Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Zur Begrifflichkeit. 4
2.1 Definition einer asymmetrischen Kriegs- und Weltordnung. 4
2.2 Die Botschaft an die zu interessierenden Dritten. 6
3 Das Bild als Waffe in asymmetrischen Konflikten. 8
3.1 Metaphern / Bildsprache. 9
3.2 Zeichen, Bilder und Symbole 11
3.3 Die Wechselwirkung von Bild und Realität 13
3.4 9/11 - Zum Verhältnis von Ereignis, Realität und Bild 14
4 Massenmedien und Terrorismus. 17
4.1 Kritik an der Medienberichterstattung 17
4.2 Die erzwungene Komplizenschaft. 18
4.3 Das Dilemma der Ethik. 20
4.4 Lösungsansätze - Oder die Frage nach Verantwortung. 21
5 Zusammenfassung und Ausblick 23
6 Literaturverzeichnis 25
„Ich traue Worten nicht. Ich traue Bildern.“ (Gilles Peress / Magnum Photos)
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1 Einleitung
Die Weltöffentlichkeit scheint auch knapp fünf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht zur Ruhe zu kommen. Keiner von uns, und wahrscheinlich auch keiner unserer Freunde war zur Zeit der Anschläge oder zur Zeit deren Konsequenzen in New York oder Kabul. Dennoch sind uns die Bilder der Ereignisse, ob von New York oder London, Madrid oder Bagdad jederzeit, quasi per Knopfdruck, abrufbar. Nicht wenige von ihnen sind zu Ikonen des vermeintlich Realen erstarrt und zu Symbolen geworden, die neben dem visualisierten Schrecken auch unweigerlich Deutungs- und Wertmuster transportieren. Visualisierung - und das nicht erst seit den Terroranschlägen von 9/11 - ist zunehmend zu einem zentralen Nachrichtenfaktor in der Berichterstattung über Krieg und Terrorismus geworden. Dies kann seine Begründung darin finden, dass wir in unserer Gedächtnisgalerie vorwiegend visuelle Eindrücke aufbewahren, die, eine „unbezwingbare Macht“ 1 auf uns ausübend, bestimmen, welches Gewicht wir Konflikten beimessen und wie wir sie beurteilen. Die Bilder der Konflikte der Moderne sind Bilder vom realen Geschehen, aber vor allem sind es Bilder der Medien.
„Was wir über die Kriege der Gegenwart und Vergangenheit wissen, wissen wir durch die Medien. Wir leben nicht nur in einer Demokratie, sondern auch in einer Mediokratie. Medien vermitteln Bilder und Diskurse wodurch sie - nolens volens - das politische und das kriegerische Geschehen im Vorfeld, währenddessen und im Nachhinein auch im eigenen Interesse beeinflussen.“ 2
Die Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen zum sich wandelnden Terrorismus und dessen Konsequenzen, die, wenngleich auch nur Konstruktionen, wenigstens dem Code Wahr/Unwahr folgen, ist noch immer spärlich und der Diskurs um die ‚neuen Kriege’ noch im Anfangsstadium befindlich. Über die Ereignisse vom 11. September, wie über alle damit zusammenhängenden Ereignisse, haben wir primär Kenntnis durch die Massenmedien, denen wir aufgrund unseres Wissens über ihre Arbeitsweisen jedoch kaum vertrauen, geschweige denn ihre Realitätskonstruktion als Basis wissenschaftlicher Aussagen anerkennen können. Will man sich gegenwärtig zum Terrorismus oder den Folterskandalen in Abu Ghraib mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit qualifiziert äußern, so kann dies allein in der Perspektive des Beobachter zweiten Grades geschehen, der die Beobachtungen der Massenmedien beobachtet, also die Fragestellung auf die Art und Weise der Realitäts- und Symbolkonstruktion der Massenmedien
1 Sontag, S. (2004): Endloser Krieg, endloser Strom von Fotos. In: Sueddeutsche Zeitung vom 24.05.2004
2 Grimm, P. / Capurro, R. (2004): Einleitung. In: Krieg und Medien, S. 11
