Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ii
1 Einleitung. 4
1.1 Problemstellung 4
1.2 Zielsetzung. 5
1.3 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit 6
2 Konflikte und Problemlagen in der Stadt 8
2.1 Einführung 8
2.2 Soziale Ausgrenzung und Segregation 8
2.2.1 Soziale Ausgrenzung 9
2.2.2 Segregation 11
2.3 Benachteiligte Stadtteile 14
2.3.1 Ursachen 14
2.3.2 Herausbildung und Folgen. 19
3 Bund-Länder-Programm Die Soziale Stadt 22
3.1 Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf 23
3.2 Programminhalte und -strukturen 25
3.3 Der Schwerpunkt: Aktivierung und Beteiligung 27
3.3.1 Aktivierung 28
3.3.2 Beteiligung. 30
3.4 Das Berliner Quartiersmanagement. 31
3.4.1 Die Quartiersmanagement-Gebiete. 32
3.4.2 Funktionsweise 32
3.4.3 Finanzierungsgrundlage. 34
3.4.4 Ziele und Aufgaben 34
4 Das Gebiet Köpenick-Oberschöneweide 38
4.1 Beschreibung des Gebietes 38
4.1.1 Stadträumliche Lage 38
4.1.2 Historischer Überblick. 38
4.1.3 Entwicklung des Gebietes. 39
ii
Einleitung
4.1.4 Defizite und Probleme im Gebiet 41
4.2 Das Gebiet wird zum Sanierungsgebiet. 42
4.2.1 Sanierungsziele und bisherige Maßnahmen 43
4.2.2 Wirksamkeitsgrenzen. 45
5 Das Quartiersmanagement Oberschöneweide 46
5.1 Initiierung des Quartiersmanagements Oberschöneweide. 46
5.2 Gebietsspezifische Ziel- und Aufgabenstellung 49
5.2.1 Wohnen und Wohnumfeld. 49
5.2.2 Bildung und Erziehung 50
5.2.3 Arbeit und Gewerbe. 51
5.2.4 Integration und Zusammenleben 52
5.2.5 Bewohnerbeteiligung 53
5.3 Der Schwerpunkt der Bewohnerbeteiligung und -aktivierung 54
5.3.1 Vorbemerkungen 54
5.3.2 Umsetzung im Quartiersmanagement Oberschöneweide 54
5.3.2.1 Handlungsfeld Wohnen und Wohnumfeld 55
5.3.2.2 Handlungsfelder Bildung und Erziehung, Arbeit und Gewerbe. 62
5.3.2.3 Handlungsfeld Integration und Zusammenleben. 63
5.3.2.4 Handlungsfeld Bewohnerbeteiligung 65
5.3.2.5 Öffentlichkeitsarbeit 72
5.3.3 Grenzen der Bewohneraktivierung 75
5.3.4 Bewertung. 80
6 Fazit 88
6.1 Ansatzpunkte für das Quartiersmanagement Oberschöneweide 88
6.1.1 Bessere Vernetzung von Schulen und Kindertagesstätten. 88
6.1.2 Quartierszentrum 88
6.1.3 Bürgermoderator. 89
6.1.4 Weitere Empfehlungen 90
6.2 Zusammenfassung und Ausblick 91
Quellenverzeichnis. 93
Anhang. I
Abbildungen. I
Übersicht über Projekte IV
Umfragen VIII
iii
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Die Entwicklung von Städten, Stadtteilen oder Quartieren sowie ihrer Bevölkerung ist seit längerem im Diskurs des politischen Geschehens in Deutschland. Mit dem sich beschleunigenden Strukturwandel moderner Gesellschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts haben sich die Rahmenbedingungen in den Städten und Gemeinden nachhaltig verändert. 1 Die aktuell ökonomischen, demographischen und sozialen Veränderungen gehen mit Konsequenzen für nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche einher. Dieser wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbruch macht sich besonders in einer neuen Art der Verteilung der Bevölkerung innerhalb des Stadtgefüges bemerkbar und zieht eine soziale Ungleichheit nach sich, die gegenüber den bisher bekannten Formen eine neue Dimension erreicht hat. Das Stadtbild ist gekennzeichnet durch eine stärkere Trennung reicher und armer Wohngebiete und einer damit einhergehenden Spaltung, d. h. dass die soziale Ungleichheit zunehmend räumlich differenziert in Erscheinung tritt und sich Gebiete herauskristallisieren, die auf-grund ihrer Problemsituation von der gesamtgesellschaftlichen und gesamtstädtischen Entwicklung weitgehend abgekoppelt sind. 2 Diese als Segregation bezeichnete soziale Ausgrenzung benachteiligter Bevölkerungsgruppen hat bei weitem noch nicht die Ausmaße erreicht, wie sie in den französischen Vororten oder den Ghettos amerikanischer Städte vorzufinden sind. 3 Dennoch ist der Handlungsbedarf offensichtlich, will man der Abwärtsentwicklung in Stadtteilen mit hoher Problemkonzentration wirksam entgegenwirken. In den letzten dreißig Jahren geschah dies mit einer Abfolge politischer Städtebauförderungsprogramme, die mit ihrem primär baulich-orientierten Ansatz die Bausubstanz erneuerten, den sozialen Abstieg der Quartiersbevölkerung jedoch nicht
