Danksagung
Als erstes möchte ich Herrn Prof. Dr. Karl Grammer dafür danken, dass ich am Ludwig-Boltzmann-Institut meine Diplomarbeit schreiben durfte und über vier Monate seine sehr innovativen Forschungsmethoden und -projekte begleiten durfte. Herr Prof. Grammer hat mir eindrucksvoll mit seiner Arbeit gezeigt, dass man dann am meisten Spaß und Erfolg hat, wenn man sich und seinen Ideen treu bleibt. Darüber hinaus möchte ich mich bei Claudia und Oliwia bedanken, dass sie mich tatkräftig bei der Rekrutierung der Versuchspersonen unterstützt haben und so den Strom an Versuchspersonen nicht versiegen ließen. Weiterer Dank gilt auch Herrn Prof. Dr. Thomas Rammsayer und Herrn Prof. Dr. Markus Hasselhorn, die es erst durch die Übernahme der Begutachtung der Diplomarbeit an der Universität Göttingen möglich gemacht haben, dass ich extern diese Arbeit schreiben konnte. Besonderen Dank gilt auch meiner Schwester Bea, die mir durch Scharfsinn, fachliches Verständnis und viele wertvolle Ratschläge bei der Generierung der Bewegungsdaten eine große Hilfe war.
Bedanken möchte ich mich auch bei Reinhard Spiekermann für die literarische Korrektur des Theorieteils, was den Lesegenuss der Diplomarbeit sicherlich erhöht hat. Des Weiteren gilt mein Dank Katrin Aust, geb. Heller, und Clemens Tenge, die meine Diplomarbeit akribisch korrigiert haben. Katrin hat dabei trotz eigener Hochzeitsvorbereitungen noch die Zeit gefunden, meine Diplomarbeit intensiv zu begutachten. Dafür danke ich ihr sehr. Und mein alter Weggefährte und Freund Clemens hat gewissenhaft über 20 Stunden lang die Arbeit nach orthographischen, grammatikalischen und stilistischen Ungereimtheiten abgesucht und somit mir einen sehr großen Gefallen getan, was ich ihm nicht vergessen werde.
Aber diese Diplomarbeit hätte ich niemals geschrieben, hätten meine Eltern mich nicht all die Jahre akademisch gefördert, finanziell unterstützt und mir so diese Ausbildung ermöglicht. Für diese Chance danke ich Euch sehr. Zum Schluss möchte ich mich noch bei Diana Weiß bedanken. Du hast immer an mich geglaubt, hast mich unterstützt und mir geholfen, wenn ich nicht weiter wusste. Durch Dich hat alles immer funktioniert. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Danke dafür, dass es Dich gibt.
INHALTSVERZEICHNIS
1. Theoretischer Hintergrund 7
1.1. Partnerwahl 7
1.1.1 Die Theorie des asymmetrischen Investments. 7
1.1.2 Kontrollverhalten und Täuschungen beim Kennenlernen 8
1.1.3 Weibliches nonverbales Kontrollverhalten beim
gegengeschlechtlichen Werben 10
1.1.4 Weibliche nonverbale Signale, die auf ein echtes Interesse am
Gegen über hindeuten. 11
1.2. Raumverhalten. 12
1.2.1 Raumverhalten als nonverbale Kommunikationsform 14
1.2.2 Einfluss von Soziosexualität auf das Raumverhalten 15
1.3 Methoden der Raumverhaltensforschung 16
1.3.1 Verschiedene Methoden der Bild- und Bewegungsanalyse 19
1.3.1.1 Manuelle Bewegungsanalyse 20
1.3.1.2 Automatische markerbasierte Bewegungsanalyse 20
1.3.1.3 Automatische markerfreie Bewegungsanalyse 22
1.4 Fragestellung und Ableitung der Hypothesen 24
2. Methode. 27
2.1 Beschreibung der Stichprobe 27
2.2 Angewandte Verfahren 28
2.2.1 Manuelle Bewegungsanalyse 28
2.2.2 Computersoftware 31
2.2.3 Fragebögen 33
2.3 Kontrolle von Störvariablen 35
2.3.1 Berechnung und Standardisierung des Drehwinkels 37
2.4 Versuchsdurchführung 40
2.5 Versuchsdesign 42
3. Ergebnisse 42
3.1 Voraussetzungen für eine Regressionsanalyse 42
3.1.1 Normalverteilungsannahme. 42
3.1.2 Multikollinearität. 43
3.1.3 Autokorrelation der Residuen 44
3.2 Ergebnisse der Untersuchung über die Moderatorvariablen des
Raumverhaltens. 44
3.2.1 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 1.1 44
3.2.2 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 1.2 45
3.3 Ergebnisse der Untersuchung über Raumverhalten als mögliches
weibliches Kontrollverhalten 46
3.3.1 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 2.1 46
3.3.2 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 2.2 47
3.4 Ergebnisse der Untersuchung über die Vorhersage weiblicher
Kontaktbereitschaft durch das beobachtete Raumverhalten. 48
3.4.1 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 3.1 50
3.4.2 Extraktion und Interpretation von Posen für Frauen in
heterosexueller Interaktion 52
3.4.3 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 3.2 62
3.4.4 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 3.3 64
3.5 Ergebnisse der Untersuchung zur Testgüte von EyesWeb. 64
3.5.1 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 4.1 64
3.5.2 Ergebnisse der Überprüfung der Hypothese 4.2 65
4. Diskussion 65
5. Zusammenfassung 73
6. Literaturverzeichnis. 74
ABBILDUNGSVERZEICHNIS. 78
TABELLENVERZEICHNIS 79
ANHANG
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1. Theoretischer Hintergrund
1.1. Partnerwahl
Im folgenden Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand der Partnerwahlforschung beim Menschen betrachtet. Dabei wird dargelegt, welche Unterschiede bei den Geschlechtern in ihrem gegengeschlechtlichen Annäherungsverhalten auf Grundlage evolutionspsychologischer Theorien zu erwarten sind, welche wichtige Rolle das gegenseitige Täuschen dabei spielt und wie die beiden Geschlechter durch „Gegenmaßnahmen“ oder Kontrollverhalten versuchen, dem Täuschen des Gegenübers entgegenzuwirken. Anschließend wird darauf eingegangen, welche kritischen Auswirkungen das Täuschen auf wissenschaftliche Verhaltensbeobachtungen im Rahmen der Partnerwahlforschung hat und welche Experimentaldesigns notwendig sind, um jenseits der Täuschung das wahre Interesse zweier Menschen aneinander beobachten zu können. Außerdem wird dann besonders auf ein spezifisches Kontrollverhalten, die räumliche Nähe, eingegangen, das in dieser Studie näher untersucht werden soll. Zum Schluss werden die Hypothesen dieser Untersuchung aus der in diesem Kapitel beschriebenen theoretischen Grundlagen abgeleitet.
