Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort 4
2 Die Interviews und die Mitarbeit im Hospiz 6
2.1 Die Interviews 6
2.1.1 Die Vorbereitung 6
2.1.2 Der Ablauf 8
2.1.3 Die Auswertungsmethode 9
2.2 Die Mitarbeit im Hospiz 10
3 Einführende Gedanken zu Sterben und Tod 12
3.1 Heranführung an die Themen Sterben und Tod 12
3.2 Sind Sterben und Tod tabuisiert 15
3.3 Der Umgang mit Sterben und Tod 22
4 Handlungsoptionen für Gespräche über Sterben und Tod 26
4.1 Der Klient und seine Bedürfnisse 28
4.1.1 Das Bild vom Gegenüber 28
4.1.2 Die Bedürfnisse des Gegenübers in Bezug auf ein Gespräch 30
4.2 Die bedingungsfreie Akzeptanz und Wertschätzung 40
4.2.1 Das aktive Zuhören 43
4.2.2 Verbaler und nonverbaler Ausdruck von Wertschätzung 46
4.3 Das einfühlende Verstehen 49
4.3.1 Schweigen und Betrübnis 52
4.3.2 Das Nachfragen 56
4.3.3 Die Rückmeldung des Wahrgenommenen 58
5 Die Selbstwahrnehmung des sozialberuflich Tätigen 60
5.1 Die Selbstkongruenz 60
5.2 Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben 63
5.3 Die Beziehung zum Klient 65
5.4 Das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz 68
5.5 Die Selbstreflexion 70
6 Der persönliche Gewinn 72
7 Schlusswort 77
Quellenverzeichnis 80
Anhang A Die Interviewleitfäden 84
Anhang B Interviewtranskript von Frau A 87
Anhang C - Interviewtranskript von Frau B. 94
Anhang D - Interviewtranskript von Herrn C. 100
Anhang E - Interviewtranskript von Herrn O. 107
Anhang F - Interviewtranskript von Herrn D. 115
Anhang G - Interviewtranskript von Frau E. 123
Anhang H - Interviewtranskript von Frau S. 131
Anhang I - Interviewtranskript von Frau T. 138
Anhang J - Interviewtranskript von Frau U. 144
1 Vorwort
„Ich fand es schwierig, wenn mir alte Menschen gesagt haben: ‘Ich will sterben. Ich
kann nicht mehr.’ Ich konnte für mich nur schwer akzeptieren, dass sie das geäußert
haben und war in Versuchung so etwas zu sagen, wie: ‘Ach, das ist doch noch nicht
so weit.’ Irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht der richtige Weg ist.“ (Frau
A., Z. 19-23).
Bis zu dieser Arbeit habe ich mich kaum mit den Themen Sterben und Tod
auseinandergesetzt, geschweige denn mit Menschen Gespräche darüber geführt.
Zwar befand ich mich in Situationen, in denen eine ältere Person das Sterben
ansprach, jedoch hatte ich keine Vorstellung davon, was man dazu sagen und wie
man reagieren könnte. Ich hatte Befürchtungen, demjenigen möglicherweise zu nahe
zu treten. Diese Unbeholfenheit bewegte mich größtenteils dazu, mich mit
Gesprächen über Sterben und Tod im Rahmen der Diplomarbeit näher zu
beschäftigen. Meine Motivation lag darin, solche Gespräche mit Menschen führen zu
können. Ralf Dziewas (2002, S. 21) ist davon überzeugt, dass grundsätzlich
jedermann dazu in der Lage ist ältere und kranke Menschen zu begleiten oder mit
ihnen über Sterben und Tod zu sprechen, da es vorrangig beinhaltet, sich einem
anderen Menschen zu widmen, Zeit mit ihm zu verbringen und miteinander ins
Gespräch zu kommen. Ich vertrete diese Auffassung. Doch stellten solche Gespräche
für mich eine Herausforderung dar, da mir Bedenken aufkamen, bei mir und dem
Gegenüber starke Gefühle aufzuwühlen, mit denen beide möglicherweise nicht
umzugehen wissen. Sterben und Tod sind sehr intime und persönliche Themen. Die
eigene Unsicherheit bestand auch darin, dass mir durch die intensive Beschäftigung
mit Sterben und Tod die eigene Endlichkeit bewusster werden könnte und dies
eventuell Angst auslöst. Es ist jedoch möglich diese Herausforderung zu bewältigen,
denn das Thema ist nicht nur angstbesetzt und voller Unsicherheit. Wie in jedem
Gespräch, kann man auch bei solchen über Sterben und Tod profitieren, worauf im
Schlussteil dieser Arbeit eingegangen wird. Die eigene Haltung gegenüber einem
Menschen ist ausschlaggebend. Während dieser Diplomarbeit beziehe ich mich auf
die Rolle von Sozialpädagogen und anderen sozialberuflich Tätigen gegenüber
4
Klienten, die dem Sterben nah sind. Das sind in der Regel ältere Menschen, aber
auch schwerkranke Menschen jeden Alters. Nach Reinhard Schmitz-Scherzer (1992,
S. 10) setzen sich ältere und schwerkranke Menschen öfter mit dem eigenen Sterben
auseinander, als Jüngere, da sie der Endlichkeit der eigenen Existenz näher stehen.
Auf die Situation Angehöriger wird zudem, wenn auch nur verkürzt, eingegangen, da
sie meist eine zentrale Bedeutung für den alten oder kranken Menschen haben.
Die erarbeiteten Möglichkeiten, um mit alten oder kranken Menschen über Sterben
und Tod zu sprechen, stellen den Schwerpunkt dieser Arbeit dar und können dem
Leser als Wegweiser dienen, sollen jedoch nicht als Ratgeber oder Verhaltenskatalog
betrachtet werden. Die vorliegende Arbeit beinhaltet meine persönlichen
Erfahrungen und entwickelten Einschätzungen, die ich mir in der Phase der
Bearbeitung - durch Literaturrecherche, Interviews, einer einwöchigen Hospitation
im Hospiz und dem intensiven Beschäftigen mit Sterben und Tod - erarbeitet habe.
Die dargestellten Handlungsmöglichkeiten können bei dem Leser Interesse anregen.
Es entspricht nicht meinem persönlichen Ehrgeiz, Chancen aufzuzeigen, welche von
jedem angewandt und gelernt werden können, denn Menschen können auf
verschiedene Art und Weise gute Gespräche führen. „Für den einen ist ein
ungeduldiges Vorgehen, das keinen Unsinn duldet und die Karten gleich offen auf
den Tisch haben will, am wirksamsten, weil er hierbei am offensten er selbst ist. Ein
anderer wird mit einer sanften, offensichtlich wärmeren Zuwendung Erfolg haben,
weil dies seinem Wesen entspricht.“ (Rogers 1993, S. 199). Alle »beraterischen
Regeln« stellen lediglich Möglichkeiten dar, um auf Klienten zuzugehen, und diese
Ansicht lässt die Chance einer Veränderung oder Erweiterung der eigenen
Handlungskompetenz zu. Bevor ich mich dem jedoch zuwende, wird auf die Frage
eingegangen, ob Sterben und Tod tabuisiert werden und welche Bedeutung Sterben
für Menschen haben kann. Die Interviews und die Mitarbeit im Hospiz werden im
folgenden Kapitel näher betrachtet.
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2 Die Interviews und die Mitarbeit im Hospiz
Im Rahmen dieser Diplomarbeit habe ich neun qualitative Interviews und eine
einwöchige Hospitation in einem Hospiz in Mitteldeutschland durchgeführt. Beides
ermöglichte mir einerseits persönliche Erfahrungen von Menschen zu Gesprächen
über Sterben und Tod kennen zu lernen und andererseits neue Denkanstöße zu
erhalten. Da die Auswertung der Interviews in die gesamte Diplomarbeit
eingeflochten wurde, ist es nun erforderlich die Interviews – von der Vorbereitung
über den Ablauf bis zur Auswertungsmethode – und die einwöchige Einarbeitung in
das Hospiz vorzustellen.
2.1 Die Interviews
2.1.1 Die Vorbereitung
Um die Interviews bestmöglich durchführen zu können, habe ich Interviewleitfäden
für die Einzelbefragungen erstellt, welche im Anhang A (S. 86) einzusehen sind. Die
Hauptforschungsaufgaben der Interviews bestanden darin, herauszufinden, wie die
sozialberuflich Tätigen und Angehörige von alten Menschen Gespräche über Sterben
und Tod mit den Betroffenen führen und was sie dabei für wichtig und geeignet
halten bzw. was nicht. Ich wollte außerdem erfahren, ob die Interviewpartner die
Gespräche über Sterben und Tod als tabuisiert oder offen einschätzen, welche
konkreten Inhalte die Gespräche, welche Erwartungen und Bedürfnisse alte
Menschen dem Gesprächspartner gegenüber haben können und welchen
persönlichen Gewinn man aus den Gesprächen ziehen kann. Die Interviewten sind in
drei verschiedene Zielgruppen unterteilt. Die sozialberuflich Tätigen (Frau A., Frau
B., Herr C., Herr D. und Frau E.) werden oder wurden in ihrem beruflichen Kontext
mit den Themen Sterben und Tod konfrontiert und haben meist Methoden
entwickelt, wie man mit alten oder kranken Menschen darüber sprechen kann; sie
sammelten zumindest eigene persönliche Erfahrungen in diesem Bereich. Sie
konnten mir unterschiedliche Hinweise geben, welche ich in die folgenden Kapitel
eingebunden habe, und halfen mir, mich in die Thematik differenzierter
6
einzuarbeiten. Zusätzlich habe ich erfahren, welche Bedeutung sie der Selbst-
reflexion beimessen. Die älteren Menschen (Frau S., Frau T. und Frau U.) stellen den
Kern der Arbeit dar, denn sie wissen meist am Besten, wie sie sich ein Gespräch
wünschen bzw. wie nicht. Mir war wichtig, ihre Bedürfnisse und Erwartungen an ein
Gespräch über Sterben und Tod und an den Gesprächspartner zu erfahren. Die dritte
Zielgruppe, die lediglich aus einem Gesprächspartner (Herr O.) besteht, sind die
Angehörigen. Sie sind unmittelbar mit den Themen Sterben und Tod konfrontiert
und können die Gespräche darüber im familiären Kontext führen. Das Gespräch mit
Herrn O. hatte auch zum Ziel, die Vor- und Nachteile eines verwandten
Gesprächspartners zu erarbeiten.
