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Einleitung
3
I. Alan Sillitoe 3
II. Das englische Arbeitermilieu als
Hintergrund für Silitoes Frühwerk 5
II.1 Kurzes Portrait der englischen Arbeiterklasse 5
II.2 Parallelen zwischen Sillitoes Werk und seinem
Leben in der Arbeiterklasse 7
III. On Saturday Afternoon 9
III.1 Wechselbeziehung zwischen Milieu der
Arbeiterklasse und Frustration 9
III.2 Aggression und Suizid als Formen der Frustationsbewältigung 13
III.2.1 Aggression 13
III.2.2 Suizid 15
IV. Sillitoes Sozialkritik in On Saturday Afternoon 16
V. Auffällige formale Aspekte 17
Schlu ßbemerkung 19
Literaturverzeichnis 21
2
Einleitung
Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit steht Alan Sillitoes 1959 erschienene Kurzgeschichte On Saturday Afternoon. Ziel der Arbeit soll es sein, zu zeigen, wie Alan Sillitoes Sozialkritik in der vorliegenden Kurzgeschichte deutlich gemacht werden kann und auf welchen Hintergrund sie zurückzuführen ist. Relevant dafür sind zunächst einige Daten aus Alan Sillitoes Biographie, wobei hier das Hauptinteresse auf den Stationen liegt, die sich auf sein Leben im englischen Arbeitermilieu beziehen und nachfolgende Kapitel seines Lebens unberücksichtigt bleiben. Anschließend wird ein kurzer Abriß der realen Verhältnisse innerhalb der englischen Arbeiterklasse, wie sie von Historikern für die Jahre der Vor-und Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs dargestellt werden, gegeben. Darauf aufbauend soll in der Folge die Konzentration auf die Frage gerichtet sein, inwieweit sich Parallelen zwischen Sillitoes Leben im englischen Arbeitermilieu und seinem Frühwerk, zu dem auch On Saturday Afternoon zählt, ziehen lassen. Im Anschluß daran erfolgt im Hinblick auf On Saturday Afternoon die Auseinandersetzung mit dem möglichen Zusammenhang zwischen Arbeitermilieu und Frustration, die zeigen soll, inwieweit das Entstehen von Frustration durch ein Leben in einer von Mißständen geprägten Umgebung vorprogrammiert ist. Darüber hinaus werden die in On Saturday Afternoon thematisierten Formen der Frustrationsbewältigung, nämlich Aggression und Suizid, näher beschrieben. Abschließend erfolgt zudem eine Darstellung einiger formaler Besonderheiten der Kurzgeschichte On Saturday Afternoon, die Sillitoes Intention zusätzlich Nachdruck verleihen.
I. Alan Sillitoe
Alan Sillitoes Biographie macht deutlich, daß er sich auf wohlbekanntem Terrain bewegt, wenn er, wie in der hier behandelten Kurzgeschichte On Saturday Afternoon, das englische Arbeitermilieu thematisiert. Sillitoe wird 1928 in Nottingham geboren, er ist das zweitälteste von fünf Kindern. Großbritannien befindet sich nach dem Ersten Weltkrieg in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, es ist die Zeit der wirtschaftlichen Depression, gekennzeichnet vor allem durch Massenarbeitslosigkeit. Sillitoe wird in eine Arbeiterfamilie hinein geboren und wächst in einem Nottinghamer Industriegebiet unter sehr ärmlichen Bedingungen auf. Auch sein Vater, ein ungelernter Fabrikarbeiter, ist von der Arbeitslosigkeit betroffen, und die Familie lebt zuweilen am Rande des Existenzminimums. 1 Im Alter von etwa sechs Jahren wird Sillitoe von seiner Mutter sogar