1.1.1 Die Theorie des asymmetrischen Investments
Wer macht bei einer Begegnung mit dem anderen Geschlecht „den ersten Schritt“? Sind es die Männer, wie der Volksmund behauptet (Bruch, Giordano & Pearl, 1986)? Und wer hat die Kontrolle bei einer solchen ersten Begegnung? Wer bestimmt, wie sie verläuft und wann sie beendet wird? Evolutionsforscher haben diesbezüglich die Theorie des asymetrischen Investments (asymmetric investment theory) entwickelt, die dazu verwendet werden kann, Vorhersagen über geschlechtsspezifisches Verhalten beim Zusammentreffen von Mann und Frau zu treffen. Die Theorie des asymetrischen Investments besagt, dass Frauen zwangsläufig mehr Zeit und Energie in ihren Nachwuchs investieren müssen und somit mehr zu verlieren hätten, wenn sie eine schlechte Partnerwahl treffen sollten. Das bedeutet, dass Frauen viel stärker als Männer dazu neigen, Kontrolle über eine heterosexuelle Begegnung auszuüben und somit mehr Kontrollverhalten zeigen. Dieses Kontrollverhalten äußert sich dabei in
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einer aktiven Steuerung und Strukturierung des Gesprächs. Überdies wird postuliert, dass Frauen öfter die Männer in ihrem Verhalten manipulieren als umgekehrt. Deshalb könnte man auf Basis dieser Theorie Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Kontrollverhalten (z.B. Grad der Manipulation des anderen oder Art der Selbstdarstellung) bei Begegnungen mit unbekannten Personen des anderen Geschlechts erwarten (Trivers,1972 in Grammer, Kruck, Jütte & Fink, 2000). Im folgenden Abschnitt wird nun besonders auf das Täuschen und Tarnen beim gegengeschlechtlichen Werben und das daraus resultierende weibliche Kontrollverhalten bei der Partnerwahl eingegangen.
1.1.2 Kontrollverhalten und Täuschungen beim Kennenlernen
Grammer (2000) geht davon aus, dass das Täuschen in gegengeschlechtlichen Interaktionen eine große Rolle spielt. Nach Buss und Schmitt (1993) benutzen Männer mehr Täuschungen, wenn es um kurzzeitige sexuelle Beziehungen geht. Als Täuschungsobjekte werden meist Statussymbole wie teure Autos oder teure Kleidung herangezogen, die auf einen höheren als den tatsächlichen sozioökonomischen Status hindeuten sollen. Folgt man Landolt, Lalumiére und Quinsey (1995), dann suchen Männer kontinuierlich nach Möglichkeiten ihr Investment zu reduzieren und Frauen zu erobern. Dabei zeigt sich das Interesse an rein sexuellen, „low-investment“ Kurzzeitbeziehungen laut Townsend, Kline und Wassermann (1995) häufiger bei Männern als bei Frauen. Ausgehend von der Theorie des asymetrischen Investments müssen Frauen demnach versuchen, männliche Täuschung und Betrug zu durchschauen, da eine schlechte Partnerwahl größere Probleme für sie bedeutet als für die Männer. Indem sie die wahren Intentionen und den wahren Status des Mannes herausfinden, könnten Frauen vermeiden, seinen Täuschungs- und Betrugsmanövern zu erliegen. Um dies herauszufinden müssten die Frauen von Beginn an versuchen das Gespräch so zu kontrollieren, dass die Männer den Versuch der Frauen, die wahren Intentionen des Mannes und seinen wahren sozioökonomischen Status zu erfahren nicht bewusst bemerken. Darüber hinaus müssten die Frauen versuchen dabei ihre eigenen wahren Intentionen nicht zu offensichtlich preiszugeben. Deswegen sollten Frauen über Möglichkeiten verfügen Männern Informationen über ihre wahren Beweggründe zu entlocken, ohne dass diese allzuviel davon merken. Wür-
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den diese etwas bemerken, besteht die Gefahr, dass die Männer versuchen ihr Täuschungsmanöver weiter auszubauen (Grammer et al., 2000).