Die drei sich ähnelnden Interviewleitfäden sind teilweise standardisiert, um mögliche
Übereinstimmungen und Unterschiede der verschiedenen Interviews zu ergründen.
Die Befragten wurden durch den Interviewleitfaden zwar auf gegebene
Fragestellungen gelenkt, sollten aber möglichst frei antworten und reagieren können.
Die Gespräche waren also auf die von mir eingebrachte Problemstellung zentriert,
auf die wir immer wieder zurückkamen. (Vgl. Mayring 2002, S. 67.) Die gestellten
Fragen sollten meinen Gesprächspartner öffnen und zum Reden animieren. Um
Missverständnisse in der Auslegung des Sinns dieser Fragen zu minimieren, wurden
die Fragen in erster Linie einfach, deutlich, neutral und nicht suggestiv formuliert.
Ich habe versucht, mich vorrangig auf eine offene Fragestellung, z.B. „Was meinen
Sie, kann dazu beitragen damit ein solches Gespräch gelingt?“, festzulegen, habe
aber auch geschlossene Alternativfragen, wie „Wird das Thema Ihrer Meinung nach
eher verschwiegen, verdrängt bzw. weg geschoben oder ist es ein offenes Thema?“
eingebaut. Der Vorteil von offenen Fragen ist die Vermeidung von Antwort-
verzerrungen durch eine vorgefasste Meinung. Es war mir bei manchen Fragen nicht
möglich sie offen zu formulieren, hatte allerdings nicht den Eindruck, dass die
Alternativfragen die Antworten meines Gegenübers verfälschten. (Vgl. Reinecke
1991, S. 14.)
Während ich mich auf die Suche nach geeigneten Interviewpartnern begab,
organisierte ich mir zeitgleich ein Diktiergerät aus meinem privaten Umfeld. Da die
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Gesprächssituation möglichst natürlich sein sollte, überließ ich meinem
Interviewpartner die Wahl des Ortes und platzierte das Diktiergerät unaufdringlich
neben uns. Vor den Interviews ließ ich mir bestätigen, es aufnehmen zu dürfen, um
es anschließend zu transkribieren und für diese Diplomarbeit zu verwenden. Der
Tonbandmitschnitt ermöglichte, mich ganzheitlich auf den Gesprächspartner zu
konzentrieren, da das Gespräch nicht für schriftliche Notizen unterbrochen werden
musste. (Vgl. Stangl 2001.) Um eine Vertrauenssituation herzustellen, versuchte ich
gemeinsame Bekannte als Vermittler einzusetzen. Eine Kommilitonin z.B., welche
bei einer Sozialstation arbeitet, half mir Interviewpartner zu vermitteln. Zur
Kontaktaufnahme erklärte ich verschiedenen Studenten, den Mitarbeitern von einer
Sozialstation und von dem Hospiz, in dem ich kurzzeitig beschäftigt war, den Inhalt
und die Ziele der Interviews. (Vgl. Stangl 2001.) Wie ich zu den Interviewpartnern
kam, ist zu Beginn der Transkripte beschrieben. Nachdem sich die Interviewpartner
für ein Gespräch bereit erklärten, wurden gemeinsam Treffen vereinbart, welche an
einem ruhigen Ort stattfanden. Ich wollte mit mehr Kenntnis und Sicherheit an die
Interviews herantreten, weshalb ich zuvor einige Bücher las. Mir war wichtig, dass
genug Zeit für das Interview eingeplant wurde, wiederum wollte ich es nicht sehr
ausweiten, da das Erzählen und das Zuhören sehr anstrengen und die Konzentration
einbüßen kann. Die Gespräche dauerten etwa zwischen 50 und 80 Minuten.
2.1.2 Der Ablauf
Die Interviews fanden zwischen dem 12.06. und 30.08. 2006 und nicht in
Anwesenheit einer dritten Person statt. Um dem Gegenüber die Möglichkeit zu
geben sich auf die Interviewsituation und auf mich einzulassen, habe ich mich und
das Anliegen, welches ich mit den Interviews verband, zunächst vorgestellt, auch
wenn die Interviewpartner nicht nachfragten. Ich wollte ihnen keine bestimmte
Antwort herauslocken, sondern war offen und versuchte mich individuell auf jedes
Gespräch einzulassen. Das gelang mir jedoch nicht im Gespräch mit Frau S., da sie
meist von den Fragen abwich und etwas völlig anderes berichtete. Es fiel mir schwer
ihr zuzuhören. Ich bohrte daher nach, indem ich gelegentlich anstatt einer, mehrere
Fragen formulierte. Dadurch hatte sie die Möglichkeit sich die angenehmste Frage
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auszusuchen und die anderen Fragen waren somit überflüssig. Das Variieren der
Fragestellung innerhalb eines Gesprächs nutzte ich zudem, um Gesprächspausen zu
überbrücken. Der Interviewleitfaden diente mir bei den Gesprächen vorrangig als
Unterstützung und Sicherheit, da ich zuvor noch kein Interview geführt hatte. Er
sollte einen Gesprächsabbruch vermeiden. Die Fragen wurden nicht immer
wortwörtlich übernommen, was mir mehr Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit,
an interessanten und bedeutenden Stellen nachzufragen, gestattete. (Vgl. Stangl
2001.) Ich erwartete kein »Geheimrezept« dafür, wie man die Gespräche führen
kann. Ich ließ mich in jedem Gespräch überraschen, und lernte immer andere
Perspektiven kennen, auch wenn sich diese nicht stark voneinander unterschieden.
Die Interviewten sollten sich von mir ernst genommen und nicht ausgehorcht fühlen.
Da mich die Erfahrungen meiner Interviewpartner wirklich interessierten, war es für
mich keine Schwierigkeit dieses Interesse zu vermitteln. Dazu habe ich den
Blickkontakt gehalten, genau zugehört und innerhalb interessanter Passagen
nachgefragt, ohne jedoch meine Gesprächspartner zu unterbrechen. Ich wollte eine
gleichberechtigte Beziehungsebene schaffen. Der Vorteil an einem Interview ist, dass
Interviewpartner in der Regel ehrlicher, genauer und offener sind als bei einem
Fragebogen oder einer geschlossenen Umfragetechnik. Das zeigen verschiedene
Erfahrungen mit dieser Methode. (Vgl. Mayring 2002, S. 69.) Meine
Interviewpartner stellten den Mittelpunkt des Gespräches dar. Ich hielt mich daher
mit meiner eigenen Meinungen zurück und bewertete ihre Ansichten nicht. Ich
akzeptierte ihre Anschauung. Mein Gegenüber sollte zu Wort kommen, aber sich
nicht als reinen Datenlieferant verstehen. Das bedeutet, dass nicht nur ich, sondern
auch er das Interview gestaltete. (Vgl. Stangl 2001.)
2.1.3 Die Auswertungsmethode
Um die gewonnenen Informationen und das Detailwissen der Gesprächspartner
möglichst gut wiederzugeben, wurden die Interviews transkribiert. Das gesprochene
Wort wurde also in eine schriftliche Fassung gebracht. Nicht die Analyse der
Reaktionen meiner Interviewpartner, sondern der Gesprächsinhalt stand im
Vordergrund. Um einen flüssig lesbaren Text zu erhalten, habe ich die Transkripte
aller Interviews vervollständigt, Satzbaufehler weitestgehend behoben und den
9
Dialekt bereinigt. Die Inhalte wurden dadurch nicht verändert. Nach der
Transkription habe ich die Aufzeichnungen an die jeweiligen Interviewpartner mit
der Bitte um Durchsicht und Zustimmung zur Weiterverwendung mitgegeben, was
von allen bestätigt wurde. (Vgl. Mayring 2002, S. 89, 91.) Ich weise darauf hin, dass
die Personennamen der Interviewpartner, sowie die von ihnen erwähnten
Personennamen und Städte als Pseudonym, d.h. anonymisiert, erscheinen. Eventuelle
Ähnlichkeiten mit realen Personen sind daher rein zufällig. In den Transkripten
wurde das Gesprochene durch Abkürzungen des anonymisierten Namens
gekennzeichnet und voneinander abgegrenzt. Frau U. wurde bspw. mit »U«
gekennzeichnet und »I« steht für Interviewerin. Die Transkripte sind in den
Anhängen B bis J (S. 89-151) einzusehen.
