INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. DIE ROLLE DER FDP IM PARTEIENSYSTEM 4
3. STRÖMUNGEN INNERHALB DER FDP 5
4. DIE SOZIALLIBERALE KOALITION 1969-1982 7
4.1 Entstehung 7
4.2 Untergang 10
5. VERGANGENHEIT MIT ZUKUNFT? 16
6. ERGEBNIS UND AUSBLICK 19
7. LITERATURVERZEICHNIS 20
2
1. Einleitung
Die sozialliberale Koalition zwischen 1969 und 1982 hat die Bundesrepublik auf vielfältige Weise geprägt. Sie entstand in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und zerfiel, als diese Umbrüche vollzogen waren. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die Epoche der sozialliberalen Koalition, ihr Entstehen, ihren Untergang und die Chancen ihrer eventuelle Wiederbelebung genauer zu beleuchten: Wie kam es zu diesem bis heute auf Bundesebene einmaligem Bündnis? Warum stieß die FDP 1982 ihren linken Flügel ab, und was waren die Folgen? Und ist eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition denkbar?
Für die zukünftige Entwicklung der Bundesrepublik ist vor allem die letzte Frage von Bedeutung. Wenn Volksparteien 1 allgemein koalitionsfähig sein sollen 2 benötigen sie auch entsprechende Koalitionspartner im Parteiensystem. Wäre es starr und unflexibel, gäbe es keine Notwendigkeit zu Diskussionen über neue Koalitionen - Parteien wären aufeinander als Partner festgelegt. In der Bundesrepublik existiert seit den 90er Jahren jedoch ein asymmetrisches Fünf-Parteinsystem, welches das bisher bestehende symmetrische Dreiparteiensystem ersetzte. Mit dem Auftreten der Grünen und der PDS wurde die „SPD multikoalitionsfähig […], die CDU/CSU [blieben] jedoch auf die FDP als Koalitionspartner angewiesen“. 3 Doch auch dieses Kräfteverhältnis scheint sich langsam zu verschieben: Im Zuge der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 wurde über zahlreiche übliche und unübliche Koalitionen diskutiert: Die Ampel, die „Schwampel“, sogar eine SPD/PDS Regierung auf Bundesebene wurde vom Regierenden Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, ins Gespräch gebracht. Und auch die Möglichkeit einer sozialliberalen Koalition wurde - zumindest von den Medien - diskutiert.
Methodisch folgt diese Arbeit einer Analyse der Beweggründe für den Linksruck der FDP 1969 und den Rechtsruck der Liberalen 1982. Diese sollen dann als Schema über die aktuelle Situation gelegt werden, um zu analysieren, ob etwas Ähnliches von der FDP heute zu erwarten ist. Zudem soll mit Hilfe des Parteiprogramms der FDP untersucht werden, ob es mögliche Schnittmengen in zentralen Politikbereichen gibt.
1 Eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Typus und Begriff Volksparteien kann auf Grund des gegebenen Rahmens nicht erfolgen, s. hierzu: Hofmann, Bernd: Annäherung an die Volkspartei. Eine typologische und parteiensoziologische Studie. Wiesbaden 2004
2 So bei Peter Lösche: vgl. ebda., S. 76
3 Korte, Karl-Rudolf / Fröhlich, Manuel: Politik und Regieren in Deutschland. Strukturen, Prozesse, Entscheidungen. Paderborn 2004, S. 139
3
2. Die Rolle der FDP im Parteiensystem
Die Freie Demokratische Partei hatte im Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit eine besondere Position inne. Bis mit der Bundestagswahl 1983 die Grünen und 1990 die PDS nahezu dauerhaft in den Bundestag einzogen, waren nur zweimal, 1949 und 1953, weitere Parteien außer der Union, SPD und FDP im Parlament vertreten. Die FDP konnte somit eine koalitionspolitische Funktion als Regierungspartei erfüllen, die ihr Bedeutung und Einfluss weit über die in den Wahlen zuerkannte Stärke hinaus gab. Nur in den Jahren 1956 bis 1961, 1966 bis 1969 und seit 1998 war bzw. ist die FDP nicht Regierungspartei. Eckhard Jesse bezeichnet sie deshalb als „Hegemonialpartei schlechthin“. 4 Anders formuliert: In den 58 Jahren, die die Bundesrepublik nun besteht, war die FDP lediglich 17 Jahre nicht in einer Regierungskoalition.
