Community, Netzwerk, Szene: Dänische Kulturproduzenten in Berlin
von: Ebbe Volquardsen
Gliederung
Einleitung 3
Die Botschaft mischt sich ein – ein Netzwerk von oben? 6
Auf Kriegsfuß mit den Künstlercliquen 8
Von Anfang an auf Kontaktsuche 9
Exilszene – mehr als ein Netzwerk 11
Gemeinsame Kultur schafft Community 13
Offene Netzwerke können hilfreich sein 14
Skandinavische Identität erst in Deutschland entdeckt 15
Günstige Mieten und interessiertes Umfeld 17
Die Spuren der Geschichte als Inspirationsquelle 20
Der Rechtsruck in Dänemark – ein Grund zum Auswandern? 21
Community, Netzwerk, Szene – oder doch Mafia? 23
Literatur 25
Einleitung
Wer ihre Sprache nicht versteht, bemerkt sie kaum. Nach ihrem Aussehen zu urteilen, könnten sie auch aus Kiel, Göttingen oder Bremen kommen. Sie sind uns nicht fremd. Sie fallen nicht auf. Wer sie Samstag abends in der Straßenbahn zwischen den beiden Vergnügungsvierteln Friedrichshain und Prenzlauer Berg miteinander reden hört, überlegt vielleicht kurz, ob das nun Niederländisch, Schwedisch oder vielleicht doch ein besonders eigenartiger englischer Dialekt ist, in dem sie sich unterhalten, verliert dann aber bald das Interesse. Das sind eben irgendwelche jungen Europäer, die sich einmal Berlin anschauen möchten. Nichts Aufsehen erregendes. Der durchschnittliche Berliner weiß nicht viel über Dänemark. Vielleicht hat er als Kind einmal vierzehn Tage in einem Ferienhaus an der dänischen Westküste verbracht, dort aber fast ausschließlich Landsleute getroffen. Eine Vorstellung davon, wie die Sprache der Menschen klingt, die ihm damals Eis und Würstchen verkauft haben, hat er in der Regel nicht. Man muss schon ein paar Brocken Dänisch verstehen, um auf ein Phänomen aufmerksam zu werden, das sich heute im Berliner Stadtleben zeigt wie wohl niemals zuvor. Ist man einmal in der Lage, dänische Sprachfetzen aus dem Stimmengewirr des urbanen Raumes herauszufiltern, sind sie plötzlich überall: fröhliche, junge Dänen, nicht selten mit einer beträchtlichen Menge Alkohol im Blut, auf der Suche nach der nächsten Bar ohne Schankschluss.
„Weizenbier und Theater. Es zieht die Dänen nach Deutschland“, überschreibt der ehemalige Leiter des Kopenhagener Goethe-Instituts, Christoph Bartmann, seinen Artikel in der dänischen Germanistik-Zeitschrift Aufklärung (Bartmann 2006). Treffender wäre sicherlich, das Wort Deutschland durch Berlin zu ersetzen. Denn die Tatsache, dass sich das Deutschlandbild der Dänen in den zurückliegenden Jahren stark verändert hat, ist in erster Linie dem neuen Image der deutschen Hauptstadt gedankt. Um Berlin ist aus dänischer Sicht ein richtiger „Hype“ entstanden. Dieser aber hat mit der deutschen Provinz genauso wenig zu tun, wie das „Swinging London“ der 1960er Jahre mit den schottischen Highlands. Noch wird Berlin als eine vom restlichen Deutschland losgelöste Einheit gesehen.
Die deutsche Hauptstadt ist in der Wahrnehmung der Dänen näher gerückt. Dank häufiger Fährverbindungen zwischen Rostock und der dänischen Insel Falster lässt sich die Strecke zwischen Kopenhagen und Berlin heute binnen weniger Stunden zurückzulegen. Nach Aufkommen der so genannten Billigfluglinien kann man zudem mit etwas Glück ein Flugticket erwerben, das weniger kostet als eine Zugfahrkarte von Kopenhagen in die zweitgrößte dänische Stadt Århus. „Berlin ist beinahe zu einem Teil Groß-Kopenhagens geworden“, wird Christoph Bartmann in der dänischen Tageszeitung Information zitiert1. Dass man im Berliner Stadtleben seit einiger Zeit so häufig dänische Stimmen vernimmt, scheint daher wenig erstaunlich. Wer für ein Wochenende am urbanen Leben teilnehmen möchte, fliegt eben spontan nach Berlin und muss aufgrund der preiswerten Verbindungen nicht einmal lange für einen solchen Kurzurlaub sparen. Berlin ist aus dänischer Sicht die am schnellsten erreichbare Großstadt. Kopenhagen wirkt mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern, die zu einem großen Teil in den Reihen- und Einfamilienhaussiedlungen der Vorstädte leben, ungleich weniger urban. Andere dänische Großstädte gibt es praktisch nicht, und die Tatsache, dass bereits Orte von etwa tausend Einwohnern in der dänischen Sprache mit dem Wort by (Stadt) bezeichnet werden, zeigt, wie unterschiedlich die Maßstäbe der Wahrnehmung von Urbanität in Dänemark und Deutschland sind.