1 Vgl. unter anderem Hart; Herlyn; Scheller (1998) und Heinz (1998), S. 225ff.
2 Vgl. Häußermann; Kapphan (2000b), S. 14ff. und Häupl (Hrsg.) (1996) S.4ff.
3 Vgl. Keller (1999) und Thieme ( 1993), S. 169f.
4
Inhaltsverzeichnis
aufhalten konnten. 4 Man kam zu der Einsicht, dass sich die Abwertungsprozes-
se in den betroffenen Gebieten ohne eine koordinierte Anstrengung von Politik,
Verwaltung und Wirtschaft sowie der Bewohnerschaft und anderen lokal enga-
gierten Akteuren weiter verstärken würde. Mit dieser Erkenntnis wurde 1999
das Bund-Länder-Programm Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf -
die Soziale Stad, (kurz Soziale Stadt) eingerichtet. 5 Mit dem Ziel der Abwärts-
entwicklung in den problembeladenen Quartieren vor allem durch die Integra-
tion und Partizipation der dort lebenden Bevölkerung zu begegnen, wurde eine
neuer , sozialorientierter Ansatz in der Stadtentwicklungspolitik geschaffen. 6
In diesem Rahmen ist auch die Entwicklung und Einrichtung des Quartiersma-
nagement -Programms 1999 in Berlin einzuordnen. In mittlerweile 23 verschie-
denen Gebieten, unter anderem in Oberschöneweide wurde das Quartiersmana-
gement -Verfahren installiert mit dem Anspruch die Wohn- und Lebensqualität
zu verbessern und zu stabilisieren. Man ist sich bewusst, dass nur bei ausrei-
chend breiter Akzeptanz, Mithilfe und Eigeninitiative eine Stabilisierung und
Aufwertung dieser besonders benachteiligten Quartiere gelingen kann. Aus
diesem Grund liegt der Schwerpunkt auf der möglichst breiten Beteiligung und
Aktivierung der Bewohner 7 , was zugleich als Voraussetzung für den Erfolg des
Programms gesehen wird. 8
1.2 Zielsetzung
Ziel dieser Arbeit ist es am Beispiel des Quartiersmanagements-
Obersch öneweide herauszuarbeiten, wie die Bewohner eines problembeladenen
Stadtteils in die positive Entwicklung einbezogen werden können und müssen
und anhand dessen eine Bewertung zwischen Anspruch und Wirklichkeit des
Programms vorzunehmen. Dafür ist es notwendig, den Entstehungsprozess von
Problemgebieten darzustellen, um den Hintergrund, den Anlass und die Ziel-
setzung des Quartiersmanagement-Programms nachzuvollziehen.
4 Vgl. Walther Günther (2004), S. 185f und Tietzsch (1996)
5 Vgl. Heidede Löhr (2000), S. 22ff.
6 Vgl. Alisch (Hrsg.) (1998), S. 153f.
7 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Bezeichnung verwendet.
8 Vgl. Franke (2003), S. 193ff.
5
1.3 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit
Es erfolgt zunächst eine Literaturanalyse, um sich einen Überblick über die Problemlagen in der Stadt und den sich daraus ergebenden Handlungsbedarf für die Stadtpolitik zu verschaffen. Anschließend wird das Bund-Länder-Programm Die Soziale Stadt und das Quartiersmanagement-Programm in Berlin vorgestellt. In einem weiteren Schritt wird dann ausgehend von einer kurzen Vorstellung des zu untersuchenden Gebietes konkret am Quartiersmanagement Oberschöneweide untersucht, inwieweit die dort lebende Bevölkerung in den Prozess der Stadtteilentwicklung integriert wird.
Die wissenschaftliche Herangehensweise an diese Arbeit ist demnach zum einen durch die theoretische Analyse gekennzeichnet. Es werden möglichst unterschiedliche Literaturquellen (Lehrbücher, Studien, Fachtagungsberichte, Fachzeitschriften, Tageszeitungen), mündliche Auskünfte sowie Internetquellen herangezogen und ausgewertet. Dadurch sollen Zusammenhänge und Systematisierungen zu den Themen herausgearbeitet sowie Schlussfolgerungen für die Initiierung des Quartiersmanagement-Verfahrens gezogen werden. Zum anderen wird die praktische Umsetzung in dem zu untersuchenden Gebiet anhand ausgewählter Projekte und einer Bürgerbefragung aufgezeigt.
Das erste Kapitel, stellt die Problematik der zunehmenden sozialräumlichen Polarisierung innerhalb der Städte kurz dar und skizziert die sich daraus ergebenen Veränderungen. Das methodische Vorgehen und der Aufbau der Arbeit sind ebenfalls Inhalte des ersten Kapitels.
Im Kapitel zwei wird detaillierter auf die sozialräumliche Polarisierung und wie sich das Phänomen der Segregation und der sozialen Ausgrenzung erklären lässt eingegangen. Es werden Ursachen und Auswirkungen beschrieben, um zu einem umfassenden Bild der Prozesse zu kommen und den Handlungsbedarf innerhalb der Stadtentwicklung zu verdeutlichen.
Das Bund-Länder-Programm Die Soziale Stadt, sowie das im Zuge dessen parallel dazu initiierte Verfahren des Berliner Quartiersmanagement sind Ge-genstand des dritten Kapitels. Nach einer kurzen Darlegung der Programmin-
6
halte und Strukturen, wird auf den Schwerpunkt der Bewohneraktivierung und -beteiligung innerhalb des Programms der Sozialen Stadt eingegangen. In einem weiteren Schritt wird das Berliner Quartiersmanagement anhand seiner Funktionsweise, der Ziele und Aufgaben dargelegt.
Im Kapitel vier wird das Gebiet Köpenick-Oberschöneweide vorgestellt und seine besondere Situation erläutert. Zunächst werden die Entwicklung des Gebietes und die sich daraus ergebenden Defizite und Probleme näher beleuchtet, die zur Festlegung eines Teils des Quartiers zum Sanierungsgebiet führten. Nachfolgend sind die Maßnahmen innerhalb der Sanierung, sowie die Wirksamkeitsgrenzen dieser, die schließlich zur Initiierung des Quartiersmanagements Oberschöneweide geführt haben, Gegenstand des Kapitels.
Im 5. Kapitel liegt das Augenmerk auf dem Schwerpunkt der Bewohnerbeteiligung und -aktivierung im Rahmen des Quartiersmanagements Oberschöneweide. Nach einem Überblick über die gebietsspezifischen Ziel- und Aufgabenstellungen und deren Umsetzung soll herausgearbeitet werden, welche Beteiligungs- und Aktivierungsformen in Oberschöneweide genutzt werden. Es soll auf einzelne Projekte detaillierter eingegangen werden, um herauszustellen, wie der Aspekt der Einbeziehung der Bewohner in die Stadtteilentwicklung zum Tragen kommt bzw. umgesetzt wird. Ferner soll auf mögliche Grenzen und Barrieren der Bewohnermobilisierung eingegangen werden, bevor anschließend eine Bewertung der Umsetzung des Schwerpunktes der Bewohnerbeteiligung und -aktivierung in dem zu untersuchenden Gebiet erfolgt.
In die Bewertung fließen die Ergebnisse einer Umfrage ein, die im Sommer 2005 unter Teilen der Bevölkerung in Oberschöneweide durchgeführt wurde. Des Weiteren finden auch die Auswertungen einer Online-Befragung bei Initiativen, Vereinen, Einrichtungen und Unternehmen in Oberschöneweide Berücksichtigung.
Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte und Ergebnisse in Kapitel sechs ab und gibt zudem mögliche Empfehlungen zur Optimierung und weiteren Programmumsetzung.
