Gutachten über den sonderpädagogischen Förderbedarf 1. Personen- und Untersuchungsdaten Name: Mia W. (Name geändert) Geburtsdatum: 26.12.94 Alter: 10 Jahre Schule: Förderschule für Lernbehinderte Klassenlehrerin: Frau G. Untersuchungszeitraum: 15.12.2004 - 25.01.2005 Untersucher: Katharina Strunck weitere einbezogene Personen: Sonderpädagogische Fachkraft Frau M., Werkenlehrerin Frau S., Sportlehrerin Frau B.
2. Anlass der Begutachtung
Anlässlich eines Schulpraktikums besuchte ich zweimal die Klasse 3b mit einem zeitlichen Abstand von sechs Monaten. Schon im ersten Praktikum fiel mir die Schülerin Mia auf. Mia ist ein fröhliches, beliebtes, offenes Mädchen. Sie geht gern zur Schule und beteiligt sich gemäß ihren Möglichkeiten aktiv am Unterricht. Bei den Unterrichtshospitationen fiel sie mir jedoch auf, da sie einen erheblichen Leistungsrückstand auf ihre Mitschüler zeigte. Im zweiten Praktikum stellte ich fest, dass Mia in sechs Monaten kaum sichtbare Lernfortschritte gemacht hatte. Meine Beobachtungen konzentrierten sich dabei besonders auf die Fächer Mathe und Deutsch beziehungsweise auf ihre Lesekompetenz, Schreibkompetenz und mathematische Kompetenz. In diesen Kompetenzbereichen fällt Mia erheblich hinter den Anforderungen des Lehrplans für die 3. Klasse Förderschule zurück.
Die Lehrerin stimmte mir zu, dass Mia erhebliche Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben und im Umgang mit Zahlen hat. Ebenfalls ist ihr aufgefallen, dass Mia im letzten Schuljahr seit ihrer Überweisung von der Grundschule, kaum nennenswerte Fortschritte gemacht hat. Sie vermutet, dass Mia in dieser Klasse, beziehungsweise in dieser Schulart nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden könne. Diese Annahme kann ich aus meinen bisherigen Beobachtungen unterstützen. 3. Fragestellung
Es soll untersucht werden, inwieweit sich die Vermutung bestätigt, dass Mia einen so erheblichen Leistungsrückstand im Lesen, Schreiben und im Umgang mit Zahlen aufweist, dass sie in der bestehenden Schulform nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden kann. Die zur Verfügung stehenden diagnostischen Methoden sollen daher ihren momentanen Entwicklungsstand im Lesen, Schreiben und im Umgang mit Zahlen dokumentieren. Die
2
Ergebnisse werden mit den Anforderungen des Lehrplans der dritten Klasse Förderschule für Lernbehinderung in Beziehung gesetzt.
Es soll weiterhin untersucht werden, welche Stärken und Interessen bei dem Kind gegeben sind. Sollte sich die Vermutung bestätigen, wird die Schule den MSD beauftragen ein offizielles Gutachten bezüglich der Beschulung und einer gezielten Förderung der Schülerin Mia zu erstellen.
