Inhaltsverzeichnis
1 Zielsetzung der Arbeit 1
2 Einleitung 2
2.1 Die Person Martin Luther im historischen Kontext 2
2.2 Das mittelalterliche Judenbild 4
3 Luthers Wirkungsphasen und ein sich anderndes Judenbild 6
3.1 Luther in fr uhreformatorischer Zeit 6
3.2 Zeit um 1523 7
3.3 Zeit um 1543 10
3.4 Luther kurz vor seinem Tod 14
3.5 Bewertung 15
4 Verbreitung und Wirkung Luthers Gedankengut nach seinem
Tod 18
4.1 Von der Aufkl arung bis zum 19. Jahrhundert 18
4.2 Rezeption Luthers im Dritten Reich 19
5 Schlussbetrachtung 21
Literatur 23
II
1 Zielsetzung der Arbeit
Martin Luther nimmt in der deutschen Reformationsgeschichte eine zentrale Rolle ein. Die Wirkungen seines Handelns und seiner Gedanken reichen weit ¨ uber
seine Zeit hinaus und sind Gegenstand unz¨ ahliger literarischer Werke. In Verbindung mit seinem Wirken wird besonders außerhalb wissenschaftlicher Diskussionszusammenh¨ ange ein Thema nahezu immer zentralisiert, Luthers Haltung zum Judentum. 1 So wird geschrieben, Luther habe sich ” im Alter als ¨ ubler
Antisemit“ entpuppt 2 oder Luthers Schrift ” Von den Juden und ihren L¨ ugen“ z¨ ah-
le zu den agressivsten Texten, die der Antisemitismus je hervorgebracht hat und Mein Kampf“ [...] dienen k¨ onnen.“ 3 . Einige Auh¨ atte ” als Einleitung zu Hitlers ”
toren gehen soweit, dass sie versuchen, eine kontinuierliche ideologische Linie von Martin Luther zum deutschen Nationalsozialismus aufzuzeigen, ” Luther proposed damned Jews“.“ 4 . in detail how his fellowers should treat the ”
Der Gegenstand der folgenden Arbeit soll die Analyse einschl¨ agiger Schriften Luthers auf sein Verh¨ altnis zum Judentum und das Aufzeigen von Entwicklungen derselben sein. Dabei sollen seine Schriften nicht isoliert betrachtet, sondern, wie bedeutende Theologen mahnen 5 , mit Blick auf ihre Entstehungsgschichte und den historischen Kontext n¨ aher untersucht werden. Es gilt eine Antwort auf die Frage zu finden, ob sich Luther zu einem ” ublen Antisemiten“ entwickelte und ¨
wie verschieden sich wirklich seine unterschiedlichen ¨ Außerungen zum Judentum im Spiegel der damaligen Umst¨ ande darstellen.
In einem weiteren Teil soll die Weiterentwicklung Luthers Gedankengut bis zum Dritten Reich, wo er h¨ aufig zitiert wurde, skizziert werden. Unter Umst¨ anden wird es so m¨ oglich sein, die h¨ aufig gewagte Verbindung von Luther zu Hitler zu bewerten.
1 Vgl. Kaufmann, 2005, S.4.
2 Vgl. Schwarz, 2003, S.76.
3 Vgl. Messadi´ e, 2001, S.216.
4 Wiener, 1985, S.61.
5 Vgl. Lohse, 1982, S.95; Sp¨ ath, 2003, S.9; Kaufmann, 2005, S.5; von der Osten-Sacken, 2002,
S.45f; Wiese, 2003, S.28.
1
2 Einleitung
Dieser einleitende Teil der Arbeit soll Grundlagen f¨ ur die folgende Diskussion um Luthers Judenbild und die Entwicklung desselbigen aufzeigen, indem zun¨ achst die Person Martin Luther in den historischen Kontext eingeordnet und anschließend das vor Luthers Wirken vorherrschende mittelalterliche Judenbild dargestellt wird.
2.1 Die Person Martin Luther im historischen Kontext
Zur Zeit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war das Denken der christlichen Gesellschaft gepr¨ agt von einer allgegenw¨ artigen Jenseitsangst. Die Menschen ve-banden mit dem Gedanken an ihre Sterblichkeit den Tag des J¨ ungsten Gerichts, an welchem ¨ uber die Zukunft ihrer Seele entschieden werden sollte. Instrumente zur S¨ undenvergebung und Heilserlangung wurden von der sp¨ atmittelalterlichen Kirche angeboten und auf einem regelrecht institutionalisierten Markt gegen Geld gahandelt. So wurde die sprirituelle Heilserlangung durch den Ablasshandel materialisiert.
