Eigentlich wollte Fontane schon im Herbst 1870 nach Frankreich reisen, um hinterher für den Deckerschen Verlag über die Kriegsschauplätze zu berichten. Doch anstatt für das geplante Buch recherchieren zu können, wird er als vermeintlicher Spion festgenommen, entgeht nur knapp der standrechtlichen Erschießung und wird auf die Atlantikinsel Oléron gebracht. Über diese Erlebnisse berichtet Fontane in seinem Buch „Kriegsgefangen. Erlebtes 1870“, das im Februar 1871 erscheint.
Als er erneut nach Frankreich reisen will, hat sich die politische Lage entscheidend verändert: Nach dem siegreichen Vorrückens der deutschen Armee muss Paris im Januar 1871 kapitulie- ren. Am 18. Januar 1871 wird im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das Deutsche Kai- serreich proklamiert. Der Vorfriede von Versailles wird am 26. Februar unterzeichnet. Der Vertrag verlangt von Frankreich die Abtretung Elsaß-Lothringens an das geeinte Deutschland sowie fünf Milliarden Francs in Gold Kriegsentschädigung. Bis die Summe abbezahlt ist, bleiben weite Teile Frankreichs besetzt. Aus Protest gegen die Friedensbedingungen und ge- gen die Regierung Thiers rufen Arbeiter und Nationalgarde am 28. März in Paris die „Com- mune“ aus, woraufhin ein heftiger Barrikadenkampf mit der Armee der Regierung entbrennt. Kurz nach dessen Ende reist Fontane am 9. April 1871 erneut nach Frankreich, um die ver- schiedenen Stationen des Feldzugs aufzusuchen. Die wichtigsten Stationen sind St. Denis, Amiens, Rouen, Sedan, Metz und Straßburg. Insgesamt ist er sechs Wochen unterwegs, vom entgültigen Friedensschluss hört er noch unterwegs. Im Herbst 1872 erscheinen in der „Vossi- schen Zeitung“ bereits Vorabdrücke seines Buches, das im November bei Decker in zwei Bänden erscheint.
Fontane ist ein Reisender voller Neugier. Trotz der traumatischen Kriegserlebnisse betrachtet er das französische Volk mit Wohlwollen, bescheinigt ihm sogar manchmal positivere Cha- rakterzüge als den Preußen. Immer mit Notizblock und Bleistift zur Hand reist Fontane per Zug und Kutsche durch das besetzte Frankreich. Am meisten interessieren ihn die Kriegs- schauplätze, an deren Geschichte er immer wieder ausführlich erinnert, daneben auch die Kir- chen und schließlich das französische Volk selbst, über dessen Gespräche mit ihm er oft au- genzwinkernd berichtet. So ist das Buch ein bunte Sammlung von Kriegsberichten, Dialogen mit Reisenden und teilweise schwärmerischen Beschreibungen Frankreichs. Gern lässt er sich zu größeren Exkursen verleiten, wenn er auf die Spuren großer französischer Persönlichkeiten trifft, etwa auf Heinrich IV, Jean-Jacques Rousseau oder der Jungfrau von Orléans.
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In dieser Arbeit soll sein Bild über Deutsche und Franzosen dargestellt werden. Dazu werden Fontanes Beschreibungen über die beiden Völker, Frankreich und den Krieg 1870/71 verwen- det.