Sabini und Silver (1982) postulieren, dass die Essenz der initialen gegengeschlechtlichen Begegnung die Schaffung von Ambiguität ist. Auf der einen Seite möchte man Interesse an der anderen Person zeigen um Annäherungswilligkeit zu demonstrieren, auf der anderen Seite darf man jedoch nicht zu offensichtlich agieren um einer Täuschung entgegenzutreten. Für Frauen kann ein zu deutlich signalisiertes Interesse auch gefährlich werden: der sich nähernde Mann könnte möglicherweise auf einer sexuellen Interaktion bestehen und die Frau zu einem sexuellen Akt zwingen. Grammer, Fieder und Filova (1997) sehen im simultanen Verstecken und Offenbaren eines möglichen Interesses ein „Kommunikationsparadoxon“, in dessen Rahmen Intentionen kommuniziert werden sollen, ohne diese zu enthüllen. Dabei agieren sowohl der Mann als auch die Frau mit Verhaltensweisen, die man ohne weiteres als Täuschungsmanöver bezeichnen kann. Dazu gehören laut Miller (1997) Täuschungsstrategien wie erstens das Verstecken eigener Interessen, das als „Poker-Face-Strategie“ bezeichnet wird, oder zweitens das taktische Täuschen und die Desinformation, was als „KGB-Strategie“ tituliert wird, oder drittens die „Proteanstrategie“. Mit der Proteanstrategie soll der Gegenüber durch das Zeigen unvorhersagbarer Verhaltensweisen von der eigenen Unberechenbarkeit überzeugt werden. Denn wer unberechenbar ist, dessen Verhalten kann auch nicht vorhergesagt werden, was ihn vor etwaiger Täuschung schützen kann.
Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass beim Kennen lernen zweier Personen nicht nur eindeutig beobachtbare Verhaltensweisen zu erwarten sind, die auf ein direktes Interesse am anderen schließen lassen, sondern auch eine Bandbreite ganz anderer Verhaltensweisen, die vielleicht auf ein neutrales Verhalten wie bei der Poker-Face-Strategie oder sogar auf das genaue Gegenteil wie bei der KGB-Strategie hinweisen sollten.
All die Täuschungen und Gegentäuschungen bei der Partnersuche führen konsequenterweise dazu, dass sich Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Betrachtung dieses Themenkomplexes ergeben. So kann man beispielsweise wegen möglicherweise angewandter „Poker-Face“- oder „KGB-Strategien“ davon ausgehen, dass das beobachtbare Verhalten wahrscheinlich nicht direkt auf die darunterliegende Intention schließen lässt. Darüber hinaus hat Miller (1997) darlegen können, dass die angewandten Strategien sehr heterogen und flexibel kombinierbar sind, so dass man
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nicht von der „weiblichen“ oder der „männlichen“ Strategie reden kann. Ziel dieser Diplomarbeit soll demnach auch sein, mögliche Parameter zu identifizieren, die eindeutig auf die Intentionen des Handelnden schließen lassen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass besonders Frauen im Allgemeinen versuchen, heterosexuelle Begegnungen zu kontrollieren. Dabei ist es besonders für die Frau im Allgemeinen wichtig, ihre wahre Intention soweit zu zeigen, dass der Mann die Hoffnung nicht aufgibt, aber sie dennoch soweit zu verbergen, dass der Mann die Frau nicht ausnutzt. Gleichzeitig versucht die Frau dem Mann seine wahre Intention zu entlocken. Im Folgenden wird nun auf Forschungsergebnisse über spezielle weibliche Verhaltensweisen eingegangen, die der Kontrolle der gegengeschlechtlichen Kommunikation dienen sollen.
1.1.3 Weibliches nonverbales Kontrollverhalten beim gegengeschlechtlichen Werben
In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe von Verhaltensweisen empirisch untersucht und validiert, die beim gegengeschlechtlichen Werben der Kontrolle der Interaktion dienen sollen (Grammer, 1990; Moore 1985, 1995; Moore & Butler, 1989). Obwohl die letztgenannten Forschungsarbeiten jeweils sehr unterschiedliche, experimentelle Settings wie Single Bars, das Labor oder eine Therapeut-Klient-Interaktion betrachteten, konnten sie Ähnlichkeiten im Verhaltensrepertoire weiblicher Probandinnen in der Gegenwart von männlichen Fremden entdecken und somit Verhaltensweisen (Flirtsignale) extrahieren, die speziell bei der Partnersuche zum Einsatz kommen. Moore (1985) fand in Single-Bars heraus, dass eine Frau die Menge männlicher Annäherungen durch nonverbales Verhalten beeinflussen kann, was es ihr ermöglicht aus einer größeren Anzahl von Männern den für sie adäquaten Partner auszuwählen.
Diese Gesten, die es den Frauen ermöglichen, die Annäherung von Männern zu kontrollieren, nannte Moore „come-on-effects“. Diese Aufforderungssignale sollen den Männern weibliches Interesse vorspielen und diesen somit mitteilen, dass es ungefährlich oder sogar lohnenswert sei sich der Frau zu nähern. Mit dem wirklichen weiblichen Interesse am Mann waren diese Aufforderungssignale jedoch nicht korreliert. Die Idee hinter solchen Aufforderungssignalen ist das gezielte Anwerben und Austesten möglicher Aspiranten. Hierbei konnte Moore (1985) einen Verhaltenskata-
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log aufstellen, dessen Indexwert (Summe aller Einzelverhaltensweisen) positiv mit männlichem Annäherungsverhalten korreliert war. Beispiele hierfür sind das Nackenpräsentieren, das Lächeln oder das Haarezurückwerfen.
Laut Grammer, Kruck, Jütte und Fink (2000) könnte die weibliche nonverbale Kontrolle auch durch Signale erfolgen, die man nicht eindeutig als Sexual- oder Flirtsignal deuten würde. Im Sinne dieser Annahme fanden Grammer et al. (2000) heraus, dass z.B. weibliches Nicken signifikant männliches verbales Verhalten manipulieren kann. Je stärker die Frau während einer Interaktion nickte, desto mehr erzählte der Mann von sich. Grammer et al. (2000) gehen davon aus, dass es noch mehr dieser mehrdeutigen Signale geben könnte. In dieser Diplomarbeit soll diesbezüglich ein weiteres mögliches Kontrollsignal untersucht werden - die räumliche Nähe. Wie Moore (1985) darlegen konnte, sind viele Kontrollsignale Aufforderungssignale, die dem Mann ein mögliches Interesse suggerieren, um ihn zu Annäherung und Offenbarung seinerseits zu bewegen. Dieses suggerierte weibliche Interesse muss jedoch nicht den wirklichen Interessen der Frau entsprechen (vgl. KGB - Strategie). Der Frage, ob es auch nonverbale Signale gibt, die eindeutig U echtesU weibliches Interesse abbilden, sind Moore (1985) und Grammer et al. (2000) nachgegangen. Ihre Ergebnisse werden im folgenden Abschnitt näher beschrieben.
