Über das Verstehen von Musik
ein Essay
von
Thomas Friedrich
Es ist nicht allzu lange her, als ich zum ersten Mal mehr oder weniger zufällig Richard Strauss′ Also sprach Zarathustra hörte. Gleich zu Beginn hatte ich den zu erwartenden Aha-Effekt. Ach, das ist das! 2001: Odyssee im Weltraum. Stanley Kubrick. Die Sonne geht auf über einer urzeitlichen Steppe. Einer unserer behaarten Vorfahren entdeckt den Oberschenkelknochen eines Tapirs als Werkzeug, als Waffe und schlägt erst langsam und zurückhaltend, dann immer ekstatischer und aggressiver damit um sich. Das ist also die Vorrede von Also sprach Zarathustra, die musikalische Interpretation Strauss′ zum gleichnamigen ersten Kapitel des ebenfalls gleichnamigen Buches von Friedrich Nietzsche, welches mir nur zu gut bekannt war. Und plötzlich verstand ich auch. Just in diesem Moment verstand ich, was erst Strauss in seinem Thema und dann mit Strauss Kubrick in seinem Film damit ausdrücken wollten. Den Sonnenaufgang! Die Morgenröte! Wie offensichtlich! Nach 10jähriger Einsamkeit im Gebirge, das Nietzsches Prophet Zarathustra zu seinem 30. Lebensjahr aufgesucht hatte, beschließt er seinen Berg und seinen Höhle wieder zu verlassen, um hinunter zu den Menschen zu gehen. Er wurde seiner Weisheit überdrüssig und möchte nun "verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind" (Nietzsche 1976: 11). Gleich der Sonne will er nun (hin)untergehen, sowie er einst (hin)aufgegangen ist. Dieser aufbruchsverkündende Sonnenaufgang war also gemeint. Kein gewöhnlicher Sonnenaufgang etwa, sondern eine nietzscheanische Morgendämmerung. Eine bedeutende Zäsur, ein neuer revolutionärer Schritt von einer evolutionären Stufe zur nächsten. Ich hörte mir die Vorrede noch einige Male an, erfreute mich an meiner neuen Sichtweise und folgte dann fort mit dem Hören der restlichen Kapitel, das einige interessante Reflexionen mit sich brachte, welche ich nun versuchen möchte nachzuzeichnen.
Bereits mit dem zweiten Kapitel beschäftigte mich nämlich eine Frage, die mich am weiteren konzentrierten Hören hinderte und mich auch darüber hinaus nicht mehr losließ: die Frage nach dem Verstehen von Musik. Ich stellte mir vor, wie jemand wohl Strauss′ Tondichtung verstehen müsste, wenn er Nietzsches Werk nicht gelesen hätte. Und was würde sich in seinem Verstehen ändern, wenn er das Buch im Nachhinein läse? Inwiefern ist das sogenannte Hintergrundwissen überhaupt wichtig für das Verstehen von Musik? Oder anders gefragt: Sind die Bedingungen zum Verstehen von Musik in der Musik selbst enthalten, oder bedarf es eines zusätzlichen außermusikalischen Wissens, ohne das Verstehen gar nicht möglich ist? Hatte ich den bereits erwähnten Abschnitt aus Kubricks Film nur anders verstanden, bevor ich wusste, welche Bedeutung ihr mit der Musikuntermalung bereits mitgegeben wurde, oder gar nicht verstanden? Was hatte sich denn jetzt überhaupt geändert? Sicher war ich mir jedenfalls, dass ich auch vor meiner neuen Perspektive diese Szene mit dem Knochen als eine Schlüsselszene begriffen hatte. Die einschneidende Bedeutung der Entdeckung der ersten Waffe, mit der Beutetiere, wie auch Rivalen leichter getötet werden konnten, war mir auch vorher bereits bewusst gewesen. Und schließlich hatte Kubrick ja auch seine eigenen filmerischen Stilmittel, die Bedeutung dieser Szene deutlich zu machen. Hätte ein Tauber diese Szene anders verstanden, als ich? Würde er es anders verstehen, wenn er Nietzsches Zarathustra gelesen hätte und man ihm sagte, dass ein Musikstück diese Szene untermalt, die sich auf das erste Kapitel des Buches bezieht? Was genau hat die Aufdeckung der Zusammenhänge zwischen Film, Musik und Buch eigentlich bei mir bewirkt? Was genau habe ich nach dem Hören von Strauss′ Vorrede besser oder überhaupt verstanden? Den Film, das Buch, oder doch die Musik? Oder alles auf einmal oder vielleicht doch gar nichts davon?
Das Problem des Verstehens von Musik brachte mich mit dem britischen Philosophen Roger Scruton in Kontakt. In seinem Buch The Aesthetics of Music widmet er sich unter anderem dieser Fragestellung. Dabei verwendet er eine Begriffsunterscheidung, die er vom italienischen Philosophen Benedetto Croce übernimmt, der sich wiederum von Immanuel Kants ästhetischen Theorien inspirieren ließ: die Unterscheidung von representation (Vorstellung, Darstellung) und expression (Ausdruck). Diese Unterscheidung deutlich zu machen ist eine der Hauptvoraussetzung, um Scruton′s Ästhetik zu verstehen. Für ihn ist Musik, im Gegensatz zu anderen Künsten, wie der Bildhauerei, der Schriftstellerei oder große Teile der Malerei (ausgenommen der abstrakten Malerei), "not representational". Musik ist keine darstellende Kunst, kann man vielleicht übersetzen. Representation ist die einfachste Art künstlerischer Bedeutung, die, wenn überhaupt, nur sehr selten in der Musik zu finden, keineswegs aber wesentlich für sie ist. Das heißt, in Bezug auf das Verstehen von Musik spielt representation keine entscheidende Rolle, oder um es in Scruton′s Worten zu sagen: "music is not representational, because that is not how we understand it" (ebd. 1997: 168).
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Arbeit zitieren:
Thomas Friedrich, 2006, Über das Verstehen von Musik, München, GRIN Verlag GmbH
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