II) HAUPTTEIL: Fontane über die deutsch-französischen Beziehungen
1.) Das Land Frankreich
Über die landschaftliche Beschaffenheit Frankreichs gibt vor allem dieses Zitat Auskunft: „Es gibt kein Land in West-Europa, das über einen größeren Baumreichtum verfügte, das vor al- lem besser kanalisiert, bewässert, berieselt wäre als Frankreich; - dennoch macht es vorwie- gend den Eindruck eines Landes, dessen Landschaft jeder anmutenden Frische entbehrt. Überall Sonne, Staub“ (192). Jedoch eben dieses warme Klima genießt Fontane, der als Preuße nicht gerade von Sonnenschein verwöhnt wird (15). Seiner Meinung nach hat sich in- nerhalb der letzten vierzig Jahre im Nachbarland nicht viel verändert: Die Häuser sind aus Stein gebaut und gelb getüncht und die Abwesenheit des Dorfbaumes fällt ihm als Deutschen besonders auf (193). Eine Fülle von Beschreibungen widmet er den französischen Hotelzim- mern, deren Einrichtungsstil er halb amüsiert, halb befremdet beschreibt. So erwähnt er etwa das Plumeau, „jenes unglückselige Halb-Bett, mit dem der norddeutsche Mensch nie Frieden schließen wird“ (15), und den Bilderschmuck, der „gänzlich gegen allen guten Geschmack“ verstößt und die Zimmer zu wahren „Chambres of horrors“ umgestalten, da sie lauter fünfte Akte allerblutigster Tragödien 3 darstellen, die ihn bis in den Schlaf verfolgen. Als bekennen- der Kirchenliebhaber widmet Fontane den Kirchen besondere Aufmerksamkeit, verbleibt ih- nen „der Triumph über alles Schönste, Höchste und wohlverstanden auch Interessanteste“ (116). So ist es nicht verwunderlich, dass ihm Amiens, Reims und Rouen besonders gut gefal- len, Rouen vor allem wegen Jeanne d’Arc. Als typisch bezeichnet er in Frankreich die zahl- reichen Statuen, die jeden Ort schmücken. Humorvoll schreibt er über die Dörfer Dugny, Stains und Le Bourget: „Ich will den sehen, der imstande ist (wenn er nicht ein Studium dar- aus gemacht hat), sie in seiner Erinnerung auseinander zu halten. Sie scheinen alle denselben 3 „In Reims war ich der ‚Marie Antoinette auf ihrem letzten Gange’ gefolgt, in Mouy war ich Augenzeuge der ‚Ermordung des Herzogs von Guise’ gewesen; hier endlich brach es doppelt über mich herein: ‚Jane Gray’ und ‚les enfants d’Edouard’
(124).“
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Kirchturm zu haben, der immer vorausgeht, um den Reisenden, der sich orientieren möchte, zu vexieren“ (83).
Kennzeichnend für Fontane ist die Wiedergabe seiner subjektiven Betrachtungsweise. Straß- burg beschreibt er als nicht eben attraktiv: „Das Einzelne ist nicht sonderlich schön, und das Ganze ist nicht sonderlich pittoresk. Das Münster, wie ich wohl kaum hinzuzufügen brauche, ist ein Ding für sich, und nimmt eine aparte Beurteilung in Anspruch“(15). Für St. Denis hat er gar nichts übrig: „Das Gepräge der Stadt, immer mit Ausschluss seiner Kathedrale, ist so unhistorisch wie möglich und selbst zu einem Standbild, das sonst nirgends in Frankreich fehlt, hat es St. Denis nicht bringen können. Etwas Festung, etwas Fabrikstadt, etwas klöster- liches Erziehungshaus, so steht es da, so wächst es, ohne seines Wachstums froh zu werden“ (64). Umso mehr fällt auf, dass er St. Denis trotzdem 40 Seiten seines Buches widmet, wäh- rend seinen Lieblingsstädten Amiens und Rouen nur 30 zufallen. Hier zeigt sich die Absicht Fontanes, in seinem Buch auch Historisches einzubringen, wie im St. Denis-Kapitel die Be- schreibung des Sturms auf St. Privat oder die Inbesitznahme des Mont Avron durch die Deut- schen.
