Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG. 3
2. DIE ZEIT VOR DER ANWENDUNG DER PERSPEKTIVE: ANTIKE UND
MITTELALTER. 4
3. DIE ENTDECKUNG DER PERSPEKTIVE IN DER RENAISSANCE. 6
3.1 Historischer Hintergrund der Renaissance in Italien 6
3.2 Die Entdeckung und Entwicklung der Perspektive in der Renaissance 8
4. DIE AUSWIRKUNGEN DER PERSPEKTIVE IN KUNST UND ARCHITEKTUR. 13
4.1 Anwendung der Perspektive in der Renaissance 13
4.2 Anwendung der Perspektive im Barock. 16
4.3 Anwendung der Perspektive in der Aufklärung und Moderne 19
5. ANWENDUNG DER PERSPEKTIVE IN DER WISSENSCHAFT 22
6. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN ÜBER DIE
BEDEUTUNG DER PERSPEKTIVE 25
I. ABBILDUNGSVERZEICHNIS. 30
II. QUELLENANGABEN 34
2
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
1. Einleitung
Die Perspektive dient der Darstellung räumlicher Gegenstände auf einer zweidimensionalen Zeichenebene unter denselben Bedingungen, unter denen sie im dreidimensionalen Raum erscheinen. Das Grundprinzip der Zentralperspektive,
welches auf dem „Fluchtpunktsatz“ basiert, wird in dem Bildbeispiel
veranschaulicht. Die Zentralperspektive beruht auf der Konvergenz der waagerechten Tiefenlinien bzw. Fluchtlinien des Raumes, die auf einen am Horizont gelegenen imaginären Fluchtpunkt hinlaufen, wodurch annähernd die Deformation wiedergegeben wird, die der Blick durch die Krümmung des Auges erfährt.
1
Die
Zentralperspektive suggeriert räumliche Tiefe, indem sie die Gegenstände proportional zu ihrer Entfernung verkleinert, also die Figuren auf unterschiedliche Ebenen stellt und alles in allem so die Illusion echten
Raumes schafft. 2 Sie erschafft die Möglichkeit, den visuell erfassten Raum in einer Weise bildhaft darzustellen, die den tatsächlichen räumlichen Verhältnissen fast perfekt entspricht. 3 Die Entdeckung der Perspektive, in Bezug auf die Aneignung der geometrischen und mathematischen Gesetze, ist eine Errungenschaft der italienischen Frührenaissance. In dieser Hausarbeit soll die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive untersucht werden, im Fokus stehen dabei die Auswirkungen auf Kunst und Architektur. In dem ersten Kapitel wird zunächst die Zeit vor der Perspektive geschildert. Im Anschluss daran werden die Rahmenbedingungen der Renaissance und die Entdeckung der Perspektive sowie ihre Weiterentwicklung während dieser Epoche erläutert. Darauf folgt ein Kapitel mit den Auswirkungen der Perspektive in der Renaissance und den nachfolgenden Epochen. Zwar wird in der Arbeit vor allem die Bedeutung der Perspektive für die bildende Kunst untersucht, doch kann bei der Auseinandersetzung mit dieser Thematik nicht außer Acht gelassen werden, dass der Einfluss der Perspektive sich auf eine Vielzahl von Wissenschaftsbereichen ausgedehnt hat, von denen einige in einem Abschnitt dieser Hausarbeit erwähnt werden. Abschließend werden in einer Zusammenschau die Auswirkungen der Perspektive und ihre Bedeutung, insbesondere für den Bereich der bildenden Kunst und Architektur verdeutlicht.
1 Jestaz 1985, S.31
2 Jestaz 1985, S.31
3 Humboldt-Universität Berlin 1999
3
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
2. Die Zeit vor der Anwendung der Perspektive: Antike und
Mittelalter
In der Antike besitzt man bereits eine gewisse Vorstellung von der Perspektive. Die antike Konzeption der Wahrnehmung des Sehens basiert auf der Annahme von dem griechischen Mathematiker Euklid (365 - 300 v. Chr.), das Sehen erfolge durch Strahlen, welche das Auge und den Gegenstand auf dem kürzesten Wege miteinander verbinden. Den Euklidischen Theoremen liegt die Sehpyramide zugrunde, also jener Strahlenkegel, dessen Spitze im Auge liegt und dessen Basis die sichtbare Oberfläche der Gegenstände ist. 4 Der römische Architekt Vitruv (eigentlich: Marcus Vitruvius Pollio) erkennt die Wichtigkeit der Perspektive. In seinem 33 v. Chr. verfassten Werk: „Zehn Bücher über die Architektur“ (De architectura), schreibt er: „dass die Architekten der Perspektive unbedingt bedürfen, weil sie lehre, den verschiedenen Teilen der Gebäude abgemessene
Verhältnisse zu geben, ohne bei der Ausführung fürchten zu müssen, dass sie etwa an ihrer mutmaßlichen Schönheit verlieren würden“. 5 Zudem wird die Perspektive schon in der römischen Antike dazu
Wandgemälde die Illusion von Größe zu geben. Die „scaene frons“ ist
Präsentationsform des römischen Theaters, die mit Öffnungen und Portalen durchbrochen ist, durch die die Schauspieler auftreten. Eine weitere Formulierung von Vitruv deutet eine perspektivische Bildkonstruktion an: „Scaenographia ist die ‚illusionistische Wiedergabe’ der Fassade und der Seitenfronten und die Entsprechung aller Linien in Bezug auf den Kreismittelpunkt“. 6 Trotz dieser Kenntnisse über die Perspektive wird in der Antike weder eine schlüssige Fluchtpunkttheorie entwickelt noch die Anwendung einer exakten perspektivischen Bildkonstruktion. 7