1.1.4 Weibliche nonverbale Signale, die auf ein echtes Interesse am Gegenüber hindeuten
Moore (1985) konnte kein einzelnes Verhalten extrahieren, das allein das Interesse der Frau an einem bestimmten Mann vorhersagen konnte. Auch Grammer, Honda, Jütte und Schmitt (1999) und Grammer et al. (2000) stellten sowohl bei japanischen als auch bei deutschen Frauen fest, dass in den ersten zwei beziehungsweise vier Minuten einer Interaktion mit einem fremden Mann keine einzelnen Verhaltensweisen wie Nicken oder Lächeln als Prädiktoren für ein ernstes Interesse am Gegenüber benutzt werden konnten. Das heißt, dass die traditionellen Verhaltensanalysen in den ersten Minuten keine Prädiktoren für das weibliche Interesse am Mann finden konnten. Nur mit einer neuen Technik - der automatischen digitalen Bewegungsanalyse (Automatic Motion Analysis) - konnten Grammer et al. (1999) qualitative Veränderungen der weiblichen Körperbewegungen wie Geschwindigkeit, Ausmaß und An- zahl der Bewegungen erkennen, die auch mit einem Interesse der Frau am Mann
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korrelieren. Erst ab der vierten bis zur zehnten Minute einer Interaktion kann man dann mit der traditionellen Verhaltensanalyse das Interesse einer Frau an einem Mann vorhersagen. Zu diesen Verhaltensweisen gehörte zum Beispiel das schüchterne Lächeln (Grammer et al.1999).
Wie bereits erwähnt, soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, ob räumliche Nähe von Frauen gezielt als „come-on-effect“ eingesetzt wird, und ob der Einsatz von Nähe möglicherweise darüber hinaus auch wahres Interesse abbilden kann. Bevor man der Frage nachgehen kann, ob räumliche Nähe die Kriterien eines Kontrollverhaltens erfüllen könnte, wird im folgenden Abschnitt nun zuerst räumliche Nähe definiert und hierbei speziell auf die Theorie von Hall (1966) eingegangen.
1.2. Raumverhalten
Die Mehrzahl der Studien, die sich damit befassen, wie Menschen räumliche Nähe in zwischenmenschlichen Interaktionen einsetzen, berufen sich auf Halls Theorie aus dem Jahre 1966 über „proxemics“ (Raumverhalten). Hall definierte das, was er unter Raumverhalten verstand, im Laufe der Jahre immer wieder neu. Seine letzte Definition von 1974 besagt, dass Raumverhalten dasjenige Verhalten sei, das der Mensch zeigt, während er den Raum um sich herum wahrnimmt und ihn für die Durchführung seines Handelns benutzt. Wichtig dabei sei, dass der Mensch den Raum [zum Ausdruck seiner Einstellungen, zum Erreichen seiner Ziele etc.] benutzt. Was bedeutet aber nun Nutzung des Raumes? Unter Nutzung des Raumes versteht Hall (1966), dass die Person sich erstens als Ganzes im Raum bewegt, zum Beispiel auf jemanden zugeht oder sich von jemandem wegbewegt, und zweitens, dass die Person durch Gesten und Posen versucht, den Raum um sich herum einzunehmen. Dieser durch ausladende Gesten eingenommene Raum mag als „beschützende Sphäre“ gesehen werden, die ein Individuum zwischen sich und anderen aufrechterhält.
Hall hat die Interaktion zweier Menschen anhand der Distanz zwischen ihnen, in vier Kategorien oder Distanzzonen eingeteilt, die im Folgenden näher erläutert werden. Die Distanzzone, bei der die Menschen am weitesten auseinander stehen, nennt Hall die öffentliche Zone (4 m - 9 m) und bezeichnet sie als Zone der Selbstverteidigung, bei der ein alarmiertes Subjekt ausweichende oder defensive Aktionen ausführen kann, wenn es sich bedroht fühlt: überdies würden Menschen in dieser Zone nicht
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mehr als Personen gesehen, die die ganze Bühne ausfüllen, sondern eher als in ein Setting eingebettet. Die nächst nähere Zone ist für Hall die soziale Zone (1.2 m bis 4 m). Bei Interaktionen zwischen zwei Individuen, die ca. 1.2 m bis 4 m auseinander stehen, ist die Gesprächslautstärke normal und es gibt wenig Bewegung während des Gesprächs. Interaktionen, bei denen Menschen so weit auseinander stehen, finden sich meist am Arbeitsplatz und in eher formalen sozialen Situationen. Die Grenze der sozialen Zone zur nächst näheren Zone, der persönlichen Zone (0.4 m bis 1.2 m) liegt an der Grenze der Dominierbarkeit. Kleinste Details der Mimik können bei der sozialen Zone im Gegensatz zur persönlichen Zone nicht wahrgenommen werden und keiner berührt den anderen oder erwartet vom anderen berührt zu werden. Die persönliche Zone hingegen beruht am meisten auf physischer Dominanz im Sinne von Festhalten oder Berühren mit dem Arm. Altman und Vinsel (1977) interpretieren diese Zone zusätzlich als Zone des Übergangs. Thermale Reize wie die Körperwärme des anderen oder feine Körpergerüche können nicht so einfach wahrgenommen werden wie z.B. bei einer Umarmung, jedoch gibt es eine Menge anderer kommunikativer nonverbaler Reize. Es ist eine Zone, die Menschen in der Öffentlichkeit häufig verwendeten, und sie scheint eine normale Kontaktdistanz zu sein, die es Menschen ermöglicht, entweder in offizieller Nähe zu bleiben oder zu mehr oder weniger persönlicher Kommunikation überzugehen. Diese Zone erlaubt eine Reihe von Kontakten zwischen Menschen, von relativ intim bis eher formal (Altman & Vin-sel,1977). Die Interaktion zweier Menschen, die sich bei einer Distanz zwischen 0 cm und 40 cm abspielt, nennt Hall intime Zone, bei der der große sensorische Input überwältigend ist und man dort unmissverständlich in Interaktion mit einem anderen Körper ist.
