vergleicht: Die Phase der Kindheit der Menschheit, unterteilt in das goldene Zeitalter, das ist das des Wanderhirtentums, das des Zeitalter des Bodenbaues, wo aus dem patriarchalen Zelt die Hütte der Arbeit wird, und das Zeitalter der Handelsstaaten und der Entstehung der Schrift, gefolgt von der Phase der Jugend, repräsentiert durch das Griechentum, und schliesslich die Phase des Mannesalters, in dem die Völker durch die Römer vereint wurden, und nach dem nun das Christentum die Völker vereinen soll. Als erster stellt er eine Verbindung zwischen Umwelt und Entwicklung her (wir würden heute von umweltbedingtem Selektionsdruck sprechen) und schliesst selbst eine Beeinflussung des menschlichen Geistes durch das Klima nicht aus, eine Vorstellung, die auch Goethe in seinen Unterhaltungen mit dem Kanzler Müller teilt. Auch Johann Reinhold Forster kennt in seinen "Bemerkungen über die Gegenstände der physischen Erdbeschreibung, Naturgeschichte und sittlichen Philosophie" 1787 drei Entwicklungsstadien, Wildheit, Barbarei und Zivilisation (4) und Auguste Comte zeigt 40 Jahre später , wie die Entwicklung der Menschheit vom theologischen über den metaphysischen zum positiven Zustand verlaufe. (5) Auch in den 1815 posthum erschienenen "Untersuchungen über die Verschiedenheiten der Menschennaturen" von Christoph Meiners finden wir die Dreiteilung: 1. Wildheit, 2. Barbarei, 3. halbe und vollendete Aufklärung. (6)
Dem Schweizer Entymologen und Philosophen Charles Bonnet - er hatte unter anderem die Parthenogenese der Blattläuse entdeckt - verdanken wir bereits 1769 die Einführung des Terminus "Evolution" in seiner "Palingenesis". (7) Den für den Evolutionismus so wichtigen Begriff der "Stufen" finden wir erstmals in Friedrich Schillers Jenaer Antrittsvorlesung als unbesoldeter Professor von 1789 "Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte", wo er feststellt: "Die Entdeckungen, welche europäische Seefahrer an Meeren und Küsten gemacht haben, geben ein lehrreiches und unterhaltsames Schauspiel. Sie zeigen uns Völker, die auf vielen Stufen der Bildung stehen. Sie bringen den Weissen in Erinnerung, was sie selbst einmal waren und wo sie hervorgegangen sind." (8) Hatte Condorcet, ganz einem weltlichen Fortschrittsglauben anhängend - auch er vertrat einer Dreistufentheorie -, 1795 in Paris noch die Überwindung von Sklaverei, Krieg, Aberglauben und Tyrannei verkündet, (9) so stellte Malthus dem 1798 den Kampf ums Dasein gegenüber. (10) Während die Bevölkerung in geometrischer Progression anwachse (2, 4, 8, 16, 32...), wachse die Nahrungsmittelproduktion nur in arithmetischer (2, 4, 6, 8, 10...). Hungersnot und eben der struggle for existence wären die Folge. Er beeinflusste mit diesen Ansichten nicht nur den Zoologen Alfred Russel Wallace, der bereits 1858 den Kampf ums Dasein als Ausleseprinzip postulierte, (11) und natürlich Darwin und Spencer selbst, sondern z. B. auch die Arbeiten der Theologen William Paley und Thomas Chalmers, die sich 1802 (12) bzw. 1832 und 1833 (13) gegen Massnahmen zur Bekämpfung der Armut aussprachen und somit als vordarwinsche sog. Sozialdarwinisten zu bezeichnen wären. Der britische Premierminister Pitt der Jüngere soll seinen Gesetzesvorschlag über Armenhilfe für grosse Familien zurückgezogen haben, nachdem er Malthus und Paley gelesen hatte (14), und Chalmers schreibt: "Es ist ganz umsonst, anzunehmen, positive Hilfe würde
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jemals die Leiden der Armut abschaffen... Sie würde den Segen des Fleisses aus dem Lande treiben." (13) Friedrich Nietzsche hat nicht so unrecht, wenn er in "Die fröhliche Wissenschaft" 1886 meint, um den Darwinismus herum hauche "so etwas wie englische Übervölkerungs-Stickluft, wie Kleiner-Leute-Geruch von Not und Enge. " (15) Väter des Evolutionismus
1852 erscheinen "The Development Hypothesis" und "Theory of Population, Deduced from the General Law of Animal Fertility" (16) des Theologen Herbert Spencer, 1859 Carles Darwin's "On the Origin of Species by Means of Natural Selection or the Preservation of Favoured Races in the Natural Struggle for Life", (17) 1871 sein "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex", (18) 1876 - 96 Herbert Spencer's 3 Bände "The Principles of Sociology". (19) Darwin's Aussage "natural selection follows from the struggle for existence" (20) ist wohl der Schlüsselsatz, doch Darwin und Spencer verstehen darunter Verschiedenes. Während Darwin betont, dass "struggle for Existence" für ihn nur eine Metapher sei, bezogen auf die beste Anpassung und die höchste Fortpflanzungsquote (21), bedeutet "struggle for existence" für Spencer tatsächlichen Kampf und Krieg in allen und zwischen allen Gesellschaften, die auch unbedingt nötig seien: "Das Endresultat des Schutzes der Menschheit vor ihrer eigenen Dummheit ist die Bevölkerung der Welt mit Narren". (22) Für Spencer ist der Kampf ums Dasein ein individueller Kampf, für Darwin ist er auf die Gruppe bezogen. Darwins "survival of the fittest" (im Plural) steht Spencers "survival of the best" (im Singular) gegenüber. Im "Descent of