Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
2 Zwischen neusachlicher’ Abgeklärtheit und schwärmerischer Verklärung 5
2.1 Drei Kameraden im Spiegel der Neuen Sachlichkeit 5
2.2 Drei Kameraden im Spiegel des Ästhetizismus 8
3 Das 'Auto' Motiv 12
3.1 Symbolstruktur 14
3.2 therapeutische Autofahrt 15
4 Das Alkohol Motiv 18
5 Gefühlsregulierung durch Ästhetisierung 21
6 Schluss 24
Literatur 26
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1 Einleitung
Mit seinem Roman Drei Kameraden beendete Erich Maria Remarque seine als Trilogie angelegte Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Den Anfang dieser Reihe bildet sein bekanntestes Werk Im Westen nichts Neues (1929), in dem die Gräuel der Kriegsfront geschildert werden, gefolgt von dem Roman Der Weg zurück (1930), der das Schicksal der Heimkehrer behandelt. In Drei Kameraden(1935/36) 1 versucht der Protagonist Robert Lohkamp zusammen mit zwei Kriegskameraden in der unruhigen, politisch brisanten Zeit der Zwanziger Jahre, seine Existenz zu sichern und seinen Platz im Leben zu behaupten. Damit schließt Drei Kameraden thematisch an die beiden vorangegangenen Romane an und hat
„im Grunde das gleiche Thema. Die Frage, die in den ersten beiden Büchern für Hunderttausende gestellt wurde, kehrt hier wieder für einen einzigen Menschen. Es ist die Frage des Lebens und des Todes; die Frage: Warum?“ 2 Während die beiden ersten Werke sich stilistisch in der dokumentierenden, beinah emotionslos präzisen Beschreibung des Krieges und seiner Folgen ähneln, ist in Drei Kameraden der klare, sachliche Tonfall immer wieder durch gefühlsbetonte Passagen gebrochen, die zum Teil durch eine metaphernüberladene Symbolik ins Schwülstige kippen. Hier tritt eine andere Seite Remarques stärker hervor, die sich schon in seinen frühen, insbesondere seinen journalistischen Texten zeigte: sein Hang zum Schwärmerischen. „Reflektiert wird in diesen frühen Werken vor allem Remarques Sehnsucht nach intensivem Erleben der Welt, sein Hang zum Vornehmen, Romantischen, Effektvollen.“ 3 Nach Im Westen nichts Neues, das literaturhistorisch sein Frühwerk 4 abschließt, scheint diese jugendliche Prägung immer wieder mehr oder weniger explizit durch.
1 Thomas F. Schneider verweist in seinem Aufsatz „Von Pat zu Drei Kameraden - Zur Entstehung des ersten Romans in der Exil-Zeit Remarques“ darauf, dass schon 1933 eine druckfertige Version des Romans unter dem Titel „Pat“ vorlag, der in veränderter, aber in seiner Grundstruktur erhaltenen Fassung erst 1935/36 veröffentlicht wurde, als Remarque schon im Exil lebte. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Rolle gespielt haben mag, dass nicht alle drei Romane in kürzerer Abfolge hintereinander herauskamen. In: Erich Maria Remarque Jahrbuch - Yearbook II. Hg. v. Thomas F. Schneider u.a. Osnabrück,
1992. S. 69.
2 Remarque-Collection 1.48/005. Zitiert nach: Thomas F. Schneider: Von Pat zu Drei Kameraden. Osnabrück,
1992. S. 69.
3 Mizinski, Jan: Einige Bemerkungen zum literarischen Frühwerk von Erich Maria Remarque. In: Mitteilungen der Erich Maria Remarque Gesellschaft Osnabrück e.V., Heft 5/6 (November 1989), S. 3.
