Inhalt
EINF ÜHRUNG 3
I EMOTIONEN - DER PHILOSOPHISCHE BLICK
RONALD DE SOUSAS AUF EIN KOMPLEXES PHÄNOMEN
Übersicht 6
1 Das Buch 8
2 Die Kernideen 8
3 Aspekte des Gefühls 10
3.1 Die Biologie der Gefühle 10
3.2 Die Objekte der Gefühle 15
3.3 Die Objektivität der Gefühle 18
3.4. Die Rationalität der Gefühle 20
3.4.1 Rationalitätskriterien und ihre Anwendung auf Gefühle 20
3.4.2 Die axiologische Ebene 23
3.4.3 Schlüsselszenarien 25
3.5 Die Funktion der Gefühle 28
3.5.1 Eine neue biologische Hypothese 28
3.5.2 Was Gefühle leisten 30
4 bootstrapping’ 32
5 Schlusssatz 33
II RELIGION, RELIGIOSITÄT UND RELIGIÖSE EMOTIONEN
Übersicht 35
1 Die Religion und das Göttliche 36
1.1 Begriff und Wesen der Religion 36
1.2 Das Göttliche bzw. Heilige 39
2 Religiöse Emotionen 41
I
2.1 Die Struktur religiöser Gefühle ……………………………………………………….. 41 2.1.1 Die Dimension der Objektwahrnehmung …………………………………….. 42 2.1.2 Die Dimension der Tiefe …………………………………………………………….... 44 2.1.3 Die Dimension der Pragmatik ……………………………………………….…..…. 45 2.1.4 Zusammenfassung …………………………………………………………………..……. 46
2.2 Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Mitleid …………………………………. 47 2.2.1 Szenario ……………………………………………………………………………………....... 47 2.2.2 Allgemeines zum Gefühl des Mitleids ……………………………………..….. 49 2.2.3 Mitleid als religiöse Emotion ………………………………………………………. 50
3 Schlusssatz ……………………………………………………………………………………..….. 52
III RELIGIÖSE GEFÜHLE IM LICHT VON DE SOUSAS EMOTIONSKONZEPTION
Übersicht …………………………………………………………………………………………………….. 53
1 Was mit de Sousas Ansatz erkennbar ist ……………………..…………………….. 54
1.1 Die biologische Seite religiöser Gefühle ………………………………………… 54
1.2 Die kognitive Seite religiöser Gefühle …..…………………………………………. 54 1.2.1 Die Objekte religiöser Gefühle ……………………………………………….…… 54 1.2.2 Die Frage nach der Objektivität religiöser Gefühle …………………..… 57 1.2.3 Die Frage nach der Rationalität religiöser Gefühle …………………..…. 58
1.3 Zusammenfassung …………………………………………………………………………… 61
1.4 Was religiöse Gefühle leisten …………………………………………………………. 62
1.5 Religiöse Emotionen und ‚bootstrapping’ …..…………………………………… 65
2 Was de Sousas Ansatz entgehen muss - Das Problem des Außen und Innen …………………………………………………………………………... 68
SCHLUSS …………………………………………………………………………………………………………. 72
Literatur …………………………………………………………………………………………………………. 74
II
EINFÜHRUNG
Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil unseres menschlichen Lebens. Sie begleiten uns ständig, ob nun bewusst oder unbewusst, sie haben Einfluss auf unser Denken und unser Handeln, sie prägen unser Allein- und unser Miteinandersein, sie bereichern unser Leben oder machen es manchmal schwer. Eine bedeutende Rolle spielen Gefühle auch und gerade im Zusammenhang religiöser Welterfahrung. Sie gelten hier gemeinhin als der unmittelbarste Zugang zum Heiligen. Durch sie, so heißt es, ist es dem Menschen möglich, sein begrenztes Denken und sich selbst zum Undenkbaren hin zu transzendieren. Sie sind der Schlüssel zum Religiösen schlechthin.
Schon seit langer Zeit versuchen Menschen, sich ihre (religiösen) Gefühle zu erklären und zu begreifen, welche Rolle sie für ihr Leben spielen. Sie fragen unter anderem danach, wo ihre Gefühle herkommen, wozu sie sie brauchen und warum sie überhaupt da sind. Insofern ist es nur folgerichtig, dass die Gefühle von Beginn an Gegenstand philosophischer, theologischer und naturwissenschaftlicher Betrachtungen waren.
