Einleitung
Gottlob! Der Hermann gewann die Schlacht, die Römer wurden vertrieben, Varus mit seinen Legionen erlag, und wir sind Deutsche geblieben.
Sicherlich ist die Varusschlacht das bis heute mit der römischen Herrschaft in Germanien am meisten in Verbindung gebrachte Ereignis. Die Nachwirkungen dieser römischen Niederlage finden, wenn auch inhaltlich falsch (niemand kann ernsthaft davon ausgehen die damaligen Germanenstämme als die Vorfahren der heutigen Deutschen anzusehen), ihren Niederschlag auch in der Literatur späterer Jahrhunderte – z.B. bei Heinrich Heine. Gleichwohl blendet die Reduzierung nur auf diese Schlacht viele andere Aspekte der römisch-germanischen Beziehungen aus. Ziel dieser Arbeit ist es einen dieser Aspekte, die Germanienpolitik des Domitian, zu untersuchen. Hierfür werden zuerst die grundlegenden Entwicklungslinien der römisch-germanischen Beziehungen seit der Rheinüberquerung Caesars bis zur Gründung der beiden germanischen Provinzen durch Domitian skizziert und grundlegende Umbrüche in der Entwicklung dieser Beziehungen dargestellt. Im zweiten Teil wird dann die Germanienpolitik des Domitian mit Schwerpunkt auf den Chattenkrieg und die Gründung der beiden germanischen Provinzen untersucht. Schließlich wird im dritten Teil dieser Arbeit die Germanienpolitik des Domitian mit der seiner Vorgänger verglichen um zu untersuchen ob Domitian neue Akzente setzte oder aber die Politik seiner Vorgänger fortführte.
1. Die römisch-germanischen Beziehungen vor Domitians
Herrschaft
1.1 Bis zur Herrschaft des Augustus
Germanien war für die Römer lange Zeit terra incognita. Das Römische Reich umfasste bereits weite Teile Nordafrikas und Spaniens als die ersten, nicht der Mythologie 1 entlehnten Nachrichten über germanische Völker Rom erreichten. Besonders Caesar war es, der das Wissen der Römer über Germanien als erster systematisch erweiterte 2 . Anlässlich seiner zweiten Rheinüberquerung vergleicht Caesar die Germanen dort mit den Galliern und versucht dem Leser seines commentarii
1 Die römische Vorstellung bevölkerte den europäischen Norden mit allerlei Fabelwesen wie z.B. Hippopoden, die nur mit ihren großen Ohren bekleidet gewesen sein sollen. Vgl. hierzu: Wolters, Reinhard: „ Die Römer in Germanien“, München 2000, S. 12; Selbst Tacitus berichtet noch davon, dass Herkules und selbst Odysseus bei den Germanen gewesen seien (Germania 3,1-2).
2 Caesar Bellum Gallicum
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somit die Unterschiede der Bewohner rechts und links des Rheins vor Augen zu führen 3 . Ziel dieser klaren, ethnologisch jedoch kaum ernsthaft begründbaren Trennung 4 ist es, den Bereich seiner angestrebten Eroberungen abzugrenzen: Das Gebiet links des Rheins wird von Galliern, die er unterwerfen möchte, beherrscht, das Gebiet rechts des Rheins von nicht-gallischen Stämmen, den Germanen, an deren Unterwerfung, zumindest in der Zeit Caesars, nicht gedacht wurde. Auch die beiden rechtsrheinischen Feldzüge Caesars unterstützen diese Argumentation, denn diese Unternehmungen hatten lediglich den Charakter von Strafexpeditionen gegen germanische Stämme, die sich zuvor in Gallien engagiert hatten, und dienten weder der Vorbereitung noch der Durchführung von Eroberungen in Germanien 5 . Eine dauerhafte Befriedung des germanischgallischen Grenzgebietes allerdings konnte Caesar nicht erreichen 6 . Die folgenden Jahre waren durch wiederkehrende Grenzüberfälle germanischer Stämme und regelmäßige römischer Strafaktionen in germanisches Gebiet gekennzeichnet 7 . Auch im römischen Bürgerkrieg um die Herrschaft nach Caesar griffen germanische Stämme ein, wenngleich ihr Engagement recht undurchsichtig erscheint und sie mehrmals die Seiten wechseln 8 .
1.2 Die Feldzüge des Drusus und des Tiberius
Unter der Herrschaft des Augustus schließlich wurde wieder ernsthaft damit begonnen eine aktivere Germanienpolitik zu betrieben. Möglicher Anlass hierzu war die Niederlage eines römischen Heeres unter der Führung des Lollius 9 , die sogar zum Verlust eines Legionsadlers führte. Dies war besonders schmerzhaft, da im ganzen Reich gerade erst die Rückgabe der 30 Jahre zuvor gegen die Parther verloren gegangenen Feldzeichen gefeiert wurde.