Bei Betrachtung der vier Distanzzonen erkennt man, dass sich sehr wahrscheinlich in der persönlichen Zone erste gegengeschlechtliche Interaktionen abspielen. Als normale Kontaktdistanz erlaubt sie den Gesprächspartnern einerseits, den anderen kennenzulernen, ohne gleich Signale des persönlichen Interesses auszusenden. Aber die eingenommene Distanz bedeutet andererseits nicht zwingend - wie bei der öffentlichen Zone von Beginn an bereits - Ablehnung einer privaten Beziehung, da diese persönliche Zone Kontakte von intim bis formal zwischen Menschen ermöglicht. Wie in Abschnitt 1.1.4 beschrieben, könnte laut Grammer et al. (2000) die weibliche nonverbale Kontrolle durch Signale erfolgen, die man nicht eindeutig als Sexu- al- oder Flirtsignal deuten würde. Die Veränderung der räumlichen Nähe in der per-
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sönlichen Zone könnte man deswegen genau als ein solches mehrdeutiges Signal betrachten.
Im nächsten Abschnitt wird deswegen die Rolle des Raumverhalten als Mittel der Kommunikation noch mal näher betrachtet und es wird darauf eingegangen, was Menschen mit räumlicher Nähe ausdrücken können.
1.2.1 Raumverhalten als nonverbale Kommunikationsform
Argyle und Dean (1965) versuchten, das Raumverhalten in einen ganzheitlichen Kontext zwischenmenschlicher Interaktion einzubetten, und postulierten in ihrer The-orie der Annäherung, dass es bei zwischenmenschlichen Interaktionen einen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Nähe, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit etc. und der Angst vor Dominanz, Zurückweisung oder Verletzung gibt. Ersteres zeigt sich bei Gesprächen durch Distanzverkleinerung, letzteres durch Distanzvergrößerung. Argyle und Dean (1965) nahmen an, dass interagierende Individuen die räumliche Distanz so lange variieren, bis sich ein Gleichgewicht zwischen den appetetiven und den aversiven Stimuli eingestellt und das Individuum eine komfortable Distanz gefunden hat. Diese Theorie wurde auch empirisch mehrfach untermauert (z.B. Patterson, 1973).
Wenn man Argyle und Dean (1965) folgt, verwenden Menschen ihr Raumverhalten, um persönliche Bedürfnisse, wie den Wunsch nach Nähe oder Liebe, und eigene Emotionen wie Angst oder Freude auszudrücken. Daraus kann man schlussfolgern, dass man durch das Beobachten des Raumverhaltens erstens Einblicke in den Ge-mütszustand der Person und zweitens Einblicke in die Einstellungsstruktur der Person dem Gesprächspartner gegenüber erhalten könnte. Da jedoch sowohl eine positive Einstellung einer Person zum Gegenüber als auch ein momentaner positiver Affekt einer Person laut Argyle und Dean (1965) zu einer Distanzverkleinerung zum Gegenüber führen sollte, müssen der Affekt und die Einstellung einer Person zum Gegenüber separat voneinander erhoben werden.
Neben dem Einfluss des Affekts einer Person und dem Einfluss der dem Gesprächspartner gegenüber empfundenen Sympathie auf das Raumverhalten spielt bei der Betrachtung des Raumverhaltens im Rahmen der Partnerwahl auch die generelle Einstellung einer Person zu zwischenmenschlichen Beziehungen eine entscheidende Rolle. Mit der Frage, welche interpersonellen Unterschiede es innerhalb der Ge-
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schlechter bei der Partnerwahl gibt, und welchen Einfluss dies auf das gezeigte Raumverhalten hat, befasst sich der nun folgende Abschnitt.
1.2.2 Einfluss von Soziosexualität auf das Raumverhalten
Buss und Schmitt (1993) gliederten Partnerwahl in Strategien hinsichtlich ihrer Kurzbzw. Langfristigkeit (mating strategies). Die kurzfristige Strategie verfolgt eine Reproduktion der eigenen Gene durch Geschlechtsverkehr mit vielen wechselnden Partnern ohne zeitliche und emotionale Investition in die Partnerschaft, im Falle von Männern auch ohne Investition in die eigenen Kinder. Die langfristige Strategie setzt auf Reproduktion der eigenen Gene durch Geschlechtsverkehr mit einem einzigen Partner und maximale Nutzung der Ressourcen des Partners für die eigenen Kinder durch Sicherung einer engen emotionalen Bindung an den Partner. Es handelt sich hierbei um idealtypische Pole einer Dimension sexueller Strategien. Während Buss und Schmitt (1993) kurz- und langfristige Strategien als Alternativen verstehen, gibt es gute Evidenz bei Tieren und Menschen, dass sie auch kombinierbar sind. So gibt es in den heutigen monogamen westlichen Kulturen eine starke Tendenz zu sexuellen Seitensprüngen bei fester Partnerschaft: Schätzungen variieren zwischen 25% und 75% sexueller Untreue in festen heterosexuellen Beziehungen für Männer und Frauen (Buss & Schmitt, 1993). Die Strategien variieren deutlich mit dem Geschlecht: das aufgrund von Schwangerschaft und Stillen stärker investierende weibliche Geschlecht verfolgt insgesamt längerfristige Strategien als das männliche, weil es von kurzfristigen Strategien aufgrund der stark begrenzten potenzielle Zahl eigener Kinder nicht so viel profitieren kann. Das gilt für alle Kulturen, Altersgruppen und unabhängig davon, ob eine feste Partnerschaft besteht oder nicht (Buss & Schmitt, 1993). Darüber hinaus gibt es aber auch erhebliche individuelle Differenzen innerhalb der beiden Geschlechter in der Langfristigkeit der sexuellen Strategie selbst dann, wenn Kultur, Alter und Partnerschaftsstatus konstant sind. Diese Unterschiede sind intrasexuell größer als intersexuell und zeitlich zumindest kurzfristig stabil (Simpson & Gangestad, 1991). Snyder, Simpson und Gangestad (1986) legten dar, dass bestimmte empirische Indikatoren berichteter kurz- bzw. langfristiger sexueller Strategien stark kovariieren (Zahl tatsächlicher, erwarteter und erwünschter Geschlechtspartner, Zahl tatsächlicher und phantasierter Seitensprünge, Bereitschaft zu Sex ohne emotionale Bindung), und schlugen als Bezeichnung der zugrunde lie-
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genden Dimension Soziosexualität vor ("sociosexuality", auch "sociosexual orientation" genannt).