Nach der Transkription aller Interviews wurde eine qualitative Inhaltsanalyse
durchgeführt. „Ziel der Analyse ist es, bestimmte Aspekte aus dem Material
herauszufiltern, unter vorher festgelegten Ordnungskriterien einen Querschnitt durch
das Material zu legen oder das Material auf Grund bestimmter Kriterien
einzuschätzen.“ (Mayring 2002, S. 115). Durch Unterstreichungen und Randnotizen,
also einer Notierungen der Kategoriebezeichnung am Rande des Textes im
Transkript, habe ich die für diese Diplomarbeit bedeutsamen Textstellen markiert
und jeweils einer bestimmten Kategorie zugeordnet. Die Kategoriebezeichnung
ergab sich aus den transkribierten Inhalten, welche Parallelen zur Gliederung der
gesamten Arbeit aufwiesen. Wenn ich im weiteren Verlauf erneut eine dazu passende
Textstelle gefunden habe, wurde sie dieser Kategorie ebenfalls zugeordnet. Dieser
Vorgang wird als Subsumption bezeichnet. Abschließend wurde das gekennzeichnete
Material herausgearbeitet, zusammengefasst und in die Gliederung eingearbeitet.
(Vgl. Mayring 2002, S. 89, 116f, 120.) Im weiteren Verlauf beziehe ich mich durch
das Zitieren auf die verschiedenen Textstellen.
2.2 Die Mitarbeit im Hospiz
Meine Tätigkeit im Hospiz fand vom 07.08. bis 11.08.2006 täglich von 7.30 Uhr bis
14.30 Uhr statt. Das Hospiz liegt in Mitteldeutschland; genauere Angaben können
10
die Anonymität zweier Interviewpartner nicht gewährleisten. Die Mitarbeit ergab
sich spontan, da ich erst eine Woche vor Beginn in telefonischen Kontakt mit der
Geschäftsleitung der Einrichtung trat. Dadurch wurde mir ermöglicht, eine für das
Thema »Gespräche mit alten Menschen über Sterben und Tod« essentielle
Einrichtung kennen zu lernen. Im Hospiz bekam ich die Möglichkeit mit
schwerkranken Menschen in Kontakt zu treten und den dortigen Arbeitsinhalt zu
ergründen. Durch den Leiter dieser Einrichtung wurde ich vom ersten Tag an in den
Arbeitprozess eingebunden, was mir einen raschen Aufbau von Kontakten zu den
schwerkranken Menschen ermöglichte. Welche Erfahrungen ich dort gesammelt
habe, ist in die folgenden Kapitel eingebunden. Diese Einrichtung und die
Mitarbeiter kennen zu lernen, bereicherte die Interviews mit Frau E. und Herrn D.
zusätzlich. Ich konnte ihre Erfahrungen besser in mich aufnehmen, da mir der
Arbeitsablauf bereits bekannt war. Durch die gemeinsame Arbeit waren wir uns nicht
mehr vollkommen fremd. Dadurch war ich in den folgenden Interviews nicht mehr
übermäßig aufgeregt und konnte mich besser auf die Gespräche mit ihnen einlassen.
11
3 Einführende Gedanken zu Sterben und Tod
3.1 Heranführung an die Themen Sterben und Tod
Der Begriff »Tod« wird in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wie
Philosophie und Medizin, unterschiedlich definiert. Die Feststellung des Todes aus
Sicht der Medizin ist vom medizinischen Fortschritt und deren neuen Erkenntnissen
abhängig. Für den Umgang mit Sterben und Tod und die Gespräche darüber spielt es
jedoch eine größere Rolle, welche Bedeutung ein Individuum dem Sterben und Tod
beimisst. Daher wird hier nicht auf Definitionen von Sterben und Tod eingegangen.
Von der individuellen Bedeutung des Sterbens ist auch abhängig, ob diese Themen
tabuisiert werden oder bei Menschen Angst auslösen können. Ich widme mich auch
nicht den von mehreren Autoren beschriebenen Sterbephasen, da es ohnehin kein
Schema des Sterbens gibt. Die Einteilung des Sterbens in unterschiedliche Phasen
kann die Individualität dieser Lebenssituation nicht relativieren. (Vgl. Heller 2000, S.
15.)
Mechthild Voss-Eiser (1991, S. 77) weist auf eine strikte Trennung der Bedeutung
für die Begriffe »Sterben« und »Tod« hin. Oft wird vom Tod gesprochen, jedoch
meist der Sterbevorgang gemeint. Sterben meint den Vorgang, bei dem es innerhalb
einer kürzeren oder längeren Zeitspanne zu einem Übergang aus dem Zustand des
Lebens in den Zustand des Todes gelangt. Genauer betrachtet ist die Bezeichnung
von Leben als Zustand unzutreffend, worauf hier jedoch nicht näher eingegangen
werden kann. (Vgl. Dölle 1976, S. 45.) Nach Klaus Feldmann (1997, S. 12) werden
drei verschiedene Formen des Sterbens unterschieden: das »physische Sterben«, das
»psychische Sterben« und das »soziale Sterben«. Die größte psychische Gefahr des
Alters scheint die Vereinsamung zu sein und wird in der von mir bearbeiteten
Literatur als »soziales Sterben« bezeichnet. Kindheit und Jugend sind die Zeit, in der
man Freunde gewinnt. Im frühen Erwachsenenalter führen Beruf und Hobby zu
vielen sozialen Kontakten. Wer eine feste Bindung herstellen kann, kann mit dem
Partner Verwandte hinzugewinnen. Stellt sich Nachwuchs ein, so können sich im
Kindergarten und in der Schule Beziehungen zu anderen Eltern ergeben. Die
12
Beziehungsfähigkeit im Alter hängt davon ab, wie konstruktiv die bisherigen
Erfahrungen waren, wie viel Zuversicht sie aufgebaut und wie viel Angst und
Zweifel sie geweckt haben. (Vgl. Schmidbauer 2003, S. 153, 157.) Das »soziale
Sterben« bezieht sich auf die soziale Identität, auf soziale Rollen und die Teilnahme
an gesellschaftlichen Aktivitäten. (Vgl. Feldmann 1997, S. 85.) Die Verringerung der
Privatsphäre, die Abnahme sozialer Kontakte und die Reduzierung eigener
Aktivitäten können nach Reinhard Schmitz-Scherzer (1992, S. 16) zum »sozialen
Sterben« führen. Nach den Erfahrungen von Katharina Heimerl, Andreas Heller,
Georg Zepke und Hildegrund Zimmermann-Seitz (2000, S. 61) wünschen sich die
meisten Menschen als räumliche Umgebung für ihren physischen Sterbeprozess ihre
gewohnte Umgebung. Für Menschen, die zu Hause wohnen, ist dies ihr dortiges
Zimmer. Für sie kann eine Umsiedlung in ein Pflegeheim eine große Belastung und
ein erstes Anzeichen für »soziales Sterben« sein, das sich im Aufgeben der eigenen
Selbständigkeit, des gewählten Kontaktes mit Bekannten und Verwandten, sowie
vieler persönlicher Gegenstände äußern kann. Das Altern und das »soziale Sterben«
werden nach Klaus Feldmann (1997, S. 85) häufig parallelisiert, sollten jedoch nicht
gleichgesetzt werden, denn das »soziale Leben und Sterben« ist nicht unbedingt vom
Alter abhängig. Ein alter Mensch, der sich in Projekten engagiert, könnte
möglicherweise eine höhere soziale Anerkennung genießen als ein junger Mensch,
der aus dem Gesichtspunkt seiner Umgebung Probleme bereitet. Die soziale
Anerkennung kann ein Mensch jedoch, wie im eben genannten Beispiel, durch das
Altern einbüßen. Möglicherweise hat er dann keinen Gesprächspartner, mit dem er
über die Endlichkeit seines Daseins sprechen kann.
Das Sterben wird auch als eine Passivsituation beschrieben. Ob ein Mensch stirbt
oder nicht, kann ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr kontrolliert werden. Die
sterbende Person ist diesem Sterbevorgang ausgeliefert und kann ihn nicht mehr
beherrschen, was zu Angst führen kann. (Vgl. Jüngel 1976, S. 118.) Man verliert
durch das Sterben Menschen, die man nicht mehr zurückgewinnt. Nicht nur der
Angehörige des Sterbenden muss sich verabschieden, der Sterbende selbst muss sich
von geliebten Menschen und Dingen und letztendlich von der ganzen Welt lösen.
