Universität Konstanz
SS 2000
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Bei der Frage nach Modernsierung, neigt man gerne dazu, zu denken, es handle sich um eine historische Aufarbeitung des menschlichen Fortschritts bis zum Hier und Jetzt, denn schließlich betrachten wir uns als eine moderne Gesellschaft im Unterschied zu traditionellen Lebensformen. Doch nicht jener Unterschied zwischen Damals und Heute macht diesen Begriff klar, sondern erst mit der Untersuchung einzelner Aspekte und Perspektiven des Prozesses „Modernisierung” lassen sich die vielfachen Verzweigungen einigermaßen zureichend erfassen.
Vor dem Hintergrund des Buches 0RGHUQLVLHUXQJ ± 3URMHNW XQG 3DUDGR[ von Hans van der Loo und Willem van Reijen soll im Folgenden ein Punkt aus dem allgemeinen Alltagsleben herausgegriffen und erläutert werden: Die Entfaltung und Veränderung des Geschmacks, sowohl im physiologischen, als auch psychologischen Sinne.
Aus dem Titel 'DV 3DUDGLHV GHU *HVFKPDFN XQG GLH 9HUQXQIW wird vor der Lektüre des Buches von Wolfgang Schivelbusch noch nicht klar, um was genau es sich hier handelt. Erst der Untertitel (LQH *HVFKLFKWHGHU*HQXPLWWHO stellt letztendlich klar, daß es sich hier um die Entwicklung von Genußmitteln im weitesten Sinne handeln muß. Doch die Tatsache, daß hier von HLQHU Geschichte die Rede ist, zeigt, daß diese Ausführungen nur eine 0|JOLFKNHLW der historischen Wirklichkeit aufzeigen.
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Schivelbusch stellt das Auftreten der Genußmittel in Europa in einem chronologischen Aufbau dar, unterlegt von Bildern und Zitaten zeitgenössischer Persönlichkeiten, aus dem die wichtigen Eckpunkte in der Entwicklung des Geschmacks auf verschiedene Stoffe vor dem Hintergrund historischer Ereignisse und epochaler Eigenheiten hervorgehen. Dabei betrachtet der Autor nach einer allgemeinen Einführung Gewürze, Kaffee, Schokolade, Tabak, Branntwein und Drogen jeweils separat und im Bezug zur ausschlaggebenden Ethik, Kulturgeschichte und politischen Lage der entprechenden Ära. Darauf aufbauend werden auch mit den Genußmitteln verbundene Rituale und die Evolution der Lokalkultur behandelt.
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Wie der Autor einleitend feststellt, soll es sich hier nicht um eine historische Aufarbeitung des Auftretens der Genußmittel handeln, sondern um eine Beleuchtung der Geschichte aus dem Blickwinkel des modernen Menschen. Die zentralen Fragen des Buches sind, welche Rolle diese Stoffe in der Geschichte des modernen Menschen spielten, warum in Europa zu bestimmten Zeiten die unterschiedlichsten Genußmittel in Erscheinung traten und inwiefern ihre Entdeckung Befriedigung neuartiger Geschmacksrichtungen oder schlichter Zufall waren. Im Brennpunkt der Untersuchung ist dieses Phänomen des unvermittelten Auftretens und ebenso schlagartigen Verschwindens diverser Bedürfnisse.
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Auch wird versucht, Gründe für die scharfe Abgrenzung sozialer Schichten voneinander durch
Genußmittel und die plötzliche Einstufung von Opium oder Haschisch als „Rauschgifte” zu finden.
Schivelbusch weist darauf hin, daß das deutsche Wort „Genußmittel” sinngemäß die Bedeutung ihrer
historischen Realität nicht erfasst und auch nicht ganz dem entspricht, was zum Beispiel das englische oder
französische VWLPXODQWV aussagt. Die Bezeichnung impliziere die Idee des „reinen paradiesischen
Genusses”, jedoch ihre „zunächst paradox klingende, historische Leistung ist diese Arbeit-im-Genuß. Die
Vorgänge, die die Genußmittel im menschlichen Organismus bewirken, vollenden sozusagen chemisch,
was geistig, kulturell und politisch schon vorher angelegt war.” 1
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Salz und Pfeffer bilden in unserem Speiseplan zwar eine Einheit, doch verkörpern sie grundsätzlich
verschiedene Epochen und haben eine vollständig unterschiedliche Bedeutung für die Kultureschichte.
Das Salz, das bekanntlich auch in Europa gewonnen wird, wurde in grauer Vorzeit schon als Sakralstoff,
Konservierungs-, Heil- und Würzmittel verwendet und wird heutzutage eher als das profanste aller
Gewürze gehandelt. Die Geschichte des Pfeffers hingegen erhält wie auch andere aus fernöstlichen
Ländern importierte Gewürze – Zimt, Satran, Gewürznelke oder Ingwer, um nur einige zu nennen – im
christlichen Mittelalter eine eigene, wichtige Bedeutsamkeit. Nicht nur der kulinarische Aspekt macht
diesen Wert aus, sondern auch die zeremonielle und symbolische Rolle.