In einer anonymen Testbedingung korrelierten Antworten zu soziosexuellen Einstellungen negativ mit der Tendenz zu Fremdtäuschung (Meston, Heiman, Trapnell & Paulhus, 1998). Auf der Grundlage dieses Ergebnisses wird nun erwartet, dass der Einsatz räumlicher Nähe als weibliches Kontrollverhalten umso schwächer ist (d.h. größere Distanz zum Mann), je stärker die weibliche Soziosexualität ausgeprägt ist, da Kontrollverhalten einer Fremdtäuschung entspricht, und weil Einstellungen vermittelt werden, die offenkundig nicht existent sind.
In den nächsten Abschnitten wird nun ein Überblick über die bisher verwandten Methoden in der Raumverhaltensforschung gegeben. Raumverhaltensstudien der letzten dreißig Jahre benutzten sehr verschiedene Techniken zur Erfassung der Raumbewegung der einzelnen Personen. Die folgenden Abschnitte sollen kurz in die Messtechniken bisheriger Raumverhaltensforschung einführen, um damit aufzuzeigen, welche Schwierigkeiten es mit der Validität der bisher gemachten Erkenntnisse im Bereich der Raumverhaltensforschung geben kann und welchen möglichen Fortschritt man durch neue Techniken respektive einer Validitätserhöhung erreichen könnte.
1.3 Methoden der Raumverhaltensforschung
Ickinger (2001) betont, dass die Betrachtung von Messtechniken bei allen Überblicksartikeln über Raumverhalten eine große Rolle spielt. Denn es sei aus Gründen der Validität wichtig zu wissen, wie Daten erhoben werden, um nachvollziehen zu können, ob das, was man erhebt, auch das ist, was man erheben möchte. Die Betrachtung der bisherigen Forschungsmethoden der Raumforschung erfolgt auf Grundlage des Überblicksartikels von Aiello (1987), der versuchte die gebräuchlichen Techniken der Raumforschung anhand 700 durchgeführter Studien in drei Kategorien einzuteilen: 1. Projektive oder Simulationsstudien, 2. Quasi-projektive oder Laborstudien, 3. Interaktionale Labor- oder Feldstudien.
Bei projektiven Studien (280 der 700 Studien) sollen sich Versuchspersonen in eine Situation hineindenken und daraufhin Aussagen darüber treffen, wie sie in dieser
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Situation handeln würden. Zum Beispiel wird dabei der Versuchsperson die Aufgabe gestellt sich vorzustellen, dass eine Person am Bahnhof auf sie selbst zukäme. Der Proband wird gebeten sich vorzustellen und zu berichten, was er nun tun würde. Bei quasi-projektiven Studien sollen Probanden ihren eigenen Körper in Relation zu einem realen Objekt benutzen und sollen sich auch ein reales Setting vorstellen. Das am häufigsten verwendete Verfahren bei den quasi-projektiven Studien ist laut Aiello (1987) die „Stop-Technik“ (100 der 700 Studien), bei der Versuchspersonen sich einer anderen Person so lange annähern oder sich ihnen eine andere Person so lange nähert, bis sie ein Unbehagen spüren. Die „Stop-Technik“ weist jedoch eine geringe externe Validität auf, weil die Ergebnisse solch eines Laborsettings schlecht auf den Alltag übertragen werden können. Wenn man sich vorstellt, wie stark sich die Versuchspersonen in diesem Setting einzig und allein auf das eigene Unbehaglichkeitsempfinden konzentrieren, während sie darauf warten, dass sich eine andere Person ihnen langsam nähert, scheint nachvollziehbar, dass dies nur schlecht auf den Alltag übertragbar ist. Der Vorteil solcher Forschungsmethoden ist natürlich die sehr gute interne Validität und die Einfachheit der Versuchspersonenrekrutierung, sowie die Operationalisierung der Variablen. Aiello (1987) betont, dass sowohl die projektiven als auch die quasi-projektiven Studien abzulehnen sind. Er schloss sich damit Hayduk (1983) an, der der Ansicht war, dass bei den projektiven und quasi-projektiven Studien irgendetwas gemessen werde - aber sicher nicht das persönliche Raumverhalten. Auch Altman und Vinsel (1977) schreiben, dass sie diese Art der Messung aus messtheoretischen Überlegungen nicht empfehlen können, da eine ausreichende externe Validität nicht gewährleistet ist. Ickinger (2001) betont, dass somit letztendlich nur die interaktiven Labor- und Feldstudien in Frage kommen, wobei er wegen der nicht kontrollierbaren Störvariablen in einem natürlichen Setting der strukturierten Interaktionsmessung im Labor den Vortritt geben würde. Aus diesen Gründen wurde für die vorliegende Untersuchung eine strukturierte Interaktionsmessung als Forschungsmethode verwendet, um das bestmögliche Verhältnis zwischen externer und interner Validität zu erhalten.