4 Schmid 1998
5 Gull 1981, S.9
6 Schmid 1998
7 Schmid 1998
4
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
Die Ansätze der perspektivischen Darstellung sind jedoch im Mittelalter
Realitätsverständnis im Mittelalter, auch „Raumsurrealismus“ genannt, ist nicht auf die sinnlich-wahrnehmbare Welt gerichtet. Dem entspricht auch das vorherrschende unrealistische und zweidimensionale Weltbild von der Erde als Scheibe (über die Gott im Himmel waltete). Eine naturgetreue Abbildung ist nicht nötig, denn die Intention beschränkt sich auf ein Festhalten einer bestimmten Konstellation, die innerhalb der Lebenswelt eine Relevanz hat. Zeichnerische Darstellungen sind dabei von kirchlichen Dogmen bestimmt. Meist werden wichtige Ereignisse wie Krönungen oder Vertragsabschlüsse und Bibelstellen illustriert, wobei flache zweidimensionale Figuren auf das Papier gemalt werden. 8 Die Bildoberflächen des Mittelalters sind undurchsichtige und undurchdringliche Arbeitsflächen, auf die
8 Löffler 2007, S.2
9 Kaiser 2007, S.17
10 Microsoft Encarta Enzyklopädie [1] 2006
5
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
3. Die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance
3.1 Historischer Hintergrund der Renaissance in Italien
Für den Beginn der Neuzeit in der Geschichte Europas steht die Epoche der Renaissance, in der Italien die kulturelle Führung in Europa übernimmt. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines politisch zerfallenen Italiens, welches im 14. und 15. Jahrhundert aus mehreren Stadtstaaten besteht, und eines noch streng auf das Jenseits gerichteten und von mittelalterlichen Dogmen bestimmten Lebens. Einhergehend mit dem Humanismus (lat.
humanitas:
Menschlichkeit), eine kulturelle Bewegung, bei der sich das gebildete Italien an den Prinzipien der klassischen Antike orientiert und den Wert des Individuums in den Vordergrund stellt, beginnt ein neues Zeitalter in der Geschichte Europas. Es kommt zu einer Wiederbelebung der Antike (ital.
rinascità:
Wiedergeburt). Das durch humanistische Studien wiedergewonnene Wissen und die Philosophie der
Antike verhelfen den Menschen, zu einer auf das Diesseits gerichteten Lebensgestaltung zu finden.
In diesem Bewusstseinswandel entdeckt der Mensch die Individualität. Das Hervortreten einzelner Persönlichkeiten aus den ständischen und korporativen Bindungen ist für den Wandel in allen Bereichen des Lebens bezeichnend. 11 Dies betrifft vor allem Gelehrte und Künstler zu jener Zeit. Die noch im Mittelalter eher anonymen Künstler wollen durch ihr Emanzipationsbestreben sich von den kirchlichen Dogmen und von den tradierten Berufszwängen der künstlerischen Praxis trennen, da zuvor die Ausübung des Künstlerberufs an die Lehre in Zünften gebunden war. 12 Dazu trägt der Humanismus entscheidend als geistige Stütze mit seinem epochalen Vorbild des uomo universale (der allseitige Mensch) bei und es kommt zu einer „Emanzipation der Kunst vom Geist des Handwerks“. 13 Gefördert werden die jungen humanistischen Gelehrten und Künstler in erster Linie von den reichen und gebildeten Patriziern aus dem Kaufmannsstand.
11 Vogel; Müller 2005, S.415
12 Abels 1985, S.197
13 Hauser 1953 zitiert in: Abels 1985, S.196
6
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
Die Renaissance beginnt in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Florenz, das durch Handel und Geldgeschäfte reich geworden ist. Die Stadt bleibt das ganze 15. Jahrhundert
über Zentrum der Renaissance-Kunst, wobei im 16. Jahrhundert Rom und Venedig Florenz Konkurrenz machen. 14 Die Renaissance kommt in zahlreichen Lebensbereichen zum Ausdruck, neben Literatur vor allem auch in der Kunst und Architektur. So dienen antike Architekturformen als Katalysatoren beim Entstehen einer neuen Formensprache für die Baugrogramme der Renaissance. 15 Diese folgen einem festgelegten Schema mit harmonischen und ausgewogenen Maßverhältnissen sowie klaren Gliederungen von Baukörper und Dekoration, meist unter Verwendung der klassischen Grundformen (Quadrat, Kreis, Kugel, Zylinder und Quader). 16 Von großem Einfluss auf die Architektur in der Renaissance sind die Theorien von Vitruv. Sein Lehrbuchband De architectura wird Anfang des 15. Jahrhunderts in Italien entdeckt. Die Renaissancearchitekten setzen sich daher genau mit den von Vitruv
15 Vogel; Müller 2005, S.425
16 Lingohr 2006
17 Lingohr 2006
18 Patzelt 1991, S.24
19 Jestaz 1985, S.31
7
Hausarbeit (Diplomprüfung WS 2006/07) Die Bedeutung der Entdeckung der Perspektive
Darstellung von lokalgeschichtlichen Ereignissen und die Porträtmalerei. Außerdem wird die neue Maltechnik der Ölmalerei erfunden.