4. Erkenntnisquellen und verwandte Prüfverfahren
Da ich das Gutachten im Rahmen eines Praktikums erstellte, standen aus Gründen des Datenschutzes nur wenige Methoden zur Verfügung. Befragung der Klassenlehrerin
Zunächst befragte ich die Klassenlehrerin Frau M. zu der Schülerin Mia. Dabei sammelte ich Informationen über die familiäre Situation, die schulische Entwicklung, die momentane Klassensituation, Charakter und Temperament der Schülerin, die momentane Lern- und Leistungssituation besonders in den Fächern Deutsch und Mathe, die Stärken und die Interessen von Mia. Die Lehrerin legte in dem Gespräch dar, wie sich ihr der Entwicklungsstand von Mia in ihrem Unterricht darstellt, welche Fortschritte sie seit der Umschulung in die Förderschule nach ihrer Meinung gemacht hat, wie Mias Leistungen im Vergleich zu restlichen Klasse einzuschätzen sind, und welche möglichen Ursachen sie für die geringen Fortschritte von Mia sieht. Besonders interessierte mich wie die Schülerin Mia bisher gefördert wurde. Das Ziel der Lehrerbefragung war es, ein umfassendes Bild von der Situation der Schülerin Mia aus Sicht der Lehrerin zu bekommen und erste Eindrücke für die Einschätzung ihrer Kompetenzen im Lesen, Schreiben und im Umgang mit Zahlen zu bekommen. Befragung der sonderpädagogischen Fachkraft und der Fachlehrer Des Weiteren befragte ich die Sonderpädagogische Fachkraft, die Sportlehrerin und die Werkenlehrerin. Diese sollten mir Auskunft über mögliche Stärken und Schwächen in eher handlungs- und bewegungsorientierten Situationen geben. Ziel dessen war es zu erfahren, ob auch hier Entwicklungsrückstände auftreten. Gespräch mit der Schülerin
Als letztes befragte ich die Schülerin Mia zu ihren Interessen, zu ihrer Position in der Klasse, zu Lieblingsfächern und ihrer familiären Situation. Des Weiteren ging ich in dem Gespräch darauf ein, ob Mia gern in diese Schule geht, und was sie gern tut und was nicht. Das Schülergespräch sollte Einblick in die schulische und familiäre Situation der Schülerin ermöglichen. Weiterhin ihre Interessen festhalten und überprüfen, inwieweit sie ihre Schwierigkeiten in der Schule selber reflektiert. Akteneinsicht
Neben den Gesprächen mit beteiligten Personen wurde mir gestattet Akteneinsicht zu nehmen. Dabei erhielt ich allerdings nur Einsicht in die bisherige Schullaufbahn, die Zeugnisse und in die Ergebnisse eines Testverfahrens (CVT1), welchen kürzlich mit der Schülerin durchgeführt wurde. Es war mir jedoch nicht gestattet eventuelle Tests mit Mia durchzuführen. Beobachtung des Unterrichts
Durch meine Mitarbeit in der Klasse war es mir weiterhin möglich Mia, mehrere Wochen in der natürlichen Unterrichtssituation zu beobachten. Dabei versuchte ich gezielt auf die schon
3
beschriebenen Problembereiche zu achten und diese zu dokumentieren. Da die Schülerin mich gut kannte, war sie auch nicht befangen in ihrer Arbeitsweise. Die Ergebnisse der Beobachtung zeigen, meiner Meinung nach, ein sehr umfassendes Bild der Schülerin, welches nicht durch eine künstliche Testsituation verfälscht wird.
Durch die Arbeit mit der Klasse und die gezielte Beobachtung der Schülerin erhielt ich weiterhin Einblicke in mehrere Arbeitsproben von Mia. Weiterhin übte ich mit Mia allein lesen, schreiben und den Umgang mit Zahlen. In diesen Situationen überprüfte ich, inwieweit diese Kompetenzen bei Mia ausgebildet sind, indem ich die Anforderungen und immer einfacher gestaltete und ihr immer mehr Zeit gab bis Mia die gestellten Aufgaben bewältigen konnte. 5. Schulische Entwicklung
Mia besuchte einen Kindergarten. Bereits in der Vorschuleinrichtung fiel das Kind wegen allgemeiner Entwicklungsrückstände auf, so dass eine Schulzurückstellung empfohlen wurde. Diese einjährige zusätzliche Vorschulförderung zeigte insgesamt nur sehr geringe Fördererfolge, weshalb der MSD eine Einschulung an einer Förderschule für Lernbehinderte empfiehlt. Trotz dieser Empfehlung wurde Mia, aufgrund des Wunsches der Eltern 2002 in eine Grundschule eingeschult. Hier traten nach kurzer Zeit große Schwierigkeiten im mathematischen und schriftsprachlichen Bereich auf. Der MSD wurde daher im 2. Halbjahr zu einer Gutachtenfortschreibung gebeten. Das Gutachten diagnostizierte einen erhöhten sonderpädagogischen Förderbedarf im Lern- und Leistungsverhalten. Eine Umschulung in ein Förderzentrum wurde dringend angeraten. Im August 2003 wurde Mia in eine 2. Diagnoseförderklasse eines Förderzentrums umgeschult. In dieser Schule lernt sie auch heute noch. 6. Lebensweltliche Bedingungen 6.1 Häusliche Bedingungen
Über die häuslichen Bedingungen ist nur wenig bekannt, da ein Elterngespräch nicht möglich war und die Klassenlehrein auch nur bedingt Auskunft geben konnte.
