Inhaltsübersicht
Einleitung
1 Kriterien der Genusübernahme
1.1. Die Genunsentlehnung
1.2. Das natürliche Geschlecht
2 Formale Kriterien
2.1. Die Genuszuweisung entsprechend dem Wortausgang
2.2. Genuszuweisung nach der Lautgestalt
2.3. Genuszuweisung nach dem Schriftbild
3 Semantische Kriterien
3.1. Der übergeordnete Gattungsbegriff
3.2. Die latente semantische Analogie
3.3. Das abstrakte Neutrum
4. Soziolinguistische Kriterien
5. Persönliches Fazit
Einleitung
Der aktuelle Fremdwörterduden 1 in der achten Auflage benennt 53000 Fremdwörter, Fügungen und Redewendungen fremder Sprachen sowie deutsche Wörter mit fremden Ableitungssuffixen, bzw. Präfixen, die als solche häufig eine „fremdartige“ Herkunft vermuten lassen.
Das Deutsche entlehnt, wie alle bekannte Kultursprachen, hauptsächlich aus den Grenzgebieten seines Sprachraumes, vor allem also, auch bedingt durch die Besatzung der Nachkriegszeit, aus dem Französischen, dem Englischen und dem Russischen. Ferner aus der romanischen Sprachfamilie, also aus Sprachen wie dem Italienischen und dem Spanischen. Außerdem speisen sich nach wie vor, vor allem Lexika der Bereiche wissenschaftlicher Terminologien, aus altsprachlichen Quellen. In unterschiedlicher Frequenz lassen sich aber für fast alle bekannten Sprachen deutsche Entlehnungen oder Übernahmen finden.
Das Deutsche fordert, anders als einige der Stammsprachen der übernommenen oder entlehnten Worte, eine eindeutige Genuszuweisunge, die als Artikel, Präfix und anhand von Pronomen realisiert werden können. Besonders spannend hierbei ist, dass viele deutsche Sprecher auch dann, wenn die Stammsprache selbst Genera zuweist, im deutschen Verwendungszusammenhang ein anderes Genus wählen und etablieren.
Mittlerweile gehen viele Sprachwissenschaftler davon aus, dass die Genuszuweisung im Deutschen sowohl in der Eigenbildung, als auch in der Entlehnung neuer Wörter aus anderen Sprachen einigen Kriterien folgt, die in unterschiedlichem Verhältnis zueinander stehen.
Am Beginn dieser Arbeit steht die Frage, ob und inwiefern Sprachentlehnung durch diese Kriterien vorhersehbar werden kann. In meiner Arbeit möchte ich deshalb die unterschiedlichen Kriterien der Genuszuweisung sammeln und deren hierarchisches Beziehungsgefüge, sowie deren pragmatischen Gehalt überprüfen, um so zu einer Einschätzung über deren Zuverlässigkeit zu gelangen.
1 Der Duden in zwölf Bänden, Bd.5 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim 2002
2
1 Kriterien der Genusübernahme
1.1. Die Genunsentlehnung
Die direkte Genusentlehnung aus der Stammsprache der Lehn- und Fremdworte betrifft nur einen Teil derer, nämlich diejenigen, die einer Genussprache entstammen. Sprachen, die ohne ein grammatisches Geschlecht auskommen, hier seien als Beispiele das Englische, das Finnische, sowie das Türkische genannt, können auch kein grammatisches Geschlecht für das entsprechende Wort im neu vererbten, deutschen Zusammenhang motivieren. Folglich kann eine Genuszuweisung nur für die Entlehnung von Worten, die aus Genussprachen, wie beispielsweise dem Spanischen, dem Französischen, oder dem Lateinischen stammen, gelten. Da nun aber nur bilinguale Sprecher das ursprüngliche Genus eines Wortes in der Stammsprache wissen können, ist diese Art der Genuszuweisung auch nur unter ihnen besonders frequent, oder wird von jenen besonders stark etabliert. Auch sei die direkte Genusentlehnung, so Marion Schulte-Beckhausen in ihrem Aufsatz 2 , vor allem ein Phänomen der Grenzgebiete und der direkten Kommunikation zwischen bilingualen und monolingualen Sprechern, wo es zu einer Übernahme und/oder Nachahmung der Sprechweise und damit des Genusgebrauchs des bilingualen Sprechers durch den monolingualen Sprecher kommt. Oft kommt es so aber auch zu gegenläufigen Entwicklungen. Benutzt nämlich der bilinguale Sprecher aus irgendeinem Grund, z.B. der Unterstellung eines anderen Kriteriums (dazu später mehr), ein nicht-originales Genus, wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass der bilinguale Sprecher dieses übernimmt, wenn er das entsprechende Lehnwort im deutschen Sprachzusammenhang verwendet. Oft hält der bilinguale Sprecher dann aber am ursprünglichen Genus fest um als besonders gebildet oder sprachgewandt zu gelten.
Offenbar spielt hierbei der Etablierungszeitraum eine besondere Rolle.
2 Schulte-Beckhausen, Marion (2002): Genusschwankungen bei Anglizismen, französischen,
italienischen und spanischen Lehnwörtern im Deutschen: Eine Untersuchung auf den Grundlagen
deutscher Wörterbücher seit 1945. Frankfurt/Main: Lang.
3
Eine Google-Recherche 3 der beiden Wörter Baguette und Tequila, die unterschiedlich lange im kollektiven Sprachverständnis der Deutschsprechenden etabliert sind, ergibt folgendes (nur bedingt repräsentatives) Ergebnis.
Der ursprüngliche Artikel ist jeweils kursiv geschrieben.
Ob, und in welchem Maße hier andere Genusfaktoren und Zuweisungskriterien eine Rolle spielen, sei im folgenden zu prüfen. Marion Schulte-Beckhausen plädiert in der entsprechenden Passage ihres Aufsatzes 4 für eine Verknüpfung mehrer Kriterien, die für die Genuszuweisung von Lehnwörtern von Bedeutung sein können.
1.2. Das natürliche Geschlecht
Losgelöst von der Genuszuschreibung eines Lehnwortes in dessen Herkunftssprache wirkt das Kriterium des natürlichen Geschlechts. Da das Deutsche im Allgemeinen dazu neigt, Personenbezeichnungen, wie Berufs- und Zugehörigkeitsbezeichnungen, entsprechend ihres natürlichen Geschlechts zu kategorisieren, ist eine entsprechende Übernahmepraxis bei Fremd- und Lehnworten nicht nur naheliegend, sondern wird entsprechend hochfrequent praktiziert. Die Genuszuweisung entsprechend des natürlichen Geschlechts kann auch für Quellsprachen ohne Genusmarkierung angewendet werden, auch wenn das natürliche Geschlecht selbst, wie Hans Jürgen Heringer berechtigt anmerkt 5 , nur bei sehr vereinzelten Substantiven bestimmt werden kann. Häufig markieren
3 Die hier erhobenen Daten beziehen sich auf eine Abfrage der folgenden Links am 27.02.2007:
http://www.google.de/search?hl=de&q=%22das+Baguette%22&btnG=Suche&meta=
4 Schulte-Beckhausen (2002) S.37f
5 Heringer (1995) S.203
4
Quote paper:
Kerstin Hartwich, 2007, Genuszuweisung im Deutschen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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