1 Alan Sillitoe, Life without Armour (London, 1995), 16.
3
auf eine Schule für geistig zurückgebliebene Kinder geschickt, weil dort sehr viel für die Gesundheit der Kinder getan und eine verhältnismäßig gute Verpflegung gewährleistet wird. Diese finanzielle Erleichterung währt allerdings nicht sehr lange: „ [...] until it was realized I neither lacked intelligence nor was stunted in my growth. My mother was disappointed, but had done her best […].“ 2 Die Harmonie innerhalb der Familie Sillitoe wird stark von den äußeren, ärmlichen Umständen beeinflußt und gestört. Sillitoe beschreibt seinen Vater als frustriert und gewalttätig: So ist er frustriert wegen seiner eigenen Zurückgebliebenheit bzw. mangelnden Bildung (so konnte er z.B. weder lesen noch schreiben 3 ) und der nicht zuletzt daraus resultierenden Arbeitslosigkeit als auch wegen des damit einhergehenden Unvermögens, die eigene Familie zu ernähren. Darüber hinaus gibt es für den Vater offensichtlich nur die Aggression zur Frustrationsbewältigung. Immer wieder beschreibt Alan Sillitoe die Wutausbrüche seines Vaters, die auf zahlreiche depressive Phasen folgen und sich in der stärksten Form gegen die eigene Familie richten. Er schlägt seine Frau und seine Kinder und verbreitet so Angst und Schrecken anstelle von Respekt und Vertrauen:
He often hit my mother, and an early memory is of her bending over the bucket so that blood from her cut head would not run on to the carpet […]. In those early days such black moods took up more of my father’s time than his genuine need to make amens, so my sister and I lived in continual apprehension of someone who, we sometimes felt, should have been kept on a chain. We responded to his moments of kindness with relief rather than affection, but there was no haven of trust in either of our parents.“ 4
Auch von der Mutter haben die Kinder demnach wenig Hilfe zu erwarten, zumal sie sich selbst kaum gegen ihren Mann zu wehren vermag. Schon als Kind ahnt Sillitoe allerdings, daß sein Vater nicht allein für seine Depressionen und Wutanfälle verantwortlich gemacht werden kann, sondern die äußeren Umstände einen großen Anteil daran haben. Trotz allem glaubt er an einen guten Kern in seinem Vater: „Wie kann man gegen einen Vater 'rebellieren', den man hat weinen sehen, weil er nicht in der Lage war, die Kraft seiner Muskeln und den Schweiß seines Angesichts zu verkaufen?“ 5 Die Armut der Familie Sillitoe veranlaßt den Vater sogar zu einigen kleinkriminellen Geschäften, für die er obendrein eine Gefängnisstrafe bekommt. Die Mutter, die an der permanenten finanziellen Notlage fast verzweifelt, entschließt sich eines Tages sogar zur Prostitution, um wenigstens ein bißchen Geld nach Hause bringen zu können. 6 Das Familienleben der Sillitoes ist offensichtlich alles andere als glücklich und harmonisch, Alan Sillitoe und seine
2 vgl. ebd., 13.
3 ebd. 4.
4 ebd., 3f.
5 John Sawkins, Dann mit dem Hammer: Eine Studie des Frühwerks von Alan Sillitoe im Hinblick auf das Thema der Entfremdung (Bochum, 1992), 6.
6 Alan Sillitoe, Life without Armour, 34.
4
Geschwister haben nicht die glückliche und unbeschwerte Kindheit wie sie Kinder sozial besser gestellter Eltern im Regelfall wohl zu erwarten haben. Noch nicht einmal Geburtstage werden in der Familie Sillitoe gefeiert, in ihrer finanziellen Lage ist dies absoluter Luxus: „In our family nothing was made of such yearly commemorations, because to be reminded of your birth meant disturbing those senses which were only to be used in existing from one dawn to the next […].“ 7 Bereits im Alter von 14 Jahren beendet Alan Sillitoe die Schule und beginnt in einer Fahrradfabrik zu arbeiten, froh, etwas zum Lebensunterhalt der Familie beisteuern zu können. Später wechselt er in eine Munitionsfabrik, angesichts des Krieges sind Arbeiter hier dringend gesucht. Nach dem Krieg absolviert Sillitoe eine militärische Ausbildung und wird Funker bei der Royal Air Force. Seine Einsätze führen ihn häufig für lange Zeit ins Ausland, was er sehr begrüßt, da dies für ihn die Chance bedeutet, Nottingham hinter sich lassen zu können. 8 Seit 1947 ist Sillitoe als Schriftsteller tätig. Sein erstes Werk, der Arbeiterroman Saturday Night and Sunday Morning, erscheint 1958.
