Inhaltsangabe:
Inhaltsangabe: 2
1. Einleitung 3
2. Selbstbewusstsein und Selbstverlust der irdischen Helden 5
2.1Amphitryon. 5
2:2 Alkmene 23
2.3 Sosias 34
3. Schlusswort und Ausblick. 42
Literaturverzeichnis : 44
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1. Einleitung
„Wo hab ich mich verloren?“, lässt schon Plautus 1 seinen Sosias fragen, und er greift damit im Gewand der Posse eine Bedeutungsdimension des Amphitryonstoffes auf, die unter der munteren Oberfläche des Verwirrspiels verborgen liegt: das Problem des Selbstverlustes.
Die drei irdischen Helden der Komödie - Amphitryon, Alkmene und Sosias - sind in der Tat nicht nur mit einer grotesk verwirrten Außenwelt konfrontiert. In diesem Fall böte der Stoff eine Vorlage für ein klassisches Verwirrspiel - und weiter nichts. Hier aber geht die Verwirrung weiter, dringt von außen, aus der Welt, in das Innerste der Figuren. Amphitryon erlebt, dass er seinen Namen grundlos trägt, Alkmene bekennt sich zu Sünden, die sie weder begreifen noch beim Namen nennen kann, und Sosiastritt seinen Namen ab, nimmt fremde Schuld auf sich, und weiß doch, dass mit ihm selbst alles in Ordnung ist. Freilich hat er um so mehr mit der Welt zu kämpfen, die für ihn durch seinen Doppelgänger und einen bisweilen rasenden Amphitryon brandgefährlich geworden ist.
Warum werden im Amphitryon gleich drei Personen in ihrem Selbst erschüttert? Ist es Zufall? Ist es eine rein dramaturgische Notwendigkeit? Diese Arbeit geht davon aus, dass die Figuren- und Problemkonstellation Amphitryon-Alkmene-Sosias bewusst konstruiert worden ist und dass ihr eine tiefere Bedeutung innewohnt, die es zu verstehen gilt. Es scheint ausgeschlossen, dass es sich dabei um eine doppelte Wiederholung des gleichen Phänomens handelt oder dass es um eine Reihe von Anfechtungen im Sinne einer Steigerung geht. Die Entamphitryonisierung (vgl. SWB, 313) 2 ist nicht gleichsam eine höhere Entsosiatisierung (vgl. SWB, 313) oder dergleichen. Die Konstellation fußt, so lautet die These der Arbeit, auf dem Sockel einer anthropologischen Einsicht: Amphitryon, Alkmene und Sosias verkörpern jeweils einen Aspekt der menschlichen Existenz und bilden zusammen eine organische Einheit, die das menschliche Leben als Ganzes - das heißt auch: aus verschiedenen Teilen
1 Plautus (1964, S. 49).
2 Die Sigle „SWB“ bezeichnet die verwendete Kleistausgabe: Kleist, Heinrich von (2001): Sämtliche Werke und Briefe. Hrgb. v. Helmut Sembdner. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
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Zusammengesetztes - vorstellt. Die menschliche Existenz wird hierbei als eine in der Gesellschaft mit anderen vollzogene verstanden. Amphitryon stellt nach dieser These den Menschen als zoon politikon 3 , als politisches Wesen dar, das sich selbst durch die Verhältnisse zu anderen begreift, sich also durch seine soziale Rolle definiert. Alkmene verkörpert den Menschen als ein zoon logon echon 4 , als ein vernunftbegabtes Wesen, das seine Umwelt erkennen und verstehen kann. Damit sind die Kenntnis und Erkenntnis des Guten und die Möglichkeit der freien Wahl der Handlungen, für die Verantwortung zu übernehmen ist, verknüpft. Alkmene repräsentiert somit das sittliche Leben. Sosias charakterisiert eine wesentlich basalere Form des Menschseins: Er ist einfach ein zoon, ein Lebewesen. Bereits in der Antike, vor Plautus, wurde der Mensch als ein besonderes Tier begriffen. Man kennt die Anekdote, in der Platon den Menschen als ein ungefiedertes Tier auf zwei Beinen definiert, woraufhin gerupfte Hühner aus dem Hut gezaubert werden. 5 Dieser Scherz, wenn man ihn recht versteht, zeigt bei all seiner scheinbaren Albernheit, dass die Griechen sehr wohl wussten, dass der Mensch sich nicht im Leiblichen, sondern durch seine besondere Seele und sein Gemeinwesen von den anderen Tieren unterscheidet. Sosias hat es also mit den Problemen zu tun, die den Menschen unabhängig von seiner sozialen Rolle und seinem Gewissen beschäftigen.