3.2 Die Entdeckung und Entwicklung der Perspektive in der
Renaissance
Der florentinische Bildhauer und Baumeister Filippo Brunelleschi (1377-1447) gilt als „Entdecker“ der Perspektive. Nach einer Reihe von Experimenten am Anfang des 15. Jahrhunderts entwickelt Brunelleschi das Verfahren der zentralperspektivischen Projektion.
20
Seine Entdeckung besteht im Wesentlichen in der Festlegung der
Regeln, nach denen unter bestimmten Bedingungen perspektivische Verkürzungen der Räume und Körper berechnet werden können.
21
Sein System ist ein Proportionsgesetz, basierend auf der Grundlage der Lehren des Euklid, ermittelt aus komplizierten Berechnungen und empirisch überprüft anhand von praktischen Versuchen. Um 1420 demonstriert er in einem Experiment am Domplatz des Baptisterium
Santa Maria del Fiore
von Florenz die Zentralperspektive, indem er mittels einer Spiegelapparatur und Tafelbild ein naturgetreues Abbild des Gebäudes schafft. Nach Beschreibungen eines Zeitgenossen von Brunelleschi, Antonio di Tuccio Manetti, und des Mathematikers Richard Krautheimer ist das Experiment wie folgt abgelaufen:
Als erstes sorgte Brunelleschi dafür, dass er einen Platz bestimmte, von wo aus er das Gebäude und die Platzsituation betrachten konnte. Er nahm eine Tafel als Zeichenfläche und einen Spiegel als
Hintergrund, so dass der Himmel reflektiert wurde. Er machte ein Loch in die Tafel, auf der dieses Bild war, das sich in der Abbildung des Baptisteriums genau an der Stelle befand, wohin das Auge blickte (auf das Hauptportal). Das linsengroße Loch war sowohl Fluchtpunkt der perspektivischen Konstruktion des dargestellten Bauwerks als auch Augenpunkt des Beschauers, der die Reproduktion des Baptisteriums in dem gegenüberliegenden Spiegel in dem richtigen Größenverhältnis zum realen Ambiente des Domvorplatzes erblickte.
20 Hochschule für Bildende Künste Braunschweig 2005
21 Abels 1985, S.79
8
Arbeit zitieren:
Mareike Schuppe, 2007, Die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance und die Auswirkungen auf Kunst und Architekur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Kultivierungshypothese George Gerbners
Medien / Kommunikation - Forschung und Studien
Hausarbeit, 23 Seiten
Bildvergleich von Ereignisdarstellungen der italienischen Renaissance ...
Hausarbeit, 25 Seiten
Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff des...
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Seminararbeit, 13 Seiten
Vielschichtiges Phänomen der britischen und amerikanischen Pop Art
Werkbezogene und exemplarische...
Kunst - Uebergreifende Betrachtungen
Bachelorarbeit, 53 Seiten
Erwin Panofsky: Die Perspektive als „symbolische Form“
Eine kritische Textanalyse
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Hausarbeit (Hauptseminar), 43 Seiten
Computereinsatz in der Grundschule
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Bedeutung der Metropolen für die Malerei der Neuen Sachlichkeit ...
Seminararbeit, 16 Seiten
Unterrichtseinheit: Self-portrait "Change yourself!" - Umges...
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
Narrative Strategien in Andy Warhols "Car Crash"-Bildern
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
PISA oder wo die Chancengleichheit zuhause ist?
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Die Liebe im Zeitalter der Moderne
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 16 Seiten
Mareike Schuppe's Text Die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance und die Auswirkungen auf Kunst und Architekur ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Mareike Schuppe hat den Text Die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance und die Auswirkungen auf Kunst und Architekur veröffentlicht
Mareike Schuppe hat einen neuen Text hochgeladen
Meisterwerke italienischer Por...
Keith Christiansen, Stefan Weppelmann
Digitales Geld - Die Auswirkungen von Technologie und Regulierung auf ...
Die Auswirkungen von Technolog...
Karsten Schulz
Die Auswirkungen des Sarbanes-Oxley Act auf die deutsche Corporate Gov...
Ein Beitrag zur Amerikanisieru...
Annette Christina Nicklisch
Die Auswirkungen der Harmonisierung internationaler Rechnungslegung au...
Dissertation der WHU Otto Beis...
Annehild Bramann
0 Kommentare