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richtet. Der dürftige wissenschaftliche Diskurs über die terroristischen Anschläge und die zunehmende Bedeutung der Visualisierung in den Massenmedien liegt vor allem auch darin begründet, dass sich die Art der Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten schrittweise verändert hat. Anstelle klassischer Staatenkriege, wie sie das Szenario des Kalten Krieges prägten, treten zunehmend kleinere Akteure, wie lokale Guerillagruppen, Warlords oder Terrornetzwerke in Konflikt mit den Staaten. Der von Münkler in diesem Zusammenhang geprägte Begriff der „asymmetrischen Kriege“ soll dieser Seminararbeit daher als Basis dienen, um zu untersuchen, welche Rolle die Massenmedien in asymmetrischen Konflikten einnehmen. Sind die Medien möglicherweise essentieller Bestandteil terroristischer Strategien, wie Waldmann behauptet oder können sie sich ihrerseits dieser aufgezwungenen Komplizenschaft entziehen? Ferner soll die Visualisierung realer Geschehnisse innerhalb der Terrorismusberichterstattung thematisiert und kritisch hinterfragt werden, wobei der Blickwinkel gezielt auf das Verhältnis von Produktion und Rezeption der Bilder, sowie auf die Konstruktion visueller Symbole gelenkt werden soll. Die Konzentration liegt dabei auf den Anschlägen von 9/11, die aufgrund der Besonderheit der Ereignisse auch in den Medien eine außergewöhnliche Rolle einnahmen. Zum Ende dieser Arbeit soll eine kritische Betrachtung der Massenmedien im Umgang mit dem Terrorismus stehen und neue Arten im Umgang der Medien mit dem Terrorismus diskutiert und bewertet werden. Aspekte der (Selbst-) Inszenierung und Mystifizierung einzelner Personen, wie beispielsweise der Baader-Meinhof-Komplex der siebziger Jahre oder aktuell Osama Bin Laden, als das ‚personifizierte Böse’, sind aufgrund der Komplexität des Gesamtthemas nicht Bestandteil dieser Arbeit.
2 Zur Begrifflichkeit
2.1 Definition einer asymmetrischen Kriegs- und Weltordnung
Die Tatsache, dass heute „kein Staat der Erde, auch nicht eine Koalition von Staaten […] den USA mit militärischen Mitteln Paroli bieten“ kann, habe, wie Münkler 3 feststellt, zu einer weltpolitischen Asymmetrie geführt und weit reichende Veränderungen in den strategischen, taktischen und politischen Auseinandersetzungen zur Folge. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeichneten sich die politischmilitärischen Auseinandersetzungen durch eine „Dominanz symmetrischer Beziehungen“ aus, die
3 vgl. Münkler, H. (2002): Die neuen Kriege, S. 48ff
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durch ein umfassend institutionalisiertes Regelwerk geprägt waren. Der bis dahin klassische Staatenkrieg definierte sich durch klare Grenzziehung zwischen Krieg und Frieden, Front und Hinterland oder Kombattanten und Nichtkombattanten. Die politische Rationalität, mit der gleichartige Mächte einander anerkannten und sich lediglich durch „zeitweilige Disproportionalitäten“ im Wett- und Abrüsten voneinander distanzierten und wieder anglichen, ist mit den neuen Konflikten aufgelöst worden. Zwar wiesen bereits die außereuropäischen Kolonial- und imperialen Eroberungskriege asymmetrische Strukturen auf, die vor allem durch die „qualitative Ungleichartigkeit der Konfliktparteien“ gekennzeichnet waren, aber insbesondere die Konflikte der letzten zwanzig Jahre haben zunehmend asymmetrische Strukturen sichtbar werden lassen. Symmetrie und Asymmetrie in der Konfliktaustragung sind dennoch nicht, wie Münkler feststellt, binäre Codierungen in der Art, dass es nur asymmetrische oder symmetrische Kriege gibt, sondern vielmehr die extremen Pole eines breiten Bandes von Möglichkeiten, und die meisten Konflikte weisen Charakteristika sowohl der Symmetrie als auch der Asymmetrie auf. Dennoch sei zu erwarten, dass die Asymmetrien zunehmend überwiegen werden.