3 „Der entscheidendste Beitrag von Aristoteles ist der Nachdruck, mit dem er auf die bis dahin weitgehend vernachlässigte soziale Dimension des Menschen hinweist: [...] [ anthropos zoon politikon] (Der Mensch, ein von Natur nach Gemeinschaft strebendes Wesen)“. Der Grund dafür [...] hängt nach Aristoteles mir der schon vor ihm gelegentlich ins Spiel gebrachten Bestimmung des Menschen zusammen, das einzige Lebewesen zu sein, das einen Sinn für gut und schlecht, für gerecht und ungerecht, besitzt“. Historisches Wörterbuch der Philosophie (1980, S. 1067).
4 „Antike, Juden- und Christentum haben das Arsenal von Bestimmungen des Menschen bereitgestellt, von dem die Philosophie bis heute zehrt. [...] Am auffälligsten wird dies an dem wahrscheinlich auf Alkmaion zurückgehenden Topos, daß sich der Mensch von allen übrigen Lebewesen vor allem dadurch unterscheidet, daß allein er begreifen kann und denken kann, Verstand, Vernunft, Bewußtsein oder Geist hat: der Mensch als [zoon logon echon]“. Historisches Wörterbuch der Philosophie (1980, S. 1071).
5 Bei Diogenes Laertius heißt es über Diogenes, „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch ist ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: das ist Platons Mensch.“ (Diogenes Laertius (1998, S.314)).
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2. Selbstbewusstsein und Selbstverlust der irdischen Helden
2.1Amphitryon
In der ersten Szene des Stücks tritt Amphitryon nicht auf. Gleichwohl dient sie bezüglich seines gesellschaftlichen Ranges als Exposition. Seine hohe Stellung und seine Macht spiegeln sich in der Reflexion Sosias’, in dem von diesem ersonnenen Gespräch mit Alkmene und in dessen Streit mit Merkur.
Den ersten Hinweis überhaupt liefert die Stelle, an der Sosias seinen Auftrag, allein durch die Nacht gen Theben zu gehen und Botschaft vom Sieg des Amphitryon zu übermitteln, verwünscht. Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen, Will ich ein Pferd sein, ein gesatteltes! [SWB, 247]
Diese Zeilen sagen schon viel: Sosias hat die Lage durchschaut, und der Leser muss ihm darin Recht geben, dass sein mit diesem Auftrag verbundenes Ungemach in einem schlechten Verhältnis mit dessen Nutzen steht. Aber niemand, und als letztes sein Herr Amphitryon, schert sich um die Angst eines Sklaven. Sosias hadert mit der Rolle, in die er sich dennoch fügt: Er hat seinem Herrn zu dienen, so irrsinnig die Aufträge auch sein mögen. Sosias stellt sich damit als derjenige vor, der zwischen Sinn und Unsinn sehr wohl zu unterscheiden weiß. Das ist an dieser Stelle wichtig, da auf diese Weise dem Leser oder Zuschauer eine weitere Information über Amphitryon - wenn auch verdeckt - zugespielt wird: Amphitryon kann offenbar weniger gut überblicken, was situationsbedingt sinnvoll ist und was nicht. Damit soll freilich nichts über seine Feldherrenkünste gesagt sein, die ja unbestritten sind.
Im von Sosias imaginierten Gespräch mit Alkmene wird Amphitryon dann ausdrücklich als „hoher Herr“ (SWB, 248) über Sosias und auch als „edler Gatte“ (SWB, 248) der Alkmene bezeichnet. Gemeinsam mit dem Inhalt des Auftrags betrachtet stellen diese Adressierungen das Verhältnis von Amphitryon und Alkmene als äußerst respektvoll dar.