Auch der am 10.11.1483 in diese Zeit geborene Martin Luther sah sich diesem Zwang ausgesetzt. 6 Er selbst begr¨ undete r¨ uckblickend seinen Entschluss, ins Klos-Ich will der hellen entlauffen mit meiner Muncherei und Orden.“ 7 . ter zu gehen, ”
Luthers Bem¨ uhungen, sein Seelenheil zu finden, ¨ ubertrafen die von den Ordenso-
beren an ihn gestellten Erwartungen. Dennoch, geplagt von der stetigen Erkenntnis des eigenen Ungen¨ ugens und dem Fragen nach Gott und der Gnadengewissheit, vertiefte der junge M¨ onch sein Bibelstudium. 8 Im Zuge dieses Studiums der Heiligen Schrift entwickelte er ein neues Verst¨ andnis vom Begriff der Gerechtigkeit Gottes. Bisher war sie als aktive Gerechtigkeit eines strafenden Gottes verstanden worden, durch welche der s¨ undige Mensch am j¨ ungsten Tag der ewigen Verdammder Gerechte lebt aus Glauben“ 9 , nis ¨ uberlassen w¨ urde. Die Aussage des Paulus, ”
6 Vgl. Lottes, 1997, S.13ff.
7 WA 47, 90,35f.
8 Vgl. Kaufmann, 2006, S.34ff.
9 R¨ om 1, 17.
2
verhalf Luther zu der zentralen Erkenntnis seines reformatorischen Strebens. Er verstand die Gerechtigkeit nicht mehr als jene, die den s¨ undigen Menschen am j¨ ungsten Tag durch die ewige Verdammnis der Seele straft, sondern als ein Geschenk Gottes, welches dem gl¨ aubigen Menschen zur Rechtfertigung und damit zu ewigem Leben verhelfe. 10 Gemeint war der Glaube an Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz die S¨ unde von der Menschheit nahm. 11
Diese Erkenntnis stand teilweise im Konflikt zum Dogma der r¨ omischen Kirche, deren Bild durch die Werkheiligkeit und den Gnadenmarkt gepr¨ agt war und predigte, der S¨ under habe nur durch Buße und Ablass eine Chance, seinem Seelenheil ein St¨ uck n¨ aher zu kommen. Dieser Neuansatz religi¨ osen Denkens traf in einer Gesellschaft, welche sowieso schon ein Bed¨ urfnis nach Individualisierung und Patrizipation am Heilsprozess versp¨ urte auf sehr viel Anerkennung. Das sich verbreitende Gedankengut Luthers, ließ die den von der sp¨ atmittelalterlichen Kirchen beanspruchten Mittlerstatus immer unglaubw¨ urdiger erscheinen. Es zeichnete sich eine antiklerikale Grundstr¨ omung in allen Schichten der Gesellschaft ab, welche die Kirche nicht mehr aufzuhalten verstand. 12
Luthers zentrale Erkenntnis stand dar¨ uber hinaus in v¨ olligem Gegensatz zur Lehre des Judentums. Die Juden versuchten n¨ amlich, so Luther, durch die ¨ Außerlichkeiten des Glaubensvollzuges (Beschneidung, Speisevorschriften) ihre Seele von der S¨ unde zu befreien. 13
Wie ein Katalysator f¨ ur die Verbreitung der neuen Lehre wirkte der in jener Zeit aufkommende Buchdruck. So verblieb das reformatorische Gedankengut nicht in der Diskussion der wissenschaftlichen Gelehrten, sondern wurde in das Volk hineingetragen und das neu proklamierte Gottesverh¨ altnis als lebenspraktische M¨ oglichkeit wahrgenommen. 14