7
Inhaltsverzeichnis
2 Konflikte und Problemlagen in der Stadt
2.1 Einführung
Unmittelbare Voraussetzung für das Verständnis eines Handlungsbedarfs
innerhalb des Stadtgefüges ist das Verständnis für den gesamtgesellschaftli-
chen und ökonomischen Strukturwandel, der die Rahmenbedingungen für die
Stadtentwicklung verändert. Seit etwa einem Jahrzehnt werden in den USA und
Europa neue Strukturen sozialer Ungleichheit beobachtet und beschrieben, die
gegen über den bisher bekannten Formen von Benachteiligung und Diskriminie-
rung eine neue Qualität darstellen. Um die Entstehungsgeschichte des Pro-
gramms der Sozialen Stadt 9 , und damit auch die Initiierung des Quartiersmana-
gement -Oberschöneweide, besser verstehen und nachvollziehen zu können,
muss man sich über die städtischen Konflikte und Problemlagen, die sich nicht
mehr nur durch den schlechten Zustand von Häusern und Wohnungen erklären
lassen , ein Bild machen.
So soll in den folgenden Abschnitten näher auf Begriffe wie soziale Ausgren-
zung und Segregation, sowie deren Ursachen und Folgen eingegangen werden,
die spätestens seit den neunziger Jahren zu den zentralen Themen der stadtso-
ziologischen Forschung gehören. 10
2.2 Soziale Ausgrenzung und Segregation
Mit den Begriffen Ausgrenzung und Segregation werden Prozesse bezeichnet,
die unter anderem für die Krise der sozialen Stadt verantwortlich sind. Somit
gilt es zunächst zu klären, was unter Ausgrenzung, bzw. sozialer Ausgrenzung
und Segregation zu verstehen ist.
9 Dazu ausführlicher im Abschnitt 3.
10 Vgl. unter anderem Kapphan (2002), S.37.
8
2.2.1 Soziale Ausgrenzung
Ausgrenzung oder Ausgrenzung (lat. exclusio) im Allgemeinen bezeichnet „den nachhaltigen Ausschluss einzelner sozialer Akteure oder ganzer Gruppierungen aus den sozialen Kreisen, die sich als die ‚eigentliche‘ Gesellschaft verstehen.“ 11 Der Unterschied des Ausgrenzungsbegriffs gegenüber der Armut ist, dass nicht das Einkommen oder die objektive Lebenslage die Ausgrenzung bestimmt, sondern die subjektiv erlebte Distanz zur Gesellschaft. 12 Der Begriff der Ausgrenzung stellt weniger den Zustand, sondern mehr den Prozess dar, bei „[…] dem [sich] Individuen oder Haushalte […] von den durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung entfernen bzw. entfernt werden.“ 13 Häußermann unterscheidet dabei vier zentrale Dimensionen, in denen es zu einer Ausgrenzung kommen kann:
Die ökonomische Dimension durch den Ausschluss vom Arbeitsmarkt, wenn die Rückkehr oder der Eintritt in die reguläre Erwerbsarbeit dauerhaft versperrt ist; die institutionelle Ausgrenzung, zum einen durch den Rückzug öffentlicher und privater Dienstleistungen auf bestimmten Gebieten der Stadt bzw. der eingeschränkten Fähigkeit staatlicher Institutionen, die Bewohner dieses Gebietes zu unterstützen und zum anderen, durch unüberwindbarer Schranken zwischen den Betroffenen und den politischen bzw. sozialstaatlichen Institutionen; die kulturelle Dimension, wenn Stigmatisierung und Diskriminierung zum Verlust des Selbstwertgefühls und zum Verlust der moralischen Qualifikation führen, die Voraussetzung für ein integriertes Leben sind, d. h. wenn die Menschen von den Möglichkeiten ausgeschlossen sind, entsprechend den gesellschaftlich anerkannten Verhaltensmustern und Werten zu leben; die soziale Ausgrenzung, wenn der Kontakt zum Rest der Gesellschaft durch soziale Isolation und des Lebens in einem geschlossenen Milieu dauerhaft unterbrochen wird. 14
Die gesellschaftliche Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung, insbesondere von Armen und Arbeitslosen, begleitet die Entwicklung der kapitalistischen
11 Zitiert nach http://www.wikipedia.org/wiki/Ausgrenzung.
12 Vgl. Kapphan (2002), S. 33.
13 Zitiert nach Häußermann (2000), S. 13.
14 Vgl. Häußermann (2000), S. 13 und Kapphan (2002), S.31f.
9
Gesellschaften seit jeher. Neu an der Situation ist, dass die zunehmende Spaltung in Arm und Reich inmitten eines gesellschaftlichen Wohlstands und den damit insgesamt verbesserten Lebensbedingungen stattfindet. In diesem Zusammenhang werden die Abstände zwischen oben und unten im Hinblick auf Einkommen und den damit verknüpften Lebensbedingungen und Lebenschancen auf einem insgesamt höheren Niveau größer. Neu an der Situation ist auch, dass sich die Formen der Ausgrenzung verändert haben. Die neue Form der gesellschaftlichen Spaltung ist dadurch gekennzeichnet, dass für einen wachsenden Teil der Bevölkerung der dauerhafte Ausschluss aus dem Beschäftigungssystem die gesellschaftliche Isolation bedeutet, d. h., dass die Betroffenen von der allgemeinen Wohlstandsentwicklung abgekoppelt werden. In diesem Fall spricht man von sozialer Ausgrenzung (soziale Ausgrenzung). 15
Erwerbslosigkeit und steigendes Verarmungsrisiko führen keineswegs immer in die gesellschaftliche Isolation und können demnach nicht mit sozialer Ausgrenzung gleichgesetzt werden. Der Ausschluss vom Arbeitsmarkt für einen wachsenden Teil der Bevölkerung ist im Allgemeinen Ausdruck einer verschärften sozialen Ungleichheit. Von sozialer Ausgrenzung kann erst gesprochen werden, wenn den Personen mit den Möglichkeiten der Erwerbsarbeit auch die Chancen auf gesellschaftliche Anerkennung genommen werden. 16 Der Begriff der sozialen Ausgrenzung beschreibt demnach Prozesse der Marginalisierung 17 eines Teils der städtischen Bevölkerung, die eine neue soziale Qualität erreicht haben. Diese neue Qualität äußert sich z. B. darin, dass es für viele Betroffene weniger die existentielle Not ist, die als belastend empfunden wird, als vielmehr das Gefühl, inmitten einer sich immer noch durch Erwerbsarbeit definierten sozialen Umwelt nicht mehr gebraucht zu werden. 18 Soziale Ausgrenzung ist die Folge der räumlichen Konzentration von Personen und Haus-
15 Vgl.Kronauer (1998), S.13 und Farwick (2001), S.17.
Mit dem Ausschluss vom Arbeitsmarkt ist Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit oder erzwunge-
ner Rückzug vom Arbeitsmarkt gemeint. Vgl. Kronauer (1998), S. 25.
