Vorbemerkungen
Die Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche aus dem Kratki slovar po sociologii von P.D. Pavlenok ist von mir selbst vorgenommen worden.
2
Inhaltsverzeichnis
I. Ethnizität. 4
1. Das Phänomen Ethnizität 4
2. Verschiedene Ansätze 5
3. Ethnische Gruppen 5
4. Zwei Konzeptionen 6
5. Die dritte Variante 7
6. Ethnizität als soziologische Kategorie 8
II. Ethnic Revivals. 9
1. Das Ethnic revival in den USA 9
2. Ethnic american? 10
3. Die politische Konstruktion von Ethnizität als 10
Folge sozialer Prozesse in den USA
4. Ethnisches Europa - Territorium, Gerechtigkeit und Integration 11
5. Ethnic Revivals in der Postmoderne 12
III. Religiöse Ethnizität. 13
1. Heiligtum Ethnizität 13
2. Das auserwählte Volk 13
3. Die verlorene Funktion der Religion 14
IV. Religion und Ethnizität. 15
1. Unterscheidungsmerkmale von Religionen 15
2. Sekten und grössere Religionen 16
3. Mischehen 16
4. Ethnizität als maskierte Religion? 17
5. Territorium, Religion und Ethnizität 17
6. Religiös heterogene Ethnien 18
V. Fazit. 19
Literaturverzeichnis 20
3
I. ETHNIZITÄT
1. Das Phänomen Ethnizität
Das griechische Wort ethnos ist die Wurzel der verschiedenen Ausdrücke, die das Phänomen Ethnizität in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kontexten eingrenzen. Im Griechischen als Gegensatz zu genos, das auf verwandtschaftliche Verhältnisse zielt, bezeichnet ethnos eher an kulturellen Faktoren orientiert die nicht-griechischen Staaten ausserhalb der polis. Dieser hier schon angedeutete Gegensatz von verwandtschaftlichen und kulturellen Unterschieden wird bis heute diskutiert, wenn es darum geht, Ethnizität in verwandtschaftliche oder kulturelle Zusammenhänge zu rücken. Die ethymologischen Wurzeln können dabei vielleicht als Inspiration, aber wohl nicht als schlagkräftiges Argument zur Bestimmung von Ethnizität gesehen werden, denn dann müssten einige Worte nachträglich in ihrer Bedeutung korrigiert werden, weil ursprünglich etwas Anderes gemeint war. In den einschlägigen Kulturkreisen, zwar nicht grob, anfangs aber doch unterschiedlich konnotiert, stilisiert sichEthnizität heute als ein Phänomen in den Wissenschaften, dass sehr weit und realtiv beliebig definiert werden kann. 1 Im Französischen eher als Bezeichnung für sogenannte primitive Kulturen ausserhalb Frankreichs im anthropologischen Sinne verwendet, entwickelte sich im anglophonen Raum, vor allem in den USA als Einwanderungsland, ein territorial nach innen gerichtetes Verständnis von Ethnizität, das zuerst auf die weissen Einwanderergruppen dort verwendet wurde. Aber spätestens mit dem sogenannten Ethnic Revival in den sechziger und siebziger Jahren wurde Ethnizität ein populäres Konzept für die gesamte Gesellschaft. Ein Blick auf die Sowjetunion bringt nichts anderes zutage was nicht zu vermuten wäre, nämlich einen sehr isolierten Blick auf das Phänomen und einen Begriff etnos, der angesichts der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion, die auch durch diesen Begriff geprägt war, als sehr willkürlich erscheint. 2 Im deutschsprachigen Raum ist durch die spezielle Problematik der Auswirkungen des Nationalsozialismus eine sehr unstabile Semantik ethnischer Begriffe entstanden. Der angelsächsische Begriff hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten also durchgesetzt. Durch politische Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien in den Mittelpunkt der Sozialwissenschaften gelangt, wird inzwischen eine wissenschaftliche Dekonstruktion des vermeintlich zu populären Ethnizitätskonzeptes gefordert, was auch angesichts der verschiedenen Konzeptionen von Ethnizität unmöglich ist. Vielmehr sei es die Aufgabe der Wissenschaft Konzepte zu entwikkeln oder solche Positionen in der Theoriebildung zu beziehen, die einem Missbrauch von
1 Vgl. Enloe, S.197
2 Vgl. Giordano, S.58
4
Ethnizität als wissenschaftlichem Konzept aufklärend gegenüberstehen. 3 Dazu ist es sinnvoll, das Phänomen nicht zu sehr einzugrenzen, sondern es in einem weiten interdisziplinären wissenschaftlichen Rahmen zu betrachten. 4
2. Verschiedene Ansätze
Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Aspekte zum Verständnis von Ethnizität entwikkelt, die die wissenschaftliche Diskussion um das Phänomen mehr oder weniger beeinflusst haben. So reden wir beispielsweise von symbolischer Ethnizität als amerikanischer Variante postraditionaler Individualisierung(Gans), politischer Ethnizität als strategische Mobilisierungsressource im innergesellschaftlichen Konkurrenzkampf „Ähnlicher um das Gleiche“ (Neckel), einer „New ethnicity“ als eine Reaktion auf den Verlust traditionaler kollektiver Identäten in modernen Gesellschaften(Glazer), oder von ethnic boundaries als Zugehörigkeit zu einer Gruppe über Selbstwahrnehmung und Zuschreibung durch andere, die sich im Prozesshaften sozialer Kontakte von Gruppen manifestiert (Barth). 5
