Jenseits des Wörtlichen Vergleich zweier Theorien indirekter Sprechakte
Inhalt
1. Einleitung
1.1 Allgemeine Einleitung 3
1.2 Was sind indirekte Sprechakte 4
2.1 Indirekte Sprechakte bei Searle 5
2.2 Indirekte Sprechakte bei Bach Harnish 16
3.1 Rhetorizität ein Parade-Beispiel 23
3.2 Höflichkeit ein Parade-Motiv 26
3.3 Indirekte Sprechakte per Implikatur 30
Jenseits des Wörtlichen - Vergleich zweier Theorien indirekter Sprechakte
1. Einleitung
1.1 Allgemeine Einleitung
Die Frage nach indirekten Sprechakten gehört seit knapp 30 Jahren zu den wichtigsten Fragen der allgemeinen Sprechakttheorie im Rahmen Pragmatik. In der vorliegenden Hausarbeit sollen, ausgehend von zwei grundlegenden Texten der Forschung auf entsprechendem Gebiet, einige Anwendungsfälle, Erklärungsansätze und kontroverse Hypothesen vorgestellt und diskutiert werden.
Nach einer kurzen Einführung ins Forschungsfeld der
indirekten Sprechakte unter dem Fragebanner „Was sind indirekte Sprechakte?“ in Kapitel 1.2 sollen zunächst die beiden Ur-Texte zur Theorie der indirekten Sprechakte vorgestellt und abgeglichen werden. John Searles Aufsatz „Indirekte Sprechakte“ (Searle: 1982) verfolgt dabei den vom Autor bereits Anfang der 70er Jahre eingeschlagenen Weg eng an der Semantik von Sprechakten entlang, indem behauptet wird, dass per Bezugnahme auf die bereits im Rahmen der allgemeinen Sprechakte definierten Glückenbedingungen bestimmter Sprechaktklassen auf den ihnen zu Grunde liegenden Sprechakt verwiesen werden könne (Kap. 2.1). Diesem Ansatz soll in Kapitel 2.2 unter dem Titel „Indirect Acts and Illocutionary Standardization“ (Bach/Harnish: 1979) die eher pragmatische Theorie von Bach & Harnish entgegen gestellt werden, im Rahmen derer für indirekte wie direkte Sprechakte gleichermaßen ein Schlussprozess angenommen wird.
In Kapitel 3 schließlich sollen einige Reaktionen auf die inzwischen jeweils durchaus etwas in die Jahre gekommenen Texte vorgestellt und diskutiert werden. Da als Parade-Motiv zum Einsatz indirekter Sprechakte immer wieder die Höflichkeit angeführt wird, soll hier das in „Politeness“ skizzierte Höflichkeitskonzept von Brown & Levinson aus dem Jahr 1987 kurz zur Sprache kommen, ehe mit Meibauers
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Vorschlag zur Rhetorizität („Rhetorische Fragen“, 1986) in Kapitel 3.2 einige Standardanwendungen indirekter Sprechakte skizziert werden. Zum Ende des dritten Kapitels sei noch die skeptische Hypothese Bertolets („Are there indirect speech acts?“, 1994) diskutiert, im Rahmen derer die Existenz jeglicher indirekter Sprechakte in Frage gestellt wird. In einem kurzen Fazit (Kap. 4) sollen abschließend noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit gebündelt werden.
1.2 Was sind indirekte Sprechakte?
Bsp. [1]
a. Der Kleine hat in die Windeln geschissen.
b. Hier zieht es.
c. Es gibt noch eine Kleinigkeit.
d. Kannst du mir das Salz reichen?
e. Wissen Sie, wo der Bahnhof ist?
r. Ist das realistisch?
(vgl. Meibauer: 2001, S. 101)
Bei den oben aufgeführten Sätzen handelt es sich augenscheinlich nicht um einfache, direkte Sprechakte, deren Illokution sich aus verschiedenen Indikatoren widerspruchsfrei konstituiert, sondern um Sprechakte, bei denen der Sprecher offenbar etwas anderes meint, als das, was er wörtlich äußert. Anders gesagt: Die Sätze haben gemeinsam, dass ihre vom Sprecher intendierte und vom Hörer verstandene Illokution von der wörtlich bzw. syntaktisch nahe gelegten Illokution abweicht.
Diese Form von Indirektheit kommt bei Stilfiguren wie Metapher, Ironie, bei rhetorischen Frage sowie Über- und Untertreibung zum Tragen. Die entscheidende Frage dabei ist nun: Wie bzw. woran erkennt der Hörer, dass es sich a) um eine andere als die wörtlich nahe gelegte Illokution handelt, und b) welcher Sprechakt anstelle des (oder der) „übergangenen“ gemeint sein könnte.