Nach ausführlicher Literaturrecherche zeigt sich, dass seit den 1980er Jahren das Forschungsinteresse am Raumverhalten stark nachgelassen hat. Es scheinen sich nur noch wenige Forschergruppen wie die Gruppe um Kaitz, Bar-Haim, Lehrer und Grossmann (2004) mit diesem Thema beschäftigt zu haben. Interessant jedoch ist, dass sich die Wahl der Methodenart seit den 1980er Jahren nicht verändert zu haben
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scheint. In einer der neusten Publikationen von Kaitz et al. (2004) wurde immer noch die „Stop-Technik“ im Rahmen einer quasi-projektiven Studie verwendet, die schon Aiello (1987) aus messtheoretischen Überlegungen scharf zurückwies. Betrachtet man überdies die Art und Weise, wie der genaue Abstand zweier Personen bei der Raumforschung gemessen wird, bemerkt man, dass es eine große Bandbreite an methodischen Herangehensweisen gibt, so dass die Vergleichbarkeit von Ergebnissen kritisch hinterfragt werden sollte. Wie Hayduk (1983) und Aiello (1987) darlegen, wurde der Abstand zweier Personen bis in die 1980er Jahre meist mit groben Methoden gemessen (z.B. Abstand der Stühle zwischen zwei Diskutierenden, durchschnittlicher Abstand der Füße der Probanden, einmalige Messung des Abstandes der Füße der Probanden oder auch Abstand der Stuhlbeine der Probanden etc.). Aber auch in den 1990er Jahren haben sich die Distanzmessmethoden kaum verbessert. Als Beispiel einer solchen Methode kann die Studie von Albas (1991) herangezogen werden, bei der der Abstand zwischen dem Versuchsleiter und der Versuchsperson nur über die Distanz der sich am nächsten stehenden Füße der beiden Personen gemessen wurde. Der Abstand wurde von einem Komplizen des Versuchsleiters ohne Kenntnis der Versuchsperson nach jeder der Versuchsperson gestellten Frage mit Augenmaß gemessen. Der Komplize zählte die Anzahl der Bodenfliesen, die sich zwischen dem Versuchsleiter und -teilnehmer befanden und rechnete nachträglich über die Breite der Bodenfließen den Abstand zwischen den beiden Personen aus. Eine Betrachtung anderer Gliedmaßen erfolgte zu keiner Zeit. Diese kurze Darstellung verdeutlicht sehr gut, dass mit dieser Art der Messung weder einer realistischen Abbildung der dynamischen Entwicklung des Raumverhaltens genüge getan werden kann, noch, dass eine wirklich exakte Messung der Abstände im Zentimeterbereich erreicht werden kann. Überdies werden neben den Fußabständen keine anderen Gliedmaßen in die Messung des Raumverhaltens eingebunden. Dieses Vorgehen wäre nur dann methodisch zu vertreten, wenn man zeigen könnte, dass alle Gliedmaßen sich in Relation zueinander bewegen und man aus der Bewegung des einen Körperteils auf die Bewegung des anderen schließen könnte. Gerade in der persönlichen Zone (0.4 m bis 1.2 m) scheint es sehr wichtig, das Verhalten einzelner Gliedmaßen zu betrachten. Denn was nützt die Betrachtung des Abstandes der Füße, wenn die eine Versuchsperson mit ihren Händen die andere Person ständig berührt, während eine andere Versuchsperson ihre Hände in den Hosentaschen verborgen hält?
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Einen interessanten Ansatz im Bereich der Abstandsmessung haben Remland, Jones und Brinkman (1995) vorgestellt. Sie filmten die Interaktion zweier Versuchspersonen und analysierten später das Bildmaterial. Das Interessante und Neue an diesem Ansatz war, dass sie erstmals nicht nur einen Körperteil als Abstandsmaß heranzogen sondern zwei Körperteile: den Torso und den Kopf. Darüber hinaus wurde das Bildmaterial alle sieben Sekunden neu analysiert. Vorteil dieser Messmethode ist sicherlich, dass erstens mehrere Körperteilen mit eingebunden werden und zweitens ein realistischeres Abbild der dynamischen Entwicklung des Raumverhaltens produziert werden kann. Da aber bisher empirische Befunde darüber fehlen, welche Gliedmaßen beim wahrgenommenen Raumverhalten einer Person eine Rolle spielen, liegt die Wahl der zu untersuchenden Körperteile zumindest tendenziell im Rahmen der Beliebigkeit.
Der Kern aller neueren Abstandserhebungsverfahren wie das von Remland et al. (1995) ist eine valide Bild- und Bewegungsanalyse. Da die Abstände nicht während der Untersuchung erhoben werden können, um die Versuchspersonen in ihrer Kommunikation nicht zu beeinflussen, werden die Abstände meist nachträglich mit einer Bild- und Bewegungsanalyse aus dem Videomaterial extrahiert. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es viele verschiedene Ansätze der Bild- und Bewegungsanalyse, die allesamt computergestützt sind. Zum besseren Verständnis der Materie werden die einzelnen Ansätze nun im folgenden Abschnitt näher vorgestellt.