Diese sehr unterschiedlichen Betrachtungsansätze haben nun, jeweils abhängig vom historischen und kulturellen Hintergrund, zu je verschiedenen Anschauungen über die Gefühle geführt, die dann ihrerseits über mehr oder weniger lange Zeiträume hinweg das allgemeine Verständnis der Gefühle in unterschiedlicher Weise prägten. So sind etwa im Abendland die (religiösen) Gefühle über viele Jahrhunderte hinweg vor dem Hintergrund des christlich-religiösen Weltverständnisses reflektiert worden. Gott galt hier unhinterfragbar als das Zentrum der Welt; auf Ihn hin war alles Weltliche (und also auch alles Menschliche) zu deuten. Unter dem Einfluss dieser Überzeugung entwickelte man eine ganz bestimmte Sicht auf die (religiösen) Gefühle und ihre Bedeutung für das menschliche Leben. Im Zuge der Säkularisation aber hat dann diese Sicht, weil sie unplausibel wurde, viel von ihrer Autorität eingebüßt. Heutzutage nun werden Gefühle nicht mehr als gottgegeben angesehen, vielmehr beschreibt und interpretiert man sie jetzt im Rahmen der Geistes- und Naturwissenschaften vor einem weltanschaulichen Hintergrund, der wesentlich geprägt ist einerseits durch eine naturwissenschaftlich-mechanistische Perspektive
3
und andererseits durch Ideen des Rationalismus und Psychologismus. Gefühle werden gegenwärtig in erster Linie begriffen als (neuro)physische, psychische und soziale Phänomene.
Diese grundsätzliche Veränderung der Sichtweise hatte jedoch unter anderem zur Folge, dass, zusammen mit der christlich-theologischen Weltanschauung, weitgehend auch die Reflektion der spezifisch religiösen Gefühle ad acta gelegt wurde. Obschon diese Gefühle nach wie vor eine bedeutende Rolle im Leben vieler Menschen spielten (und spielen), ist die Frage nach ihnen seit dem angedeuteten Paradigmenwechsel kaum mehr außerhalb der Theologie explizit gestellt worden. 1 Religiöse Gefühle wurden als solche einfach nicht mehr gesondert untersucht; im Zusammenhang verschiedener Gefühlstheorien behandelte man sie jetzt - und das bis heute - allerhöchstens noch am Rande als eine Unterart der ‚natürlichen’ Emotionen.
Können aber - die Frage erhebt sich für mich an dieser Stelle - religiöse Gefühle tatsächlich in dieser Weise als religiöse Gefühle umfassend beschrieben und interpretiert werden? Kann also, etwas anders ausgedrückt, eine säkular orientierte Emotionstheorie von ihrem Standpunkt aus das Wesen dieser besonderen Gefühle wirklich adäquat erfassen, wenn sie sie ausschließlich als ‚natürliche’ Gefühle begreift?
Im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit wird nun eben dieser Frage nachgegangen werden - im Folgenden soll also untersucht werden, wie weit eine zeitgenössische, explizit areligiös ausgerichtete Emotionskonzeption in Hinblick auf religiöse Gefühle sehen kann und an welche Grenzen sie stößt. Bevor dieser Frage auf den Grund gegangen werden kann, sind zunächst zwei vorbereitende Schritte zu unternehmen. Zum einen muss (in Kap. I) eine entsprechende Emotionskonzeption in ihren wesentlichen Punkten vorgestellt und diskutiert werden: als repräsentatives Beispiel habe ich hierfür den breit angelegten
1 Eine vielzitierte Ausnahme bildet hier die von William James Anfang des 20.Jahrhunderts vorgelegte Untersuchung: Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Anzumerken ist hier außerdem, dass sich, anscheinend im Zuge der sog. ‚Renaissance des Glaubens’, das Interesse für Fragen nach dem Religiösen und dessen Bedeutung für den Menschen im Bereich der nicht-theologischen Theorie (z.B. im Bereich der Neurowissenschaften) in allerjüngster Zeit offenbar wieder zunehmend verstärkt.