(Vgl. Schmidbauer 2003, S.107.) Das Sterben selbst ist nach Herrn D. (Z. 154-160)
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für alle Menschen angstbesetzt, da niemand weiß, ob es schmerzt, was dabei passiert
und was man erlebt. Nach seiner Erfahrung haben Menschen keine Angst vor dem
Nichtmehrsein, sondern für viele sei der Übergang das Problem. Frau U. (Z. 82-87)
beschreibt ferner die Angst vor dem Moment, nicht sterben zu können: „Mein Leben,
das was noch kommt, ist nur Abstieg. Es ist ein hartes Bewusstsein, wenn man
merkt, es wird immer weniger und wo führt das hin. ‘Lieber Gott, lass es doch
endlich mal Schluss sein, damit es nicht noch weiter nach unten geht.’ Das ist das
Schlimme am Alter, dass man sieht, es kann nicht mehr Positives kommen. Man hat
Angst davor, dass man nicht mehr weiß, wer man ist und nicht sterben kann.“ Der
Psychiater Fritz Meerwein bemerkte aufgrund seiner Beobachtungen an
krebskranken Menschen, dass es die Einsamkeit und nicht das Sterben selbst ist, was
seine Klienten in der Regel am meisten fürchten. (Vgl. Meerwein zit. nach
Leuenberger 1985, S. 23.) Frau B. beschrieb, dass Frau Z. keine Angst vor dem
Nichtmehrsein hat: „Ich habe mein Leben gelebt.“, sondern davor dann alleine in der
Wohnung zu sein und dass niemand bei ihr ist. (Vgl. Frau B., Z. 30-31.) Die
unterschiedlichen Ängste können jedoch keinem Menschen genommen werden.
Wenn der alte, kranke oder sterbende Mensch seine Ängste äußert, kann man ihm
zumindest zu verstehen geben, dass man versucht bei ihm zu sein: „Wenn etwas ist,
du kannst mich jederzeit anrufen.“ (Vgl. Frau B., Z. 76-77.) Eine Möglichkeit mit
dieser Angst umzugehen besteht darin, sich diese einzugestehen, sie zu formulieren
und anderen mitzuteilen. Das gilt für alle wichtigen Gefühle und die Angst vor dem
Sterben kann ein wichtiges und tiefes Gefühl sein. Die Angst kann nicht genommen
aber erträglicher werden, wenn man sie mit anderen teilt, wenn man sie jemandem
mitteilt. Jede Form von Angst kann Energie lähmen und blockieren. (Vgl. Hoffmann
1991, S. 48.)
„Man kann uns alles nehmen, man kann uns sogar das Leben nehmen – den Tod
kann uns niemand nehmen. (...) Daran wird auch aller Wissensgewinn nichts ändern
– so notwendig und hilfreich genaueres Wissen über Sterben und Tod für die
Lebenden ist.“ (Jüngel 1976, S.111).
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Dieses Zitat soll hervorheben, dass es für einen Menschen nichts Schlimmes wäre,
wenn er auf der Stelle tot ist. Er wäre nicht mehr da und für Tote gibt es keine
Empfindungen, weder Furcht noch Freude. Die Vorstellung vom Tod im
Bewusstsein der Lebenden kann Angst erregen, der Tod selbst jedoch nicht. Der
Mensch teilt die Geburt, Jugend, Krankheit, Alter und Tod mit den Tieren. Aber er
allein unter den Lebewesen ist sich dessen bewusst, dass er jederzeit sterben kann
und irgendwann einmal sterben wird. Das Tier stirbt jedoch, ohne von seinem Tod zu
wissen. (Vgl. Elias 1991, S. 10ff, 70.) Wissen und Erleben gehen getrennte Wege.
Man weiß um den eigenen Tod, doch erlebt man ihn nicht. (Vgl. Schmidbauer 2003,
S. 81.) „Es gibt niemanden, der Erfahrungen mit Tod gemacht hat. Jeder macht sie,
aber er kann sie nicht weitergeben. Es ist sehr wichtig, ob man vor dem Tod Angst
haben muss oder ob man getrost auf ihn zugehen kann.“ (Frau U., Z. 22-25). Das
Wissen vom Tod prägt die Bedeutung, die man dem Sterben gibt und den Umgang
damit. Je älter und gebrechlicher ein Mensch wird, desto eher können die Themen
rund um Sterben und Tod in den Vordergrund rücken. Junge Menschen beschäftigen
sich seltener mit diesen Themen. (Vgl. Frau A., Z. 46-49/ Frau B., Z. 34-35/ Herr D.,
Z. 9-11.)
3.2 Sind Sterben und Tod tabuisiert?
„Laut Definition verhindert ein Tabu, daß ein bestimmter Bereich ichnah erlebt,
rational erhellt und aufgearbeitet wird, wo man nicht mehr weiterfragt und auch nicht
daran denkt, dies zu tun.“ (Hoffmann 1991, S. 41).
Ein wichtiger Aspekt, der die Gespräche über Sterben und Tod beeinflussen kann,
ist, ob die Themen tabuisiert werden oder nicht. In der Literatur sind mehrere
Auffassungen vertreten, jedoch kann hier nur oberflächlich darauf eingegangen
werden. Da jeder Mensch individuell ist, ist es nicht wichtig, wie viele Menschen die
Themen Sterben und Tod möglicherweise tabuisieren. Interessanter ist die
Fragestellung, was das Sterben für jemanden bedeutet und wie vorhandene Tabus
gebrochen werden können. Zunächst möchte ich einen Einblick in die
unterschiedlichen Betrachtungsweisen gewähren.
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In meiner Literaturstudie begegnete ich sehr häufig der Ansicht, dass Sterben und
Tod als Tabuthemen bezeichnet werden können, auch die Interviewpartner, die in
ihrer beruflichen Tätigkeit mit diesen Themen konfrontiert werden oder wurden,
bestätigten mir diese Anschauung. (Vgl. Frau A., Z. 49-50/ Frau B., Z. 22/ Herr D.,
Z. 108-112/ Frau E., Z. 41-43.) Die Ursachen für eine mögliche Tabuisierung der
Themen und Gespräche können sehr unterschiedlich sein. Frau B. (Z. 91-92)
begründete eine Tabuisierung in der Familie bspw. damit, dass vorhandene
Verlustängste der Familienmitglieder, also auch des sterbenden Menschen, die
Gespräche erschweren.
Vor etwa 300 Jahren beschrieb der christliche Denker Pascal, dass die Menschen
darauf bedacht sind nicht an den Tod zu denken, da sie den Tod und das damit
verbundene Leid nicht heilen konnten. (Vgl. Pascal zit. nach Hoffmann 1991, S. 42.)
Ein weit verbreitetes Argument lautet, dass Sterben und Tod durch den Wandel der
Familienstruktur und durch die erhöhte Lebenserwartung in der »modernen
Gesellschaft« tabuisiert sind. In einer Gesellschaft mit einer durchschnittlichen
Lebenserwartung von 75 Jahren liegt der Tod nach Norbert Elias (1991, S. 17, 71f)
für einen 25-jährigen Menschen erheblich ferner als für eine gleichaltrige Person in
einer Gesellschaft mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 Jahren. Da
das Leben dort kürzer und die Unsicherheit größer ist, scheint der Gedanke an den
Tod allgegenwärtiger. In der »modernen Gesellschaft« ist der Anblick von
Sterbenden und Toten nichts Alltägliches mehr, da das Sterben von Bezugspersonen
selten und oft erst im Erwachsenenalter erlebt wird. Es entsteht ein Erfahrungsdefizit,
was für Angehörige zu einer Hilflosigkeit im Umgang mit sterbenden Menschen
führen kann. (Vgl. Feldmann 1997, S. 34.) Der Umgang mit Sterben und Tod
unterliegt nach Paul B. Becker (1992, S. 27) einem ständigen Wandel, da sich Geburt
und Sterben vor 40 Jahren noch in den Bereichen des täglichen Lebens, in der Regel
zu Hause mit allen damit verbundenen Belastungen und Risiken, vollzogen. Die
Mehrheit lebte ständig bei- und miteinander, auch die Räumlichkeiten ließen ihnen
kaum eine andere Wahl. Herr D. (Z. 146-149) betonte in unserem Gespräch, dass die
klassische Großfamilie nicht mehr existiert, in welcher das Sterben oft, auch im
Beisein von Kindern, stattgefunden hat. Dadurch scheint das Thema auch nicht mehr
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so präsent zu sein. Sterbebegleitung wird nach Andreas Heller (1994, S. 28f) nicht
mehr als eine selbstverständliche, in der Familie und Nachbarschaft eingebundene
soziale Kompetenz betrachtet, da sich wegen der erhöhten Lebenserwartung und dem
Wandel der familiären Strukturen die Primärerfahrungen mit dem Sterben in der
»modernen Gesellschaft« eher zufällig ergeben. Er folgert daraus, dass die Sicherheit
und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Sterbenden verloren gegangen ist.
Angehörige wissen oft nicht recht, etwas zu sagen und Peinlichkeitsgefühle halten
nach Norbert Elias (1991, S. 39) die Worte zurück. Eine Tabuisierung kann nach
Herr D. (Z. 143) durch die mit Sterben und Tod verbundene Trauer begründet sein:
„Trauer macht einen ratlos und wer möchte schon gerne hilflos und ratlos sein.“
Angehörige können es demnach schwer finden, sterbenden Menschen die Hand zu
drücken oder sie zu streicheln, um ihnen das Gefühl der unverminderten
Zugehörigkeit und Geborgenheit zu geben. (Vgl. Elias 1991, S. 39.) Diese Tatsache
trifft jedoch nicht in jedem Fall zu, denn es gibt auch Angehörige, die mit einem
sterbenden Familienmitglied umgehen können.
