2
Inhalt
1 Einleitung: Eine Frau will es unternehmen 3
2 Auseinandersetzungen mit dem Tosa nikki und dem Genderbegriff 5
2.1 Tosa nikki und Gender aus (insbes. traditioneller) japanischer Perspektive 5
2.2 Tosa nikki und Gender aus westlicher Perspektive 7
3 Die Bedeutung von Gender für das Tosa nikki 9
3.1 Erzählsituation und Gender im Tosa nikki 9
3.2 Sozialer Status, Besitz und Gender im Tosa nikki 13
4 Schlussbetrachtung: Gender im Tosa nikki und das Tosa nikki im Genderkontext 17
5 Literaturverzeichnis 18
6 Kanji-Glossar 20
3
1 EINLEITUNG: EINE FRAU WILL ES UNTERNEHMEN
Nur die Frauen müssen sich schon damals bei ihren Korrespondenzen und sonstigen
Aufzeichnungen, im Gegensatz zu den Männern, der japanischen Sprache bedient haben. Als
daher Tsurayuki daran ging, seinen Reisebericht japanisch unter der Benutzung des
Hiragana-Syllabars abzufassen, verleugnete er im ersten, einleitenden Satz sein Geschlecht:
„Tagebücher werden gewöhnlich von Männern geschrieben; hier will ich, eine Frau, es
unternehmen, ein solches zu schreiben.“ 1
Verleugnete er sich? Schämte er sich gar, wie der Herausgeber einer deutschen Übersetzung 2 Mirok Li 1948 im Nachwort vermutet, „als Gelehrter die verschmähte 'Weiberschrift' zu gebrauchen“? 3 Ähnliche Ansichten wie die hier genannten gibt es auch in Japan mindestens seit der Edo-Zeit. Die tatsächlichen Absichten der historischen Person Ki no Tsurayuki (ca. 868-946) wird man wohl nicht mehr rekonstruieren können. Es bleibt nur zu fragen, was der Text selbst an Deutungen zulässt und welche dieser Deutungen im gesellschaftlichen Kontext seiner Entstehungszeit plausibel erscheinen.
Hier soll der Frage nachgegangen werden, wie Gender im Tosa nikki gelesen werden kann und inwieweit der Genderbegriff sinnvoll auf den Text anwendbar ist. Im Zentrum steht dabei die Erzählerin. Die Ausführungen stützen sich hauptsächlich auf die beiden Texte „The Tosa Diary: In the Interstices of Gender and Criticism“ von Lynne M. Miyake und „Writing Like a Man: Poetic Literacy, Textual Property, and Gender in the Tosa Diary“ von Gustav Heldt.
Zunächst wird ein Überblick über die unterschiedlichen Herangehensweisen japanischer und westlicher Forschung gegeben, bevor die Argumentationen der beiden Texte - ergänzt durch andere Darstellungen - gegeneinandergestellt werden. Miyake und Heldt fassen jeweils die Grundaussagen ihrer Arbeiten zusammen:
1 Florenz 1969 (1909); S. 191f. // zur Übersetzung des vielzitierten Anfangssatzes aus dem Japanischen (ins
Englische): Miyake 1996, S. 66
2 Übersetzung ins Englische: Ki no Tsurayuki: A Tosa Journal. In: Kokin Wakashû. The First Imperial
Anthology of Japanese Poetry. Hrsg. vom Board of Trustees of the Leland Stanford Junior University Press
1985. S. 261-291.
3 Vgl. Ki no Tsurayuki: Das Tosa Nikki, S. 39 (Nachwort)
4
Miyake:
The Tosa Diary challenges the conventional models of narration, gender and genre and
manipulates the textual conventions of orthography, perspective, and language that
determined gender identity in the Heian period [...], thereby creating a multi-voiced, multi-gendered, revolutionary work. 4
Heldt:
This article will argue that the relations between femininity and diary writing within the
Tosa Diary comment on the diary's social status as a form of property rather than its
linguistic status as a vernacular text. 5
Bei der Verwendung des Begriffs Gender muss berücksichtigt werden, dass es sich 1. um einen im Westen entstandenen Begriff handelt, den es 2. zur Entstehungszeit des Tosa nikki noch nicht gab 6 und der 3. keine einheitliche Definition besitzt. Eine differenzierte Darstellung des Genderbegriffs kann hier nicht vorgenommen werden, wenngleich einige wichtige Aspekte im Zuge der folgenden Ausführungen behandelt werden. Als Grundlage soll eine gängige Definition dienen, wie sie auch Joan W. Scott beschreibt: „die Unterscheidung in biologisches Geschlecht (sex) und soziales oder soziokulturelles Geschlecht (gender)“. 7
4 Miyake 1996, S. 41
5 Heldt 2005, S. 7
6 Nach Claudia Honegger und Caroline Arni wurde er 1972 von Ann Oakely eingeführt. Vgl. Gender - die
Tücken einer Kategorie. Hrsg. von Claudia Honegger, Caroline Arni. Zürich: Chronos 2001. S. 10.