„ Die symbolische Bedeutung und der physiologische Geschmack gehen in den mittelalterlichen Gewürzen
eine innige Verbindung ein. Soziale Beziehungen, Machtverhältnisse, Reichtum, Prestige und allerlei
Phantasien werden ‘geschmeckt’. Das Schmecken wird sozialer und kultureller Geschmack.” 2
Dabei ist der „ Geschmack” auch im weiteren Sinne zu sehen, so entwickelt das Europa im 11. Jahrhundert
ein neues Gefallen an den schönen Dingen des Lebens, die Umgangsformen differenzieren nun die
Klassen. Die Schlagworte des Hochmittelalters sind „ Verfeinerung” und „ Kultivierung” , die durch die
Kreuzzüge, die Kontaktknüpfung zum Orient und die Übernahme entscheidender Kulturgüter (Teppich,
Seide, Baldachin), aber auch des Zahlensystems und Kenntnissen in Astronomie und Nautik, eingeleitet
wurden.
Der mittelalterliche Fernhandel lebt wirtschaftlich von den Gewürzen, wobei der Pfeffer die zentrale Rolle
spielt, doch die ökonomische, kulturelle und geschichtliche Wichtigkeit kann nur im Zusammenhang mit
den anderen Luxusgütern verstanden werden.
Venedig wird zum Hauptumschlagplatz des äußerst profitablen Unternehmens des Gewürzhandels, diese
Stadt soll aber auch seinen Niedergang bezeichnen: Das reich gewordene Bürgertum eifert dem
Luxusstandart des Adels nach, die Nachfrage kann nicht mehr bewältigt werden, Zölle treiben die Preise
ins Unbezahlbare. Aus diesen Faktoren entsteht im 15. Jahrhundert die Idee der Suche nach dem Seeweg
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nach Indien zur Umgehung der Zollschranken und Columbus entdeckt durch Zufall die „ Neue Welt” Amerika. Damit wird der Kreis zwischen Entdeckungsreisen, dem Beginn der Neuzeit und dem europäischen Gewürzappetit geschlossen.
Die Gewürze vermitteln zwischen Mittelalter und Neuzeit, beeinflussen beide entscheidend, sind aber keiner Epoche direkt zugehörig. Kulturelle Bedeutsamkeit haben sie im Mittelalter durch die religiöse Symbolik des Christentums und dessen die Sehnsucht nach dem Paradies. Durch die geographischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Fortschritte, die im Zusammenhang mit ihrem Handel aber gemacht wurden, ziehen sie die alte Welt mit sich in die Neue hinüber, wo sich auch sehr rasch ihr Reiz durch Übersättigung und das Aufkommen neuer Genußstoffe wie Kaffee, Tee und Schokolade verliert.
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Im 17. Jahrhundert kommt „ der Wein des Islams” , der Kaffee, gemeinsam mit anderen exotischen Stoffen wie Schokolade, Tee und Tabak in Europa in Mode. Die Kaffeekultur unterscheidet sich in den sozialen Schichten; während die Aristokratie vielmehr Wert auf das Wie des Trinkens, die Grazie und Eleganz legt, betrachtet das Bürgertum das Produkt als Allheilmittel. Dabei wird ihm wohl als wichtigste physiologische
Eigenschaft die Ernüchterung zugeschrieben, wie im 5FNEOLFN'LH%HGHXWXQJGHV$ONRKROVELV]XP -DKUKXQGHUWbeschrieben. Die Tatsache, daß bis dato das Bier mehr Nahrungs- als Genußmittel war und extreme Trinksitten den gesellschaftlichen Umgang beherrschten, erklärt die plötzliche Popularität des Kaffees. Das Motto der Reformation lautet Mäßigung, doch Trinkverbote können sich nicht durchsetzen und Luther selbst ist es schließlich, der des Wort „ Wein, Weib und Gesang” prägt. Erst zirka hundert Jahre später tritt'HUJURH(UQFKWHUHUin Erscheinung und eine Propagandawelle für dieses den Menschen „ zu bürgerlicher Vernunft und Geschäftigkeit“ 3 erweckende Mittel bricht aus.
Auch die Vorstellung vom anti-erotischen, die sexuellen Impulse unterdrückenden Getränk zeigt, welche puritanische Ideologie hinter diesen Ideen steht. Zu erwähnen ist allerdings, daß es natürlich nicht ausschließlich die ideoligischen Kräfte waren, die dem Kaffee seinen Triumphzug erlaubten, denn gerade im Zeitalter des Rationalismus kam dem Volk die erwiesene, das zentrale Nervensystem anregende Wirkung des Koffeins zugute.
„ Der Kaffee (...) vollzieht chemisch-pharmakologisch, was Rationalismus und protestantische Ethik
ideologisch-geistig bewirken. (...) Das Resultat ist ein Körper, der den neuen Anforderungen gemäß
funktioniert, ein rationalistischer und ein bürgerlich-fortschrittlicher Körper.” 4
'LH $UJXPHQWH IU XQG JHJHQ GHQ .DIIHH variieren im 17. und 18. Jahrhundert je nach genereller Einstellung zum Fortschritt. Der Naturforscher Carl von Linné spricht von „ künstlichem Wachhalten” und kritisiert die Manipulation des Körpers zur Steigerung der Arbeitskraft Die damals populäre Humoralmedizin basiert auf einem Viererschema, das vier Körpersäfte und diesen zugeordnete Temperamente kennt, welche wiederum die Eigenschaften kalt/warm bzw. trocken/feucht haben. Dieses Schema ist übertragbar auf sämtliche natürliche Gegebenheiten, wie etwa Jahreszeiten,
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Iris Baumgärtel, 2000, Modernisierung und eine Geschichte der Genussmittel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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