Da in früheren Zeiten viele Menschen Primärerfahrungen mit Sterben und Tod
sammelten, sprach man wohl etwas unbefangener davon. (Vgl. Elias 1991, S. 38.)
Die Tabuisierung von Sterben und Tod durch die fehlenden Primärerfahrungen in der
Kindheit, wird von Frau U. (Z. 12-18) folgend beschrieben: „Als wir Kinder waren,
war das noch anders. Für uns waren Sterben und Tod selbstverständlich und es
wurde auch angesprochen. Heute dürfen die Kinder von Tod nichts erfahren, es wird
von ihnen weggehalten. (...) Bei uns waren die Toten im Haus und wurden nicht bei
Nacht und Nebel weggeschafft. Wir haben als Kinder schon Tote, Begräbnisse und
den Leichenzug durch das Dorf gesehen. Wir sind viel auf dem Friedhof gewesen.
Das erfahren ja die Kinder heute nicht, dabei ist der Tod das Allerselbst-
verständlichste.“ Die Bedeutungen von und der Umgang mit Sterben und Tod ist im
großen Maße von der Lebensgeschichte und den Erfahrungen abhängig, die mit dem
Sterben, etwa in der Familie, gemacht wurden. (Vgl. Heimerl/ Heller/ Zepke/
Zimmermann-Seitz 2000, S. 67.) Möglicherweise können die Ursachen für eine
Tabuisierung in der erhöhten Lebenserwartung des Menschen und dem Wandel der
Familienstruktur gefunden werden, doch diese Perspektive verdeckt die
17
Individualität der Menschen und Familien. Frau T. (Z. 12) lebte als Kind mit den
Eltern und Großeltern in einer Wohnung, doch Sterben und Tod wurden trotzdem
nicht offen besprochen. Herr O. (Z. 108-110) bestätigt, dass der Umgang individuell
ist: „Ich kenne durch meine Mutter auch andere ältere Leute und mit denen scheint
es, auf Aussagen meiner Mutter, kein Problem zu sein. Das ist eher ein spezifisches
Problem meiner Großeltern.“ Ob die Themen tabuisiert sind, hängt von der
Beziehung innerhalb einer Familie ab und inwieweit man mit den Bezugspersonen
über die eigenen Gefühle und Ängste offen sprechen kann. Wenn dies möglich ist, ist
es unwesentlich, wie viele Generationen in einem Haushalt leben und lebten. Die
Einstellung zu Sterben und Tod wird nach Josef Hoffmann (1991, S. 47) in der
Erziehung, der Religion, der Gesellschaft und den eigenen Lebenserfahrungen
begründet, was in der Kindheit zugrunde gelegt wird. Durch die Verhaltensweisen
ihrer Umgebung entwickeln Kinder eine Einstellung zu diesem Thema, selbst wenn
nicht offen darüber gesprochen wird. Diese Einstellung ist jedoch im Laufe der
weiteren Entwicklung sehr wandlungsfähig. Bei der Bewältigung des eigenen
Sterbens, können frühkindliche Erfahrungen und Phantasien einen Anteil haben.
(Vgl. Elias 1991, S. 18f.) Wenn Kinder bspw. mit der Vorstellung erzogen wurden,
dass man sein Schuldenkonto in das Leben nach dem Tod mitnimmt, kann diese
Vorstellung Angst auslösen. (Vgl. Frau E., Z. 61-63.) Reinhard Schmitz-Scherzer
(1992, S. 16) beschreibt, dass eine Akzeptanz des geführten Lebens, sowie dessen
eher positive Bewertung, die Einstellung zum Sterben und zum Tod in dem Sinne
beeinflussen kann, dass der Gedanke an die Endlichkeit der eigenen Existenz
bewusster ertragen und reflektiert wird.
Durch das vermehrte Sterben in Institutionen kann manchen Menschen die
Primärerfahrung fehlen. Dies hat jedoch auch zur Ursache, dass Sterben und Tod in
beruflichen Lernfeldern zu Themen geworden sind. (Vgl. Heller 1994, S. 21.) Nach
Ralph Grossmann (1994, S. 84) ist das gehäufte Sterben in Institutionen als
„institutionelle Antwort unserer Gesellschaft auf den Widerspruch von Leben und
Tod zu begreifen und basiert auf einer weitgehenden Verleugnung und Tabuisierung
des Todes“. Diese Auffassung impliziert, dass Angehörige sich wegen der
persönlichen Verdrängung von Sterben und Tod entscheiden, ihre Familienältesten
18
zur Pflege in Pflegeheime zu geben. Meines Erachtens ist es keine Schande, wenn
ältere Menschen in Pflegeheimen leben, wenn ihnen dort bspw. besser geholfen
werden kann. Ältere Menschen zu Hause zu pflegen ist meist eine sehr starke
Belastung für die gesamte Familie. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass die
erwachsenen Kinder eine Familie an einem Ort gründen, der vom Elternhaus entfernt
ist und daher die Unterbringung der alten Menschen in Pflegeheimen erfolgt.
Da in Institutionen, wie Krankenhäusern, Altenpflegeheimen und Hospizen, der
gehäufte Umgang mit alten, kranken und sterbenden Menschen stattfindet, sind dort
die Themen Sterben und Tod präsent. Häufig wird der Umgang zwischen beruflich
Tätigen und den alten, kranken und sterbenden Menschen kritisiert. Herr C.
(Z. 87-88) beschrieb, dass ein Altenpfleger im Krankenhaus wenig Zeit für
Gespräche hat, da er zwischen 10 und 15 Patienten zu versorgen hat. Von anderen
Autoren wird behauptet, das Personal sei für eine soziale Betreuung nicht
angemessen ausgebildet, wodurch es zu Uminterpretationen (z.B. »schwerkranker
Patient«) kommt, sie versuchen den Kontakt zu meiden oder sie gänzlich ignorieren.
Die sterbenden Menschen werden offenbar als hilflose, abhängige Wesen betrachtet
und behandelt und nehmen meist auch ihr Stigma an. (Vgl. Feldmann 1997, S. 67.)
Wissenschaftliche Untersuchungen in den Vereinigten Staaten von Amerika sollen
belegen, dass Krankenschwestern sterbende eindeutig länger als nichtsterbende
Menschen warten ließen. Direkte Befragungen ergaben, dass die überwiegende
Mehrzahl eher zum Vermeiden der Sterbenden neigte, indem sie den ernsten Zustand
leugneten, das Gesprächsthema wechselten oder sich in Ausreden flüchteten. (Vgl.
Ochsmann zit. nach Feldmann 1997, S. 68.) Heinrich Pera (1995, S. 78) beschreibt,
dass ein kranker Mensch oft erlebt, wie über ihn hinweg, ohne ihn einzubeziehen,
gesprochen wird. Für dieses Vermeidungsverhalten der Helfer wird als Ursache das
Gesundheitssystems gesehen, wonach Krankheit zu bekämpfen und Gesundheit
herzustellen ist, was bei einem sterbenden Menschen nicht möglich ist. (Vgl.
Feldmann 1997, S. 68.) Das Gesundheitssystem hat jedoch auch den Auftrag
Schmerzen zu lindern und für das körperliche Wohlbefinden der Menschen zu
sorgen. Dadurch kann dem sterbenden Menschen gezeigt werden, dass man nicht
19
aufgehört hat, ihn als Mensch Beachtung zu schenken, was nicht immer ganz leicht
ist. (Vgl. Elias 1991, S. 96.)
Da ich keine Erfahrungen in anderen Institutionen außer dem Hospiz gesammelt
habe, fällt es mir schwer mich dazu zu positionieren. Schuldzuweisungen wie: „Das
liegt an der schlechten Ausbildung des Personals.“ ändern jedoch nicht viel. Ich finde
es wichtig, einen ausgeglichenen Schwerpunkt auf den Körper und die Psyche zu
legen und diese Erfahrung habe ich im Hospiz sammeln können. Möglicherweise
nimmt die Versorgung von Sterbenden in Krankenhäusern derzeit einen dominanten
Stellenwert im Gesundheitssystem ein, doch hat bereits eine Trendwende eingesetzt.
Die ambulante und häusliche Versorgung und die Pflege von Sterbenden gewinnen
an Bedeutung. (Vgl. Heimerl/ Seidl 2000, S. 111.) Mittlerweile haben sich vielerorts
Hospize angesiedelt, welche sich um die Pflege und die Begleitung sterbender
Menschen bemühen, das Sterben als einen Teil des Lebens und als einen Vorgang
betrachtet, der weder verdrängt noch künstlich verlängert werden muss. Liebevolle
Zuwendung kann diese Lebensphase neu mit Sinn füllen. (Vgl. Pera 1995, S. 21.)