Das blieb nicht folgenlos: Die FDP war als Mehrheitsbeschafferin notwendig, wenn keine der großen Volksparteien die absolute Mehrheit gewann. Sie wurde zum Zünglein an der Waage. Dadurch entwickelte sie ein Selbstverständnis von sich als Regierungspartei. Es gab bei den Liberalen keinen Wunsch nach Opposition. Dies und die Rolle der Liberalen als Mehrheitsbeschafferin zeigten sich besonders deutlich bei den beiden durch die FDP herbeigeführten Machtwechseln: 1969, als die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel die große Koalition von Kurt-Georg Kiesinger und Willy Brandt ablöste, und 1982, als die FDP sich wieder zur CDU orientierte, Helmut Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt und Helmut Kohl neuer Bundeskanzler wurde. Seither behält die FDP-Führung den von Hans-Dietrich Genscher eingeschlagenen koalitionspolitischen Kurs bei, sie ist seit der Wende 1982 auf die CDU/CSU als Koalitionspartner festgelegt. 5 Auch bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 gab der Vorsitzende Guido Westerwelle eine eindeutige Koalitionsaussage zugunsten der CDU. Wie gespalten das Verhältnis zwischen Liberalen und SPD ist zeigte sich auch am Wahlabend in der „Berliner Runde“ in der ARD, als Bundeskanzler Gerhard Schröder und Guido Westerwelle sich offen mit Hinweis auf die Geschichte der sozialliberalen Koalition anfeindeten.
4 Jesse, Eckhard: Die Parteien im westlichen Deutschland von 1945 bis zur deutschen Einheit. In: Gabriel, Oscar W. / Niedemayer, Oskar / Stöss, Richard (Hrsg.): Parteiendemokratie in Deutschland, Bonn 1997, S. 70; zitiert nach: Handbuch zur Statistik der Parlamente und Parteien in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland: Teilband III: FDP sowie kleinere bürgerliche und rechte Parteien. Mitgliedschaft und Sozialstruktur 1945-1990. Düsseldorf 2005, S. 43
5 Vgl. Niclauß, Karlheinz: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage, Paderborn 2002, S. 125
4
Doch mit einem Selbstverständnis als Regierungspartei und Mehrheitsbeschafferin kann man nicht auf nur einen Koalitionspartner festgelegt sein. In ihrer Geschichte hat die FDP zudem schon mehrfach gezeigt, dass sie in der Wahl ihrer Partner sehr flexibel sein kann. 6
3. Strömungen innerhalb der FDP
Die Geschichte der liberalen Parteien in Deutschland ist eine Geschichte der Spaltungen und inneren Zerreißproben, die immer wieder im Verstoß gegen die Grundsätze des Liberalismus endeten. Für die Entstehung und Zusammensetzung der FDP ist dies von großer Bedeutung, weswegen im Folgenden ein kurzer Blick auf die Geschichte des organisierten Liberalismus in Deutschland geworfen werden soll.