Mia ist das vierte von sechs Kindern. Mia ist sehr zierlich und etwas zu klein für ihr Alter. Die Lehrerin konnte aber Auskunft darüber geben, dass Schwangerschaft und Geburt nach Aussagen der Mutter ohne Komplikationen verliefen.
Die Eltern leben seit kurzem getrennt. Die Mutter ist so mit 4 Kindern allein zu Hause, da zwei Mädchen bereits im Erwachsenenalter sind und schon selbst Kinder haben. Mia teilt mit ihrem 6jährigen Bruder ein Zimmer. Nach ihren eigenen Aussagen wird sie oft von ihrem Bruder geärgert. Nach Aussagen der Lehrerin sind die Eltern nicht in der Lage Mia in der häuslichen Umgebung zu fördern oder ihr einen Nachhilfeunterricht zu ermöglichen. Nach Mias Aussagen ist ihr Lieblingsspielzeug eine Barbie, Bücher hat sie dagegen nur zwei Stück (über Tiere). 6.2 Schulische Rahmenbedingungen
Mia geht in eine Klasse mit neun Schülern. Sie ist eins von drei Mädchen. Mia ist in ihrer Klasse beliebt und nimmt keine Außenseiterposition ein. In diesem Jahr wurde sie von ihren Mitschülern zur zweiten Klassensprecherin gewählt. Auch die Schüler aus den älteren Klassen mögen Mia sehr und spielen oft mit ihr auf dem Schulhof.
Die Klasse 3b ist allgemein eine sehr schwache Klasse. Die Schüler haben fast alle sehr große Schwierigkeiten in den unterschiedlichsten Bereichen. Das Vorgehen der Lehrerin ist daher
4
Arbeit zitieren:
Katharina Strunck, 2005, Gutachten über den sonderpädagogischen Förderbedarf bei Beeinträchtigung im Lernen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Berufliche Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Beobachtung als grundlegende Methode der pädagogischen Diagnostik
Seminararbeit, 17 Seiten
Der Verbrauchsgüterkauf unter besonderer Berücksichtigung der Nutzungs...
Jura - Zivilrecht / BGB AT / Schuldrecht / Sachenrecht
Seminararbeit, 21 Seiten
Lernbehinderung - Definition, Ursachen, Ansätze der schulischen Förder...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 19 Seiten
Gesetze und Praxis eines umstr...
Hausarbeit, 17 Seiten
Die pädagogische Bewegung am B...
Seminararbeit, 22 Seiten
Der Begriff des Verbrauchers im nationalen und europäischen Recht
Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht
Seminararbeit, 38 Seiten
Examensgutachten - Diagnostische Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staat...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 24 Seiten
Belastungserleben, Unterstützungsbedarf und Ressourcen von Eltern hörg...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 23 Seiten
Welche Anforderungen muss der ...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 19 Seiten
Elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung der Eltern
Seminararbeit, 15 Seiten
Die Situation der Schüler mit Migrationshintergrund im deutschen Bildu...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit (Hauptseminar), 34 Seiten
Evaluation als Baustein der Qualitätssicherung
Funktionen, Grundformen und Ve...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Studienarbeit, 21 Seiten
Die Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung bei Kindern
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Zwischenprüfungsarbeit, 25 Seiten
Möglichkeiten und Probleme bei der Früherkennung von ADHS
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 15 Seiten
Selbstgesteuertes Lernen - Definition, Komponenten, Ansätze
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 30 Seiten
Katharina Strunck hat den Text Gutachten über den sonderpädagogischen Förderbedarf bei Beeinträchtigung im Lernen veröffentlicht
Katharina Strunck hat einen neuen Text hochgeladen
Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung
Prävention, Interdisziplinarit...
Klaus Ricking, Gisela C. Schulze
Diagnostik schulischer Lern- und Leistungsschwierigkeiten
Ein Leitfaden
Hermann Schöler, Werner Kany
Wahrnehmungs- und Blickfunktionen bei Lernproblemen
Besser werden im Schreiben - L...
Burkhart Fischer
Bedeutungen von pränataler Diagnostik für Menschen mit Behinderungen
Eine qualitative Studie
Jan Gerdts
Pädagogisch-psychologische Diagnostik 2
Anwendungsbereiche und Praxisf...
Hans-Peter Langfeldt, Lothar Tent
0 Kommentare