Der „Terrorismus ist in diesem Sinn wohl eine der ‚reinsten’ Formen der asymmetrischen Konfliktaustragung“ 4 und unterscheidet sich insbesondere vom Guerillakampf dadurch, dass - um die Formulierung von Franz Wördemann aufzugreifen - der Terrorist nicht den Raum sondern das Denken besetzen will. 5 Während die Taktik des paramilitärischen Kampfes primär auf einer defensiven Strategie der ‚Nadelstiche’ beruht um den Gegner kontinuierlich zu schwächen und zu demoralisieren, kann der Terrorismus als offensive Strategie im Rahmen der asymmetrischen Kriegsführung interpretiert werden. Nicht nur der Durchhaltewillen der Bevölkerung soll erschüttert werden, vielmehr wird die Bevölkerung selbst Ziel der Terroristen. 6
Der Krieg im Clausewitzschen Sinne 7 als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln, der niemals isoliert vom Politischen betrachtet werden könne, hat demzufolge ausgedient. Krieg ist nicht mehr ausschließlich politisches Instrument des Staates, der „als bloßer Sachwalter“ 8 die Interessen der Bevölkerung gegen wiederum andere Staaten vertritt. Die klassischen Staatenkriege wurden von den neuartigen Konflikten abgelöst; die Symmetrie ist zu einer Asymmetrie transformiert. Besonders dort, wo Raum und Zeit den konfliktaustragenden Parteien nicht in
4 Pankratz, T. (2004): Symmetrische und Asymmetrische Kriege. In: Zeitschriftenschau 08/2004, http://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/12_zs_904_02.pdf, gefunden am 13.09.2006
5 zitiert nach Waldmann, P. (2005): Terrorismus: Provokation der Macht, S. 19
6 vgl. Münkler, H. (2002): Die neuen Kriege, S. 55f
7 vgl. von Clausewitz, C. (2004): Vom Kriege, S. 216ff
8 ebd., S. 218
5
gleicher Weise verfügbar sind, entwickelt sich die von Münkler beschriebene Asymmetrie. Während die überlegene Militärtechnologie der Staaten und die dadurch verbundene Intensivierung der Gewaltmittel vor allem darauf abzielen, den Konflikt aufgrund des politischen und sozialen Drucks möglichst kurz und verlustfrei zu beenden, muss sich der Terrorismus, als potentiell militärisch unterlegener Akteur, unkonventioneller Mittel bedienen. Die altbewährten Strategien der zwischenstaatlichen Kriege erweisen sich dabei für die asymmetrischen Konflikte als immer uneffektiver. Asymmetrische Konfliktsituationen können, so Münkler 9 , ihrerseits wiederum nur mit Strategien der Asymmetrie beantwortet werden. Die uns bekannten Bilder der Intifada, in denen Steine werfende Palästinenser schwer bewaffnete israelische Soldaten attackieren, stünden exemplarisch für diese ungleichen Bedingungen. „Die Kameras der Weltpresse […], die die ungleichen Bedingungen des Kampfes in alle Welt verbreiten“ seien demzufolge wichtiger Bestandteil der Konflikte geworden und zugleich Ziel und einziger Schutz der Angreifer.
„Was für die Soldaten Panzer und Schnellfeuerwaffen, sind für die angreifenden Jugendlichen die Fernsehteams, und die Steine dienen allenfalls als Mittel, deren Aufmerksamkeit zu wecken.“ 10
2.2 Die Botschaft an die zu interessierenden Dritten
Es ist darum anzunehmen, dass sich Terroristen der Kraft und der Adressaten ihrer Botschaften von Beginn an bewusst sind und die Anschläge zunehmend auch im Hinblick auf ihre Medientauglichkeit durchgeführt werden. Terrorismus muss daher, wie Waldmann 11 feststellt, als Kommunikationsstrategie verstanden und analysiert werden. Die Botschaften, die von einem terroristischen Anschlag ausgehen, zeichnen sich hierbei, so Münkler 12 , durch einen doppelten Adressaten und eine doppelte Botschaft aus. Zum einen wende sich der Akt der Gewalt direkt an die angegriffene Macht um die Konsequenzen zu verdeutlichen, die im Falle der Aufrechterhaltung des politischen Willens bei weiteren Anschlägen zu erwarten sind. Es handelt sich hierbei im übertragenen Sinn um einen perlokutionären Kommunikationsakt wie ihn Austin definierte, 13 der zugleich Handlung und Sprache beziehungsweise Handlung und Drohung
9 vgl. Münkler, H. (2002): Die neuen Kriege, S. 49
10 ebd., S. 49
11 vgl. Waldmann, P. (2005): Terrorismus: Provokation der Macht, S. 15
12 vgl. Münkler, H. (2002): Die neuen Kriege, S. 179ff
13 vgl. hierzu Austin, J. (1998): Zur Theorie der Sprechakte.
