Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie 4
2.1. Ottilie: Die Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum 5
2.2. Luciane: Kunst als Mittel zum Zweck 6
2.3. Affen und Heilige 7
2.4. Sprachlose Kunst: Ottilie und Luciane Kunstobjekte ihrer Zeit 8
3. Dilettantismus und Erhöhung: Bedeutung der Kunst für die Heiligung Ottilies 9
3 1 D i e K a p e l l e 1 0
3.2. Die Heilige Familie im lebenden Bild 12
3.3. Erhöhung zur Heiligen 13
4. S c h l u ß 1 4
Literaturverzeichnis 16
2
1. Einleitung
In verschiedenster Form ist Kunst ein wichtiger Teil in den "Wahlverwandtschaften". Die gesamte Handlungsstruktur ist geprägt von der theoretischen Beschäftigung mit Kunst, ihrer Ausübung und der ästhetischen Präsentation der Figuren. Ich werde mich in dieser Arbeit auf zwei der Protagonistinnen beschränken: auf Ottilie und Luciane. Für beide spielt Kunst eine entscheidende Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht, wie ich im ersten Teil darstellen werde.
Ottilie hat eine nach innen gerichtete Beziehung zur Kunst, durch sie erfährt sie eine Steigerung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit; einerseits durch die Rezeption von Kunst, andererseits durch die praktische Tätigkeit des Malens. Entsprechend ihrem introvertierten Wesen dient ihr die Kunst - auf eine unauffällige, innerliche Art - zu wachsen.
Lucianes Kunstauffassung steht ganz im Gegensatz zu Ottilies. Sie bedient sich der Kunst um das zu erreichen, was ihr Hauptziel ist: im Mittelpunkt der Gesellschaft zu stehen. Mit ungebrochenem Selbstbewußtsein bedient sie sich allen Genren, egal ob sie Talent besitzt oder nicht. Im "lebenden Bild" sieht sie letztendlich ihr Ziel erreicht. Diese Einstellung zur Kunst wird von Ottilie wiederholt kritisiert. Die Figur der Luciane ist als Kontrast, als Negierung Ottilies angelegt ist. Mir stellt sich jedoch die Frage, ob man Luciane mit einer eindimensional negativen Beurteilung gerecht wird. Darum möchte ich den "Luciane Teil" auf seine Bedeutung hin näher untersuchen. 1 Beide Figuren werden durch die Gesellschaft selbst zum Kunstwerk stilisiert, werden als "Kunst" wahrgenommen. Eine typisch weibliche Problematik, denn in der Kulturgeschichte wird mit dem Weiblichen "Körper", mit dem Männlichen "Geist" verbunden. Ganz in diesem Sinne wird Ottilie zuallererst durch ihr reines Erscheinungsbild, ihre Schönheit wahrgenommen und beurteilt. Und auch die Rolle der Luciane ist geprägt durch diese gesellschaftliche Dichotomie.
1 Anzumerken ist hier, daß in meiner Herangehensweise nicht nur kulturgeschichtliche, sondern auch aktuelle Aspekte berücksichtigt werden sollen.
3
Der zweite Teil behandelt die Bedeutung der Kunst für Ottilies Heiligwerdung. In Rahmen der Handlung wird ihre Erhöhung an verschiedenen Stellen durch die Kunst antizipiert, bspw. in der Kapelle oder der Nachstellung der Heiligen Familie im "lebenden Bild". Gleichzeitig wird dies immer wieder dadurch gebrochen, daß es sich nicht um "wahre" Kunst handelt. Kunst ist in den "Wahlverwandtschaften" immer eng verbunden mit Dilettantismus. Diese Verbindung werde ich in Hinblick auf ihre Rolle im Roman darstellen.
