I. Suizidalitätsgenese im Längsschnitt
1 Einleitung 3
2 Theorie (Grundlagen) 3
3 Hypothesen: 5
4 Stichprobe 5
5 Operationalisierung 6
6 Ergebnisse 7
7 Resumée 8
8 Diskussion 9
II. Geschlechtsspezifische Ressourcenwahrnehmung bei
jugendlicher Suizidalität
1 Einleitung 11
2 Ressourcenmodell 12
3 Ergebnisse 14
4 Diskussion 16
III. Literaturverzeichnis
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I. Suizidalitätsgenese im Längsschnitt
1 Einleitung
Ralph Günther untersucht in seinem vorgestellten Prozessmodell die Ausprägung adoleszenter Suizidgefährdung im Kontext spezifischer Wertorientierungen. Als Grundlage dienen ihm die Wertetheorie von Schwartz und Ergebnisse verschiedener empirischer Studien mit dem Ziel, spezifische selbstüberwindende und selbststärkende Werthaltungen Jugendlicher im Alter von 14 Jahren über die Mediationskonstrukte Bedrohungen (mikro bzw. makro), Zufriedenheiten (mikro bzw. makro) und allgemeine Lebenszufriedenheit mit der Suizidität Jugendlicher im Alter von 17 Jahren in Verbindung zu bringen.
Der Grund für R. Günther, diesen Artikel zu verfassen, war die hohe Selbstmordrate von Kindern und Jugendlichen, die nun im 20. Jahrhundert immer mehr steigt. Aufgrund vieler wissenschaftlicher Arbeiten aus der Suizidforschung ist festzustellen, dass auto- aggressive Handlungen nicht monokausal erklärbar sind, d.h. ein komplexes Ursachengeflecht führt dazu, dass Jugendliche als einzigen Ausweg nur noch den Selbstmord sehen.
Ziel dieses Beitrages ist es nun nicht, Ursachen für Suizidhandlungen zu suchen, sondern ein empirisch überprüftes Wirkmodell zu entwickeln, das einen indirekten Zusammenhang zwischen spezifischen, im Sozialisationsprozess gesellschaftlich vermittelten Werthaltungen und der Suizidgefährdung Jugendlicher herstellt.
2 Theorie (Grundlagen)
Basierend auf dem Ansatz von Schwartz’ (1992) Wertetheorie und verschiedenen empirischen Studien auf stresstheoretischer Grundlage wird nun ein Kausalmodell entwickelt, das spezifische Werthaltungen über verschiedene Medienkonstrukte mit der Suizidneigung Jugendlicher in Verbindung bringen soll. Aufgrund der Eindimensionalität anderer Ansätze der Werteforschung nahm sich Schwartz vor, ein Modell zu erstellen, das Werthaltungen adäquater und kulturabhängiger erfasst. Für ihn sind Wertorientierungen Konzepte oder Überzeugungen über wünschenswerte Endzustände oder Verhaltensweisen, die handlungsmotivierend und hierarchisiert sind. Schwartz entwickelt in diesem Zusammenhang das Circumplexmodell menschlicher Werthaltungen. Es gibt 10 verschiedene Motivationstypen, die aber in einem
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wechselseitigen Spannungsverhältnis stehen. Die Struktur menschlicher Werte ist in 2 Dimensionen unterteilt: Offenheit gegenüber Neuem (dazugehörige Motivationstypen: Selbstbestimmung, Stimulation, Hedonismus) versus Bewahrung des Bestehenden (Motivationstypen: Tradition, Konformität, Sicherheit). Die zweite Dimension stellt die Selbstüberwindung (Motivationstypen: Humanismus, Universalismus) versus Selbststärkung (Motivationstypen: Leistung, Macht) dar. Ein Beispiel:
So lassen sich die zwei Dimensionen Humanismus und Leistung nicht vereinbaren. Ist z.B. ein Stellenangebot auf zwei Bewerber zu vergeben, kann der eine nicht einfach aus sozialer Gerechtigkeit dem anderen die Stelle überlassen, da er vielleicht eine Familie zu versorgen hat. Diese Circumplexmodell wurde in über 40 Ländern getestet und als Ergebnis festgehalten, dass diesen spezifischen Werthaltungen eine kulturübegreifende, universelle Struktur zu Grunde liegt.