16 Vgl. Mirbach (1999), S.9f.
17 Marginalisierung ist ein Synonym für Ausgrenzung und beschreibt einen Prozess, „bei dem sozial
schwächere Bevölkerungsschichten an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und dadurch deutlich
weniger an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.“ Zitiert nach
http://www.wikipedia.org/wiki/Marginalisierung.
18 Vgl. Mirbach (1999), S.1.
10
Inhaltsverzeichnis
halten in spezifischen Gebieten, die in ähnlicher Weise verarmt sind und
diskriminiert und benachteiligt werden. Diese sozialräumliche Differenzierung
der Bevölkerung wird auch mit dem Begriff der Segregation beschrieben. 19
2.2.2 Segregation
Der Begriff Segregation kommt aus dem lateinischen (segregatio) und bedeutet
allgemein soviel wie Trennung, Spaltung und Absonderung. 20 Auf den Stadt-
raum bezogen beinhaltet der Begriff das sozialräumliche Ordnungsprinzip der
Stadt und wurde von den Vertretern der Chicagoer Schule geprägt und defi-
niert. 21
Die gesellschaftlichen Ungleichheiten ökonomischer, kultureller und sozialer
Art schlagen sich nicht nur in den Kontaktkreisen und Teilhabechancen, son-
dern auch in der Wahl der Wohnstandorte nieder. Es gehört zur Struktur einer
jeden Stadt, dass sich in ihr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bzgl.
bestimmter Merkmale auf verschiedene Gebiete verteilen. Bereits in den
mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten Europas gab es die räumliche
Trennung beispielsweise der Kaufleute und der Handwerker in jeweils eigenen
Teilen der Stadt. Die Segregation entlang des Merkmals Beruf ist eine Form
der ungleichen Verteilung der Bevölkerung über den städtischen Raum. 22 Die
Segregationsforschung unterscheidet vier verschiedene Dimensionen, nach
denen sich einzelne Bevölkerungsgruppen in den jeweiligen Gebieten vonein-
ander unterscheiden:
Segregation nach dem ökonomischen Status, d. h. bzgl. des Einkommens, des
Eigentums und der Position auf dem Arbeitsmarkt
Segregation nach den sozialen Status, d. h. unter anderem nach den Merkmalen
bzgl. der Bildung und der sozialen Integration
19 Vgl. Schacht (1999)
20 Vgl. Fremdwörterbuch Duden (2001), S.900.
21 Vgl. Kapphan (2002), S. 39.
Die Wissenschaftliche Behandlung der sozialräumlichen Stadtstruktur ist stark vom deskriptiv-
analytischen Ansatz der Modelle der Chicagoer Schule geprägt worden, der die Dynamik von Stadt-
wachstum und innerer Differenzierung städtischer Teilgebiete anhand US-amerikanischer Städte der 20er
Jahre thematisierte. Vertiefend zur Chicagoer Schule vgl. unter anderem Tomasi (1998)
22 Vgl. Schacht (1999)
11
Inhaltsverzeichnis
Segregation nach kulturellen Merkmalen, d. h. nach der ethnischen und religiö-
sen Zugehörigkeit und normativen Orientierungen und
Segregation nach demographischen Merkmalen, d. h. nach der Stellung im
Lebenszyklus. 23
Es ist verständlich, dass nicht jede Form der Segregation ein soziales Problem
darstellt. Dies wird deutlich, wenn man die exklusiven Wohngebiete der Rei-
chen betrachtet, die ein hohes Maß an Segregation und homogenen Nachbar-
schaften aufweisen. So unterscheidet man zwischen der freiwilligen (beabsich-
tigten ), der unintendierten und der erzwungenen Segregation, wobei man
grunds ätzlich davon ausgeht, dass sich jedes Individuum das Gebiet als Stand-
ort sucht, das am ehesten seine Wohnstandortfaktoren erfüllt und seinen finan-
ziellen Möglichkeiten entspricht. 24 Die freiwillige Segregation ist oft die Folge
direkter Distanzierungs- und Abgrenzungswünsche von anderen Sozialgruppen.
Der Wohnstandort wird bewusst so gewählt, „dass die Ähnlichkeit des eigenen
Lebensstils mit dem der Nachbarn maximiert wird“ 25 , mit dem Bestreben, sich
dadurch vom Rest der Stadt abzuschotten. Diese Form der Segregation basiert
demnach in der Regel auf Sicherheitsbedürfnis, Prestigestreben und Vorurtei-
len besser ausgebildeter und verdienender Schichten der Gesellschaft, wie es
Marcuse am Beispiel von amerikanischen Großstädten, in denen sich die Klas-
sentrennung räumlich sehr deutlich zeigt, beschreibt. 26 So erklärt Marcuse,
dass sich die oberen gesellschaftlichen Schichten vom Rest der Stadt dadurch
abzuschotten versuchen, indem sie möglichst viele Dienstleistungen und Ein-
richtungen in ihrem Gebiet aufnehmen. Dies ermöglicht es der dort lebenden
Bev ölkerung, in einer Welt zu leben, die wohlbehütet vor Kontakten mit Nicht-
mitgliedern ihrer Klasse ist. Dies verdeutlicht, dass eine räumliche Segregation
durchaus erwünscht ist, denn die Attraktivität und damit das Image des Stadt-
teils sollen, so Marcuse, erhalten bleiben und nicht durch den Anblick von
Menschen der Unterschicht getrübt werden. 27 Auf der anderen Seite kann sich
23 Vgl. Dangschat (1998), S.215.
24 Vgl. Harth (1998), S.48 und Stichs (2003), S.27.
25 Zitiert nach Friedrichs (1995), S.93.
26 Vgl. Marcuse (1993), S.232.
27 Vgl. Marcuse (1993), S.235f.
12
Segregation auch als Nebenfolge der Verwirklichung gleichgerichteter Wohn-standortpräferenzen einzelner Bevölkerungsgruppen ergeben, die durch den Wohnungsmarkt an bestimmten Standorten kanalisiert werden. 28 In diesem Fall ist die Segregation ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt, also unintendiert. Von einer erzwungenen Segregation spricht man vor allem bei der einkommensärmeren Bevölkerungsgruppe, die aufgrund ihrer eingeschränkten Ressourcen oft keine Chance auf dem frei finanzierten Wohnungsmarkt hat und sich mit Wohnlagen begnügen muss, in denen preiswerter Wohnraum angeboten wird. Somit bilden sich mit der individuellen Wohnstandortentscheidung begünstigter Bevölkerungsgruppen auch Gebiete heraus, in denen hauptsächlich sozial Benachteiligte verbleiben. Hoyt brachte das Prinzip der freiwilligen und erzwungenen Segregation auf folgende Formel: „Die Reichen wohnen, wo sie wollen, die Armen, wo sie müssen.“ 29 Mit der Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Segregation wird deutlich, dass Segregation das Ergebnis des Wohnstandortwahlverhaltens ist, das klar unterscheidbare Nachbarschaften hoher interner Homogenität in der Stadt zur Folge haben kann, und dies wird auch mit dem speziellen Begriff der residentiellen Segregation beschrieben.