4
Theorieentwurf gewählt, den Ronald de Sousa vor wenigen Jahren in seinem Buch „The Rationality of Emotion“ vorgestellt hat. Zum anderen muss sodann (in Kap. II) eine Antwort auf die Frage gegeben werden, was genau unter religiösen Emotionen verstanden werden soll. Ich werde mich dafür auf eine systematische Darstellung der spezifischen Struktur religiöser Gefühle beziehen, die unlängst von Petri Järveläinen im Kontext einer größeren Arbeit vorgelegt worden ist. Zudem werde ich das hier Dargelegte mithilfe eines Beispiels veranschaulichen. Nach Abschluss dieser vorbereitenden Arbeiten werde ich mich dann endlich (in Kap. III) der Frage zuwenden, wie die religiösen Gefühle im Licht der de Sousaschen Emotionskonzeption erscheinen. Hier wird sich zeigen, dass die religiösen Gefühle in diesem Licht gut zu sehen sind. Es wird sich jedoch ebenso herausstellen, dass auch durch dieses Licht Schatten entstehen.
5
I
EMOTIONEN - DER PHILOSOPHISCHE BLICK RONALD DE SOUSAS
AUF EIN KOMPLEXES PHÄNOMEN
Übersicht
Ronald de Sousa legte 1987 mit seinem Buch „The Rationality of Emotion“ 2 eine der umfangreichsten und tiefgründigsten neueren philosophischen Untersuchungen zum Thema Emotionen vor. In diesem Werk unternimmt er „eine Untersuchung der Rolle des Gefühls im rationalen Leben im weitestmöglichen Sinne.“ 3 Zwei zentrale Aspekte prägen dabei seine Untersuchung. Zum einen geht es um die Rolle, „welche das Gefühl bei der Ausübung der traditionell als rational beschriebenen Vermögen spielt oder spielen sollte“ 4 , also um das interaktive Verhältnis zwischen Fühlen, Denken und Verhalten. Zum anderen wird die Frage aufgeworfen, ob Gefühle, insofern man sie als Teil des Lebens und der Erfahrung auffasst, selbst rationaler Bewertung zugänglich sind. Es geht in diesem zweiten Aspekt also um die Frage, ob Gefühle rational (im kategorialen Sinn) und objektiv sein können, oder ob es sich bei ihnen um arationale und rein subjektive Phänomene handelt. 5 Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, bewegt sich de Sousas Untersuchung auf unterschiedlichen Stufen, von der Physiologie der Gefühle angefangen bis hin zu Reflektionen über deren ethische Relevanz.
Die nachfolgende Besprechung von de Sousas Ansatz ist wie folgt gegliedert: nachdem ein kurzer Überblick über den Aufbau des gesamten Buches gegeben wurde, werde ich die zentralen Ideen von de Sousas Theorieentwurf 6 gebündelt
2 Ronald de Sousa: The Rationality of Emotion, Cambridge, MA and London 1987; Dt.: Ronald de Sousa: Die Rationalität des Gefühls, übersetzt v. H. Pape u.a., Frankfurt/M. 1997. Meine Zitatangaben beziehen sich auf die deutsche Ausgabe. Dort ist eng. emotion übersetzt mit Gefühl; diese Übersetzung übernehme ich und verwende die beiden Termini im Folgenden synonym. Zudem weise ich darauf hin, dass ich die Zitate den neuen Orthografieregeln angepasst habe.
3 de Sousa 1997, 11.
4 de Sousa 1997, 11.
5 Im Rahmen seines Buches argumentiert de Sousa zum einen dafür, dass zumindest manche Gefühle ihrer Rationalität nach beurteilt werden können und zum anderen, „dass man eine objektivistische Antwort kohärent vertreten kann.“, de Sousa 1997, 11.