Schon als Junge bedeutet Literatur für Alan Sillitoe eine Möglichkeit, der Realität für eine Weile zu entfliehen und seine triste Kindheit zu kompensieren: „[...] reading was the only activity which made my existence tolerable […].“ 9 Dabei prägen ihn vor allem zwei Werke sehr nachhaltig:
It was fortunate that Les Misérables [Victor Hugo] and The Count of Monte Christo [Alexandre
Dumas] were known to me so early on, and had such a deep effect, for between them they lit up my darkness with visions of hope and promise of escape ... both books powerhouses buried in the heart which they helped to survive. 10
II. Das englische Arbeitermilieu als Hintergrund für Sillitoes Frühwerk
II.1 Kurzes Portrait der englischen Arbeiterklasse
Ein kurzer Überblick über die Realhistorie soll zum einen als Beleg dafür dienen, daß die Schilderungen Alan Sillitoes im Hinblick auf Mißstände innerhalb der Arbeiterklasse nicht einfach Übertreibungen oder selbst erdachte Begebenheiten darstellen, sondern auf schlichten Fakten beruhen. Zum anderen sollen so die Lebensumstände der Familie Sillitoe bzw. die der in Sillitoes Werken beschrieben Arbeiterfamilien noch präzisiert werden. Die Übersicht umfaßt in etwa den Zeitraum der dreißiger bis sechziger Jahre, der für das Frühwerk Sillitoes zunächst am relevantesten ist.
7 ebd., 7.
8 ebd., 57-94.
9 ebd., 31.
10 ebd., 37.
5
Die Mehrzahl der englischen Arbeiter lebt in Industriestädten in deutlich abgegrenzten Stadtteilen, meistens in unmittelbarer Nähe ihrer Arbeitsstellen, der Fabriken. Die Arbeit in den Fabriken ist meist nicht außerordentlich anspruchsvoll und kann auch ohne besondere Ausbildung verrichtet werden, so daß die Arbeiter bei Bedarf leicht zu ersetzen sind. Allerdings sind die einzelnen Arbeiten häufig mit hoher körperlicher Anstrengung verbunden und dabei vorwiegend recht monoton, da sie immer nach einem bestimmten Muster ablaufen. Es werden nur sehr niedrige Löhne gezahlt, in den meisten Fällen auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, und die Arbeitsverhältnisse sind nicht besonders sicher, so daß Arbeiter leicht entlassen werden können. Die Arbeitsbedingungen gelten als relativ schlecht, insbesondere als negativ für die Gesundheit, denn bei den meisten Arbeitsabläufen entstehen immense Mengen Staub, Dämpfe, Hitze und Lärm. Bedingt durch die niedrigen Löhne und die extrem hohe Arbeitslosenrate in den Vor- und Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs leben die Arbeiterfamilien in ausgesprochen ärmlichen Verhältnissen. Häufig reicht das Geld nicht zum Leben, und Lebensmittelkäufe müssen auf Anleihe getätigt werden. Überhaupt sind viele Familien immer wieder verschuldet, Gänge zum Pfandhaus oder auch kleine Diebereien sind an der Tagesordnung. Letztere werden häufig von Jugendlichen begangen, die in der Regel Lebensmittel stehlen. Als Konsequenz sind viele von ihnen in Besserungsanstalten, sogenannten approved schools, bereits „Stammkunden“. Die Häuser oder besser Unterkünfte, in denen die meisten Familien leben, stammen noch aus der Zeit des Beginns der Industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und sind seitdem stark heruntergekommen. Aber Wohnraum ist trotz allem knapp und so muß man sich mit dem zufriedengeben, was man bekommt: „ [...] any hole and corner slum, any misery of bugs and rotting floors and cracking walls [....].“ 11 In viele der Räume, in denen gelebt wird, gelangt noch nicht einmal Belüftung oder Tageslicht. Da sich die Siedlungen meist in unmittelbarer Nähe der Fabriken befinden, leben die Menschen unter ständiger Luftverschmutzung und Lärmbelästigung. Eine Konsequenz aus der sozialen Notlage der Arbeiterfamilien ist, daß die Kinder in der Regel nur ein Minimum an Bildung erhalten. Mit 14 Jahren endet die Schulpflicht, und sie verlassen die Schule, um ebenfalls in den Fabriken zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Allerdings wird eine höhere Bildung in den meisten Fällen auch deshalb abgelehnt, weil der Eintritt in die Arbeitswelt zugleich als Eintritt in das Erwachsenendasein und im Falle der Jungen als Beginn des Mann-Seins angesehen wird. Darüber hinaus ist Bildung häufig auch deshalb verpönt, weil die Arbeiter
11 Stanley S. Atherton, Alan Sillitoe: A critical Assessment (London, 1979), 93.
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Arbeit zitieren:
Susanne Prang, 2000, Zu: Alan Sillitoe - On Saturday Afternoon, München, GRIN Verlag GmbH
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