Wie bereits am Beispiel der exklusiven Wohngebiete in den amerikanischen Großstädten deutlich wurde, ist Segregation als solche nicht generell unerwünscht. So stellt auch die räumliche Segregation von Zuwanderern nicht immer ein Problem dar. Man geht davon aus, dass Stadtteile mit einem höheren Anteil an gleichen ethnischen ausländischen Gruppen für Neuzuwanderer eine Art Auffangbecken und Schutzraum bilden können, in dem sie sich auf der Grundlage der Anerkennung ihrer mitgebrachten Identität mit der neuen Heimat auseinandersetzen können. So können Gebiete mit einer hohen Konzentration von Bewohnern einer bestimmten Nationalität einen Übergangsort darstellen, der die Kommunikationsbezüge und die Integration erleichtert und aus dem auch ein besonderes Maß an gegenseitiger Unterstützung und Selbsthilfe erwachsen kann. Das bezieht sich generell auf die räumliche Konzentration
28 Vgl. Harth (1998), S.170.
29 Zitiert nach Harth (1998), S.29.
13
Inhaltsverzeichnis
von Personen ähnlicher Soziallage. 30 Nachdem nun die vermeintlichen Vorteile
der Konzentration von sozialen Haushalten dargelegt wurden, ergibt sich die
Frage , ab wann Segregation zum Problem wird, d. h. wo die Grenze einer tole-
rierbaren räumlichen Differenzierung liegt.
Die Verräumlichung sozialer Ungleichheiten wird dann problematisch, wenn
sie zur Ursache sozialer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Benachteiligung
einzelner Sozialgruppen oder Quartiere bzw. Stadtteile wird. 31 Ab dem Punkt,
ab dem Segregation eine Verstärkung der bestehenden sozialen Ungleichheiten
bedeutet und die Konzentration von sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen
sich zusätzlich benachteiligend für diese auswirkt, wird Segregation zum Prob-
lem der Stadt. Es entstehen hoch segregierte Gebiete, die mit stigmatisierten
Begriffen wie Elendsquartiere, soziale Brennpunkte oder Ähnlichem belegt
werden , auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll. 32
2.3 Benachteiligte Stadtteile
Es haben sich nicht nur bundesweit, sondern auch in europäischen Nachbar-
staaten Stadtteile herausgebildet, in denen sich soziale, wirtschaftliche und
st ädtebauliche Problemlagen in besonderer Weise überlagern und die dadurch
von der gesamtgesellschaftlichen und gesamtstädtischen Entwicklung weitge-
hend abgekoppelt sind. 33 Selbst wenn die Situation in den europäischen Städten
heute nicht mit jenen amerikanischen Ghettos zu vergleichen ist, gibt es doch
immer stärker werdende Tendenzen zur sozialräumlichen Segregation. Wie
kommt es zu dieser Form der Ausgrenzung, die spätestens seit den 80er Jahren
die politischen und wirtschaftlichen Debatten in Deutschland prägt?
2.3.1 Ursachen
Seit jeher spiegelt sich soziale Ungleichheit in der Stadt in der ungleichen Ver-
teilung der Bevölkerung auf Quartiere mit unterschiedlichen Wohn- und
30 Vgl. Häußermann (2000), S.18f und Harth (1998), S.230f.
31 Vgl. Harth (1998), S.231.
32 Vgl. unter anderem Stichs (2003), S.29 und Mirbach (1999), S.153.
33 Vgl. Haack (2004), S.56.
14
Lebensqualitäten wieder. Seit Mitte der 70er Jahre jedoch erhält die soziale und räumliche Differenzierung und Polarisierung innerhalb der Städte aufgrund eines umfassenden ökonomischen und sozialen Strukturwandels und den damit einhergehenden Prozessen ein neues Gewicht.
In den folgenden drei Abschnitten soll ausführlicher auf die drei Komponenten eingegangen werden, die Einfluss auf die wachsende soziale Ungleichheit der Bevölkerung und damit auf die sozialräumliche Struktur der Stadt haben.
Arbeitsmarktentwicklung
Die Städte befinden sich in einer Phase des Übergangs, der geprägt ist durch den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Dieser Prozess wirkt sich vor allem auf die unqualifizierten Arbeiter aus, da der wachsende Dienstleistungsbereich nicht genug bzw. nicht die Arbeitskräfte auffängt, die im Zuge der Deindustrialisierung freigesetzt werden. Mit dem Abbau der Industriegesellschaft geht folglich ein Prozess einher, der immer mehr Menschen vom Arbeitsmarkt ausschließt. Das kommt z. B. in der seit Jahren anhaltenden Massenarbeitslosigkeit sowie der damit verbundenen kontinuierlichen Zunahme der Sozialhilfeempfänger zum Ausdruck. 34
Zugleich verändert sich unser Beschäftigungssystem, das durch eine Polarisierung der Qualifikationsstruktur gekennzeichnet ist. Im wachsenden Dienstleistungsbereich nimmt einerseits die Zahl der hoch qualifizierten Tätigkeiten in den unternehmensorientierten Dienstleistungen wie EDV, Werbung und Marketing, Forschung und Entwicklung, Informations- und Kommunikationsdienste sowie in der Unterhaltungsindustrie zu. Andererseits steigt aber auch die Zahl der Tätigkeiten, für die nur niedrige Qualifikationen verlangt werden und die deshalb sehr niedrig bezahlt werden. 35 Ein weiteres Merkmal des Arbeitsmarktes des 21. Jahrhunderts ist die zunehmende Flexibilisierung und Deregulierung hinsichtlich der Arbeitszeiten, der Arbeitsplatzsicherheit und der sozialen
34 Die Arbeitslosigkeit hat bereits in den 90er Jahren in Deutschland ein Ausmaß erreicht, das den Stand
der schlimmsten Jahre der Weimarer Republik überschritten hat. Vgl. unter anderem Friedrich (1999), S.
263.
35 So zählen Tätigkeiten im Bereich der Gastronomie, Bewachungs- und Reinigungsdienste sowie Ge-
sundheits- und Soziale Dienste zum Bereich des so genannten. Niedriglohnsektors. Vgl. Mirbach (1999),
S.14f.