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gleichzeitig übermittelt. Der Anschlag zielt daher weniger auf die militärische, physische Destabilisierung sondern vielmehr auf die psychischen Folgen der angewandten Gewalt ab. Während der einen Seite der Botschaft somit eine negative und destruktive Konnotation anhaftet, soll der Terroranschlag beim zweiten Adressaten - dem zu interessierenden Dritten - eine mobilisierende Wirkung entfalten. Er transportiert vielmehr die Aussage, dass Widerstand gegen die scheinbar überlegene Macht nicht aussichtslos erscheint und durchaus erfolgsversprechend sein kann, sollten nur genügend Nachahmer dem Beispiel folgen. Während Carl Schmitt den interessierten Dritten als mächtigen und unverzichtbaren Komplizen im Partisanenkampf charakterisiert, der die materielle und finanzielle Versorgung der Kämpfer unterstützt und gleichzeitig dem Befreiungskampf die notwendige politische Anerkennung verschafft, 14 beschreibt der Begriff des zu interessierenden Dritten bei Münkler 15 vielmehr diejenigen, „für dessen Interessen die Terroristen zu kämpfen behaupten.“ Neben dem Aufruf zur Mobilisierung berufen sich die Terroristen demnach vor allem auch als „Legitimitätsspender“ auf die zu interessierenden Dritten. Diese Erkenntnis ist nicht neu, denn auch die Utopien des Linksradikalismus der siebziger Jahre basierten auf der (falschen) Annahme einer breiten Unterstützerbasis innerhalb der Arbeiterschaft, die es aus den Fängen des kapitalistischen Jochs zu befreien galt.
Bilder spielen in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle um die Verbindung zu den Dritten herzustellen und die politischen Interessen zu beeinflussen. Bilder in Krisenzeiten zu veröffentlichen oder zurückzuhalten kann folglich, je nach strategischer Notwendigkeit, kriegsentscheidend sein. Der Vietnamkrieg verdeutlichte eindrucksvoll, welche symbolische Macht die Bilder auf Krisenzustände ausüben kann. Die Life-Reportage vom Massaker in My Lai markierte eine deutliche Wende in der öffentlichen Meinung zum Vietnamkrieg und trug sowohl in den USA, wie auch in weiten Teilen der zivilisierten Welt, entscheidend zur Mobilisierung der Antikriegsbewegung bei. 16 Erstmals standen die USA und ihr gewaltiger Militärapparat machtlos den asymmetrischen Strategien gegenüber. Die Macht der Bilder als Meinungsmacher und der dadurch aufgebaute Druck der Öffentlichkeit führten letztendlich zum Abzug der Amerikaner aus Vietnam.
Münkler konstatiert, dass terroristische Gruppen, als die prinzipiell schwächere Seite im asymmetrischen Konflikt, zur Verwirklichung ihrer politischen Ziele langfristig auf den zu interessierenden Dritten angewiesen seien. Allerdings habe die Position der zu interessierenden
14 vgl. Schmitt, Carl (1963): Theorie des Partisanen, S. 77f
15 vgl. Münkler, H. (2002): Die neuen Kriege, S. 180 f
16 vgl. Sontag, S. (2003): Das Leiden anderer betrachten, S.121
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Frank Bartels, 2006, Asymmetrische Konflikte - Zum Verhältnis von Medien, Bild und Terrorismus, München, GRIN Verlag GmbH
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