7 Scott 2001, S. 40
5
2 AUSEINANDERSETZUNGEN MIT DEM TOSA NIKKI UND DEM GENDERBEGRIFF
2.1 TOSA NIKKI UND GENDER AUS (INSBESONDERE TRADITIONELLER) JAPANISCHER PERSPEKTIVE
Nach Miyake tendiert die übliche japanische Forschung dazu, die Wichtigkeit der weiblichen Erzählerin herunterzuspielen. Sie konzentriere sich vielmehr auf die tatsächlichen Ereignisse in Tsurayukis Leben, um festzustellen, aus welchen Motiven er das Mittel einer weiblichen Erzählstimme einsetzte. 8
Miyake identifiziert dabei drei Gruppen von Forschern: Die erste betone biographische Gründe wie den Verlust einer Tochter - der laut Miyake historisch nicht verifiziert ist. Die Klage über diesen Verlust werde als unmännlich angesehen, eine weibliche Stimme somit als das beste Ausdrucksmittel. Die Erzählerin gelte des Weiteren als nebensächlich, diene lediglich zur Unterhaltung oder sei notwendiges Mittel um Tsurayukis Gram über den Verlust seiner Förderer und seine Versetzung in die Provinz zu zerstreuen. Die zweite Gruppe betrachte sie als kaum mehr denn rhetorische Verzierung - wie es in der heianzeitlichen Literatur üblich gewesen sei - oder als Strategie, die Vorherrschaft der chinesischen Dichtung sowie der Lyrik auf dem Gebiet der japanischsprachigen Literatur anzufechten. Diese ersten beiden Stränge japanischer Anschauung des Tosa nikki reichten zurück bis in die Tokugawa-Zeit. 9
Die dritte Gruppe lege dar, die Erzählerin diene Tsurayuki dazu, ihn von Einschränkungen zu befreien, die ihm sonst von den Konventionen der kanbun-Tagebücher und von seiner Position als männlicher Hofbeamter auferlegt worden wären. Mit der Erzählerin könne er besonders seine persönlichen Gefühle freier ausdrücken. 10
Kikuchi Yasuhiko schließlich, so Miyake, betrachtet das Tosa nikki als Kombination aus weiblichem und männlichem Text, der als Resultat einen neuen - weder weiblichen noch männlichen - Text darstellt und der so die Konventionen der kanbun-Tagebücher ablegen, die japanische Sprache verwenden und zugleich das Format der täglichen Eintragungen beibehalten kann. 11
8 Vgl. Miyake 1996, S. 45
9 Vgl. Miyake 1996, S. 45
10 Vgl. Miyake 1996, S. 45f.
11 Vgl. Miyake 1996, S. 46
6
Heldt beschreibt ähnliche Positionen, die ebenfalls auf die Tokugawa-Zeit zurückgehen. Hier wird deutlich, dass nicht nur der vermeintlich emotionale Inhalt als unmännlich angesehen wurde, sondern die kana-Verschriftung selbst als weibliches Unterfangen (memeshiki waza). 12
Nach Heldt gibt es in der Forschung der Edo-Zeit drei Stränge, die entweder Gender, Verschriftung oder Inhalt des Tosa nikki hervorheben. Diese wurden in den 1920ern zum Genrebegriff joryû nikki bungaku verbunden, der die Attribute kana-Verschriftung, privater bzw. persönlicher Inhalt und weibliche Autorschaft aufweist. Dagegen sieht Miyake Genderaspekte auch bei den traditionellen Ansätzen, die sich mit Fragen des Geschlechts beschäftigen, nicht behandelt:
Both sets of theorists [die ersten beiden der von Miyake beschriebenen Gruppen],
nontheless, view the woman as peripheral to Tsurayuki's enterprise and do not recognize the
gender implications of her interventions. [...] All of them consider this [die Verwendung der
Erzählerin zur Befreiung von Konventionen und zum Ausdruck eigener Gefühle] new and
innovative and see it as the factor that transformed The Tosa Diary from a utilitarian
recordkeeping diary into literature. But they, too, see the woman persona as nothing more
than a stylistic tool. 13
Allgemein haben sich, so Miyake, Gender und Feminismus 14 in der japanischen Forschung noch nicht fest etabliert. Die Begriffe seien zwar in einigen Bereichen eingeführt, aber fänden wenig Beachtung im Bezug auf klassische japanische Literatur. 15 „In short, the Japanese scholarly world fails to see that gender is crucial in shaping literary production in Heian Japan“. 16
Bei der Betrachtung besonders der traditionellen japanischen Forschung muss beachtet werden, dass die Auffassungen von Geschlechterrollen sich auch schon in vormoderner Zeit gewandelt haben. So sind beispielsweise, wie Heldt darlegt, die Geschlechternormen der Edo-Zeit nicht identisch mit denen des Heian-Hofes. 17
12 Vgl. Heldt 2005, S. 8
13 Miyake 1996, S. 45f.
14 Zu Gender in Japan: Ilse Lenz: On the Potential of Gender Studies for the Understanding of Japanese
Society. In: Japanese Culture and Society. Models of Interpretation. Hrsg. von Josef Kreiner, Hans Dieter
Ölschleger. München: Iudicum-Verl. 1996 (= Monographien 12). S. 267-288. - Genders, Transgenders and
Sexualities in Japan. Hrsg. von Mark McLelland, Romit Dasgupta. Abingdon: Routledge 2005.
15 Vgl. Miyake 1996, S. 66
16 Miyake 1996, S. 42
17 Vgl. Heldt 2005, S. 8
Arbeit zitieren:
Frank Hasenstab, 2007, Die Anwendung des Genderbegriffs auf Ki no Tsurayukis Tosa nikki, München, GRIN Verlag GmbH
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