15
Absicherung. Diese Umbrüche in der Erwerbsarbeit kommen in der stetig anwachsenden Zahl atypischer und prekärer Beschäftigungsformen zum Ausdruck, was sich darin zeigt, dass unter den Erwerbstätigen selbst die Einkommen immer weiter auseinanderklaffen. 36
Der Arbeitsmarkt differenziert sich also im Unterschied zu früher nicht nur zwischen hoch und niedrig bewerteten Tätigkeiten, sondern zunehmend auch zwischen fest angestellten Arbeitnehmern, wenig abgesicherten Beschäftigten und Erwerbslosen. Diese Tendenzen haben weitreichende Folgen für die Lebensverhältnisse unserer Gesellschaft, die sich besonders in den großen Städten bemerkbar machen, denn hier konzentrieren sich die am Arbeitsmarkt benachteiligten und auf staatliche Unterstützung angewiesenen Bevölkerungsgruppen. Hier tritt die Spaltung zwischen Gewinnern Verlierern, Bevorteilten und Benachteiligten des Modernisierungsprozesses am deutlichsten in Erscheinung.
Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung
Die mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt einhergehenden wachsenden sozialen Unterschiede werden durch den Rückzug des Staates aus der Woh-nungsversorgung verstärkt. 37 Bisher war das deutsche Stadtsystem im internationalen Maßstab vergleichsweise wenig von Benachteiligung und sozialer Ungleichheit geprägt. Dazu haben eine Reihe von Netzen und Maßnahmen beigetragen, zu denen neben den nationalen sozialen Sicherungssystemen unter anderem die zentralstaatliche Regulierung des Wohnungsmarktes in Form des sozialen Wohnungsbaus gehört. Mit dem Konzept des sozialen Wohnungsbaus bezeichnete man ab den 30er Jahren den staatlich geförderten Mietwohnungsbau. Damit erfolgte die Versorgung mit Wohnraum nicht mehr nur über den privatwirtschaftlichen Markt, bei dem die Wohnsituation einzig und allein an die Position am Arbeitsmarkt bzw. die Höhe des Einkommens gekoppelt ist. 38 Mit dem Aufbau eines mit öffentlichen Mitteln geförderten, marktfernen Woh- 36 Mannmuss sich heute zunehmend auf zeitlich befristete Verträge bei verschiedenen Arbeitgebern,
Teilzeitstellen oder sog. Billig-Jobs, die unterhalb der Sozialversicherungsgrenze liegen, einstellen. Vgl.
unter anderem Mirbach (1999), S.89.
37 Vgl. unter anderem Friedrich (1999), S.11 und Keim (1999).
38 Mit Wohnsituation ist die Größe, Qualität und Lage der Wohnung gemeint.
16
nungsbestandes wurde zwischen der sozialen Ungleichheit durch unterschiedliche Einkommen und den Wohnbedingungen ein Puffer geschoben und somit die Verdopplung von Benachteiligung und Ausgrenzung weitgehend verhindert. Des Weiteren sollte mit dem sozialen Wohnungsbau die Wohnungsver-sorgung „nach Größe, Ausstattung und Miete oder Belastung für die breiten Schichten des Volkes“ 39 garantiert und gesichert werden. Der Aufbau des Mietwohnungsbaus wurde bewusst nicht speziell auf die Versorgung bedürftiger Bevölkerungsgruppen ausgerichtet, um der „sozialen Sortierung in den Städten“ 40 entgegenzuwirken. Die damit einhergehende Herausbildung von Wohngebieten mit einer sozial gemischten Bewohnerschaft war eines der herausragenden Ziele der sozialen Stadt- und Wohnungspolitik. 41
Seit den 70er Jahren ist die Wohnungspolitik der Bundesrepublik allerdings durch die klare Tendenz gekennzeichnet, die Wohnraumversorgung wieder stärker den Marktgesetzen zu unterwerfen. 42 Das bedeutet, dass der Zugang zu einer Wohnung für die meisten Haushalte über den städtischen Wohnungsmarkt erfolgt. Durch das Einkommensgefälle zwischen den Haushalten und aufgrund von Vermieterpräferenzen bei der Wohnungsvergabe bestehen damit selbst bei einer ausgeglichenen Marktlage für finanziell und sozial gut situierte Bewerber deutlich bessere Chancen, eine den Vorstellungen entsprechende Wohnung zu bekommen, als für finanzschwache Bevölkerungsgruppen. Hinzu kommt, dass Nutzungsänderungen, Abriss und Modernisierungen im Bereich des preisgünstigen Wohnungsbestandes in den letzten Jahren zu einer ständigen Verringerung des Angebots für einkommensschwache Schichten führten. Zusätzlich zu dem massiven Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung, der 1996 mit der Erklärung der Beendigung des sozialen Mietwohnungsbau vom damaligen Bundesminister amtlich gemacht wurde, hat das weitreichende Auswirkungen,
39 Zitiert nach §§ 1 II. WoBauG. Die entsprechende gesetzliche Grundlage ist im II. Wohnungsbaugesetz-
buch festgelegt. Vgl. http://www.ibr-online.de/IBRNormen/index.php?
__SESSIONID__&HTTP_Gesetzbuch=II.+WoBauG.
40 Zitiert nach Häußermann (2000), S.16. Vertiefend zur Geschichte des sozialen Wohnungsbaus vgl.
unter anderem Häußermann (2000).
41 Durch den verstreuten Einbau von geförderten Wohnungen in bereits existierenden Gebieten aber auch
in neuen Sieldungsbereichen mit einheitlichen Sozialwohnungsbestand verhinderte man die Sortierung
der Wohngebiete nach sozialer Lage der Wohnbevölkerung.
42 Vgl. unter anderem Friedrich (1999), S.18.
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die auch durch staatliche Mittel, wie dem Wohngeld, nicht kompensiert werden können. Je weniger Einfluss der Staat auf die Zuteilung von Wohnungen hat, desto direkter entscheiden die Marktprozesse. Dies hat zur Folge, dass sich die zunehmende Ungleichheit am Arbeitsmarkt und in der Einkommenslage in der räumlichen Struktur der Wohnungsversorgung und der Qualität der Lebensbedingungen niederschlägt, sich also segregationsfördernd auf die Bevölkerungsteilung auswirkt, der bisher mit dem geförderten sozialen Wohnungsbau vorgebeugt wurde. 43
Finanznot der Kommunen
Die Finanznot der Städte und Kommunen ist neben der Arbeitsmarktentwicklung und der Situation auf dem Wohnungsmarkt die dritte Komponente, die die Konflikte und Problemlagen in den Städten verstärkt. Der steigende Bedarf an sozial ausgleichenden Maßnahmen in Folge der gleich bleibenden, wenn nicht sogar zunehmenden Arbeitslosenzahlen und im Zuge der sozialdemographischen Veränderungen, steht im Widerspruch zu den finanziellen Handlungsspielräumen des Bundes, der Länder und der Kommunen. 44 Die fiskalische Krise betrifft alle öffentlichen Haushalte und kommt insbesondere in sozialen Bereichen zum Tragen. So werden die sozialen Leistungen immer mehr reduziert bzw. zumindest nicht in dem Maße ausgebaut, wie es angesichts der wachsenden Notlagen nötig wäre. Das wiederum hat zur Folge, dass sich die sozialen Differenzierungs- und Polarisierungsprozesse in der Gesellschaft verstärken.