Der sterbende Mensch sollte nicht isoliert oder auf ein Körperteil reduziert gesehen
werden, bspw., wenn der Arzt sagt: „Der Niere geht es wieder gut.“ Vielmehr sollte
er als Mensch und im Zusammenhang mit den Angehörigen und Bezugspersonen
wahrgenommen werden: „Herrn X. geht es heute besser.“ Das ist eines von 10
Grundprinzipien des Hospizes, die Student (zit. nach Feldmann 1997, S. 71) benannt
hat. Die Betreuung im Hospiz endet nicht mit dem Tod des Menschen, sondern
bezieht sich auch auf die Trauernden. Die Unterstützung eines Hospizes geschieht
subsidiär, d.h. es wird dort geholfen, wo Angehörige nicht zu helfen wissen und sich
überfordert fühlen. Diese Hilfe kann eine große Entlastung für die gesamte Familie
sein. Die Hospizbewegung hat zum Ziel, dass Menschen dort sterben können, wo sie
sterben möchten, meist bei ihrer Familie zu Hause, und soll keine weitere Form der
Institutionalisierung darstellen. Tageshospize und ambulante Betreuungen sollen die
Möglichkeit schaffen, dass sterbende Menschen ihr Leben in ihrer gewohnten
Umgebung zu Ende bringen können. (Vgl. Pera 1995, S. 74.) Die noch recht neue
Hospizbewegung zeigt mir, dass die Themen Sterben und Tod nicht ausschließlich
tabuisiert sind, sondern dass es Menschen gibt, die den Umgang mit sterbenden
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Menschen wichtig finden und diese unterstützen. Für die Helfer in diesem Bereich
kann und sollte es kein Tabuthema sein.
Ein wichtiges Buch, welches 1969 von Elisabeth Kübler-Ross zum Thema Sterben
und Tod erschienen ist, heißt „Interviews mit Sterbenden“. Nach der Erscheinung
dieses Buches folgten von anderen Autoren viele weitere Bücher zu dieser Thematik.
Daran wird deutlich, dass Sterben und Tod aktuelle Themen sind. (Vgl. Hoffmann
1991, S. 46.) Sterben und Tod sind sogar zu »Hauptthemen« für viele Menschen
geworden, besonders für sozialberuflich Tätige. (Vgl. Voss-Eiser 1991, S. 71.) Der
medizinische Fortschritt und die damit verbundene höhere Kontrolle über Leben und
Sterben können zudem als ein realitätsgerechtes Todesbewusstsein gedeutet werden.
Menschen in der »modernen Gesellschaft« üben vermehrt Selbstkontrolle aus: Sie
haben ein höheres Gesundheitsbewusstsein und schätzen Gefahren bewusster ab, um
ihr Todesrisiko zu verringern. Man könnte meinen, dass sie an den Tod denken und
deshalb bspw. durch Lebens- und Unfallversicherungen vorsorgen. (Vgl. Feldmann
1997, S. 39.) Es hat eine Normalisierung der Todesvorstellungen stattgefunden. Der
»normale« Tod im hohen Alter wird von den meisten Menschen als natürliches,
nicht-tragisches Ereignis angesehen. (Vgl. Riley zit. nach Feldmann 1997, S. 39.)
Diese Ansicht vertritt auch Frau T. (Z. 81-84): „Wenn jemand jung stirbt, zweifelt
man auch: ‘Musste er denn so jung sterben?’ Auch wenn eine Mutter jung stirbt und
noch Kinder hat, sieht man die Sache noch anders. Das ist dann nicht der natürliche
Ablauf.“ Das Interesse an pompösen Begräbnissen hat abgenommen, und kann als
Argument dafür verstanden werden, dass der Tod als natürliches Lebensende
angesehen wird. Entscheidungen, in denen es um Leben oder Tod geht, wie die
Organtransplantation und die Abtreibung, werden offener und mit mehr
Berücksichtigung der Menschenrechte diskutiert, als es in früheren Zeiten der Fall
war. Die Konflikte, die sich in Bereichen zeigen, wie z.B. das Sterben in
Institutionen, der Selbstmord und der Krieg, können ebenfalls als Argument für eine
Beschäftigung mit dem Thema gedeutet werden. (Vgl. Feldmann 1997, S. 39f.)
Wenn man darüber nachdenkt, ob Sterben und Tod tabuisiert sind oder nicht, wird
dabei die Verdrängung dessen vorausgesetzt. Norbert Elias (1991, S. 7) weist darauf
21
hin, dass es eine starke Tendenz gibt, dem Gedanken an den Tod aus dem Wege zu
gehen und zu verdrängen oder durch den festen Glauben an die eigene persönliche
Unsterblichkeit von sich zu weisen: „Andere sterben, aber ich nicht.“ Der Begriff
»Unsterblichkeitsglaube« wurde von Sigmund Freud geprägt. Sigmund Freud meinte
damit, dass im Unbewussten jeder von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt sei.
Der Tod sei für den einzelnen der Tod des anderen. Das Unbewusste, die tiefsten, aus
Triebregungen bestehenden Schichten der Psyche, kennt nach Sigmund Freud
überhaupt nichts Negatives und keine Verneinung. Gegensätze fallen in ihm
zusammen. Darum kennt das Unbewusste auch nicht den eigenen Tod, „dem wir nur
einen negativen Inhalt geben können.“ (Vgl. Freud zit. nach Heimann 1976, S. 36.)
Es handele sich hierbei also nicht um die Verdrängung des eigenen Sterbens, sondern
um den Glauben an die eigene Unsterblichkeit.
3.3 Der Umgang mit Sterben und Tod
Dass sich Menschen mit dem Sterben gar nicht oder kaum beschäftigen, kann viele
Ursachen haben. Eine gute körperliche Verfassung kann zu der Annahme führen,
vom Sterben noch so weit entfernt zu sein, dass genug Zeit bleibt, sich später damit
zu beschäftigen. Lebensaktivitäten können im Vordergrund stehen: „Ich habe so viel
zu tun, da habe ich keine Zeit über das Sterben nachzudenken.“ Andererseits kann
auch eine Verdrängung dahinter stehen, welche aber ebenso als legitime
Umgangsform mit dem Sterben verstanden werden sollte. (Vgl. Heimerl/ Heller/
Zepke/ Zimmermann-Seitz 2000, S. 58.) Verdrängung und Verneinung werden oft
als negativ eingeordnet, doch die Verdrängung kann auch positive Aufgaben
erfüllen. Verdrängung stellt einen Schutzmantel dar, um nicht emotional zu
zerbrechen. (Vgl. Feldmann 1997, S. 38.) Manchmal sprechen Angehörige und
sterbende Menschen nicht miteinander über das Sterben, um sich gegenseitig zu
schützen. Vielleicht will der sterbende Mensch den Angehörigen schützen und
thematisiert das Sterben nicht. Vielleicht ist es umgekehrt und der Angehörige will
den Sterbenden schützen. Es kann auch vorkommen, dass von beiden Seiten diese
Vorsicht ausgeht. In solchen Situationen könnte man als außenstehender Helfer
koppeln: „Sie sollten miteinander darüber reden. Sie wollen sich gegenseitig
22
schützen.“ Dann kann es gut sein diese Wahrnehmung einzubringen. (Vgl. Herr D.,
Z. 112-118.) Es gibt auch Menschen, die stärker auf den Tod als auf den vor ihnen
liegenden Lebensabschnitt orientiert sind. Vom Leben wird bspw. nicht mehr allzu
viel erwartet: „In unserem Alter steht man doch schon mit einem Bein im Grab.“
(Vgl. Heimerl/ Heller/ Zepke/ Zimmermann-Seitz 2000, S. 58.) Die Umgangsformen
mit dem eigenen Sterben sind sehr individuell.
Welche Bedeutung ein Mensch dem Sterben gibt, beeinflusst nachhaltig, wie
derjenige mit dem Sterben umgeht. Man kann es als einen natürlichen Prozess
ansehen. Der Zyklus der Natur zeigt ständig und überall, wie der Tod im Leben
enthalten ist. Im Universum gibt es kein Gebilde »auf ewig«. Auch Sterne werden
»geboren« und »sterben«. Dieses Gesetz gilt für den Makro- und den Mikrokosmos,
ob ein Bestehen von bis zu Jahrmillionen oder von Lebewesen, deren Lebenszeit nur
Tage zählt. Immer und überall gilt das Gesetz vom Werden und Vergehen. (Vgl.
Hoffmann 1991, S. 43.) Diese Sichtweise kann manchen Menschen helfen mit dem
fertig zu werden, was man nicht ändern kann. Zwar weiß man, dass der Tod kommen
wird, aber das Wissen, dass es sich um das Ende eines Naturablaufs handelt, kann
dazu beitragen, die Beunruhigung zu dämpfen. (Vgl. Elias 1991, S. 73.) Man findet
in allem das Muster von Abtrennung und Abgrenzung, immer den Vorgang von
Loslassen und Abschied, was immer auch zu einem Neubeginn führt. Solange man
lebt, macht man Erfahrungen mit Trennung, Verlust und Abschied. Man
verabschiedet sich von Entwicklungsstadien, dem Elternhaus, Beziehungen und
Freundschaften. Man trennt sich von Gewohnheiten, Idealen und von geliebten
Menschen. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit kann mit den »kleinen Toden«
des Alltags gelernt werden, wie man diese vielfachen Formen des Abschieds
bezeichnet. So kann jedes Abschiednehmen eine Einübung für den letzten großen
Abschied gesehen werden. (Vgl. Hoffmann 1991, S. 38f.) Das Leben ist
missverstanden, wenn man meint, es vor Leid, Versagen oder Zusammenbrüchen
bewahren zu können. Wer lernt zu seinem Leben „Ja“ zu sagen, kann
möglicherweise lernen zu seinem Tod „Ja“ zu sagen. Es gilt als psychologisch
erwiesen, dass jemand, der die Überzeugung vertritt ein sinnerfülltes Leben geführt
23
zu haben, in der Regel leichter Abschied nehmen kann als jemand, der unbefriedigt
und unversöhnt aus dem Leben schreiten muss. (Vgl. Leuenberger 1985, S. 22.)