6 de Sousa selbst sieht seine Ausarbeitungen zum Thema Emotionen als nicht umfassend an, sondern mehr als eine Art Versuch, als Forschungsbeitrag - deshalb soll hier nicht die Rede von
6
formulieren. Im Anschluss daran referiere ich im Einzelnen diejenigen Punkte der Konzeption, die mir besonders wichtig erscheinen für ein zumindest rudimentäres Verständnis der Zusammenhänge, in denen die Kernideen miteinander stehen; es handelt sich hierbei (in dieser Reihenfolge, mit der ich im Wesentlichen de Sousa folge) um die Biologie der Gefühle, um die Frage nach ihrer Objektgerichtetheit und ihrer Objektivität, um die Problematik der Rationalität der Gefühle mit den beiden Kernhypothesen von der axiologischen Rationalität und den Schlüsselszenarien und schließlich um die Frage nach der biologischen Funktion der Gefühle, die de Sousa mit einer neuen biologischen Hypothese beantwortet. Zum Abschluss des Kapitels werde ich mich gesondert dem Phänomen des ‚bootstrapping’ zuwenden, da es sich hierbei um einen Gedanken handelt, der, wie sich später zeigen wird, für meinen Arbeitszusammenhang von einiger Bedeutung ist.
einer Theorie sein, sondern von einer theoretischen Konzeption der Emotionen bzw. der Emotionskonzeption de Sousas.
7
1 Das Buch
de Sousas Untersuchung erstreckt sich über zwölf Kapitel, in denen er die verschiedenen Facetten des komplexen Problems systematisch entfaltet: Kapitel eins gibt einen Einblick in einige der Fragen und Probleme, die sich auftun, wenn man philosophisch nach Emotionen fragt; Kapitel zwei umreißt kursorisch und selektiv sowohl traditionelle als auch modernere Modelle zur Thematik „Geist und Gefühl“ und kritisiert diese. Im dritten und vierten Kapitel wird die Biologie bzw. Physiologie der Gefühle besprochen und deren Rolle für ein umfassendes Verständnis des Wesens des Gefühls betont. Das fünfte Kapitel befasst sich mit der Frage der Objektgerichtetheit von Gefühlen. In den beiden darauffolgenden Kapiteln, die das Kernstück von de Sousas Emotionskonzeption ausmachen, entwickelt er seine Vorstellungen über die Objektivität und Rationalität von Gefühlen. Nachdem im achten Kapitel das Verhältnis zwischen Gefühl und Zeit genauer untersucht worden ist, wird in den verbleibenden vier Kapiteln die Konzeption angewendet und erweitert. Das neunte Kapitel ist dem Phänomen des ‚bootstrapping’ und dessen pathologischen Zuspitzungen gewidmet, also dem Umstand, dass Gefühle ihre eigenen Objekte mitunter erst erschaffen und auf diese Weise eine ganz individuelle (bisweilen „abnorme“) Weltsicht erzeugen können. Die Kapitel zehn, elf und zwölf schließlich behandeln in jeweils unterschiedlicher Weise verschiedene Aspekte der ethischen Relevanz des Gefühls im menschlichen Leben. Diese letzten Kapitel geben Einblicke in die Möglichkeiten, die de Sousas Emotionskonzeption in Hinblick auf das Verstehen des eigenen und des anderen Selbst eröffnet und welche Konsequenzen daraus im Rahmen eines erweiterten Ethikverständnisses, in welches das Gefühl integriert ist, zu ziehen wären.
2 Die Kernideen 7
Der Theorieentwurf de Sousas ist wesentlich geprägt durch sechs zentrale Ideen, die im Folgenden in Form von Thesen formuliert werden. Diese sechs Kernideen betreffen ganz unterschiedliche Aspekte des Theoriegebäudes und werden in de
7 Zahlreiche Anregungen und Formulierungen für diesen Abschnitt verdanke ich einer Publikation
von Christian Nimtz: Axiologie, Motivation und Moral. Ein Kommentar zu Ronald de Sousa, im Internet veröffentlicht unter der Adresse: http://www.jp.philo.at/texte/NimtzC1.pdf (Stand: 15.12.2005).
8
Sousas Werk sehr eng verwoben entfaltet. Die erste Idee mag dabei recht banal erscheinen:
(i) Unser Potenzial für Gefühle ist (zumindest zu großen Teilen) von unserer biologischen Natur und unserer phylogenetischen Geschichte bestimmt.