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Sind diese Fragen geklärt, so kann weiter gefragt werden, ob die indirekte Illokution zusätzlich zur oder anstelle der direkten Illokution den Hörer erreicht und wie es dazu kommt, dass sich zum einen gewisse Sprechakte offenbar hervorragend zum Vollzug eines anderen eignen („Kannst Du mir (mal) das Salz reichen?“, Frage --> Aufforderung), während andere Sprechaktkombinationen diesbezüglich höchst inkompatibel anmuten (*“Reich mir das Salz?“ Aufforderung -/-> Frage), und zum anderen innerhalb dieser Sprechaktklassenkombination wiederum gewisse Formulierungsmuster („Kannst/ Magst / Willst Du mir mal das Salz reichen?“) besser funktionieren als andere (?*“Bist Du fähig, mir das Salz zu reichen“).
All diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Zunächst werden dazu mit den Aufsätzen von Searle und Bach & Harnish im folgenden Kapitel zwei Grundkonzepte indirekter Sprechakte abgeglichen.
2. Abgleich
2.1 Indirekte Sprechakte bei Searle
2.1.1 Allgemeines
Searles Theorie der Sprechakte, die dieser in Searle (1969) zum ersten Mal zusammenhängend darlegt, zählt zu den einflussreichsten Schriften der pragmatischen Sprachwissenschaft. Auf dem Gebiet der Sprechakte markiert sie den Ausgangspunkt und gleichsam eine vielerorts kritisierte Diskussionsgrundlage jenes nunmehr zentralen Themenkomplexes der Pragmatik. Nachdem der Begriff des Sprechakts bereits durch John L. Austin (1962) in Zusammenhang mit einem geringfügig anders konzipierten System in Umlauf geriet, wurde die dort skizzierte Theorie von dessen Schüler Searle noch einmal entscheidend ausdifferenziert.
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Ein Sprechakt gliedert sich laut Searle in drei Teile:
a. Äußerung von Wörtern (Äußerungsakt)
b. Referenz von Prädikaten (propositionaler Akt) c. Sprachliches Handeln (illokutionärer Akt)
Zu diesen Bestandteilen gesellt sich oftmals ein vierter, nämlich der Effekt, den das Zusammenspiel der drei Akte auf den Hörer zeitigt. Dieser letzte Akt wird oft als „perlokutionärer Akt“ bezeichnet. Hierbei allerdings stellt sich die Frage, inwiefern eine, wenngleich vom Sprecher aktiv intendierte, so doch keineswegs determinierbare (Re-)Aktion des mit dem Sprechakt konfrontierten Hörers durch deren Bezeichnung „Akt“ noch zur Handlung des jeweiligen Sprechers gezählt werden darf.
Unter Äußerungsakt versteht Searle den Einsatz der Fähigkeit des Menschen, Worte intentional, sinnvoll und grammatisch wohlgeformt in Beziehung zu setzen. Geschieht dies auf bestimmte Art und Weise, nämlich derart, dass ein Subjekt mit einem Prädikat in Beziehung gesetzt wird, erhält der geäußerte Satz eine Proposition bzw. einen Gehalt, der sich am präzisesten in einem „dass“-Satz darstellen lässt (z.B. „dass Laura gut kocht“). Im dritten Teilakt schließlich kommt es darauf an, diesen Gehalt mit Hilfe illokutionärer Indikatoren in eine Handlung zu verwandeln. Je nach Sprechakt kommen jeweils andere Indikatoren in Frage. Um den Gehalt „dass Laura gut kocht“ etwa in eine Frage zu verwandeln, bietet sich als grammatischer Indikator die V-1-Stellung in Kombination mit final ansteigender Intonation an („Kocht Laura gut?“). Weitere mögliche illokutionäre Indikatoren eines intendierten Sprechakts sind:
- Verbmodus
- Modalverben
- Satzadverbien
- bestimmte performative Verben („hiermit“)
- Kontext (deiktisches Setting, Redehintergrund)
- bestimmte Partikel („bitte“, „wohl“, „schon“ etc.)
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Die Kombination der drei Teilakte eines Sprechaktes ist bei Searle stets arbiträr. Ein identischer propositionaler Akt kann demnach mit verschiedenen illokutionären Akten, ein identischer illokutionärer Akt mit verschiedenen Äußerungsakten vollzogen werden:
Bsp. [2]
a. Laura ist eine kreative Köchin.
b. Laura ist eine Köchin, die kreativ ist.
In beiden Fällen bleiben propositionaler und illokutionärer Akt derselbe. Ersterer beschränkt sich jeweils darauf, die Eigenschaft „eine kreative Köchin sein“ auf Laura zu beziehen, Letzterer überführt die beiden Sätze gleichermaßen in den Sprechakt der Behauptung. Nur der Äußerungsakt, die Art und Weise also, wie Worte intentional aneinander gereiht werden, um die Folgeakte zu vollziehen, unterscheidet die Beispielsätze. [Beispiel b. ist im vorliegenden Fall komplexer, ohne allerdings informativer oder gehaltvoller zu sein, da es sich bei der Wendung „Köchin, die kreativ ist“ um eine Schachtelung von Inhalten auf syntaktischer Ebene ohne zusätzlichen Erkenntniswert handelt.]