Zusammenfassend kann man sagen, dass durch das Zusammenwirken von drei Prozessen, nämlich den der Arbeitsmarktentwicklung und der damit einhergehenden Spreizung der Haushaltseinkommen, der Deregulierung der Wohnungs-versorgung und der zunehmenden finanziellen Probleme des Staates, die Rahmenbedingungen für die Stadtentwicklung in den letzten Jahrzehnten verändert wurden. Diese Veränderungen schlagen sich in einer verstärkten Polarisierung
43 Vgl. Keim (1999).
44 Vertiefend zur demographischen Entwicklung in Deutschland, vor allem in Bezug auf die Rentenprob-
lematik unter anderem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) (Hrsg.) (2004).
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der Sozialstruktur nieder, die wiederum Segregationserscheinungen begünstigen bzw. hervorrufen.
2.3.2 Herausbildung und Folgen
Nachdem ausführlicher auf die Ursachen für die wachsenden sozialen Unterschiede in der Bevölkerung eingegangen wurde, die zu einer räumlichen Konzentration verschiedener sozialer, ethnischer und ökonomischer Probleme und damit zur Herausbildung problembeladener Stadtteile führen, soll in einem weiteren Schritt beschrieben werden, wie sich das auf die dort lebende Bevölkerung auswirken kann. Es werden die folgenden benachteiligenden Effekte eines Quartiers unterschieden:
Benachteiligende Quartiere zeichnen sich dadurch aus, dass im überdurchschnittlichen Maße wirtschaftlich und sozial integrierte Haushalte abwandern und sich im Gegenzug wirtschaftlich schwache Haushalte konzentrieren. Die einseitige Abwanderung der Qualifizierten und integrierten Bevölkerungsgruppen hat zur Folge, dass sich die soziale Stabilität im Quartier durch den Verlust von sozialer Kompetenz zunehmend verringert. 45 Hinzu kommt, dass das Fehlen von qualifizierten und beruflich Erfolgreichen die Erfahrenswelt insbesondere von Jugendlichen und Kindern enorm einschränkt. Je höher der Anteil der marginalisierten Personen und Haushalte in einem Quartier ist, desto stärker besteht die Gefahr, dass das dominante Verhalten der Bewohner eine abweichende Kultur entstehen lässt, die sich besonders prägend auf die Kinder und Jugendlichen auswirkt, auch wenn diese zuvor nicht dem Quartier angehörten. Durch das beispielhafte Erlernen von Verhaltens- und Denkweisen werden die Bewohner immer weiter von den Normen und der Verhaltensweisen der Gesellschaft abweichen. Steigende Ausgrenzung vom Rest der Gesellschaft ist die Folge. Durch die Einschränkung der Erfahrenswelt und das Fehlen sozialer Rollen werden nun besonders für Kinder und Jugendliche die Möglichkeiten des sozialen Lernens beschränkt und die Entwicklungschancen negativ bestimmt. 46 Eine weitere Dimension der benachteiligenden Wirkung stellt die
45 Vgl. Häußermann (2000), S.14.
46 Vgl. Häußermann (2000), S.19 und Harth (1998), S.230.
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abnehmende Ausstattung mit sozialen und kulturellen Infrastrukturangeboten dar. Infolge sinkender Kaufkraft und der damit einhergehenden Reduzierung der Einkaufsmöglichkeiten wird die Lebenslage weiter verschlechtert. Die inneren Prozesse werden durch Veränderungen des äußeren Milieus zusätzlich verstärkt. Die Verwahrlosung von Gebäuden, Straßen und Plätzen führt in Kombination mit dem oft vernachlässigten Wohnbestand zu einer Abwertung des Quartiers, vor allem aber zu einer weiteren Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls. Das kann zur Folge haben, dass sich die Bewohner des Viertels mehr und mehr ins Private zurückziehen und resignieren. 47 Des Weiteren kann sich die Benachteiligung, die mit einer räumlichen Distanz der sozialen Gruppen einhergeht, in einer erhöhten Kategorisierungs- und Stigmatisierungsbereitschaft äußern. Diese Negativ-Images lösen wiederum Mobilitätsprozesse aus, die zu einem weiteren sozialen Abstieg der Quartiere führen. Diejenigen, die es sich noch leisten können, verlassen das Viertel, sozial schwache Gruppen, die aus anderen Stadtteilen verdrängt werden, ziehen nach. Die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner werden erheblich eingeschränkt, die sozialen Netzwerke werden enger und homogener, und damit verschlechtert sich auch deren Qualität. Es entsteht ein Teufelskreis, dem der Einzelne sich oft nicht mehr entziehen kann.
Sozialräumliche Segregation und die damit verbundene Konzentration von Benachteiligten in bestimmten Stadtteilen ist also ein Prozess, der die Lage der Betroffenen zusätzlich verschlechtert. Dieser Prozess ist oft ein sich selbst verstärkender Prozess, der auch als Fahrstuhleffekt oder Spirale der Benachteiligung bezeichnet wird. 48
Experten sind sich einig, dass Benachteiligung, Armut und soziale Ausgrenzung in der Stadt nicht durch den Einsatz von Fördermitteln und Subventionierung im Wohnraum zu verhindern sind. Man hat erkannt, dass es einer Neuorientierung in der Stadtentwicklungspolitik bedarf, will man den Prozess der Abwärtsentwicklung, der sich selbst laufend verstärkt, unterbrechen. Vor die-
47 Vgl.Häußermann (2000), S. 19ff.
48 Vgl. Häußermann (2000), S. 17.
20
Inhaltsverzeichnis
sem Hintergrund ist die Initiierung des Bund-Länder-Programms Stadtteile mit
besonderem Entwicklungsbedarf - die Soziale Stadt zu verstehen. Darauf,
sowie auf das in dem Rahmen des Bund-Länder-Programms installierte Berli-
ner Quartiersmanagement soll im nächsten Kapitel eingegangen werden.