Die Parole des Liberalismus war seit jeher die Freiheit, vertreten wurde sie besonders vom Bürgertum. Es wollte „Freiheit von [den] klerikalen Bevormundungen und feudalen Begrenzungen“. 7 In Deutschland entwickelte sich der Liberalismus jedoch anders als in anderen Ländern Westeuropas: Hier gelang die „Synthese von Freiheit und Nation nicht“. 8 Zwar war die erste deutsche Partei mit der 1861 in Preußen gegründeten Deutschen Forschrittspartei eine liberale, die auch in ihrem Programm klassische liberale Standpunkte vertrat. Doch nur kurz nach ihrer Gründung spaltete sich die Partei auf Grund der unterschiedlichen Positionen zum preußischen Verfassungskonflikt im September 1866 in die zwei zentralen Flügel, die sich auch in der FDP wieder fanden: die Linksliberalen und die Nationalliberalen. 9
So unterschied sich der deutsche Liberalismus schon in seiner Entstehung deutlich von den freiheitlichen Bestrebungen in anderen Ländern. Das geschwächte und polarisierte Bürgertum war nicht in der Lage, freiheitliche Forderungen ausreichend zu artikulieren oder politisch umzusetzen. Stattdessen flüchtete es sich in einen „romantischen, idealistisch überhöhten Nationalismus“ 10 , ohne dass die Umsetzung dieser Ideale konkret eingefordert wurde. Die deutsche Staatstheorie gliederte zudem die Parteien aus dem Staat aus, in dem sie nicht nur eine strikte Trennung von Staat und Gesellschaft proklamierte, sondern vielmehr den Staat in eine überhöhte Position brachte, ihn - wie Hegel - als Verwirklichung der sittlichen Idee
6 Vgl. dazu: Handbuch zur Statistik: S. 44-50
7 Dittberner, Jürgen: Die FDP. Geschichte, Personen, Organisation, Perspektiven. Eine Einführung. Wiesbaden 2005, S. 15
8 Lösche, Peter: Kleine Geschichte der deutschen Parteien. 2. verbesserte Auflage, Stuttgart 1994, S. 27
9 Vgl. Ebda., S. 28ff; vgl. zum preußischen Verfassungskonflikt: Neugebauer, Wolfgang: Geschichte Preußens. Darmstadt 2004, S. 109-116
10 Lösche: Kleine Geschichte, S. 27
5
betrachtete. 11 Außerdem setzte im Kaiserreich etwas ein, was als „Feudalisierung des Bürgertums“ bezeichnet wurde, nämlich eine Anpassung von ursprünglich liberalen Teilen des Bürgertums an die politische Kultur der Konservativen und Königstreuen. Dies fand seinen Ausdruck z.B. in der Adelung erfolgreicher Unternehmer oder dem gesellschaftlichen Leitbild des preußischen Reserveoffiziers. 12
Das deutsche Bürgertum und der deutsche Liberalismus waren gespalten, geschwächt und in weiten Teilen opportunistisch. Dies sollte sich dann auf tragische Weise in der Zustimmung der mittlerweile nur noch fünf Abgeordneten der Deutschen Demokratischen Partei zu Hitlers Ermächtigungsgesetz manifestieren.
So lag nach 1945 13 das „Hauptaugenmerk der liberalen Gründungszirkel […] [auf] der Bündelung aller Kräfte sowie der Überwindung der traditionellen Spaltung“. 14 Die FDP wurde so mit dem Anspruch einer bürgerlichen Sammlungsbewegung ins Leben gerufen. Das Anliegen gelang der Partei sogar, denn sie funktionierte lange Zeit als Sammelbecken verschiedener, teils gegensätzlicher gesellschaftlicher Strömungen. Auf Grund der Lizensierungspolitik der Alliierten entstanden die Parteien zunächst auf regionaler Ebene, bevor sie sich zu einer Gesamtpartei zusammenschlossen. Die einzelnen Landesverbände der späteren FDP bildeten so ein sehr eigenes ideologisches Korsett aus, das sich in Rechtspopulismus und Linksliberalismus einteilen lässt. 15 Die traditionellen Flügel - der linksliberale und der nationalliberale - traten wieder hervor. 16 Gemeinsam war den Landesverbänden jedoch das „prononcierte Bekenntnis zur Privatwirtschaft, verbunden mit der Ablehnung sozialistischer Tendenzen, sowie eine anti-klerikale Grundhaltung.“ 17 Dass sich beide Strömungen der Liberalen später unter nur einem Dach vereinen sollten lag aber nicht nur an dem programmatischen Grundkonsens, sondern ebenso an der Lizensierungspolitik der Alliierten, die nur eine liberale Partei zuließen und an der starken Autonomie der Landesverbände, die ihre Eigenarten bewahren konnten.