3. Ethnische Gruppen
Max Weber entwickelt einen radikalen Ansatz, indem er ethnische Gruppen als subjektiv geglaubte Gemeinschaften definiert. 6 Der Glaube an physische Gemeinsamkeiten, gemeinsame Traditionen, oder gemeinsame Erinnerungen an historische Ereignisse wie einmalige Migrationsströme sei das zentrale Element bei der Bildung ethnischer Gruppen, woraus sich eine angenommene, vermutete Identität bilde, die es erleichtert Gruppen zu bilden, die dadurch die Möglichkeiten bekommen, als Gruppe am politischen Leben aktiv teilzunehmen. Umgekehrt sei es die Politik, welche die Bildung solcher Gruppen durch ethnische Identitäten inspiriert, indem politische Teilhabe bzw. Macht in Aussicht gestellt werden. Ein einmal so entstandenes Glaubenskonstrukt sei überlebensfähig, selbst wenn es politisch mal keine Rolle mehr spielen sollte, es sei denn, wichtige Bestandteile der gemeinsamen Identität wie die Sprache gängen verloren. Doch auch wenn eine gemeinsame Sprache, ebenso wie gemeinsame, alltägliche, vielleicht religiöse Riten und Regeln sehr grundlegend für die Bildung einer ethnischen Identität sein können, könnten sich Gefühle für eine gemeinsame Ethnizität auch über reine Äusserlichkeiten bilden. Dazu zählt Weber Unterschiede in der Kleidung, der Unterbringung, in Trink- und Essgewohnheiten, der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
3 Vgl. Giordano, S.62
4 Vgl. Fishman, S.XIIff.
5 Vgl. Internet
6 Vgl. Weber, S.35ff.
5
und zwischen Sklaven und Herren. Ähnlich sieht das Cohen, der die city-men der Londoner Finanzwelt deshalb als ethnische Gruppe definiert, weil sie sich in ihren Normen, Gewohnheiten und Umgangsformen sich derartig von der englischen Gesellschaft unterscheiden. Wenn Cohen ethnische Gruppen als Gruppe versteht, die ihre eigenen Normen hat und diese durch Symbole und Rituale ausdrückt und sich so reglementiert, stellt sich die Frage, ob jegliche Art von Subkultur auch als ethnisch zu betrachten ist. Ein passendes Beispiel ist vielleicht die weltweite Skinheadkultur, die einem Skinhead-way of life folgt. Es ist alles vorhanden, was laut Weber und Cohen eine ethnische Gruppe ausmacht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Mitglieder der Gruppe vorwiegend Jugendliche sind, was nahelegt, dass die Identität in einem bestimmten Alter von der Mehrheit der Leute, zumindest äusserlich abgestreift wird.
Ein weiteres Merkmal ethnischer Gruppen sei weiterhin der Glaube an eine gewisse Ehre der Gruppenmitglieder, der die Gruppe vereint und abgrenzt. Der Sinn dieser ethnischen Ehre besteht laut Weber in einer Art Massenehre, für jeden verfügbar, der ein Bedürfnis nach Ehre verspürt und zu einer jeweiligen Gruppe gehört. So sei in den USA das Ehrgefühl der armen, weissen Schichten von dem Wissen um die noch schlechtere Situation der Afroamerikaner abhängig gewesen. 7
Besonders ethnische Identitäten, die sich an neuen, nicht ursprünglichen Orten durch Verbindungen zu ihren Wurzeln bilden, seien sehr ausgeprägt und absolut abhängig von diesen Verbindungen, die sich in verwandtschaftlichen oder andersartigen Beziehungen, geteilten politischen Erinnerungen, oder alten Kulten manifestieren.
In Webers Rationalisierungstheorie sind ethnische Vorstellungen als Gruppenzusammenhalt ein Zeichen für weniger Rationalität im politischen Leben wie zum Beispiel im alten Grie-chenland, wo diese noch eine grössere Rolle spielten als im alten Rom etwa, als eher religiöse Inhalte zur Unterteilung in Gruppen dienten.
4. Zwei Konzeptionen
Ethnizität wird allerdings auch als etwas Natürliches, schon immer Dagewesenes verstanden, sowohl sozialbiologisch als Merkmal von Gruppen erfolgreicher genetisch-biologischer Reproduktion ausserhalb von Zeit und Raum, als auch philosophisch-anthropologisch als für den Menschen notwendige, spezifische sozial-kulturelle Institutionen wie Sprache oder Kultur. 8 Solche strukturell angelegten, primordialistischen Konzeptionen sind sehr verdächtig, gar gefährlich, da sehr festgelegt und somit effektiv im Einsatz von Mobilisierung von Menschen-
7 Vgl.Weber, S.37
8 Vgl. Heckmann, S.48
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Arbeit zitieren:
Jan Fischer, 2004, Ethnic Revival und die Bedeutung der Religion, München, GRIN Verlag GmbH
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