Es wäre freilich zu kurz gegriffen, würde das Thema „Dänen in Berlin“ lediglich auf die Party-Touristen beschränken. Sicherlich stellt Berlin für viele junge Dänen aufgrund der guten Erreichbarkeit, der verhältnismäßig günstigen Preise und seines im Vergleich zu Kopenhagen weltstädtischen Flairs ein beliebtes Kurzurlaubsziel dar. Für viele bedeutet die Stadt aber mehr als nur Party und Vergnügen. Sie ist ein Ort, an dem sie sich zu leben vorstellen können, und nicht wenige setzen diesen Wunsch in die Tat um. So stellt Richard Ostwald bereits 1998 fest, dass in Berlin längst eine dänische „Community“ existiert. Zwar sei diese wenig auffällig, doch mit einer Größe von etwa 1400 Personen keinesfalls unbedeutend (vgl. Ostwald 1998, 21). Man darf vermuten, dass diese Zahl innerhalb der letzten acht Jahre noch um einiges gestiegen ist.
Dass wir Zuwanderer aus europäischen Nachbarländern wie Dänemark nicht so leicht wahrnehmen, liegt Rolf Lindner zufolge daran, dass diese aus anderen Gründen einwandern als jene Menschen, die man gewöhnlich unter dem pauschalen Begriff „Ausländer“ einordnet. Sie kommen weder aus sozialer Not noch wegen politischer Verfolgung nach Deutschland. Lindner spricht von „Skilled International Migrants (SIM)“. Damit meint er „die neue mobile Klasse der hoch qualifizierten, im weiteren Sinne informations(v)erarbeitenden Experten sowie der im Management Tätigen.“ (Lindner 1998, 15) Darüber hinaus nennt Lindner die Gruppe der kulturellen Migranten, „die aus Milieu- und Lebensstil-Gründen nach Berlin gekommen sind.“ (Ebd.)
In der Tat scheint ein nicht unbeträchtlicher Teil der in Berlin lebenden Dänen aus kulturellen Gründen hierher gezogen zu sein. Sehr viele von ihnen sind selbst im Bereich der Kultur tätig. Die dänische Botschaft schätzt die Zahl der in Berlin lebenden kulturschaffenden Dänen auf bis zu 3002. Auch wenn sich dies nur schwer belegen lässt, scheint doch in jedem Fall klar zu sein, dass ein überdurchschnittlich großer Teil der Berliner Dänen in der Kulturproduktion tätig ist. Wenn wir – sehr grob geschätzt – annehmen, dass die Gesamtzahl der Dänen in Berlin heute bei etwa 2000 Personen liegt, würde dies bedeuten, dass beinahe jeder fünfte in Berlin lebende Däne im weitesten Sinne im künstlerischen Bereich tätig ist – eine erstaunliche Zahl.
Auf dieses Phänomen sind auch die dänischen Medien aufmerksam geworden. Seit etwa zwei Jahren haben diese dänischen Migranten als so genannte „dänische Künstler-Community in Berlin“ ihren festen Platz in den Feuilletons der dänischen Zeitungen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in dem einen oder anderen Blatt – mal mit begeistertem, mal mit etwas besorgtem Tenor – zu lesen ist, dass das dänische Kulturleben längst nicht mehr in Kopenhagen und Århus, sondern vielmehr in den Berliner Bezirken Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg stattfindet. So druckte die Berlingske Tidende unter dem Titel „Dänische Künstler in Berlin“3 eine umfangreiche Artikelserie, in der in mehrseitigen Portraits nach Berlin ausgewanderte dänische Künstler zu Wort kamen. Die Jyllands-Posten aus Århus sprach in Bezug auf die Künstlerzuwanderung über Berlin als eine „magnetische Metropole“4, und Berlin-Korrespondent Torsten Weper malte in Information – mit einer guten Portion Ironie – das Bild vom Prenzlauer Berg der Zukunft, der völlig langweilig geworden ist, da alle Wohnungen inzwischen Dänen gehören, die nur am Wochenende zu Besuch kommen.5
[...]
1 Dubgaard, Ulla: „Dansk kultur bobler i Berlin.“ In: Information. Kopenhagen, 21.09.2005
2 Vgl. Andreasen, Uffe: „Berlin er en chance for dansk kulturliv.“ In: Berlingske Tidende. Kopenhagen, 29.10.2005
3 Vgl. Dannemand, Henrik: „Pletskud i Berlin“ u.a. In: Berlingske Tidende. Kopenhagen, Dezember 2005
4 Knippel, Lars Ole: „En magnetisk metropol. “ In: Morgenavisen Jyllands-Posten. Viby/Jütland, 3.02.2006
5 Vgl. Weper, Torsten: „Kom, lad os hykle lidt.“ In: Information. Kopenhagen, 21./22.01.2006
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Ebbe Volquardsen, 2006, Community, Netzwerk, Szene: Dänische Kulturproduzenten in Berlin, Munich, GRIN Publishing GmbH
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