4 Zu Remarques Frühwerk zählen seine journalistischen Texte und die beiden wenig erfolgreichen Romane Die
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Remarque war nicht nur der „realistisch-reportagehafte“ 5 Kriegsdokumentarist, wie er in der Öffentlichkeit bedingt durch sein meist gelesenes Werk Im Westen nichts Neues erschien, sondern seit seiner Jugend geprägt von der geistigen Strömung des Ästhetizismus und der Décadence des fin de siécle, die er in seiner Heimatstadt Osnabrück durch den Maler Fritz Hörstemeier, seinem väterlichen Freund und Mentor, kennengelernt hat, und die ihn zu seinem ganz in dieser Tradition stehenden Jugendwerk Die Traumbude 6 inspiriert hat. Gleichzeitig ist sein Schreiben sowohl stilistisch wie auch thematisch beeinflusst von der, Kunst und Literatur der Zwanziger Jahre beherrschenden, Ästhetik der Neuen Sachlichkeit.
Ich möchte in der vorliegenden Hausarbeit anhand von ausgewählten Textstellen zeigen, wie Remarque Elemente des Ästhetizismus und der Décadence mit Elementen der Neuen Sachlichkeit, also mit einer literarisch konträren Strömung, in einem Werk verbindet und damit etwas Innovatives schafft. Mein Anliegen ist es dabei nicht, eine literarische Einordnung oder Kategorisierung vorzunehmen, sondern textimmanent zu untersuchen, inwieweit der Autor stilistisch und thematisch die beiden literarischen Strömungen miteinander verbindet, indem er Romanfiguren schafft, die zwischen den beiden Polen Dekadenz und Sachlichkeit denken und agieren. Zudem werde ich der Frage nach der möglichen Funktion einer solchen Verbindung nachgehen. Dies werde ich schwerpunktmäßig anhand des ‚Alkohol‘- und des ‚Auto‘-Motivs erarbeiten, denn beide Motive ziehen sich als wichtige Elemente durch Remarques gesamtes Werk. Sie sind schon in seinen frühen Texten präfiguriert und tauchen zum Teil in den gleichen Formulierungen in seinen Romanen wieder auf. 7
Traumbude (1920) und Station am Horizont (1927/28).
5 Frenzel, H.A. und E.: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Köln,
1986. Bd.2, S.573.
6 Erich Maria Remarque: Die Traumbude. In: Das Unbekannte Werk. Frühe Prosa. Werke aus dem Nachlass, Briefe und Tagebücher. Hg. v. Thomas F. Schneider u. Tilman Westphalen. Bd. 1. Köln, 1998.
7 Vgl. Parr, Rolf: Tacho. km/h. Kurve. Unfall. Körper. Erich Maria Remarques journalistische und kunstliterarische Autofahrten. In: Erich Maria Remarque. Leben, Werk und weltweite Wirkung. Hg. v. Thomas F. Schneider. Osnabrück, 1998. S. 69.