Möglich wurde eine Änderung der Germanienpolitik durch die endgültige Befriedung und Organisation Galliens durch Augustus bis zum Jahr 13 v. Chr 10 . Hierdurch wurden die bisher in Gallien stationierten Truppen frei und konnten an die Rheingrenze verlegt werden 11 . Eine derart
3 Exemplarisch sei hier auf die Religion verwiesen: „Germani multum ab hac consuetudine differunt. Nam neque druides habent, qui rebus divinis praesint, neque sacrificiis student“. Ebd. 6,21,1
4 Vgl. zu d ieser Problematik: Wo lters, Römer, S. 17ff
5 Simon, Hans-Günther: „ Eroberung und Verzicht – Die römische Eroberung in Germanien zwischen 12 v. Chr. und 16 n.Chr.“, in: Baatz, Dietwulf und Herrmann, Fritz-Rudolf (Hrsg.): „Die Römer in Hessen“, Stuttgart 1982, S. 38-57
6 „Rom griff vielmehr in der ganzen Zeit von Caesar bis zur Clades Lolliana einschließlich mit ähnlichen Mitteln zu, wenn es um den Schutz Galliens ging oder wenn bestimmte rechtsrheinische Gruppen ein römisches Eingreifen erbaten und Rom dem ohne allzu große Anstrengungen oder Konsequenzen fo lgen konnte“, Wolters, Reinhard : „Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien“, Bochum 1990, S. 150
7 dies wird besonders ausführlich geschildert bei Simon, Eroberung, S. 40
8 dies wird z.B. geschildert bei Cassius Dio 46,37,1-3
9 „Sed dum in hac parte imperii omnia geruntur properrime, accepta in Germania clades sub legato M. Lollio, homine in omnia pecuniae quam recte faciendi cupidiore et inter summam vitiorum dissimulationem vitiosissimo, amissaque legionis quintae”, Velleius Paterculus 2,97
10 hierüber berichtet u.a. Cassius Dio 54,20,4 ff ausführlich
11 Archäologisch ist dies vor allem durch die Entstehung einer Vielzahl neuer militärischer Anlagen zu fassen. Inwieweit diese bauliche Tätigkeit jedoch in Zusammenhang mit der Niederlage des Lollius steht oder schon zuvor durchgeführt wurde, ist in der Forschung umstritten. Besonders die Datierung sowohl der Bauwerke als auch der Niederlage des Lollius bereiten hierbei Schwierigkeiten. Vgl. zu dieser Problematik: Wells, C.M.: „The German Policy
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lineare Aufreihung der Truppen war etwas Neues im Römischen Imperium, verdeutlicht aber die besondere Situation, in der sich die römischen Truppen nun befanden. Zum einen bestand die Notwendigkeit gegebenenfalls auch weiterhin in Gallien bei Aufständen einzugreifen 12 , zum anderen sollte aber auch das rechtsrheinische Gebiet beherrscht werden. Zumindest drängt sich dieser Schluss geographisch auf: Nahezu alle wichtigen römischen Heerlager befanden sich entweder an schiffbaren Flüssen (Rhein, Ruhr, Main und Lippe) oder an bereits bestehenden Straßen (Hellweg u.a.). Eine besondere Bedeutung kam hierbei der römischen Germanienflotte zu, die sowohl zum Transport als auch zur Versorgung der Truppen benötigt wurde 13 . Bereits 12 v. Chr. begannen größere militärische Unternehmungen in Germanien unter der Führung des Drusus. Ziel dieses Feldzuges waren die Sugambrer und die Usipeter, die in den Jahren zuvor immer wieder die römische Rheingrenze überschritten hatten 14 . Dieses Unternehmen dürfte jedoch nicht nur eine militärische Zielsetzung gehabt haben. Vor allem die Flottenexpedition auf der Elbe dürfte der Erkundung des bis dahin unbekannten Gebietes gedient haben. 11 v. Chr. unternahm Drusus einen weiteren Feldzug gegen Usipeter und Sugambrer sowie gegen die Cherusker, der die Römer bis zur Weser führte. Dort allerdings musste der Feldzug dann wegen mangelndem Nachschub abgebrochen werden 15 . Im folgenden Jahr setzte Drusus seinen Feldzug fort und drang bis zu den Sueben und Chatten vor. Auf dem Rückzug dieses Feldzuges starb er jedoch an einer Krankheit in Folge eines Beinbruchs wie Cassius Dio vermerkt 16 . Die literarischen Quellen feiern die Siege des Drusus überschwänglich. Florus schreibt sogar, durch die Siege des Drusus seien die Menschen wie verwandelt und sogar das Klima sei milder geworden 17 . Nach dem Tode des Drusus wurde Tiberius mit dem Oberbefehl über das germanische Heer betraut 18 . Dieser führte bis 8 v. Chr. die Feldzüge in Germanien erfolgreich fort. So unterwarf er alle feindlichen Stämme, siedelte diese um oder vernichtete sie 19 . Anschließend kehrte er nach Rom zurück, wo er einen Triumph feierte. Wie sind die Feldzüge des Drusus und des Tiberius zu bewerten? Vellius Paterculus schreibt, Tiberius habe Germanien fast zu einer tributpflichtigen Provinz gemacht 20 . Sicherlich ist diese Darstellung übertrieben. Germanien war zu diesem Zeitpunkt keine römische Provinz. Wahrscheinlicher ist, dass die germanischen Stämme bis zur Elbe die römische Vorherrschaft
of Augustus“, Oxford 1972 sowie: Schönberger, H.: „Die Truppenlager der frühen und mittleren Kaiserzeit zwischen Nordsee und Inn“, Ber.RGK 1985, S. 321-497; Ob auch die Vorverlegung der römischen Grenze an d ie Donau bei der Umorientierung der Germanienpolitik gespielt hat ist umstritten, erscheint aber unrealistisch, da es bei den nun folgenden Eroberungen an der Donaugrenze ruhig b lieb.