Sehr anschaulich versucht Fontane den Deutschen den charakteristischen Zug der Landwirt- schaft von Amiens und Reims nahe zu bringen, indem er sie mit deutschen Städten vergleicht: „Wenn Reims an Mainz erinnert, wo der ganze Traubenreichtum des Rhein- und Weingaus zusammenfließt, so ist Amiens das Erfurt, der große Gemüsegarten Nordfrankreichs“ (114). Wegen ihres harmonischen Aufbaus lobt er die Kathedrale in Amiens in den höchsten Tönen, während ihm die Reimser Kathedrale als zu massig erscheint (vergl. 31 und 116).
Ganz besonders gefällt ihm Rouen. Der erste Satz dieses Kapitels lautet: „Rouen ist entzü- ckend“ (141).Wieder zeigt sich sein Humor, als er über den Sitzungssaal des Staatsrates im Palais de Justice schreibt : « Die Herren müssen sehr eng gesessen haben [...]. Hoffen wir, dass die Sitzungen kurz gewesen sind“ (156). Seine Bewunderung für Jeanne d’Arc bringt er umso ernsthafter zum Ausdruck. Nicht nur, indem er von ihren letzten Lebenstagen und der Hinrichtung berichtet, sondern auch, als er über den Hinrichtungsort schreibt: „Diese Stelle wird immerdar geheiligt bleiben, und wenn man ein Schauspielhaus für Offenbach’sche Opern an eben dieser Stelle errichtete!“ (158).
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2.) Das französische Volk Im Allgemeinen schildert er die Franzosen als sympathisches Volk. Nur hin und wieder fin- den sich zynische Bemerkungen. Als er zum Beispiel in dem gänzlich zerschossenen Dorf Bazeilles den Namen „Aux Ruines de Bazeilles“ eines Wirtshauses liest, bemerkt er: „Echt französisch; Hass, Vaterlandsliebe und Erwerbsgeschicklichkeit reichen sich hier glücklich die Hand“ (224). An anderer Stelle bemerkt er: „Zu den vielen Unglaublichkeiten des franzö- sischen Nationalcharakters gehört auch die, alles für despotisiert, sich selber aber für frei zu halten“ (110).
Unerwartet für die deutsche Leserschaft kritisiert Fontane jedoch eher die Deutschen als die Franzosen, besonders, was das Verhalten der preußischen Besetzer angeht. So wurde Fontane sogar bezichtigt, eine „unverständige, selbst unpatriotische Milde“ gegenüber dem „Erbfeind“ gezeigt zu haben, woraus Fontane folgert, dass er mit seiner „Franzosenfreundlichkeit etwas vorsichtiger operieren“ sollte (401). Am deutlichsten wird seine Sympathie in Beschreibun- gen des Nationalcharakters. Dabei hebt er die Heiterkeit und den Charme hervor, der die Franzosen „mit allen ihren Fehlern über alle unsre Tugenden, in den Augen der Welt wenigs- tens, immer wieder siegen lässt. Täuschen wir uns doch darüber nicht. Nichts ist langweiliger als die bloße Solidität und – das ‚Bewusstsein’ davon“ (55). Er geht sogar so weit, dass er der Feierlichkeit der Deutschen in 99 von 100 Fällen Hohlheit, Wichtigtuerei und Feigheit unter- stellt (198). Während der männliche Teil der Franzosen oft „plapprig“ und „mit dem Munde vorweg“ sei und dazu noch schlechte Politiker stelle, bescheinigt Fontane den Frauen etwas positivere Charakterzüge. Sie hätten etwas „Pikantes“, was Fontane als Sieg des Geistigen über die bloße Form bezeichnet (164). Sie bewegten sich in der Welt des Heiteren und Gefäl- ligen, verstünden aber nebenher sehr wohl den Ernst des Lebens. Außerdem seien sie fleißig, sparsam, kirchlich und von guter Sitte. Den französischen Männern gesteht er aber immerhin zu, dass sie sich im Kampf tapfer geschlagen hätten und außerdem klug, findig und intelligent seien (219-220) 4 .