10 Vgl. Kaufmann, 2006, S.38ff.
11 Vgl. Lottes, 1997, S.18f.
12 Vgl. Lottes, 1997, S.16ff.
13 Vgl. Sp¨ ath, 2001, S.89.
14 Vgl. Lottes, 1997, S.23.
3
2.2 Das mittelalterliche Judenbild
Aus der sp¨ atmittelalterlichen Denkensweise gingen zahlreiche Stereotypen zur Beschreibung einzelner gesellschaftlicher Gruppen hervor. Das j¨ udische Stereotyp unterschied sich dabei von einigen anderen durch seine stark negative Belastung. Dessen Urspr¨ unge finden sich im hellenistischen Alexandrien, wo die Juden als aussetzige und verbrecherische Fremdlinge verurteilt wurden, deren Ausschluss von der ¨ ubrigen Gesellschaft als Schutz vor ¨ ubertragbaren Krankheiten verstanden wurde. Dieses Judenbild griffen die R¨ omer auf und formten es weiter. Sie deklarierten den j¨ udischen Einfluss als eine Gefahr f¨ ur die r¨ omische Weltordnung.
Weiter ausgebaut wurde das j¨ udische Stereotyp in der altchristlichen Literatur durch die Beigabe christlicher Motive der Judenfeindlichkeit. Eine zentrale Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der propagierten Kollektivschuld der Juden am Leiden und Tod Jesu Christi zu, f¨ ur deren Beweis stets ” Da antwortete uber uns und unsere Kinder!“ 15 andas ganze Volk und sprach: Sein Blut komme ¨
gef¨ uhrt wurde. 16 In den Jahrhunderten nach den Progromen der ersten Kreuzz¨ uge wurde die allgegenw¨ artige Motivation des Antijudaismus noch versch¨ arft. Neben bisher dominierenden religi¨ osen Gr¨ unden kamen weitere hinzu. 17
Die weitere Entwicklung des negativ propagierten Judenbildes war von diversen Beschuldigungen getragen, die von einer durch ¨ okonomische und soziale Missst¨ ande stark verunsicherten mittelalterlichen Gesellschaft ausgingen. Diese suchte in den Juden den Ursprung ihres ¨ Ubels. Die Beschuldigungen erstreckten sich
uber die Bezichtigung des Ritualmordes und des Hostienfrevels bis zu der der ¨
Brunnenvergiftung als Ursache f¨ ur zahlreiche Pestepedemien, die das mittelalterliche Europa beherrschten. Die Kombination mit endzeitlichen Erwartungen und der Angst vor d¨ amonischen M¨ achten bewirkte eine stetige Unterdr¨ uckung und systematische Ausgrenzung der j¨ udischer Bev¨ olkerung. Exemplarsich f¨ ur diese Entwicklung steht das IV. Lateralkonzil von 1215, auf dem eine Kennzeichnungs-
15 Mt27,25.
16 Vgl. Degani, 1985, S.3 ff.
17 Vgl. Degani, 1985, S.9.
4
pflicht f¨ ur Juden beschlossen wurde, um irrt¨ umliche Vermischungen mit Christen zu verhindern. 18
Zudem beg¨ unstigten der sich vollziehende Wechsel der Literatursprache vom Lateinischen zum Alltagsdeutsch und der sich durchsetzende Buchdruck die Verbreitung und f¨ orderte die Festigung des j¨ udischen Stereotyps im gemeinen Volk. 19 Die sensationsgierigen Massen wurden durch stetig neue Nachrichten ¨ uber angebliche
j¨ udische Ritualmorde und Hostiensch¨ andungen, die ¨ uber Zeitungen und Flugbl¨ at-
ter distribuiert wurden, f¨ ur eine antij¨ udische Haltung und eine Streuung weiterer Ger¨ uchte sensibilisiert. Somit trug das zeitgen¨ ossiche Schrifttum maßgeblich zur antij¨ udischen Hetze des Sp¨ atmittelalters bei. 20 Wo das Volk des Lesens nicht m¨ achtig war, propagierte man das j¨ udische Stereotyp in Form der Kunst oder des Schauspiels. 21
18 Vgl. Detmers, 2001, 37ff; Schoeps, 2001, S.49.
19 Vgl. Degani, 1985, S.11.
20 Vgl. Degani, 1985, S.35ff.
21 Vgl. Degani, 1985, S.18ff.
5
Arbeit zitieren:
Dipl.-Kfm. Michael Gräßel, 2006, Kontinuität und Diskontinuität in Martin Luthers Stellung zum Judentum, München, GRIN Verlag GmbH
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