganzen Film hindurch. In wiederkehrenden Rückblenden wird Romeo in seinen Gedanken immer wieder das tragische Ende Tybalts vor Augen geführt, das von ihm selbst herbeigeführt worden ist. *Musik
William Shakespeares Romeo und Julia kann meiner Meinung nach als eine Art Musical angesehen werden, das besonders durch die Videoclip-Kultur der 90er Jahre geprägt ist. Der eingängige Soundtrack kann in vier verschiedene Musikrichtungen unterteilt werden. Elemente der Pop- und Rockmusik sind durch den ganzen Film hindurch immer wieder vertreten. Sie dienen meist als Übergangsmusik zwischen den einzelnen Szenen. Als zweites unterlegt Baz Luhrmann den Film mit wilder Trance-Musik, um ekstatische Momente (Szenen) zu kennzeichnen. Als ein solcher Moment kann die Vorbereitung Romeos und seiner Freunde auf den Maskenball der Capulets angesehen werden, in dem das ekstatische Element aber auch durch die Einnahme von Drogen verstärkt wird. Eine weitere Szene, in der schnelle Dance-Musik gespielt wird, ist die Rückkehr Romeos von Mantua nach Verona; der sehr hektische Rhythmus soll an dieser Stelle höchstwahrscheinlich die Entschlossenheit Romeos, sich neben seiner geliebten Julia umzubringen, hervorheben. Ein weiteres Element des Soundtracks ist eine eingängige Pop-Ballade („Kissing You“), deren Hauptthema immer dann wiederkehrt, wenn Romeo und Julia alleine sind und sich küssen. So tritt dieses romantische Liebeslied, gesungen von einer schwarzen Frau, zum ersten Mal beim Maskenball der Capulets auf; es wird somit durch den Kontrast zur hektischen Partyatmosphäre ein perfekter Rahmen für die erste Annäherung zwischen Romeo und Julia geschaffen. Sie lernen sich an einem Aquarium kennen, reden jedoch nicht miteinander, sondern kommunizieren nur über ihre Mimik. Die gewollte Isolation der beiden von der Außenwelt wird durch die romantisch musikalische Atmosphäre nochmals betont. Besonders auffällig wird die Verwendung des Themas in der shakespeareschen Balkonszene, die Luhrmann in eine Poolszene umwandelt. In fast der gesamten Szene wird das romantische Thema gespielt und gibt der eigentlich schon gefühlvollen Atmosphäre, die zwischen Romeo und Julia herrscht, einen noch romantischeren Touch. Zu guter Letzt kommt der Choralmusik eine tragende Rolle in William Shakespeares Romeo und Julia zu. Zur Hochzeit der beiden Geliebten singt ein Knabenchor ein eher trauriges Lied, das durch seine Bedrohlichkeit schon auf das nahende Ende Romeos und Julias hinweisen könnte. Eine für den Zuschauer erschreckende Choralmusik wird auch in der Todesszene der heimlich Verheirateten in den Film eingebaut. Nachdem sich Julia jedoch erschossen hat und somit beide Kinder der verfeindeten Familien ihr trauriges Ende gefunden haben, schlägt der bedrohliche Choral in eine Art erlösende Musik, die von einigen Streichinstrumenten untermalt wird, um. Hierdurch wird ein Rückblick auf die vorausgegangenen „Stationen“ der Liebe zwischen Romeo und Julia eingeleitet.
Arbeit zitieren:
Stefan Kraus, 2005, Filmrezension: Baz Luhrmann - William Shakespeares Romeo und Julia, München, GRIN Verlag GmbH
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