2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie
Im Gegensatz zu der stillen, ätherischen Ottilie, erscheint Luciane egoistisch und oberflächlich. Sie ist sehr aktiv und lebhaft und äußert sich spöttisch und scharf über die Gesellschaft, wobei ihre Kritik nicht unberechtigt ist und ihr Betragen nie wirklich die Sitte verletzt. Allerdings beweist sie immer wieder ihr mangelndes Feingefühl, bspw. in der Episode mit dem kranken Mädchen 2 . In der Germanistik wird sie fast grundsätzlich negativ beurteilt und traditionell im Kontrast oder sogar als Kontrast zu Ottilie gesehen. 3 Auf dem Gebiet der Kunst wird der Vergleich zwischen Ottilie und Luciane besonders deutlich. Luciane liebt Affen und vergleicht sie mit Menschen, was Ottilie zutiefst verabscheut. Ottilie malt Engel und wird später selbst zu einem. 4 Aus diesem Grund werde ich mich auf die Kunst beschränken, auch wenn sich Vergleiche auch auf anderen Gebieten (bspw. Wohltätigkeit) finden lassen.
2.1. Ottilie: Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum
"Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein zweiter, dritter, 2 Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Diogenes, Zürich, 1996. S.209f. 3 vgl. Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder: Luciane und Ottilie. In Neophilologus. Groningen, 1989. Bd.73. S. 397.
4 vgl.: Verweis auf Rudolf Abeken: Über Goethes "Wahlverwandtschaften", in Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder. S. 397.
4
bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig scheint." 5 Mit diesen wohlmeinenden Worten führt der Erzähler die Ankunft des Architekten am Anfang des Zweiten Teils ein.
Dessen Anwesenheit wird täglich "bedeutender", er kümmert sich um Ottilie und Charlotte, indem er ihnen "auf mancherlei Art beistand und in stillen langwierigen Stunden sie zu unterhalten wußte." 6 Durch sein durchweg positives Auftreten gewinnt er bald das Zutrauen beider Frauen. Dies wird besonders für Ottilie eine besondere Bedeutung erlangen. Durch ihn erhält sie Zugang zur Kunst, die für ihre persönliche Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt.
Zu ihrer ersten Begegnung mit der Kunst kommt es, als der Architekt Charlotte und Ottilie eine Sammlung von Kopien zeigt, die - wahrscheinlich aus dem Mittelalter entstammend - Skizzen mit meist religiösem Inhalt zeigen. "Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor...alle schienen selig in einem unschuldigen Genügen, in einem frommen Erwarten." 7 Auch wenn diese Beschreibung vom Erzähler stammt, entsteht der Eindruck, er spräche im Namen Ottiliens. Der sonst in seinen Beschreibungen eher zurückhaltende Erzähler benutzt in diesem Fall wiederholt Superlative, und für beinahe jedes Substantiv ein verstärkendes Adjektiv (reinste Dasein, reichlockige Knabe, stille Hingebung, verklärte Heilige). Es ist, als ob er so den Eindruck, den die Bilder auf Ottilie machen, anklingen läßt. Daß sie offenbar eine besondere Beziehung zur Kunst hat wird ihr vom Architekten zu einem späteren Zeitpunkt bescheinigt. Auf ihre ängstliche Frage, ob sie nicht einmal einen seiner "Schätze" ohne es zu bemerken, beschädigt habe, antwortet er beinah heftig "...,niemals! Ihnen wäre es unmöglich: das Schickliche ist mit Ihnen geboren." 8 Durch den Architekten kommt eine neue Art der Konversation in das Schloß, die sich nicht mehr nur durch Kurzweiligkeit auszeichnet. Die Tage sind "zwar nicht reich an Begebenheiten", aber dafür "voller Anlässe zu ernsthafter Unterhaltung" 9 . Ottilie tritt in eine neue Phase ein: nach der emotional aufregenden Zeit mit Eduard, 5Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S.158.
6 ebd.
7 ebd. S.168.
8 ebd. S.211.
9 ebd. S.168.