De Sousas zweite Idee betrifft das Verhältnis der Gefühle zu Empfindungen einerseits und zu den intentionalen Vermögen des Begehrens und der Überzeugungen andererseits:
(ii) Man kann Gefühle weder mit Empfindungen, noch mit Begierden oder Überzeugungen gleichsetzen. Gefühle sind vielmehr komplexe kognitive Zustände eigener Art, die allerdings jeweils bestimmte Merkmale mit den genannten Fähigkeiten gemein haben.
Das führt zur dritten von de Sousas Ideen. Mit ihr will er erklären, welche kognitiven Aspekte für Gefühle zentral sind. Hier vertritt de Sousa eine bemerkenswerte Position, deren Kernstück die sog. axiologische Hypothese ist, die sich wie folgt auf den Punkt bringen lässt:
(iii) Gefühle sind axiologische Wahrnehmungen, d.h., sie sind Wahrnehmungen von Werten. Ein Gefühl mit Bezug auf ein Objekt zu haben heißt wahrzunehmen, dass dieses Objekt einen bestimmten Wert hat.
Der axiologischen Hypothese zufolge weisen Gefühle also einerseits alle definierenden Merkmale von Wahrnehmungen auf, andererseits wird mit ihr die Individuation von Gefühlen an die Individuation von Werten gekoppelt und damit dem Umstand Rechnung getragen, dass sich nahezu beliebig viele verschiedene Gefühle finden lassen. Auf den ersten Blick mag die axiologische Hypothese ein wenig Unbehagen erzeugen. Immerhin scheint man sich mit ihr darauf festzulegen, dass Werte gleichsam ein fundamentaler Bestandteil der Natur sind. Diesem Missverständnis soll de Sousas vierte Idee vorbeugen:
9
(iv) Gefühle sind Wahrnehmungen von Tatsachen, die objektiv und trotzdem nicht-platonisch sind, d.h., diese Tatsachen existieren nicht gleichsam von sich aus. Axiologische Tatsachen bestehen vielmehr nur relativ zu uns.
Wertwahrnehmungen (also v.a. Gefühle) enthüllen nichts Fundamentales über unsere Welt, wir erfassen durch sie keine platonischen Tatsachen. Die Tatsachen, die sie enthüllen, sind trotzdem objektiv, auch wenn es sie nicht geben würde, wenn es keine sozialen Wesen gäbe.
Die fünfte Idee betrifft die Fragen, wie wir Gefühle erlernen und wodurch Gefühlstypen festgelegt werden. Beide Fragen versucht de Sousa mit Hilfe seiner Konzeption der Schlüsselszenarien zu beantworten; diese lässt sich folgendermaßen fassen:
(v) Gefühle werden in Schlüsselszenarien, also spezifischen, individuell unterschiedlichen dramatischen Situationen sowohl erlernt als auch bestimmt.
Die sechste und letzte Idee de Sousas bezieht sich auf die biologische Funktion der Gefühle, die ihm zufolge darin besteht, das (von ihm so bezeichnete) Rahmenproblem des Philosophen gar nicht erst aufkommen zu lassen:
(vi) Die biologische Funktion der Gefühle besteht im Wesentlichen darin, die Funktionalität und Rationalität der traditionellerweise als rationale Vermögen angesehenen Vermögen überhaupt erst zu ermöglichen.
Diese sechs Kernideen deuten in groben Zügen an, was de Sousa unter Gefühlen versteht. Da sie jedoch in dieser knappen Form zugegebenermaßen schwer verständlich sind, sollen sie im Folgenden etwas ausführlicher entfaltet werden.