Die Variabilität von Sprechaktteilen ist eine wichtige Voraussetzung zur Existenz und Funktionsweise indirekter Sprechakte. Hier wird uns die Frage beschäftigen, ob es sich bei folgendem Beispiel [3] um einen analogen Fall zu Beispiel [2] handelt.
Bsp. [3]
a. „Wer will (denn schon) mit heißem Öl übergossen werden?“ b. „Niemand will mit heißen Öl übergossen werden.“
Vom Satztypus her indiziert a. eine (rhetorische) Frage, b. dagegen eine Behauptung. Bezüglich indirekter Sprechakte wirft dies zwei Kernfragen auf, die uns im folgenden Kapitel näher beschäftigen werden. Erstens: Vollziehen a. und b. trotzdem den gleichen Sprechakt, nämlich eine Behauptung,
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oder muss bei a. zusätzlich der Sprachakt „Fragen“ mit veranschlagt werden? Wäre jede Antwort im Stile eines „Ich gehe fest davon aus, niemand will das“ als missglückte Kommunikation zu werten? Zweitens: Gegeben, beide Sätze seien bezüglich ihres Sprechaktpotenzials identisch, woran erkennt der Hörer, dass er trotz Frage-Syntax in a. nicht etwa gefragt wird?
Um unser Begriffsinventar hinsichtlich der Beantwortung dieser Fragen zu komplettieren, schließen wir die Beobachtungen zu Searles Theorie der Sprechakte mit einem kurzen Überblick über die fünf Grundtypen. Laut Searle lassen sich alle Sprechakte jeweils einem dieser Sprechaktklassen zuordnen. Diese Zuordnung geschieht anhand von vier Glückensbedingungen, die hier am Beispiel des Sprechakts „Versprechen“ (vgl. Kommissive) vorgestellt werden:
1) Bedingung des propositionalen Gehalts (Sprecher S drückt mit der Äußerung von Text T die Proposition aus, dass p. Und: Indem S ausdrückt, dass p, prädiziert S einen zukünftigen Akt A von S)
2) Einleitungsbedingungen (H würde es vorziehen, dass S A ausführt, statt dass H es unterließe, S auszuführen, und S glaubt, dass H es vorziehen würde, dass S A ausführt, statt es zu unterlassen)
3) Aufrichtigkeitsbedingung (S beabsichtigt, A wirklich zu tun)
4) Wesentliche Bedingung (S beabsichtigt, sich mit der Äußerung von T zur Ausführung von A zu verpflichten)
Das Wissen von Hörer und Sprecher, das bezüglich der intendierten Illokution geteilt werden muss, damit der Sprechakt zu Stande kommt, gehört zur pragmatischen Kompetenz beider. Je nach Ausgestaltung oben geschilderter Bedingungen und deren Kombination mit den Ein- und Ausgabebedingungen für sinnvolles Sprechen und Verstehen teilen sich nunmehr alle Sprechakte in die folgenden fünf
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Sprechaktklassen auf; dementsprechend komplex ist das Wissen der am Sprechakt beteiligten Parteien.
1. Assertive
Der Sprecher legt sich auf die Wahrheit des geäußerten Gehalts fest. Mitglied dieser Klasse sind alle Akttypen, die durch die Verben wie „feststellen“, „behaupten“, „andeuten“ oder „prophezeihen“ ausgedrückt werden.
2. Direktive
Der Sprecher will den Hörer auf die zukünftige Ausführung einer Handlung verpflichten. Mitglied dieser Klasse sind alle Akttypen, die durch Verben wie „auffordern“, „befehlen“, „einladen“ oder „anordnen“ ausgedrückt werden.
3. Kommissive
Der Sprecher verpflichtet sich auf die Ausführung einer zukünftigen Handlung, z.B. bei „versprechen“, „anbieten“, „drohen“ oder „vereinbaren“.
4. Expressive
Der Sprecher bringt einen psychischen Zustand zum Ausdruck, z.B. bei „entschuldigen“, „willkommen heißen“, „danken“ oder „gratulieren“.
5. Deklarationen
Der Sprecher ist Mitglied einer sozialen Institution und stellt durch seine Äußerung einen bestimmten Zustand her, z.B. bei „exkommunizieren“, „verheiraten“, „taufen“, „ernennen“ oder „den Krieg erklären“.
Searles Annahme, dass durch diese Bedingungen die Zugehörigkeit einer jeden Äußerung zu in der Regel einem bestimmten Sprechakt, wenigstens aber zu einer Sprechaktklasse determiniert sei, macht sein System zunächst hilflos gegenüber indirekten Sprechakten wie rhetorischen Fragen oder bestimmten Höflichkeitswendungen, die trotz identischen Bedingungsinventars offenbar selbstverständlich entgegen ihrer wörtlichen Bedeutung anders verstanden und damit je unterschiedlichen Klassen zugeordnet werden. In Searle (1982) hat Searle diesem Phänomenen durch eine Erweiterung seines Systems Rechnung zu tragen versucht.
Quote paper:
Benjamin Baum, 2007, Jenseits des Wörtlichen - Theorien zu indirekten Sprechakten , Munich, GRIN Publishing GmbH
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