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2 Zwischen ‘neusachlicher’ Abgeklärtheit und schwärmerischer
Verklärung
2.1 Drei Kameraden im Spiegel der Neuen Sachlichkeit
Die neusachliche Bewegung lässt sich als eine literarische Antwort und Reaktion auf die Urbanisierung und Technisierung der Lebenswelt verstehen. In Abgrenzung zum Expressionismus postulierte und praktizierte sie einen neuen Dokumentarismus im Zusammenhang mit der Forderung nach Zeitromanen und Zeitstücken. Lion Feuchtwanger sah das Hauptkennzeichen neusachlicher Literatur in der Vermischung realer Fakten und fiktionaler Elemente, in der Gleichzeitigkeit der Objektivität des Materials und der subjektiven Handhabung. 8 Eines der Ziele, das die Vertreter der Neuen Sachlichkeit verfolgten, war die Ausbildung einer an die Reportage angenäherten Romanliteratur, die durch folgende ästhetische Forderungen erreicht werden sollte:
„Erhöhung des Gebrauchswertes literarischer Produkte, Aktualität, Verständlichkeit und Massenwirksamkeit, Realitätsnähe, Antiindividualismus und Antipsychologismus, Berichtform, montierende Schreibweise und Dokumentarismus“ 9
Auf diese Weise sollte eine Neugewichtung erreicht werden. Die ästhetische Form trat hinter den Inhalt zurück, wurde von ihm abhängig. Nicht das ‘Wie‘ der Darstellung war von Bedeutung sondern das ‘Was‘, der Inhalt, das Erfassen der ‚Dinge‘. Statt der subjektivistischen Innenansicht, wie sie im Expressionismus praktiziert wurde, stand nun eine versachlichte Außenperspektive im Vordergrund, die nüchterne Beschreibung gesellschaftlicher Prozesse und die Konzentration auf die empirische Welt. 'Sachlich' und 'zweckmäßig' war das Credo dieser gegenstandsorientierten funktionalen Ästhetik in Abgrenzung zum Subjektivismus. Denn, so Alfred Döblin, dieser münde in einem „verschwommen Poetisieren und Ergehen in Abstraktionen“, in „Schwulst“, „Unklarheit“ und „Pathos“. 10
8 Vgl. Becker, Sabina: Alfred Döblin im Kontext der Neuen Sachlichkeit. In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik, Bd. 1. Hg. v. Sabina Becker. St. Ingbert, 1995. S. 202.
9 Becker, Sabina. S. 203.
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Dass eine völlig entsubjektivierte Schreibweise in dieser Radikalität jedoch nicht möglich sein würde, war auch innerhalb der um die neusachliche Ästhetik geführten Debatte unbestritten. Entsprechend wurde „ein neusachlicher Roman, der auf jegliche erzählende Elemente und damit auch auf subjektive Momente zugunsten der Zusammenstellung von Dokumenten und Dokumentenmaterial verzichtete [...] nicht produziert.“ 11
Drei Kameraden nähert sich in vielerlei Hinsicht den Forderungen der Neuen Sachlichkeit an. Das "Leben in der Krise" 12 , die politisch wie wirtschaftlich unruhige Zeit im Berlin der Zwanziger Jahre, bildet gleichsam die Folie des Romans. 13 Hier folgt er dem Diktum aus Erich Kästners Fabian: „Wir leben provisorisch. Die Krise nimmt kein Ende“, dass sich nach Martin Lindner „allen neusachlichen Texten als Motto voranstellen ließe“ 14 Deutlich zeigt sich Remarques Anspruch, ein differenziertes und wenig verklärendes Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse zu zeichnen, indem er verschiedene Handlungsstränge und Nebenschauplätze um den Ich-Erzähler Robert Lohkamp gruppiert. Auch wenn die tragische Liebe zwischen Robert und der weiblichen Hauptfigur Pat Hollman eine exponierte Stellung im Roman erhält, kehrt der Autor immer wieder zu einer Schilderung der gesellschaftlichen Realität zurück.
Die Liebe der beiden Protagonisten, der durch die Erkrankung Pats von Beginn an eine eigene Tragik innewohnt, entwickelt sich vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit, Existenzkampf, Hoffnungslosigkeit und der bedrohlichen politischen Entwicklung zum Faschismus. Daraus ergeben sich, wie Rainer Jeglin und Imgard Pickerodt in ihrem Aufsatz Weiche Kerle in harter Schale 15 herausstellen eine Synchronisierung zweier Problemlagen: eine individualpsychologische, die in diesem Fall das Problem Robert Lohkamps aufzeigt, „als begabter, erfahrener junger Mann um die Dreißig ohne Beruf, aber mit wechselnden
10 Zitiert nach Becker, Sabina. S. 205.
11 Becker, Sabina. S. 206.
12 Lindner, Martin: Leben in der Krise. Zeitromane der neuen Sachlichkeit und die intellektuelle Mentalität der klassischen Moderne. Stuttgart, 1994.