3 Aspekte des Gefühls
3.1 Die Biologie der Gefühle
Nur wenige Philosophen, die sich mit Gefühlen auseinander setzten, haben in ihre Betrachtungen auch die physischen Aspekte dieses Phänomens miteinbezogen, sie
10
„haben sich nicht mit biologischen Tatsachen befasst.“ 8 de Sousa setzt anders an: für ihn bildet die Biologie der Gefühle die unterste Ebene seiner Untersuchungen. Die hochfliegenden Hoffnungen einiger Physiologietheoretiker, die Natur der Gefühle allein auf dieser Ebene der Betrachtung umfassend zu verstehen, teilt de Sousa dabei nicht. Das Verdienst der Physiologie sieht de Sousa allerdings darin, wichtige grundlegende biologische Mechanismen der Gefühle zu beschreiben und auf diese Weise zu deren funktionaler Analyse beizutragen. Gleich zu Beginn betont er, dass er sich im Rahmen seines Buches nicht darum bemühen wird, eine vollständige Physiologie der Gefühle vorzulegen; vielmehr beabsichtigt er eine selektive und kursorische Darstellung einzelner wichtiger Punkte, die die biologische Natur der Gefühle betreffen. 9
Gemeinhin gelten Gefühle als diejenigen Aspekte des Geistes, die am engsten mit den physischen Vorgängen des Körpers verbunden sind. Wie die Alltagserfahrung zeigt, geht das Erleben von Gefühlen immer einher mit mehr oder weniger intensiven physischen Veränderungen („Gänsehaut“, „haarsträubend“,
„Schmetterlinge im Bauch“). Zudem, so lehrt uns die in den letzten Jahrzehnten sehr populär gewordene Hirnforschung, ist das Auftreten von Emotionen auf das Engste mit neuronalen Vorgängen verbunden. Eben diese sehr engen Zusammenhänge zwischen den Gefühlen, den ihnen zugehörigen Äußerungen der Physis sowie den entsprechenden neurophysischen Vorgängen haben mitunter dazu geführt, die Analyse und Interpretation der Gefühle auf deren physiologischen Aspekte zu reduzieren. Die Frage danach, wie Gefühle funktionieren und warum es sie (evolutionsgeschichtlich gesehen) überhaupt gibt, war in den Vordergrund getreten. de Sousa, der einen umfassenderen Blick auf die Gefühle versucht, sieht dieses reduktionistische Vorgehen kritisch und lehnt, wie schon angedeutet wurde, eine solche Position ab. Er verdeutlicht die Probleme, die eine solche Reduktion mit sich bringt; zugleich nimmt er jedoch die positiven Erkenntnisse der biologischen Forschung in seine Emotionskonzeption mit auf. Erklärtes Ziel seiner
8 de Sousa 1997, 96.
9 Die zwei Fragen, die sich in Bezug auf die Physiologie der Gefühle unterscheiden lassen, behandelt de Sousa getrennt: in Kapitel 3 diskutiert er verschiedene Modelle, die die physiologischen Mechanismen der Gefühle zum Gegenstand haben (proximale Ebene), im darauffolgenden Kapitel wendet er sich der allgemeineren Frage nach deren evolutionären Ursprüngen zu (distale Ebene). Vgl. de Sousa 1997, 13.
11
Erörterungen ist der Nachweis, dass „eine sinnvolle neurophysiologische Darstellung der Gefühle nicht möglich ist, ohne auf Erklärungen höherer Ordnung zurückzugreifen […]“ 10
Experimente mit Rückenmarksverletzten haben gezeigt, dass eine Zerrüttung des autonomen Nervensystems und seiner Feedback-Mechanismen zu einer Beeinträchtigung emotionaler Empfindungen führt und dass sich diese Beeinträchtigung proportional zum Grad der neurologischen Schädigung verhält. Diese Befunde sprechen dafür, dass es sich bei Emotionen (zumindest partiell) um eine Art Wahrnehmung der eigenen körperlichen Zustände handelt. 11 Aber reicht diese Eigenwahrnehmung körperlicher Zustände bzw. Veränderungen für sich genommen aus, um unterschiedliche Gefühle voneinander zu unterscheiden? Auf Grund der Erkenntnisse, die aus anderen Experimenten gewonnen wurden, zieht de Sousa den Schluss, dass dies nicht der Fall ist: „in den physiologischen Zuständen [sind keine] Prinzipien für die Unterscheidung zwischen spezifischen Gefühlen zu finden.“ 12 Zwar kann man die mit dem Auftreten von Gefühlen einhergehenden körperlichen Erregungszustände auf unterschiedliche Weise messen, jedoch lassen diese Messergebnisse allein keine Rückschlüsse auf spezifische Gefühle zu. „Die Unterschiede zwischen den spezifischen Gefühlen sind nicht physiologisch, sondern kognitiv oder noch anders geartet.“ 13 Ein weiteres Problem, das mit dem vorgenannten eng zusammen hängt, besteht darin, dass nicht einmal klar definierbar ist, was im Einzelnen bei verschiedenen Individuen überhaupt als gefühlsrelevanter Erregungszustand gelten soll. Denn wenn man signifikante, gefühlsrelevante Veränderungen im Körper konstatieren wollte, bräuchte man zunächst einen Begriff des (überindividuellen) physischen Normalzustandes - aber „der ist mit streng physiologischen Kriterien nicht zu haben.“ 14 Die Gehirnforschung der letzten siebzig Jahre machte die Entdeckung, „dass es tatsächlich »Zentren« im Gehirn gibt, die zumindest die augenfälligen Komponenten von Gefühlszuständen kontrollieren. Solche Zentren oder Module
10 de Sousa 1997, 141.
