Inhaltsverzeichnis
1. Einführung und Themenstellung 3
2. Romantikkritik Heines am Beispiel der Loreley 5
2.1. Die Infragestellung der Dichterrolle 5
2.2. Die Darstellung der Natur 7
2.3. Die Figur der Loreley 8
2.4. Der Schiffer 9
4. Anmerkung 13
5. Literaturverzeichnis 14
2 NA
1. Einführung und Themenstellung
Heinrich Heine verfasste seine „Loreley“ 1823. 23 Jahre nachdem Clemens Brentano aus einem leblosen Felsen im Rhein die anmutig singende Schöne erschaffen hatte, gesellte sich Heine zu einer Reihe romantischer Dichter, die Brentanos Motiv immer wieder aufgriffen. Obwohl Heine nicht der Vater der Loreley ist, gelangte seine Umsetzung dieses Sujets zu ungeahnter Bekanntheit. Mit Silchers Vertonung von 1837 fand die Loreley ihren Platz im deutschen Liedgut und drang als Symbol für Heimat und Vaterland so tief ins nationale Bewusstsein der Deutschen ein, dass man seinen jüdischen Autor zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr aus den Köpfen des Volkes streichen konnte. Laut Kolbe gab es „[k]einen Männergesangsverein, keine Jungfer am Klavier, die an diesem ‚Felsenriffe’ vermeintlicher, ungewollter Nationalsentimentalität vorbeigekommen wäre“. 1 Vollkommen lächerlich muss die von den Nationalsozialisten erdachte Lösung, der Vermerk „Verfasser unbekannt“ 2 , im
Zusammenhang mit Heines berühmtestem Gedicht gewirkt haben.
Als Reaktion auf die beschriebene Beliebtheit des Gedichtes fand Heines frühe Lyrik, insbesondere die „Loreley“, während der Heine-Renaissance in den späten Sechziger Jahren gar keine oder nur eine sehr abwertende Beachtung, es sei denn, der Interpret vermutete darin eine politische Aussage. 3
Die politische, antisemitische, jüdische oder biographische Rezeption der „Loreley“ soll nicht Inhalt dieser Arbeit sein, wenn gleich all diese Aspekte ihre Berechtigung finden. Zur Blütezeit der Romantik entstanden, galt die „Loreley“ Heines, der sich selbst als ‚entlaufener Romantiker’ bezeichnete, lange Zeit als Inbegriff der romantischen Dichtkunst schlechthin, sogar als Allegorie der Romantik. 4 Man glaubte das Buch der
Lieder, in welchem das Gedicht im Zyklus Heimkehr zu finden ist, frei von jeglicher Romantikkritik, die später so typisch für Heine werden sollte.
1
Kolbe, Jürgen: Das hat mit ihrem Singen die Loreley getan: Ein sagenhafter Einfall und einige Folgen. S.204.
2 Kolb, Jocelyne: Die Lorelei oder die Legende um Heine. S. 53 3 Kolb: S. 53 f.
4 Lentwojt, Peter: Die Loreley in ihrer Landschaft. S.203.
Ziel dieser Arbeit ist es, insbesondere die romantikkritisierenden Anzeichen herauszuarbeiten und anhand dieser eine tendenzielle Einordnung in Heines ambivalentes Verhältnis zur Romantik vorzunehmen und der uneingeschränkten romantisch sentimentalen Lesart des Gedichtes, aber auch des Buches der Lieder, zu widersprechen. Die motivische Verbundenheit des Gedichtes zur Romantik, die durch die unglückliche Liebe und die macht der Musik 5 erreicht wird, ist dabei ebenso zu
beachten wie die Stilistik.
Die Schwierigkeit der Heine-Interpretation sehe ich in der starken Polarisierung der Erwartungshaltung des Lesers. Wer einmal von seinem Witz aufs Glatteis geführt wurde, vermutet hinter jedem Wort Ironie und in jeder letzten Strophe einen Stimmungsbruch. Eine Stimmung kann man jedoch nur brechen, wenn sie vorhanden ist. Kolb sagt dazu: „ […] wenn jede Erwartung, auch die einer Brechung, eines Witzes oder einer Ironie, in Erfüllung ginge, dann müsste man sich fragen, worin eigentlich die Kunst liegt und mit Adorno die ‚fertige, präparierte Sprache’ kritisieren und die ‚dichterische Technik der Reproduktion’ rügen.“ 6 Heines Gedichte lassen sich nicht
pauschalisieren. Jedes Gedicht erfordert ein erneutes ‚Sich-darauf-einlassen’, eine unvoreingenommene Lesehaltung.
2. Romantikkritik Heines am Beispiel der „Loreley“
2.1. Die Infragestellung der Dichterrolle
Heine schildert in drei Strophen die eigentliche Geschichte der Loreley. Eine weitere Strophe ist für ihn von Nöten um seine Hauptfigur in die passende mystisch, fast traurig wirkende Landschaft zu versetzen. Eingebettet ist dies alles in eine Rahmenkonstruktion, mit der der Autor das Geschehen als Gegenstand einer fernen Erinnerung charakterisiert.
Heine leitet die erste Strophe mit den Worten „Ich weiß nicht […]“ 7 und die letzte Strophe mit „Ich glaube […]“ 8 ein. Er inszeniert somit eine Unsicherheit, die er
besonders in der ersten Strophe weiter ausbaut. Zu diesem Zweck spricht er in zwei Versen von „ein[em] Märchen aus alten Zeiten“ 9 , das ihm „nicht aus dem Sinn“ kommt.
Er weist den Leser darauf hin, dass die folgende Handlung eine Geschichte ist, die er möglicherweise vor langer Zeit einmal gehört hat und die er aus der Erinnerung nacherzählt. Mit dem Wort „Märchen“ 10 deklariert er das Folgende als Fiktion.
Lentwojt bemerkt dazu: „Das Wort vom Märchen aus alten Zeiten, mit dem Heinrich Heine seine populäre Loreley-Bearbeitung eingeleitet hatte, wurde ohne weiteres Nachdenken über die von Heine damit verbundene Bedeutung für bare Münze genommen: Loreley wurde mit den Gestalten der Grimmschen Märchen in eine Reihe gestellt […]. So bekam Loreley in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich einen Platz zwischen Märchenwelt und Nationalmythos.“ 11 Zur angesprochenen
Bedeutung des Wortes Märchen äußert er sich an dieser Stelle jedoch nicht.
Möglicherweise kann man Heines Worte der ersten Strophe als Bezug auf die ihm vorangegangenen Dichter, die sich schon vor ihm der Loreley gewidmet haben, verstehen. Bezieht man sie speziell auf Brentano, wäre sowohl eine positiv als auch eine
7
Heine, Heinrich: Heimkehr II. In. Buch der Lieder: V 1. Alle folgenden Versangaben beziehen sich auf dieses Gedicht.
8 V 21 9 V 3 10 V 4 11 Lentwojt: S. 203
Arbeit zitieren:
Mandy Schleer, 2004, Romantikkritik in der frühen Lyrik Heinrich Heines am Beispiel des Gedichtes „Loreley“, München, GRIN Verlag GmbH
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