11 Vgl. Oberreuter, Heinrich: Politische Parteien: Stellung und Funktion im Verfassungssystem der Bundesrepublik. In: Mintzel, Alf / Oberreuter, Heinrich (Hrsg.): Parteien in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen 1994, S. 17
12 Vgl. Lösche: Kleine Geschichte, S. 40
13 Die Entstehungsgeschichte der liberalen Partei in der SBZ und späteren DDR wird hier ausgeklammert, da sie für das Thema der Arbeit nicht von Bedeutung ist
14 Vgl.: Handbuch zur Statistik, S. 43
15 Vgl. Ebda., S. 46
16 Vgl. Ebda., S. 43
17 Leuschner, Udo: Die Geschichte der FDP. Metamorphosen einer Partei zwischen rechts, sozialliberal und neokonservativ. Münster 2005, S. 2
6
Arbeit zitieren:
Michael Draeger, 2007, Die FDP - sozialliberale Vergangenheit und Zukunft?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Wie beeinflussen mediale Verän...
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Führungskräfte und ihr Privatleben
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Seminararbeit, 15 Seiten
Wirtschaftswunder oder historischer Zufall? Entmythologisierende Erkl...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Lobbyismus in Deutschland - Eine Einführung
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 24 Seiten
Die Konsumgesellschaft der BRD seit 1950 und die ökologischen Folgen -...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Rezension / Literaturbericht, 18 Seiten
Lobbyismus in Deutschland - Zeit der Veränderung
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 23 Seiten
„Die Koalitionspolitik der FDP - machiavellistische Machtpolitik?“
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 21 Seiten
Lobbyarbeit in der EU - Arbeit der Interessenvertreter in Brüssel
Seminararbeit, 20 Seiten
Übungsaufgaben Investition und Finanzierung I - mit Lösungen
BWL - Investition und Finanzierung
Skript, 31 Seiten
Konstruktivismus und der klassische Bildungsbegriff
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 21 Seiten
Der Liberalismus als Leitbild des frühen 19. Jahrhunderts
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Weiterbildungsschere: Entwickelt sich die deutsche Gesellschaft zu...
Vordiplomarbeit, 23 Seiten
Die Gründe der amerikanischen ...
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit, 20 Seiten
Globalisierung: Das Beispiel der Automobilindustrie
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Hausarbeit, 22 Seiten
Die FDP - Porträt einer Partei ohne Zukunft?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 28 Seiten
Pricing-Prozesse in der Automobilindustrie
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Michael Draeger's Text Die FDP - sozialliberale Vergangenheit und Zukunft? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Michael Draeger hat den Text Die FDP - sozialliberale Vergangenheit und Zukunft? veröffentlicht
Michael Draeger hat einen neuen Text hochgeladen
Rückführung in die Vergangenheit, Zukunft und zum großen Zeh
Ein Weg zu Weisheit und Heilun...
Manuela Zielke
Zwischen Vergangenheit & Zukunft / Between Past & Future
Die Geschichte der Region Ruhr...
Ralf Meier, Markus Matzel, Frederik J. Heinemann
Der Vergangenheit eine Zukunft
Denkmalpflege in der islamisch...
Wolfgang Mayer, Philipp Speiser, Joan Clough
Wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft. Festschrift für Jürgen ...
Carsten Reinemann, Rudolf Stöber
Verfassung in Vergangenheit und Zukunft
Sechs Jahrzehnte Erfahrung in ...
Dieter Grimm, Fulvio Longato, Carlo Mongardini, Gregor Vogt-Spira
Lernziel Englisch Konversation...
Susi Weichselbaumer, Naomi Salisbury
Vergangenheit und Vergenwärtigung
Frühes Mittelalter und europäi...
Helmut Reimitz, Bernhard Zeller
0 Kommentare