11 Diese Erkenntnisse stützen die These, die William James schon vor mehr als 100 Jahren aufgestellt hat, nämlich dass Gefühlserlebnisse durch körperliche Veränderungen verursacht werden. Vgl. de Sousa 1997, 98f.
12 de Sousa 1997, 103.
13 de Sousa 1997, 103.
14 de Sousa 1997, 104.
12
umfassen Schaltungen des limbischen Systems.“ 15 Diese Tatsache lässt aus evolutionsgeschichtlicher Sicht den Schluss zu, dass das Vorhandensein derartiger Zentren im jüngsten Teil des Gehirns für seine Eigentümer im evolutionären Überlebenskampf von Nutzen ist (oder wenigstens war). Allerdings muss auch diese Position wieder verschiedene Fragen (z.B. das Problem der Entwicklung und des Lernens: „Wie kommen wir zu unserem erwachsenen Gefühlsrepertoire? Welche Arten des Lernens sind an der Aneignung von [emotionalen] Reaktionen beteiligt, die »ihrer Art nach neu« sind?“ 16 ) unbeachtet lassen, da sie mit rein physiologischen Mitteln nicht zu beantworten sind. Das Vorhandensein spezifischer Gehirnzentren bedeutet demnach bei weitem nicht, „dass alles, was wir wirklich fühlen, nur der Zustand unseres limbischen Systems ist.“ 17 Auch die Vorstellung, dass Gefühle nichts weiter als Chemie sind, stellt sich als unzureichend heraus, denn sie ist zu eng für eine Betrachtungsweise, die Gefühle als ein komplexes Phänomen ansieht, welches ein sehr viel weiteres Feld umfasst (neben den physischen Wurzeln der Gefühle z.B. auch den Umstand, dass sie objektgerichtet und bedeutungsvoll sind). Die Erkenntnis, dass die im Körper aktiven chemischen Botenstoffe nicht als Erzeuger vollständiger
Wahrnehmungszustände, sondern vielmehr nur als Grundlagenbereiter für spezifische individuelle Reaktionen und geistige Zustände zu betrachten sind, stützt die allgemeine Hypothese, dass Gefühle als Wahrnehmungen aufgefasst werden können. Sie sind jedoch keine einfachen Wahrnehmungen, sondern Kognitionen ‚zweiter Ordnung’. „Sie modifizieren und konditionieren die Wahrnehmung und stellen einen Rahmen, nicht aber Einzelheiten zur Verfügung.“ 18 Dies lässt die Vermutung plausibel erscheinen, dass, evolutionsgeschichtlich gesehen, das Kognitive und das Emotionale in einem engen Entwicklungszusammenhang stehen: „Vielleicht erweist sich hier erneut, dass das Kognitive dem Emotionalen ähnlicher ist als - nach unserer bisherigen Annahme - das Emotionale dem Kognitiven.“ 19
15 de Sousa 1997, 111.
16 de Sousa 1997, 114.
17 de Sousa 1997, 117f.
18 de Sousa 1997, 123; Zu dieser Problematik wird mehr gesagt werden unter Kap.I, Pkt. 3.5, S.28ff.
19 de Sousa 1997, 125.