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Der letzte Hinweis in dieser Szene auf Amphitryon ist Sosias’ Antwort auf die Frage, die er Alkmene in den Mund legt:
- “Und hat er sonst dir nichts Für mich gesagt, Sosias?“ - Er sagt wenig, Tut viel, und es erbebt die Welt vor seinem Namen. [SWB, 248]
Das klingt groß, sehr groß sogar. Man ist geneigt, sich den Amphitryon als einen überwältigenden Krieger vorzustellen, zumal Sosias es sich wohl nicht leisten kann, solche Äußerungen seiner Herrin gegenüber und in Bezug auf seinen Herrn leichthin zu machen. Und so leicht ihm die Äußerung über die Lippen geht, so überrascht ist er selbst von ihrem wahren Gehalt. Denn er sagt weiter:
- Daß mich die Pest! Wo kömmt der Witz mir her? [SWB, 248]
Was Sosias hier über sich selbst erstaunen macht, ist der doppelte Gehalt seiner Aussage: Prima facie sagt er Alkmene genau, was sie erwartet: Ihr Gemahl ist ein großer Held und seine Feinde fürchten ihn und seine Tatkraft. Aber da Sosias selbst signalisiert, dass ein Witz in diesen Worten liegt, lese man sie noch einmal mit gesteigerter Aufmerksamkeit: Dass Amphitryon wenig sagt und viel tut, kann ein Witz sein, der allerdings nicht ohne weiteres zu verstehen ist. Aber dass die Welt vor seinem Namen erzittert, lässt sich als Witz sehr wohl verstehen: Die Welt erzittert vor seinem Namen - nicht vor ihm! Damit stärkt Sosias der These dieser Arbeit insoweit den Rücken, als dass er das Heldentum des Amphitryon und damit das, was ihn besonders auszeichnet, nicht dessen Person, sondern dessen Namen, dessen sozialer Position, dessen Rolle zuschreibt. Amphitryon, so lässt sich schon hier vermuten, und damit endet die Exposition seiner Figur, ist als Person betrachtet, also jenseits seiner gesellschaftlichen Machtposition, weit weniger überwältigend, als es zuerst den Anschein hat.
In der vierten Szene des Ersten Aktes bezeichnet Jupiter selbst, der Alkmene bewegen will, zwischen ihm und ihrem Gemahl zu unterscheiden, den Amphitryon als einen „öffentlichen Gecken“ (SWB, 262).
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Das klingt abwertend, aber aus dem Munde eines eifernden Gottes klingt dieser Ton selbstverständlich. Festzuhalten ist die Bezeichnung Amphitryons als eine öffentliche Person. Der Gott nimmt in dieser Äußerung eben diejenige Reduktion Amphitryons auf dessen gesellschaftliche Position vor, welche diese Arbeit vorschlägt. Der thebanische Feldherr selbst tritt erstmals in der ersten Szene des zweiten Aktes auf. Offenbar ist er bereits damit beschäftigt, aus dem Bericht seines Dieners Sosias brauchbare, das heißt verständliche Informationen über die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erhalten. Er ist merklich ungeduldig: Halunke! Weißt du, Taugenichts, daß dein Geschwätz dich an den Galgen bringen wird? Und daß, mit dir nach Würden zu verfahren, Nur meinem Zorn ein tüchtges Rohr gebricht? [SWB, 265]
Amphitryon beginnt sich selbst in Szene zu setzen. Sein Diener erzählt ihm Unverständliches, und er empört sich. Er missdeutet die Erzählung als ein „Märchen“ (SWB, 265) und verkennt den Versuch des Sosias, sich über etwas unverständliches wahrheitsgemäß zu äußern. Er sieht fälschlicherweise einen Diener, der ihn, seinen Herrn, zum Narren hält und empört sich über die Missachtung des Respekts, der seiner gesellschaftlichen Position zu entbieten ist. Es muss ihm so scheinen, als rüttle Sosias an der Ordnung, die ihn zu dessen Herrn macht. Er fühlt sich zum ersten Mal in der Handlung angegriffen und er greift zu dem Mittel, dass die bestehende Ordnung ihm in die Hand gibt: Er bedroht Sosias mit seiner durch die Gesellschaft begründeten Macht über ihn, droht ihm Schläge und sogar den Galgen an. Dieser erste Versuch sich zu behaupten muss scheitern, da er von einem Irrtum ausgeht; Sosias lügt nicht. Nun versucht Amphitryon etwas vielmehr der Situation als seiner Stellung entsprechendes: Er bemüht sich, Sosias’ Erzählung zu verstehen, anstatt von ihm einen Bericht zu fordern, der auf die Erwartung des Herrn zugeschnitten ist, wie es dem korrekten Rollenverhalten entspräche. Diese Annäherung an seinen Diener nennt er, als ihm deren Scheitern bewusst wird, „Selbstverleugnung“ (SWB, 268). Das ist nur begreiflich, wenn er sein Selbst durch seine Soziale Position definiert. Denn von ihr abgesehen, hat er genau das Richtige getan:
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Er hat sich um Informationen bemüht, die für ihn von einigem Interesse sind. Dies spricht deutlich dafür, dass die Reduktion Amphitryons auf seine gesellschaftliche Rolle auch von ihm selbst vollzogen wird. Da er Sosias Bericht entgültig nicht verstehen kann, weist er die Schuld noch einmal deutlich von sich: Es muss die Bestie getrunken haben, Sich vollends um das bißchen Hirn gebracht. [SWB,270]
Er bricht das ihm seiner unwürdig scheinende Gespräch ab, wobei er einen verächtlichen aber besonnenen Ton anschlägt: Schweig. Was ermüd ich mein Gehirn? Ich bin Verrückt selbst, solchen Wischwasch anzuhören. Unnützes, marklos-albernes Gewäsch, In dem kein Menschensinn ist, und Verstand. Folg mir.[SWB, 270]
Sosias durchschaut sofort, dass man weniger seinen Bericht als vielmehr seine Person demonstrativ abgefertigt hat, und prangert dies im Stillen an: So ists. Weil es aus meinem Munde kommt, Ists albern Zeug, nicht wert, daß man es höre. Doch hätte sich ein Großer selbst zerwalkt, So würde man Mirakel schrein. [SWB, 270]
In der zweiten Szene des zweiten Aktes tritt Amphitryon sicheren Schrittes seiner Gemahlin Alkmene entgegen. Überzeugt, nach etwa fünfmonatiger Trennung nun ein freudiges Wiedersehen zu feiern, wird er jäh enttäuscht. Jupiter war sanft und liebevoll in Alkmenes Leben eingeschlichen, in das Leben Amphitryons schlägt er donnernd, blitzgleich ein. In dieser Szene muss der thebanische Feldherr gleich drei aufeinanderfolgende Schläge hinnehmen, die mit steigender Wirkung auf sein Selbstbewusstsein niedersausen.
Die erste Kränkung widerfährt Amphitryon sogleich in dem Moment, da er sich Alkmene entdeckt. Ihr „Oh Gott! Amphitryon!“ (SWB, 271) kann er noch, wenn auch falsch, verarbeiten.
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Er ist sich ihrer zärtlichen Gefühle für ihn noch sicher und nimmt an, seine Gemahlin erschreckt zu haben (vgl. SWB, 271). Als sie aber weiterspricht, ist es mit seiner Sicherheit schnell vorbei. Auf ihre einfache und ehrliche, für ihn allerdings verletzende Frage „So früh zurück?“ (SWB, 271) empört er sich: Dies: „Schon so früh zurück!“ ist der Empfang, Beim Himmel, nein! der heißen Liebe nicht. Ich Törichter! Ich stand im Wahn, daß mich Der Krieg zu lange schon von hier entfernt; Zu spät, war meine Rechnung, kehrt ich wieder. Doch du belehrst mich, daß ich mich geirrt, Und mit Befremden nehm ich war, daß ich Ein Überlästger aus den Wolken falle. [SWB, 271]
Verständlich, dass Amphitryon verletzt ist, denn seine Gemahlin scheint überraschenderweise seine Liebe nicht zu erwidern. Damit verstößt sie gegen das Verhaltensmuster, welches das Liebesverhältnis ihrer Rolle als Gemahlin vorgibt. Amphitryon fühlt sich um einen Genuss, den ihm seine Rolle als „Edler Gemahl“ verspricht, nämlich Alkmenes liebevollen Empfang, betrogen. Dazu kommt die Demütigung, dass er selbst Alkmene sehr vermisst hat, während sie ihn scheinbar leicht entbehren konnte. Kein Mann nimmt so einen Schlag „mit Befremden“ hin. Amphitryon versucht hier, obwohl er offenbar und mit Recht verstört ist, den Überlegenen zu mimen, der er nicht ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass er Alkmene gar nicht zu Wort kommen lässt? Ich weiß nicht -Nein, Alkmene,
Verzeih. Mit diesem Worte hast du Wasser Zu meiner Liebe Flammen hingetragen. Du hast, seit ich dir fern, die Sonnenuhr nicht eines flüchtgen Blicks gewürdigt. Hier ward kein Flügelschlag der Zeit vernommen, Und unter rauschenden Vergnügen sind In diesem Schloß fünf abgezählte Monden Wie so viel Augenblicke hingeflohn. [SWB, 271]
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Arbeit zitieren:
Volker Husmann, 2006, Menschliches Selbstbewusstsein und Selbstverlust in Kleists "Amphitryon", München, GRIN Verlag GmbH
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