Das Circumplexmodell wird nun erweitert durch empirische Studien auf stresstheoretischer Grundlage. Hierzu wird die Stresstypologie von Boehnke (1991) herangezogen: Er unterscheidet zwischen mikro- und makrosozialen Stressoren. Mikrosoziale Stressoren sind Alltags-, Beziehungsprobleme oder kritische Lebensereignisse, wohingegen makrosoziale Stressoren gesellschaftspolitisch bedingte Ereignisse wie die Gefahr einer drohenden Klimakatastrophe oder Krieg darstellen. Beide Arten von Stressoren führen dabei zu einem Gefühl der Besorgtheit. Nun können Boehnke et al. belegen, dass Werthaltungen wichtige Determinanten für die Perzeption unterschiedlicher Stressoren sind: selbstüberwindende Werthaltungen gehen verstärkt mit der Wahrnehmung von Makrobedrohungen einher, die Wahrnehmung von Mikrobedrohungen wird durch selbststärkende Werthaltungen bestimmt. Diese Bedrohungsperzeption ist nun sehr eng mit der subjektiv empfundenen Zufriedenheit verknüpft. Makro- und mikrosoziale Bedrohungspotenziale, wenn sie individuell als Bedrohung interpretiert werden, manifestieren sich in einer Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation, was im schlimmsten Fall suizidale Neigungen hervorrufen kann.
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3 Hypothesen:
Aus den dargestellten theoretischen Überlegungen und empirischen Befunden ergeben sich nun folgende Hypothesen:
1.) Spezifische (selbstüberwindende bzw. selbststärkende) Werthaltungen stehen, vermittelt über die Konstrukte Bedrohungswahrnehmung (mikro bzw. makro), spezifischer Lebenszufriedenheit (mikro bzw. makro) und allgemeiner Lebenszufriedenheit in Zusammenhang mit dem Suizidalitätsniveau Jugendlicher. 2.) Selbststärkende Werthaltungen fokussieren die Wahrnehmung von Bedrohungen im Mikrobereich. Diese Perzeption von Mikrobedrohungen verringert die Mikrozufriedenheit.
3.) Aus selbstüberwindenden Werthaltungen resultiert eine intensivere Wahrnehmung von Bedrohungen im Makrobereich. Die Perzeption von Makrobedrohungen schlägt sich in geringer Makrozufriedenheit nieder.
4.) Die allgemeine Lebenszufriedenheit (konstituiert durch die makro und mikro Zufriedenheit) beeinflusst die Suizidneigung derart, dass hohe Suizidalität was geringer Zufriedenheit mit dem Leben resultiert und hohe Lebenszufriedenheit mit niedriger Suizidalität einhergeht.
4 Stichprobe
Die empirische Absicherung des Modell erfolgte sekundäranalytisch an den Daten einer Längsschnittstudie mit insgesamt neun Erhebungswellen, die (1986) vom ZIJ Leipzig begonnen und ab 1991 vom DIJ München fortgeführt wurde. 1300 ostdeutsche Schüler und Schülerinnen dritter Klassen wurden mit jährlichen Erhebungen in ihrer Entwicklung über zehn Jahre begleitet. Um die Panelmortalität und auch wendebedingte Ausfälle auszugleichen, wurden die Stichproben in verschiedenen Wellen mit Personen der entsprechenden Altersstufe der Region Leipzig aufgefüllt, somit es dann 2767 Schüler waren, die an der Untersuchung teilnahmen. Für die Auswertung wurden diejenigen Schüler ausgewählt, deren Daten bei der Erhebungswelle 6 (1991), 7 (1992), 8 (1993) und 9 (1995) vorlagen. Diese Teilstichprobe bestand aus 297 Jungen und 383 Mädchen mit einem Altersdurchschnitt von 17,8 Jahren in der letzten Erhebungswelle.
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Arbeit zitieren:
Florian Ellenrieder, 2005, Suizid bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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