Eine weitere bezeichnende Eigenschaft der Franzosen ist laut Fontane die Liebe zur Kommu- nikation. Zwar finden sich hier schweigsame und gesprächige Typen, die Fontane in das „Ka- tarakt- oder Tropfen-Prinzip“ einteilt, jedoch zeigt sich der Großteil jederzeit bereit zur Aus- kunft und zu kleinen „Schwätzchen“, bei denen man, wie der Autor augenzwinkernd bemerkt, meist nicht viel beitragen muss außer „n’est-ce pas“ oder „c’est évident“ (111, 193-195). Mit 4 Anmerkung: Zwar stammen diese Bemerkungen wörtlich von einem deutschen Offizier, der aber Fontane „aus
der Seele spricht“.
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einigen Auszügen von Gesprächen mit Reisenden belegt Fontane diese Eigenschaft (108- 110).
3.) Das deutsche Volk
Unterstellt man Fontanes ersten Kriegsbüchern eine gewisse Verherrlichung Preußens, wird man die Anmerkung über die „preußische Superiorität“ entsprechend einordnen: „Die Tatsa- che dieser Überlegenheit ist da, sie wird zugegeben von Freund und Feind, aber sie berührt mich immer wieder wie ein Mirakel. Offiziere haben mir dasselbe versichert. [...] „Es muss noch anderes zur Geltung kommen. Es muss ein Zusammenwirken von Kräften da sein, das in seiner Totalität noch von niemandem voll und ganz erfasst worden ist“ (S. 28).
Als sich der Mitreisende Vischer über die „unschönen“ französischen Uniformen mokiert, rechtfertigt Fontane ihn mit den Worten: „Als Württemberger (deren Uniform die kleidsamste ist) hatte er ein besonderes Recht, diese Sprache zu führen“ (S.20). Andererseits zeigt Fontane sich kritisch gegenüber jungen preußischen Offizieren, die sich in den besetzten Gebieten re- spektlos benehmen und der Meinung sind, dass man „scharf zufassen müsse“ (354). Laut Fontane ist das „Allerbeste, was Deutschland hat, gerade gut genug für Elsaß-Lothringen.“ Wichtig ist für Fontane die Unterscheidung zwischen Deutschen und Preußen: Als ein Fran- zose ihn im Zug kurz vor Sedan fragt, ob er Deutscher sei, war ihm klar, dass seine selbstbe- wusste Antwort „Prussien“ „gleichbedeutend sein würde mit Stillbegräbnis jeder weiteren Konversation“, da für die Franzosen ist „nur der Preuße durch und durch verabscheuenswür- dig ist“ (212). Weiterhin amüsiert er sich über die Sachsen, die gerne Leipzig mit Paris gleichsetzen (40). Von den Bayern erzählt er augenzwinkernd die Angewohnheit, sich bei den Franzosen als Menschenfresser auszugeben. So nimmt der „Capitaine“ nie anders Quartier als unter Aufführung folgender Szene: Er lässt die Dame des Hauses rufen und erklärt: „Madame, recevez mes ordres pour demain matin, 8 heures café; pour déjeuner un enfant rôti.“ Als ab- schließende Bemerkung fügt er hinzu: „Pardon, ce sont les traditions de ma famille“ (223). Im Vergleich zu den Franzosen wird Fontane oft bewusst, dass es den Deutschen an der Fä- higkeit zur höflichen Konversation mangelt (45). Weiterhin beschwert er sich darüber, dass Deutsche immer zu bestimmten Zeiten aufstehen, schlafen gehen oder essen: „Alle haben wir eine Neigung, uns zum Sklaven der Stunde und der Überlieferung zu machen. Warum? Weil die wenigsten unter uns mit dem Philistrismus vollständig gebrochen haben“ (251).
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Sonja Breining, 2001, Analyse von Theodor Fontanes Berichten über das Reisen in Frankreich in seinem Buch 'Aus den Tagen der Okkupation', Munich, GRIN Publishing GmbH
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