Ein selbstverständlicher Umgang mit den Themen Sterben und Tod kann dazu
dienen, vorhandene Tabus zu durchbrechen. „Es war schön für mich zu merken, dass
man dann dem anderen sehr helfen kann, wenn man es zulässt und wenn der andere
spürt, dass es kein Tabuthema ist, sondern dass eben darüber gesprochen wird und es
ein Teil des Lebens ist. Wenn man selbstverständlich damit umgeht, kann es dem
anderen sehr helfen.“ (Frau A., Z. 294-297).
Frau U. berichtete, wie man als Kind erfahren kann mit dem Sterben und Tod
umzugehen: „Ich hatte eine sehr fromme Mutter und sie hat schon mit uns als Kinder
um einen guten Tod gebetet. Als Kind konnte ich nicht verstehen, wenn meine
Mutter für eine gute Sterbestunde betete. Das war für uns Kinder unmöglich. Heute
weiß ich, wie wichtig ihr das war, auch uns als Kindern zu sagen: ‘Du wirst einmal
sterben.’ Für mich war Tod nie ein Tabu. Bei uns sind auch Mitschüler gestorben
und ich kann mich erinnern, dass viele Kinder an Scharlach und Diphtherie starben.
Da hat Mutter auch mit uns darüber gesprochen. Wir wussten auch, dass Tod traurig
macht und haben gesehen, dass man weint. Das gehört eben mit dazu. Damit muss
man fertig werden. Das haben wir als Kinder schon vermittelt bekommen. Es lief
alles selbstverständlich ab. Wir waren nicht überrascht vom Tod, in keiner Situation.
Wir haben immer gewusst, dass das mit dazu gehört. (...) Mit meinen Enkelkindern,
vor allem mit K., habe ich schon darüber gesprochen, dass ich sterben werde und
dass das kein Unglück ist. ...dass ich auch keine Angst vor dem Sterben habe und
dass ich darauf warte. Das ist das, was noch auf mich wartet, was ich noch zu
bewältigen habe und ich es mir sehr schön vorstelle, wenn es dann geschafft ist. (...)
Es ist sehr wichtig, dass es ein Thema ist und man sich auch auf anderen Ebenen
damit auseinandersetzt. Es soll ein wichtiges Thema sein und nicht erst, wenn der
Tod dann vor der Tür steht. Schon in der Bewusstseinsbildung junger Menschen
sollten Leben und Tod eine größere Rolle spielen. Es ist wichtig, dass schon jungen
Menschen anerzogen wird: ‘Da gibt es noch etwas, dem du nicht ausweichen kannst.
Jeder Tag führt dich da hin. Egal wie lang der Weg mal sein wird, er muss
24
überschaubar bleiben. Für jeden Tag bist du neu verantwortlich.’ “ (Frau U.,
Z. 31-45, 252-258).
Als mir Frau U. von sich erzählte, konnte ich nachvollziehen, dass man im
Erwachsenenalter möglicherweise besser mit dem Bewusstsein von Leben und Tod
umgehen kann, wenn auch in der Kindheit diese Themen besprochen wurden. Das
Abschiednehmen von einem Menschen oder der ganzen Welt kann heißen, Dinge,
die man noch klären möchte nicht auf später zu verschieben und sich dessen bewusst
zu sein, dass der Abschied an der Tür auch der letzte Moment der gemeinsamen Zeit
gewesen sein kann. (Vgl. Dziewas 2002, S. 96.)
25
4 Handlungsoptionen für Gespräche über Sterben und
Tod
In diesem Kapitel wird auf die Individualität des Gegenübers, auf dessen Bedürfnisse
in einem Gespräch und seine möglichen Erwartungen an den eingegangen. In der
Einleitung habe ich bereits erwähnt, dass jedes Gespräch so individuell ist, wie der
Mensch selbst. Nach Andreas Kruse (zit. nach Heller 2000, S. 16) ist somit auch das
Sterben als ein individueller und persönlicher Prozess zu begreifen, der in hohem
Maße vom eigenen Lebenslauf beeinflusst ist. Es gibt demnach keinen
allgemeingültigen Kodex von Formen des Sterbebeistandes oder Gesprächstechniken
über Sterben und Tod. Maßstab ist dabei immer der Mensch in seiner Individualität.
Das Führen eines Gespräches ist jedoch nicht nur vom Individuum selbst, sondern
auch von der Stimmung und Vorgeschichte der Beteiligten, dem Verhältnis
zueinander, den Krankheitsbedingungen, der Art des Gesprächs und nicht zuletzt von
der Übereinstimmung von Wort und Ton abhängig. Ein paar Faktoren können jedoch
als Richtlinien angesehen werden. (Vgl. Mark Zengaffinen 1997, S. 9.) Der
Schwerpunkt dieser Diplomarbeit ist es, solche Möglichkeiten zu ergründen und
darzustellen. Helfende Gespräche zu führen ist nicht durch das Aneignen starrer
Regeln möglich, sondern ein Prozess und ein Weg der Entwicklung und Reifung der
eigenen Persönlichkeit, da man stets etwas von sich selbst in die Beziehung
einbringt. (Vgl. Gärtner 2004, S. 7.) Diese Gegebenheit konnte ich im Verlauf der
Bearbeitung dieses Themas erfahren und wird im Schlusswort näher betrachtet. In
erster Linie bestimmt das Gelingen eines Gespräches die Beschaffenheit der
zwischenmenschlichen Beziehung zum Klienten. Das ist das wichtigste Element in
Berufen, bei denen es um die Beziehung zu Menschen geht, wie bspw.
Psychotherapeuten, Psychologen, Lehrern, Seelsorgern und Sozialpädagogen. (Vgl.
Rogers 1993, S. 211.) Der professionelle Umgang mit Klienten kann eine gewisse
Asymmetrie der Beziehung implizieren, denn alte Menschen sind oft auf die
Unterstützung anderer angewiesen. Diese Asymmetrie sollte für ein Gespräch
aufgehoben sein, indem man respektvoll mit ihnen umgeht. (Vgl. Heimerl 2000,
S. 91.) Schon in den eigenen Gedanken ist es ratsam sich nicht über den anderen,
sondern neben ihn zu stellen. (Vgl. Gärtner 2004, S. 27.) Frau E. (Z. 340-349) hatte
26
die Erfahrung, dass man sich schnell aufopfern könnte, wenn man den Klienten nur
als hilfebedürftig und bemitleidenswert ansieht. Er hat zu Recht Methoden
entwickelt, um das Beste für sich herauszuholen. Ein Gleichgewicht von Nähe und
Distanz zum Klienten gehört zum beruflichen Alltag und wird im Kapitel »Die
Selbstwahrnehmung des sozialberuflich Tätigen« etwas näher beleuchtet. Als
sozialberuflich Tätiger führt man kein Gespräch im Sinne einer Diskussion, sondern
das Gespräch ist eine Hilfestellung, wodurch der Gegenüber von dem reden kann,
was ihn beschäftigt. Man ist kein üblicher Gesprächspartner, wie es Verwandte oder
Freunde sind. (Vgl. Herr D., Z. 262-265.) Die gewählte Gesprächstechnik, die man in
der Beziehung zum Klienten anwendet, ist Ausdruck einer grundlegenden
Einstellung ihm gegenüber. (Vgl. Gärtner 2004, S. 49.) Carl Ransom Rogers hat drei
Einstellungen bzw. Bedingungen genannt, die für den Erfolg einer Therapie
ausschlaggebend zu sein scheinen. Er hat sich auf eine therapeutische Beziehung,
welche nicht identisch mit einer sozialpädagogischen Beziehung ist, bezogen. Jedoch
ähneln sie sich in ihren Grundzügen, wie der Einstellung zum Klient und daher
stellen die formulierten Haltungen keinen ausschließlich therapeutischen Ansatz dar.
Gemeint sind die Echtheit oder Kongruenz des sozialberuflich Tätigen, das
vollständige und bedingungsfreie Akzeptieren des Klienten und ein sensibles und
einfühlendes Verstehen des Klienten von Seiten des sozialberuflich Tätigen. Obwohl
alle drei Bedingungen im hohen Maße erfüllt sein sollten, ist nach Carl Ransom
Rogers die Echtheit oder Kongruenz des beruflich Tätigen die grundlegendste
Bedingung. (Vgl. Rogers 1993, S. 23.) Die drei Bedingungen müssen jedoch nicht
von vornherein absolut vorhanden sein, denn das würde die Möglichkeit einer
Entwicklung der eigenen Kompetenz in diese Richtung ausschließen. Man kann
lernen sich auf Situationen einstellen, spontan mit Situationen umgehen und helfende
Gespräche führen zu können. (Vgl. Frau A., Z. 219-221.) Das ist bspw. durch die
Anwendung verschiedener Methoden oder die Erschließung neuer Perspektiven
möglich. „Sterbebegleitung ist eine Frage der mitmenschlichen Grundkompetenz und
differenzierter Fachkompetenz.“ (Heller 1994, S. 134).