13
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gefühle offenbar zwar wesentlich geprägt sind durch die physischen Elemente ihrer Erzeugung und Wahrnehmung, dass dies jedoch nicht bedeutet, dass wir in Hinblick auf unsere Gefühle ‚Sklaven unserer Anatomie’ sind. Die physischen Mechanismen der Gefühle sind für sich allein gesehen weitestgehend unverständlich. Ihre Bedeutung erschließt sich dem Betrachter erst in einer umfassenderen Perspektive, die berücksichtigt, dass „Gefühle… auf jeder Organisationsebene der Person wirksam [sind]“ 20 - und nicht nur auf der physischen.
Eine Erweiterung des Blickwinkels ergibt sich, wenn man neben der rein physiologischen Ebene der Betrachtung die Ebene des Psychischen mit einbezieht. Die Diskussion dieser Problematik, die de Sousa im vierten Kapitel „über einen Umweg“ 21 bestreitet, führt zu dem Ergebnis, dass es sich bei Gefühlen um (nicht unbedingt bewusste) psychische Phänomene handelt, die die Fähigkeit besitzen, in graduell unterschiedlicher Weise 22 zu motivieren, also komplexe Denk- und Verhaltensvorgänge zu beeinflussen, ohne diese dabei allerdings zu determinieren 23 . Bei Emotionen handelt es sich bei weitem nicht nur um instinkthafte Reiz-Reaktionsmechanismen, sondern vielmehr um komplexe Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Reaktionsprozesse, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist. Die Leistung dieser Prozesse besteht darin, dass sie auf ganz eigene Weise Informationen sowohl über die ‚Außen-’ als auch die ‚Innenwelt’ liefern 24 . Sie leisten dies (mit mehr oder weniger Erfolg), indem sie sich auf Objekte beziehen. Die höchste Stufe der Komplexität emotionaler Zustände zeigt sich in der (wahrscheinlich nur dem Menschen eigenen) Fähigkeit der singulären
20 de Sousa 1997, 134; Diesen Umstand nennt de Sousa hier und an anderen Stellen „ Präsenz der Gefühle auf allen Ebenen“.
21 de Sousa 1997, 139; Im vierten Kapitel seines Buches untersucht de Sousa breitangelegt verschiedene evolutionsbiologische Aspekte der Herausbildung des Psychischen und der damit zusammen hängenden emotionalen Fähigkeiten. Diese Untersuchung, die an dieser Stelle nicht im Detail nachvollzogen werden kann, dreht sich vor allem um Fragen zu den logischen Bedingungen der Emergenz des Psychischen als der Ebene, deren Aufbau und Funktion nicht allein aus den ihr zugrunde liegenden Strukturen erklärt werden kann.
22 Das Psychische lässt sich, so de Sousa, in unterschiedliche (Entfaltungs-)Stufen einteilen, wobei nur die höchste Stufe die Fähigkeit zur singulären Bezugnahme beinhaltet. Bei dieser Fähigkeit, sich auf ein einzelnes identifizierbares und nicht-austauschbares Objekt zu beziehen, handelt es sich um ein spezifisch menschliches Vermögen.
23 „Wo Motivation und Gefühl im Spiel sind, haben wir […] keinen Grund, feste oder vorhersagbare Verhaltensmuster zu erwarten.“, de Sousa 1997, 180.
24 In dieser Hinsicht erscheint es plausibel, eine Analogie zu anderen, konventionelleren Wahrnehmungsfähigkeiten anzunehmen.
14
Arbeit zitieren:
Alexander Kühn, 2005, Das Undenkbare fühlen - Religiöse Gefühle im Licht einer modernen Emotionskonzeption, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Alexander Kühn's Text Das Undenkbare fühlen - Religiöse Gefühle im Licht einer modernen Emotionskonzeption ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Alexander Kühn hat den Text Das Undenkbare fühlen - Religiöse Gefühle im Licht einer modernen Emotionskonzeption veröffentlicht
Alexander Kühn hat einen neuen Text hochgeladen
Der Schutz staatlicher Ehre und religiöser Gefühle und die Unabhängigk...
Otto Depenheuer, Ilyas Dogan, Osman Can
VALORISATION DES SOUS-PRODUITS DE LA FILIÈRE TOMATE TRANSFORMÉE
OPTIMISATION DE LA PRODUCTION ...
Hayet BOUKHALFA-LEZZAR
Eine Entdeckungsreise zur Quel...
Ella Kensington, Romjna Hediger, Verena Böning
0 Kommentare