21
3 Bund-Länder-Programm Die Soziale Stadt
Das Bund-Länder-Programm Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarfdie Soziale Stadt, (kurz Soziale Stadt) wurde am 5. Juli 1999 offiziell in 161 Quartieren gestartet. Das Programm ist eine Ergänzung zur baulich-räumlich orientierten Städtebauförderung im Rahmen der seit 1996 existierenden Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt der ARGEBAU (Arbeitsgemeinschaft der Bauminister des Bundes und der Länder). Ausgangspunkt der Gemeinschaftsinitiative war, den Rahmen für eine zwischen Bund und Ländern abgestimmte, nachhaltige Strategie zu schaffen, um gegen die wachsende sozialräumliche Polarisierung in den Städten anzugehen. 49 Bei der Umsetzung baut das Programm auf Erfahrungen einzelner europäischer Nachbarstaaten vereinzelter Landesprogramme. So werden in Ländern wie Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden bereits seit Beginn der 90er Jahre Strategien für benachteiligte Quartiere erfolgreich angewandt. Bundesweit gibt es beispielsweise seit 1993 in Nordrhein-Westfalen das integrierte Handlungsprogramm für Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf. In Hamburg existiert seit 1994 das soziale Stadtentwicklungskonzept Soziale Brennpunkte, auf dessen Erkenntnisse man zurückgreifen und aufbauen kann.
Mit dem Programm Soziale Stadt wurde ein neuer Ansatz in der Städtebauförderung eingerichtet. Angesichts der zunehmend schrumpfenden staatlichen Förderprogramme und der gleichbleibenden, wenn nicht sogar zunehmenden Problemlagen der Stadtgesellschaften, hat man erkannt, dass man dem komplexen Wirkungsgefüge der Benachteiligung nur mit integrierten Ansätzen begegnen kann. Vor diesem Hintergrund veränderte sich die Zielsetzung der Stadterneuerung. So werden die rein städtebaulichen Erneuerungsstrategien durch Instrumente und Maßnahmen erweitert, die den zirkulären Abwertungsprozess in benachteiligten Stadtquartieren mit integrierten Handlungsansätzen durchbrechen sollen. Im Rahmen dieser Neuorientierung ist auch die Entstehung der
49 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) (2000), S.2.
22
Inhaltsverzeichnis
Gemeinschaftsinitiative und das eigenständige Programm Soziale Stadt zu
begreifen. 50
Das Ziel ist es nun, mit Hilfe des von der ARGEBAU 1998 formulierten Leit-
fadens zur Ausgestaltung der Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt, problem-
beladenen bzw. benachteiligten Stadtteile, so genannte Stadtteile mit besonde-
rem Entwicklungsbedarf, „zu selbstständig lebensfähigen Stadtteilen mit posi-
tiver Zukunftsperspektive“ 51 zu machen.
Im folgenden Abschnitt soll zunächst auf die Fragestellung eingegangen wer-
den , in welchen Gebieten der besondere Entwicklungsbedarf gesehen wird und
an welchen Faktoren bzw. Indikatoren dies gebunden ist. Anschließend wird
n äher auf die daraus resultierenden Aufgaben und die Umsetzung des
Programms eingegangen. 52
3.1 Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf
Im Leitfaden zur Ausgestaltung der Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt gel-
ten jene Ortsteile und Gebiete als gefährdet, “die infolge sozialräumlicher Seg-
regation davon bedroht sind, ins soziale Abseits abzurutschen. Es handelt sich
dabei um hoch verdichtete, einwohnerstarke Stadtteile in städtischen Räumen,
die im Hinblick auf ihre Sozialstruktur den baulichen Bestand, das Arbeits-
platzangebot , das Ausbildungsniveau, die Ausstattung mit sozialer und stadt-
teilkultureller Infrastruktur, sowie die Qualität der Wohnungen, des Wohnum-
feldes und der Umwelt erhebliche Defizite aufweisen.“ 53
Ein besonderer Entwicklungsbedarf wird dort gesehen, wo mehrere der nach-
folgend aufgeführten Faktoren der Stadtentwicklung zusammenfallen:
st ädtebauliche, bauliche und ökologische Defizite
infrastrukturelle Defizite
wirtschaftliche Stagnation auf niedrigem Niveau
50 Vgl. unter anderem Schmals (o. J.a), S.7f und Mezger West (Hrsg.) (2000), S. 12ff.
51 Zitiert nach Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) (2000), S.4.
52 Vgl. Schmals (o. J.b ), S.56.
53 Zitiert nach Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) (2000), S.2.
23
Umbruch bzw. sprunghafter Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten; unausgewogene Bevölkerungsentwicklung; hohe Arbeitslosigkeit;
hoher Grad der Abhängigkeit von Transfereinkommen; hoher Anteil von Ausländern, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen; hohe Mobilität (Fortzug insbesondere von Familien, Erwerbstätigen und einkommensstarken Haushalten);
zunehmende soziale und kulturelle Segregation und Ausgrenzung und Zunahme der Kriminalität im öffentlichen Raum. 54
Die vielfältigen Problemlagen konzentrieren sich in diesen Gebieten und führen zu einer sich steigernden Negativentwicklung, so dass dort ein besonderer Entwicklungsbedarf gesehen wird.
Es werden im Wesentlichen drei Gebietstypen unterschieden, bei denen das Bund-Länder-Programm zum Einsatz kommt:
Innerstädtische oder innenstadtnahe Quartiere in benachteiligten Regionen mit nicht modernisierter Bausubstanz und deutlich unterdurchschnittlicher Umweltqualität.
In den alten Bundesländern sieht man die Ursachen für die Stagnation der Stadterneuerungsprozesse in dem seit längerer Zeit fehlenden Engagement privater Investoren sowie in der schlechten, hoch verdichteten Bausubstanz in den innerstädtischen oder innenstadtnahen Gebieten. Fehlende Grün- und Freiflächen, erhöhte Immissionsbelastungen, Beeinträchtigung durch Verkehrstraßen und -lärm und fehlende Gemeinschaftseinrichtungen führen weiterhin zu einem Attraktivitätsverlust und damit unweigerlich zu Migrationsprozessen. Junge und ökonomisch aufstrebende Familien wandern im Zuge dessen in besser ausgestattete Stadtteile ab und tragen so zur Verdrängung der Schlechterverdienenden in die sozial benachteiligten Gebiete bei. 55
54 Vgl. Quartiersmanagement Berlin Online (2005a).
55 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) (2000), S.2f.
24
Arbeit zitieren:
Britta Held, 2006, Entwicklung und Förderung benachteiligter Stadtteile am Beispiel des Quartiersmanagements Oberschöneweide unter besonderer Berücksichtigung der Aktivierung und Beteiligung der ansässigen Bevölkerung, München, GRIN Verlag GmbH
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