12 so zum Beisp iel bei Aufständen anlässlich des Census 12 v. Chr.; Vgl. Wolters, Römer, S. 27
13 Viereck, H.D.L.: „Die römische Flotte“, Hamburg 1997
14 Cassius Dio 54, 32,1-3
15 ebd., 33, 1-4
16 ebd., 55,1,1-2,1
17 Florus, 2,30,21-28
18 Cassius Dio 55,6,1-3
19 Sueton, 9,2
20 Velleius Paterculus 2, 104-107
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anerkannt hatten und Tribut zollten. Darüber hinaus war das Gebiet zwischen Rhein und Elbe mit einer Reihe von militärischen Anlagen gesichert, wenngleich diese auch nicht ständig besetzt waren. Regelmäßig das Gebiet durchstreifende römische Truppen dürften darüber hinaus dafür gesorgt haben, die militärische Macht Roms den germanischen Stämmen gegenüber deutlich hervorzuheben 21 . Äußerst kontrovers wird in der Forschung die Frage der Zielsetzung dieser Feldzüge diskutiert. Handelte es sich hierbei um eine ausgedehnte Vorfeldsicherung Galliens oder doch eher um den Versuch, die römische Grenze schrittweise bis zur Elbe vorzuschieben? Die Tatsache, dass Tiberius nach der Befriedung des Gebietes und die Bindung der dortigen Stämme an das Imperium aus Germanien abberufen wurde und Nachrichten über Germanien in den folgenden Jahren eher spärlich überliefert sind, spricht meiner Meinung nach eher dafür, die Feldzüge als eine ausgedehnte Vorfeldsicherung zu verstehen. Hinzu kommt, dass eine an die Elbe vorgeschobene Grenze wohl kaum leichter als die Rheingrenze zu verteidigen gewesen wäre. Auch die Aufgabe der militärischen Lager an der Elbe, die zeitlich mit dem Abzug des Tiberius aus Germanien zusammenfallen 22 , stützen diese These. Wäre an einer weitergehende Eroberung oder Sicherung der Elbgrenze gedacht worden, so wären diese Lager sicherlich nicht aufgegeben worden. Die Schaffung abhängiger Klientelstaaten in Germanien fügt sich zudem in die außenpolitische Konzeption des Kaisers ein, die darauf abzielte einen „Kranz abhängiger Staaten“ 23 um das Reich zu legen.
1.3 Immensum bellum und Varus -Niederlage
Grundlegend in Frage gestellt wird diese Strategie im Jahr 1 n. Chr. Aus unbekanntem Grund 24 bricht ein Aufstand germanischer Stämme los, der das System der Klientelstaaten und der vertraglichen Bindung an Rom hinwegfegt. Nicht umsonst spricht Velleius Paterculus von einem immensum bellum 25 , dem auch der militärisch erfahrene Oberbefehlshaber der Rheinarmee bis zum Jahr 4 n. Chr. nicht wirklich Herr wird. Erst die Übernahme des Oberbefehls durch Tiberius im selben Jahr führt zu einer Wende im Krieg und zum Sieg über eine Vielzahl germanischer Stämme 26 . Als 6.n. Chr. ein Frieden mit dem letzten gegnerischen Germanenstamm, den
21 Für diese Argumentatio n spricht auch die Tatsache, dass Tiberius schnell zu dem im Todeskampf liegenden Drusus gelangt. Ohne militärische Lager, die ihm Schutz vor germanischen Übergriffen bieten konnten und wo die Pferde gewechselt werden konnten, wäre solch ein schnelles Vordringen sicherlich nicht möglich gewesen. Würde man davon ausgehen, dass germanische Stämme weiterhin eine größere Gefahr bedeutet hätten, so hätte Tiberius als Angehöriger der Kaiserfamilie sicherlich mit erheblichem Gefolge reisen müssen, was ein schnelles Vorankommen unmöglich gemacht hätte. Vg. Hierzu: Florus 2,30,21-28
22 Simon, Eroberung, S. 47
23 ebd.
24 Literarische Quellen zu diesem germanischen Krieg, vor allem zu seinen Ursachen und seinem Verlauf, sind kaum vorhanden.
25 Vell. 2, 78, 2
26 Vell. 2, 94, 3
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Arbeit zitieren:
Tim Sonnenwald, 2006, Domitian und Germanien, München, GRIN Verlag GmbH
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