27
4.1 Der Klient und seine Bedürfnisse
4.1.1 Das Bild vom Gegenüber
Den Mensch als Individuum wahrzunehmen, beinhaltet die eigene beständige
Überzeugung, dass es nur dem Klient möglich ist, die vollkommene Dynamik seines
Verhaltens und seiner Realitätswahrnehmung zu erkennen und folglich geeignete
Verhaltensweisen und Umgangsformen zu finden. (Vgl. Rogers 1993, S. 134.) Dieser
Grundsatz ist davon geleitet, dass der Klient selbst weiß, was gut für ihn ist. Seine
Ansichten sollten daher in den Gesprächsprozess integriert werden und eine zentrale
Bedeutung bekommen. (Vgl. Heller 1994, S. 67f.)
„Wenn ein Patient beispielsweise sagt: ‘Sie können das doch genau erklären. Durch
ihre Tätigkeit als Klinikseelsorger haben Sie eine Menge Erfahrungen. Ich verlasse
mich da ganz auf Ihr Wort.’ Wie nahe liegt es da, mich bei einem solchen Wort
nehmen zu lassen, d.h. meine Ansichten auszubreiten, meine Gedanken und Ideen
vorzulegen – und zugleich dem viel heilsameren gemeinsamen Suchen
auszuweichen, letztlich mir selbst und dem Ratsuchenden im Wege zu stehen.“ (Pera
1995, S. 166). Wenn vom Gegenüber eine »Problemlage« mitgeteilt wird, mit der
man möglicherweise auch konfrontiert ist oder war, kann es schwierig sein, dem
Gegenüber nicht die eigenen Lösungsstrategien anzuraten. (Vgl. Gärtner 2004,
S. 46.) Doch ist es vorteilhaft sie nur schemenhaft einzubringen, wenn der Klient
bspw. fragt: „Wie würden Sie es machen?“ (Vgl. Herr O., Z. 373-377.) Man könnte
die eigenen Strategien formulieren, doch möglicherweise wird dem Klienten selbst
auffallen, dass für den Einen eine Lösung sein kann, was für den Anderen keine
Lösung sein muss. Falls er jedoch mit dieser Erwartungshaltung an ein Gespräch
herantritt, könnte er enttäuscht werden, dass man ihm auf diese Weise nicht helfen
kann. (Vgl. Frau E., Z. 89-92.) Der Gedanke, dass Situationen immer anders sind,
selbst wenn sie sich noch so ähneln, kann hierbei helfen, die eigenen Ideen aus dem
Mittelpunkt zu rücken. Derjenige, der eine schwierige Angelegenheit hat, muss seine
eigene Lösung finden. Ein Gesprächspartner kann lediglich bei der Suche nach
eigenen Problemlösungsstrategien unterstützen und diese gemeinsam im Gespräch
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erarbeiten. Auch die Verantwortung dafür, dass »richtig« gesucht wird, liegt beim
Suchenden selbst. (Vgl. Gärtner 2004, S. 57.) Nach der Überzeugung von Frau E.
(Z. 70-71) wollen die meisten Menschen keine Weisheiten, Belehrungen oder
Ratschläge hören. Es ist ratsam, ihnen nicht aufzudrängen, wie sie ihren Abschluss
gestalten sollten und mit der Vorstellung an sie heranzutreten, man müsse sie in eine
bestimmte Richtung lenken. Jeder muss sein Leben selbst abschließen und nicht
jeder macht aus seinem Lebensende eine Inszenierung. (Vgl. Frau E., Z. 169-171.)
Dass der Gegenüber selbst am Besten weiß, was für ihn gut ist, zeigt zudem, warum
das Führen eines Gespräches nicht durch das Aneignen starrer Regeln möglich ist
und es kein Schema dafür geben kann, wie man mit jemanden reden muss, damit
»die Lösung« erreicht wird. Frau B. (Z. 104-106) und Frau E. (Z. 189-190)
entgegneten mir zuallererst, als ich sie fragte, wie sie mit alten Menschen über
Sterben und Tod reden, dass sie keine Strategie verwenden, sondern eher »aus dem
Bauch heraus«, je nach Gegebenheit reagieren. Frau T. (Z. 203-204) befürwortete,
dass man nicht mit einem bestimmten Vorsatz auf den Mensch zugehen sollte, um
verschiedene Punkte abzuarbeiten, sondern situationsbezogen zu handeln und »ein
Gespür für den Anderen zu entwickeln«: „Der eine möchte laut angesprochen
werden und der andere möchte, dass man sich leise nähert. Man muss dann auf das
Echo hören.“ (Frau U., Z. 183-186). Der Mensch ist individuell und auch von seinem
Wesen her eine Ganzheit. Ein Teil, ein Aspekt seiner Ganzheitlichkeit kann
möglicherweise psychisch, physisch oder geistig eingeschränkt sein und doch habe
ich auch dann einen ganzen Menschen - mit all seinem Erleben, all seinen Fragen
und Ängsten, Unsicherheiten und Aggressionen, aber auch mit seinen Hoffnungen,
Sehnsüchten, Erwartungen und Fähigkeiten - vor mir. (Vgl. Pera 1995, S. 42, 47.)
Diese Wahrnehmung ist nicht auf eine Zentrierung auf die körperliche Dimension
des Krankseins und Sterbens beschränkt, sondern rückt die Vielseitigkeit des
Menschen in das Blickfeld und wird respektiert. (Vgl. Heller 1994, S. 26.) Jeder
Mensch möchte ganzheitlich gesehen werden und nicht nur als »Sterbender aus
Zimmer 2«. Wenn man sich nur auf die »Defizite« konzentriert, kann ein klagendes
Verhaltensmuster des Klienten auch verstärkt werden, was die Erarbeitung von
Lösungen hindern kann. (Vgl. Bamberger 2001, S. 16.) Frau E. (Z. 224-230) möchte
dem Gegenüber bspw. vermitteln, dass er durchaus in seiner Persönlichkeit der selbe
29
ist und sagt auch, dass sie ihn so, wie sie ihn kennen gelernt hat, nett findet. Durch
Bagatelle: „Wir müssen alle mal sterben. Hab dich nicht so.“ oder durch das
Generalisieren: „Solche Fragen stellen sich heutzutage sehr viele Menschen. Letzten
Endes schaffen es dann aber doch die meisten.“ wird das ganz persönliche Hier und
Jetzt des Klienten distanziert vernachlässigt. Stattdessen wird beschwichtigt,
verallgemeinert und verharmlost. (Vgl. Pera 1995, S. 55.) Feingefühl und die
Wahrnehmung des Gegenüber als Individuum können fördern, ihn nicht nur als einen
Teil der Menschheit zu sehen, in der alle einmal sterben müssen. (Vgl. Frau A.,
Z. 264-266.) „Wenn jemand sterben muss und darüber traurig ist, ist es sicher kein
Trost zu sagen: ‘Es müssen alle mal sterben.’ Die Person stirbt und ich lebe in dem
Moment weiter.“ (Herr D., Z. 204-206). Der Mensch ist nicht nur ein Objekt,
sondern: Er ist und bleibt immer Subjekt. Das hat viel mit der Würdigung des
Gegenübers zu tun. (Vgl. Pera 1995, S. 43.) Ein sozialberuflich Tätiger kann nie
wissen, wie der Klient »wirklich« ist bzw. was für ihn »objektiv« gut ist. Das
Wissen darum entlastet den Helfer von der Bürde, das »einzig Richtige« zu tun und
gibt den kreativen Spielraum, mit dem Klienten zusammen nach Alternativen zum
gegenwärtigen Zustand Ausschau zu halten. (Vgl. Bamberger 2001, S. 10.) Durch
eine diagnostizierende oder interpretierende Weise, wie: „Sie können sich offenbar
mit Ihrem Schicksal nur schwer abfinden. Wahrscheinlich sind Sie zu dieser
Auffassung gekommen, weil Sie seit längerer Zeit keine rechte Freude mehr erlebt
haben.“, geht man ebenfalls nicht auf die Gefühle des Gegenübers ein, sondern
beurteilt und analysiert ihn. Dadurch versucht man aus dem Subjekt ein Objekt zu
machen, was dem Ratsuchenden erschweren kann, zu sich selbst zu finden. (Vgl.
Pera 1995, S. 54.) Klienten reagieren auf solche Aussagen häufig mit Gefühlen wie
Minderwertigkeit und Schuld, was sie in ihren Bewältigungskompetenzen geradezu
lähmen kann. (Vgl. Bamberger 2001, S. 20.) Auf die Bedürfnisse des Gegenübers
einzugehen, sehe ich als essentiellen Bestandteil der Beziehung zueinander.
4.1.2 Die Bedürfnisse des Gegenübers in Bezug auf ein Gespräch
So verschieden die Menschen sind, können auch die Bedürfnisse und Wünsche von
sterbenden, alten oder kranken Menschen auseinander gehen. Das Wissen um sie,
30
Quote paper:
Nicole Jeske, 2006, "Du wirst schon nicht so bald sterben" - Wie man mit alten Menschen über Sterben und Tod sprechen kann, Munich, GRIN Publishing GmbH
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