1.3.1 Verschiedene Methoden der Bild- und Bewegungsanalyse
Bei der visuellen Bewegungsanalyse werden Koordinatenpunkte sich bewegender Objekte auf folgende Art herausgelesen: zuerst wird die Bewegung des Objektes in einer Sequenz von vielen Standbildern erfasst und dann werden die Koordinatenpunkte des Objektes für jedes Standbild einzeln herausgelesen. Die Summe aller Koordinatenpunkte eines Objekts in einer Sequenz von Bildern nennt man die Flugbahn eines Bildes. Die Flugbahn eines Objektes kann man durch eine diskrete Zeitfunktion beschreiben. Um die Flugbahn eines sich bewegenden Objekts in einer Sequenz von Bildern zu extrahieren, gibt es generell zwei Möglichkeiten: die manuelle und die automatische Bewegungsanalyse (Frischholz & Wittenberg, 2000). Beide Verfahren werden im Folgenden kurz vorgestellt.
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1.3.1.1 Manuelle Bewegungsanalyse
Die gängigste Methode für Bewegungsanalysen ist heutzutage immer noch die Extraktion des Objektortes per Hand für jedes einzelne Bild einer Sequenz von Bildern. Alternativ kann man auch dem Objekt auf dem Bildschirm mit der Maus folgen, wobei die Koordinaten der Maus dann automatisch im Computer gespeichert werden. Manuelle Bewegungsanalyse wird immer dort angewandt, wo die automatische Bewegungsanalyse nicht einsetzbar ist. Ein Nachteil dieser Methode ist der immense Zeit-aufwand und eine gewisse Ungenauigkeit, da minimale Handbewegungen und nachlassende Aufmerksamkeit gerade bei schnellen Bewegungen der Objekte zu ungenauen Daten führen können. Im Gegensatz dazu steht die neue Generation der Analysemethoden - die automatische Bewegungsanalyse, die im nächsten Abschnitt beschrieben wird.
1.3.1.2 Automatische markerbasierte Bewegungsanalyse
Neue Entwicklungen in der Bildbearbeitung haben zu Automatisierungsprozessen in der Bewegungsanalyse geführt. Ein großes Problem bei der automatischen Bewegungsanalyse ist jedoch noch wie zuvor die automatische Erkennung des Objektes auf den einzelnen Bildern. Dies geschieht meist dadurch, dass der Computer die Farben oder die Helligkeit der einzelnen Pixel eines Bildes miteinander vergleicht und die Pixel, die wesentlich heller oder andersfarbiger als ihre Umgebung sind, zusammenfasst und sie als Objekt identifiziert. Aus diesem Grunde muss die Beleuchtung und die farbliche Abgrenzung des zu filmenden Objektes zum Hintergrund sehr hoch sein. Um diese Schwierigkeiten zu umgehen werden meist dem zu folgenden Objekt kleine Markierungen wie Leuchtdioden oder weiße Klebepunkte (Marker) angeheftet und die Bewegungen des Objekts werden dann unter experimentellen Bedingungen gefilmt. Da die Marker meist heller sind und auffälligere Muster oder Farben als ihre Umwelt haben, können Computerprogramme diese Marker bei einer Bildanalyse besser vom Hintergrund trennen und ihre Koordinaten aus dem Bildmaterial wesentlich valider als die der eigentlichen Objekte auslesen. Die Koordinaten der Marker und somit auch die Koordinaten der Objekte werden anschließend weiter
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verarbeitet. Die automatische Bewegungsanalyse kann dabei in Online und Offline Tracking unterschieden werden.
1.3.1.2.1 Automatisches Online Tracking
Real-Time-Tracking-Systeme müssen Objekt-Koordinaten innerhalb kürzester Zeit auswerten. Deshalb ist die Komplexität der Auswertungsalgorithmen stark begrenzt und sie können nur einfache Prozeduren - wie einen einfachen Vergleich von Helligkeiten der benachbarten Pixel - ausführen .Die Marker-Erkennung basiert dabei auf einfachen Schwellen-Algorithmen, die genau dann einen Bereich von Pixeln im Bild als Objekt identifizieren, wenn die Helligkeit dieser Pixel um einen gewissen Prozentsatz höher ist als die Helligkeit der sie umgebenden Pixel. Das bedeutet, dass die Marker, die beim automatischen Online Tracking verwendet werden, sehr auffällig und hell sein müssen. Diese Wirkung erzielt man beispielsweise durch sehr große oder sehr helle weiße Klebepunkte. Der Algorithmus registriert dann alle Punkte im Bild als Marker, die einen bestimmten Helligkeitswert überschreiten, weswegen dies auch Schwellen-Algorithmus genannt wird. Wenn Marker dabei elektromagnetische Strahlen wie Licht oder Infrarot aktiv aussenden nennt man sie aktive Marker. Wenn sie nur elektromagnetische Strahlen reflektieren, wie die oben angesprochenen weißen Klebepunkte, jedoch diese nicht aktiv aussenden, nennt man sie passive Marker.
1.3.1.2.2 Automatisches Offline Tracking
In dem Moment, indem die Analyse der Bewegung nicht in Echtzeit erfolgen muss, spricht man von Offline Tracking Systemen. Diese Systeme arbeiten zwar langsamer als die Online Tracking Systeme, aber sie können auch viel komplexere Auswer-tungsalgorithmen benutzen und somit das Datenmaterial viel präziser auswerten. Beim Offline Tracking werden meist weiße oder schwarze Marker an dem zu beobachtenden Objekt befestigt. Um die Betrachtung von mehreren Blickwinkeln zu gewährleisten, können die Marker auch aus Halbkugeln bestehen, die auf dem Objekt angebracht werden. Wichtig jedoch ist, dass die Marker immer von der Kamera gefilmt werden können und sich somit immer in der Sichtlinie der Linse befinden. Nach- dem die Videoaufnahmen digitalisiert sind, bearbeitet eine spezielle Bildbearbei-
Arbeit zitieren:
Dipl. Psych Ansgar Bittermann, 2006, Bewegungsanalyse bei der Partnerwahl, München, GRIN Verlag GmbH
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