I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1. Einleitung 1
2. Ongs „Oralität und Literalität“ 2
3. Platons Schriftkritik 2
4. Das Schreiben als Technologie 4
5. Was ist Schrift? 5
6. Die Geschichte der Schrift 6
7. Die Leistung der Schrift 8
8. Schrift und kulturelles Gedächtnis 9
9. Warum die Schrift das Denken neu konstruiert 11
10. Fazit 12
11. Ausblick 13
12. Literaturverzeichnis 15
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Vor etwa 17000 Jahren tauchten die Höhlenmalereien auf. In diesen ersten Bildern fixierten die Steinzeitmenschen Dinge, die sie bewegten: Gegenstände oder Lebewesen aus ihrer unmittelbaren Umgebung, aber auch Darstellungen des Übernatürlichen. Der erste Gebrauch von Schrift diente daher weniger der Dokumentation oder der Erinnerung; vielmehr diente die er der Verbindung zwischen eigener Realität und anderen Welten. 1 Zwischen den ersten auf Felswänden aufgemalten Zeichnungen bis hin zu multimedialen Texten im 21. Jahrhundert hat sich die Schrift sowohl optisch als auch hinsichtlich ihrer Bedeutung und Funktion stark gewandelt. Der Frage nachzugehen, inwiefern Schrift auch im Zeitalter der digitalen Medien eine Rolle spielt, wird Inhalt folgender Arbeit sein.
1. Einleitung
In seinem berühmten Werk „Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes.” stellt Walter J. Ong die These auf, das Schreiben konstruiere das Denken neu. Wie keine andere Technologie habe das Schreiben unser Bewusstsein und unser Denken verändert, so Ongs Behauptung.
Folgende Arbeit wird sich mit der Bedeutung der Schrift näher auseinandersetzen und dabei versuchen zu erklären, ob und inwieweit das Schreiben unser Denken neu konstruiert. Die Arbeit wird sich weitestgehend chronologisch an Ongs Werk orientieren, jedoch auch einige neue Aspekte einbringen. So wird im achten Kapitel der Begriff des kulturellen Gedächtnisses eingeführt, anhand dessen Ongs Thesen bestätigt werden sollen. Im neunten Kapitel sollen Ongs Thesen mit jenen von Eric A. havelock kontrastiert werden. Zentraler Kern der Arbeit ist die Frage, ob und inwiefern das Schreiben unser Denken beeinflusst.
1 Kerlen (2003): S.31.
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2. Ongs „Oralität und Literalität“
Ongs zentrale These ist, daß die Erfindung der Schrift über die Funktion eines technischen Hilfsmittels weit hinausgeht. Vielmehr hat die Schrift die menschlichen Denkweisen grundlegend und nachhaltig umstrukturiert. Das Schreiben ermöglicht seiner Meinung nach einen autonomen Diskurs, das heißt einen Diskurs, der im Gegensatz zur mündlichen Sprache nicht befragt oder angefochten werden kann, da er autorunabhängig ist. 2 Diese Distanz zwischen Inhalt und Autor bedingt, dass geschriebene oder gedruckte Texte grundsätzlich widerspenstig sind: Texte können nicht unmittelbar zur Verantwortung gezogen werden.
Die durch Schrift verursachte Distanz ist für Ong ein zentraler und - wie später zu zeigen sein wird - positiv besetzter Begriff. Während die Distanz heutzutage im Allgemeinen also als positiv auffasst, wurde sie in der Vergangenheit nicht immer so bewertet: Platon beispielsweise kritisierte eben diese Autorunabhängigkeit - neben anderen Kritikpunkten, die er im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gegen die Schrift vorbrachte. 3 Zu diesem Zeitpunkt war die Schrift bereits einige hundert Jahre 4 alt. Doch was genau kritisiert Platon an der Schrift?
3. Platons Schriftkritik
Erstens, so Platon, vermehrt Schrift nicht das Wissen des Menschen, sondern zerstört das Gedächtnis. So sagt bei Platon der ägyptische König Thamus zu Theuth, der ihm seine Erfindung der Schrift vorstellt: „[...] diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden.” 5 Die Schrift dient demzufolge nur der Erinnerung an bereits erworbene Einsicht, ohne jedoch aus sich heraus zur persönlichen Einsicht führen zu können. Für wahre Einsicht ist allerdings keine Wissensanreicherung von außen (Schrift), sondern eine Selbstbesinnung von innen notwendig.
2 Vgl. Ong (1987): S.81.
3 Vgl. Hörisch (2004): S.91.
4 Vgl. Ong (1987): S.82.
5 Platon. In: S loterd ijk (1995): S.74.
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Zweitens sieht Platon die Schrift als verdinglicht und unmenschlich an. Das Schreiben ist „ein Ding, ein hergestelltes Etwas” 6 und als solches künstlich. Zudem täuscht das Schreiben vermeintliches Wissen vor. In der Regel bedard man jedoch mündlicher Unterweisung, um sicher zu gehen, den Text wirklich verstanden zu haben. Ohne einen mündlichen Diskurs glaubt der Leser nur zu wissen. So bemerkt Thamus: „Von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen.” 7
Drittens kritisiert Platon, dass ein Text nicht befragt werden kann. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, gebe es nur im Dialog. Daher ist ein Text nicht nicht in der Lage, auf den Leser einzugehen, sodass es ebenfalls wieder zu Missverständnissen kommen kann: „Ebenso auch die Worte eines Aufsatzes: du möchtest glauben, sie sprechen und haben Vernunft; aber wenn du nach etwas fragst, was sie behaupten, um es zu verstehen, so zeigen sie immer nur ein und dasselbe an.” 8
Als letztes bemängelt Platon, dass sich der Text nicht selbst gegen Kritik zur Wehr setzen kann. Vielmehr ist er auf den Autor als Verteidiger angewiesen: „Einmal niedergeschrieben, treibt sich jedes Wort allenthalben wahllos herum, in gleicher Weise bei denen, die es verstehen, wie auch genau bei denen, die es nichts angeht, und weiß nichts zu sagen, zu wem es kommen sollte und zu wem nicht. Wenn es dann schlecht behandelt und ungerechterweise geschmäht werden wird, so bedarf es immer seines Vaters, der ihm helfen sollte: denn selbst kann es weder sich wehren noch sich helfen.” 9
Die Schwäche von Platons Schriftkritik liegt Ong zufolge in ihrer Verschriftlichung. „Um seinen Einwänden Wirkung zu verschaffen, musste er sie schriftlich formulieren.” 10 Die Schrift hat das Wort technologisiert. Doch „ist erst das Wort technologisiert, gibt es keinen effektiven Weg, dies zu kritisieren, es sei denn mit Hilfe fortgeschrittenster technischer Errungenschaften” 11 .
6 Ong (1987): S.82.
7 Platon. In: S loterd ijk (1995): S.74.
8 Platon. In: S loterd ijk (1995): S.75.
9 Platon. In: S loterd ijk (1995): S.75.
10 Ong (1987): S.82.
11 Ong (1987): S.83.
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Lydia Gaukler, 2006, Warum das Schreiben das Denken neu konstruiert, Munich, GRIN Publishing GmbH
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