13 Wenngleich einschränkend hinzugefügt werden muss, dass Remarque in keiner Weise historisch konkret wird. Der Handlungsort ‘Berlin’ wird nicht genannt. Er ergibt sich nur aus der logischen Schlussfolgerung des Lesers. Genauso verfährt Remarque mit dem im Roman geschilderten politischen Aufstieg der Nationalsozialisten. Auch hier wird die (zwingende) Zuordnung dem Leser überlassen.
14 Lindner, Martin. S. 293.
15 Jeglin, Pickerodt: Weiche Kerle in harter Schale. In: Erich Maria Remarque. Leben, Werk und weltweite Wirkung. Hg. v. Thomas F. Schneider. Osnabrück, 1998.
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Jobs, eine große Liebe zu einer Frau ‚in schwerer Zeit‘ festzuhalten und zu schützen.“ 16 Und eine kollektivpsychologische, die das Dilemma der ‚verlorenen Generation‘ thematisiert, „die zu früh verlorene Jugend mit ihren jugendromantischen Idealen aus der Zeit vor 1924, die erzwungene Brutalisierung des eigenen Verhaltens, die Erfahrung als „überflüssige Generation“, in der Nach- bzw. Zwischenkriegsgesellschaft nicht gebraucht zu werden.“ 17
„Wir hatten marschieren wollen gegen die Lüge, die Ichsucht, die Gier, die Trägheit des Herzens, die all das verschuldet hatten, was hinter uns lag - wir waren hart gewesen, ohne anderes Vertrauen als das zu dem Kameraden neben uns und das eine andere, das nie getrogen hatte: zu den Dingen - zu Himmel, Tabak, Baum und Brot und Erde - ; aber was war daraus geworden? Alles war zusammengebrochen, verfälscht und vergessen, wer nicht vergessen konnte, dem blieben nur die Ohnmacht, die Verzweiflung, die Gleichgültigkeit und der Schnaps. Die Zeit der großen Menschen- und Männerträume war vorbei. Die Betriebsamen triumphierten. Die Korruption. Das Elend. 18
In der Pension, in der Robert ein möbliertes Zimmer bewohnt, treffen wirtschaftliche und soziale Verlierer aufeinander, wie der Student Georgie, der sein Studium nicht mehr finanzieren kann und dennoch bis zur physischen Erschöpfung lernt oder der von Arbeitslosigkeit bedrohte kleine Angestellte Hasse, der Selbstmord begeht, als seine Frau ihn verlässt. Remarque malt ein weitgespanntes Sittenbild. Schilderungen des Prostituiertenmilieus gehören ebenso dazu, wie Abstecher in die Welt der Pferderennen, in der Arbeitslose ihr letztes Geld verwetten. Kriegsveteranen und Alkoholiker auf der einen Seite, wohlhabende Industrielle, die Nachtclubszene der besseren Gesellschaft und die gutbürgerliche Welt, aus der Pat stammt, auf der anderen Seite.
Was Remarque schon bei im Westen nichts Neues und Der Weg zurück literarisch auszeichnet, ist auch hier sein klarer Blick auf die Verhältnisse und seine Fähigkeit, diese präzise zu benennen und zu beschreiben. Teilweise geschieht dies in einer drastischen Direktheit, die unweigerlich an seine Kriegsschilderungen erinnern. Der Autor lässt seinen Protagonisten Robert beispielsweise den unerwarteten Blutsturz seiner an Tuberkulose
16 Ebd. S. 218.
17 Jeglin, Pickerodt. S. 218.
18 Erich Maria Remarque: Drei Kameraden. Köln, 1998, (Erst.: 1964) S. 49.
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Katharina Maas, 2000, 'Im Zeitalter der Sachlichkeit muss man romantisch sein, das ist der Trick' - Die Verbindung von Elementen des Ästhizismus und der Neuen Sachlichkeit in Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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