5
beginnt nun eine Zeit in der sie, auf sich selbst zurückgeworfen, sich mit theoretischen Fragen beschäftigt, dazulernen will, und aus diesem Grund vieles schriftlich im Tagebuch festhält. In ihm wird schon in der ersten Eintragung deutlich, welche persönliche Bindung sie zur Kunst, speziell zu Bildern verspürt. "Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und Abgeschiedene näher bringen. Keines ist von der Bedeutung des Bildes. Die Unterhaltung mit einem geliebten Bild...hat was reizendes...Man fühlt..., daß man zu Zweien ist." 10 Aus diesem Grund trug sie auch das Bild ihres Vaters an der Brust. Erst als es durch den 'lebendigen' Eduard ersetzt wird, nimmt sie es (auf seinen Wunsch hin) ab. 11
Angeregt durch eine Bemerkung des Architekten schreibt sie eine grundlegende Erkenntnis über Kunst auf. "Der Baukünstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie oft wendet er seinen Geist, seine ganze Neigung auf, um Räume hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschließen muß. [...] In den Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten; er darf die Stufen nicht mehr betreten, die er zur herzerhebenden Feierlichkeit gründete,..." Und fragt: "Muß sich nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Künstler entfernen, wenn das Werk, wie ein ausgestattetes Kind, nicht mehr auf den Vater zurückwirkt ?" 12 Ottilie gelingt hier eine wichtige Folgerung aus der Betrachtung der Kunst. "Demnach wäre derjenige, der sich als unfähig erweist zu entsagen, auch nie in der Lage, etwas zu vollenden." 13 Hier ist also von Loslassen und Entsagung die Rede, eine Problematik, die im weiteren Geschehen für Ottilie eine entscheidende Rolle spielt: Was sie theoretisch und in Bezug auf Kunst entwickelt, wird zu ihrer eigenen Realität, als sie Eduard entsagt. Die Kunst steht am Anfang einer Persönlichkeitsentwicklung, die später eine solche Entscheidung möglich macht.
11 Kurz vor ihrem Tod wird sie es in dem Geheimfach des Koffers zusammen mit Andenken an Eduard für immer verschließen.
12 ebd. S.177.
13 Görner, Rüdiger: Sich lösen - sich finden. Entsagung und das Problem der Kunst in Goethes "Die Wahlverwandtschaften". In: Weimarer Beiträge. Hg. v. Peter Engelmann. Wien, 1994. Bd. 40. S. 455.
6
Quote paper:
Katharina Maas, 1997, Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Erzählte Bilder und deren Zeit(en) in Goethes Wahlverwandtschaften
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 16 Pages
Der Tempuswechsel in Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Weiblichkeitsbilder in Goethes Skandalroman "Die Wahlverwandtscha...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Die wissenschaftliche Spur in Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandt...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Die widergöttlichen Mächte in der Johannesoffenbarung
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Ze...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Die Unbestimmtheit von Übersetzung
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Ökonomie als Identitätsstifter in Adalbert von Chamissos "Peter S...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 23 Pages
Eduards Tragödie in den "Wahlverwandtschaften" von Goethe
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Darstellungen der Sintflut im Gilgamesch-Epos und in der Bibel
German Studies - Comparative Literature
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Das kunstseidene Mädchen - Die Frau im Wandel der Zeit
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 19 Pages
Die Figur der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Charlotte und Ottilie - Zum Frauenbild in Goethes Wahlverwandtschafte...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Theatralität und Authentizität des Zeichens in Johann Wolfgang Goethes...
Analyse der Konzeption von Zei...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 36 Pages
Romantische Aspekte in Goethes Wahlverwandtschaften
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Katharina Maas's text Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ is now available as a printed book
Katharina Maas has published the text Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“
Katharina Maas has uploaded a new text
Neue Einblicke in Goethes Erzählwerk
Nouveaux regards sur l'oeuvre ...
Raymond Heitz, Christine Maillard
Plays: Johann Wolfgang Von Goethe: Egmont, Iphigenia in Tauris, Torqua...
Frank G. Ryder, Johann Wolfgang von Goethe
Goethes "Wahlverwandtschaften" und das Andere der Vernunft
Die Mikro- und Makrokonstellat...
Jang-Hyok An
Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Interpretationen
Johann Wolfgang von Goethe, Bernd Witte
Johann Wolfgang Goethe.10 Gedichte
Erläuterungen und Dokumente
Elisabeth Böhm, Johann Wolfgang von Goethe
Personen - Sachen - Begriffe. ...
Benedikt Jeßing, Bernd Lutz, Inge Wild
0 comments