Man" führt Darwin mehrfach aus, dass die Selektion beim Menschen nicht die Gewalttätigkeit sondern die Sittlichkeit begünstige. Eine Gruppe, die sich nicht um ihre Alten kümmert und sich damit sich Erfahrungsschatzes beraubt, die Kranke und Verwundete nicht pflegt, und damit möglicherweise besonders gute Hersteller von Werkzeugen verliert, die sich nicht auch kollektiv um ihre Kinder kümmert, hat einen Selektionsnachteil; Gruppen, die dies alles tun, haben einen Selktionsvorteil. Somit wurde soziales Verhalten ausgelesen. Spencer hingegen findet soziales Verhalten im Kampf ums Dasein schädlich: "In der Natur selbst sehen wir eine harte Disziplin an der Arbeit, die in ihrer Grausamkeit letzten Endes Barmherzigkeit spendet", (23) der Mensch habe jeden Eingriff in den Existenzkampf zu unterlassen. Der sog. Sozialdarwinismus geht daher nicht auf Darwin sondern auf Spencer zurück. Evolutionisten
Dass die Entwicklung von einfachen Organismen zu komplexen vorangeschritten sei, liess sich in den Naturwissenschaften anhand von Fossilien leicht belegen. Somit war es relativ einfach, das jeweilige Alter der heute existierenden Organismen zu bestimmen. Je nachdem, ab wann sie erstmals auftraten, konnten sie als jünger oder älter bestimmt werden, und dieses Jünger und Älter korrelierte fast immer - wenn wir von Fällen sekundärer Primitivität absehen - mit progressiver und primitiver. Der Schluss lag nahe, dass dies auch bei Kulturen der Fall sein müsse, auch wenn hier keine Belege durch "Fossilien" erbracht werden konnten.
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Bereits 1861 erscheint "Das Mutterrecht" des Schweizer Rechtshistorikers Johann Jakob Bachofen. (24) Er stellt drei Entwicklungsstufen auf: Erstens das Stadium der Promiskuität oder des Häterismus. Dieses habe noch bis in die Antike und weiter existiert, wie er aus Berichten Herodots schliesst: Bei den Massagetten, einen Volk in Turkestan eheliche jeder eine Frau, aber allen sei es erlaubt, sie zu gebrauchen. Auch bei den Äthiopiern wäre den Männern die Kohabitation mit allen Frauen erlaubt gewesen. Der Sehnsucht der Frauen nach geregelteren Zuständen verdankten wir die Entwicklung zum zweiten Stadium, dem des Mutterrechtes, der Gynaikokratie, der ersten Ordnung, des Bodenbaues und Tellurismus. Dem Stadium des Mutterrechtes folgt als drittes das des Vaterrechtes. John Ferguson McLennan übernimmt 1865 in seinem Werk "Primitive Marriage" (25) diese drei Stadien: Promiskuität, Mutterrecht, Vaterrecht. Promiskuität existieregleichsam als lebendes Fossil - auch heute noch bei den Australiern, was er aus der Institution der Raubheirat schliesst. Zu den Fakten: Häterismus, Promiskuität oder gar Urpromiskuität als kulturelle Institutionen existieren heute nirgendwo, Raubheirat ist ausserordentlich selten, und über das jeweilige Alter heute existierender mutterrechtlicher Kulturen lässt sich nichts aussagen. Mutterrechtliche Kulturen mögen in bestimmten Fällen älter sein als benachbarte vaterrechtliche, sie können aber auch jünger sein, etwa wenn die Männer durch den historisch belegbaren Verlust des Jagdwildes von den Frauen abhängig wurden. Trotzdem hat sich das 3-Phasen -Modell bis heute erhalten.
Vornehmlich der Untersuchung der Evolution von Religion ist das Werk von Edward Burnett Tylor gewidmet. 1865 erscheint "Researches into the early History of Mankind and the Development of Civilization" und 1871 das 2-bändige Hauptwerk "Primitive Culture. Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art and Custom". (26) Tylor stellt folgende Entwicklungsreihe auf: Animismus - Manismus - Totemismus - Fetischismus - Polytheismus -Monotheismus. Tylors Animismus-Theorie bildet noch heute eine der Grundlagen der Religionsethnologie. Er meint, der Animismus reiche von den niedersten Kulturstufen bis in die moderne Kultur hinein. Leider ist das evolutionistische Schema von Tylor auch mit eurozentrischen Wertungen verbunden: Massstab für die Entwicklung ist die sie angeblich krönende europäisch-amerikanische Kultur. 1890 wird James George Frazer in seinem "The Golden Bough. A Study in Comperaive Religion" (27) der Entwicklung der Religion noch die der Magie voranstellen. 1968 - 70 erscheinen Pitt-Rivers Artikel zu "Primitive Warfare". (28) Ausgehend vom einfachen Stock, stellt der Oberst und Waffensammler Entwicklungsreihen auf, die von einfachen Formen zu differenzierteren Formen von Schlag, Stoss- und Wurfwaffen führen. Auch heute noch sind die ethnographischen Objekte im Pitt-Rivers-Museum in Oxford nach diesem evolutionisischen Schema gegliedert. Wichtigster und durch seine Ausstrahlung auf Marx und Engels folgenreichster Vertreter des Evolutionismus ist Lewis Henry Morgan. 1877 erscheint sein Hauptwerk "Ancient Society, or Researches in the Lines of Human Progress from Savagery through Barbarism to Civilization" (29).
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Arbeit zitieren:
Prof. Dr. mult. habil. Rupert Moser, 2003, Evolutionismus in den Kulturwissenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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