Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1 THEORETISCHES VORWISSEN 7
1.1 Tradition und Tradierung 7
1.2 Tradition in Russland 9
1.3 Tradition und Migration und Kultur und Migration 10
1.4 Tradierung, Familie und Erziehung in der neuesten deutschen erziehungswissenschaftlichen Forschung 12
2 FAMILIEN IN RUSSLAND 15
2.1 Zum Stand und zur Bedeutung der Familie im heutigen Russland 15
2.1.1 Familie in der Sowjetunion 15
2.1.2 Familie im neuen Russland 17
2.2 Familie als Forschungsgegenstand in Russland 20
3 METHODISCHE VORGEHENSWEISE UND AUSWAHL DER FAMILIEN 21
3.1 Forschungsgegenstand 21
3.1.1 Migration aus Russland 21
3.1.2 Feldbestimmung 23
3.1.3 Die untersuchten Familien im Einzelnen 26
3.1.3.1 Die Familie aus St. Petersburg 26
Familie Butow 26
3.1.3.2 Die St. Petersburger Familien in Deutschland 26
Familie Schilow 26
Familie Nikolin 27
3.2 Forschungsmethoden 29
3.2.1 Zum Auswertungsverfahren 30
3.2.1.1 Formulierende Interpretation 31
3.2.1.2 Reflektierende Interpretation 32
3.2.1.3 Fallbeschreibung 33
3.2.1.4 Typenbildung 33
3.2.2 Die dokumentarische Methode der Bildinterpretation 34
3.2.2.1 Die Arbeitsschritte der dokumentarischen Methode der Bildinterpretation 36
3.2.3. Die Erhebungsverfahren 38
3.2.3.1 Das Leitfadeninterview 38
3.2.3.2 Der Leitfaden für die Befragung der Eltern 39
3.2.3.3 Tischgespräche 39
3.2.3.4 Fotoanalyse 40
3.3 Erhebungsablauf 41
2
4 EMPIRISCHE ERGEBNISSE 42
4.1 Familie Butow 42
4.1.1 Leistungsorientierung 42
4.1.2 Geschlechterverhältnisse 44
4.1.3. Erziehungsstil 47
4.1.4 Eltern-Kind-Verhältnis 50
4.1.5 Die zu vermittelnden Werte 52
4.1.6 Elemente der geschlechtspezifischen Erziehung 53 4.2 Familie Schilow 53
4.2.1. Leistungsorientierung 53
4.2.2 Geschlechterverhältnisse 55
4.2.3 Erziehungsstil 58
4.2.4 Eltern-Kind-Verhältnis 59
4.2.5 Religiosität 61
4.2.6 Die zu vermittelnden Werte 64
4.2.7 Geschlechtsspezifische Erziehung 65 4.3 Familie Nikolin 65
4.3.1 Leistungsorientierung 65
4.3.2 Geschlechterverhältnisse 68
4.3.3 Erziehungsstil 71
4.3.4 Eltern-Kind-Verhältnis 72
4.3.5 Die zu vermittelnden Werte 73
4.3.6 Geschlechtsspezifische Erziehung 74
5 ZUSAMMENFASSUNG 75
LITERATURVERZEICHNIS 82
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Einleitung
Die Erforschung familialer Erziehung, die auf der Übermittlung und Weitergabe von Werten, Wissen, Einstellungen und Verhaltensmustern der Eltern an ihre Kinder beruht, ist keineswegs ein neues Thema in der deutschen Erziehungswissenschaft. Schon Klassiker wie Schleiermacher und Kant haben sich aktiv mit der Thematik der intergenerativen Erziehung befasst (vgl. Ecarius 1998:42-43; Kraul 2003a:284-288). Dabei scheint das Interesse der Forschung, insbesondere die Frage: Was wird heute in Familien von den älteren Generationen an die jüngeren weitergegeben? zur Zeit größer denn je zu sein. Angeregt von den wissenschaftlichen Debatten über den Verfall der traditionellen Werte, über den Niedergang der familialen Traditionen sowie über die Auflösung der Familie selbst, geraten die Prozesse der intergenerativen Tradierung in den letzten zehn Jahren zunehmend in das Blickfeld des wissenschaftlichen Interesses der deutschen erziehungswissenschaftlichen Forschung. So liegen gegenwärtig einige neue empirische Ergebnisse zur familialen Tradierung in der Erziehung vor (Ecarius 2002; Bohnsack/Gebhard/Kraul/Wulf 2002; Brake/Büchner 2003), die zeigen, dass trotz vieler Prophezeiungen nicht von einem generellen Werte- und Traditionsverlust in der familialen Erziehung oder von einer Abkehr von der Familie in Deutschland ausgegangen kann. Die oben zitierten Veröffentlichung weisen nämlich u. a. darauf hin, dass die alten Werte wie Ehrlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Anständigkeit, Pflichterfüllung immer noch eine hohe Konjunktur in der Familienerziehung haben. Ebenso findet die Familienerziehung immer noch in einem Mehrgenerationengefüge statt, so dass weiterhin nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern zur Weitergabe von sozialem und kulturellem Kapital beitragen.
In Migrantenfamilien jedoch ist die Übermittlung und Weitergabe von Werten, Normen und Einstellungen, d.h. Tradierungsprozesse in der Erziehung, bislang auf viel weniger Interesse seitens der deutschen erziehungswissenschaftlichen Forschung gestoßen 1 . Man weiß immer noch wenig darüber, wie die Prozesse der Tradierung und Erziehung während des Migrationprozesses verlaufen und wie sie von den Familien selbst gestaltet und erlebt werden. Ausgehend von der in der Migrationsforschung gängigen Annahme, dass die Migranten, wenn sie auf die deutsche Gesellschaft treffen, phasenhaften Wandlungsprozessen ausgesetzt sind (vgl. Herwartz-Emden 2003:20), ist anzunehmen, dass solche migrationspezifischen
1 Es liegt in Deutschland so gut wie keine Forschung vor, die Migrantenfamilien in Zusammenhang mit
generationenübergreifenden Prozessen der Tradierung und Erziehung zum Thema haben. So stellt eine der
wenigen Studie von Nauk (1997) die Transmissionsprozesse in Deutschland wohnenden türkischen Familien
dar. Und die Untersuchung von Lingau (2000) geht den tradierten Erziehungseinstellungen der Aussiedlerinnen
aus Russland nach.
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Prozesse natürlich die familialen Erziehungs- und Tradierungspraktiken verändern. Ein Ziel dieser Arbeit ist die Rekonstruktion dieser Veränderungen.
Meine Aufmerksamkeit richtet sich in diesem Zusammenhang auf die Tradierungsprozesse in der Erziehung von Familien russischer Herkunft aus St. Petersburg, die eine bisher sehr selten untersuchte Migrantengruppe darstellen 2 . Die zentrale Frage meiner Arbeit ist folgende: Welche Konsequenzen hat die Migration nach Deutschland für die Inhalte und Modi der familialen Tradierung in der Erziehung in den St. Petersburger Familien? Bleiben die nach Deutschland migrierten Familien mit ihren aus Russland mitgebrachten Erziehungs- und Wertevorstellungen sowie Traditionen fest verwurzelt oder entstehen in der Migration neue Vorstellungen und Orientierungen, und wenn ja, dann welche? Welche Inhalte der Tradierung geben die St. Petersburger Familien in der Migration auf und wie begründen sie das? Von Interesse ist auch die Frage: Welche Tradierungsinhalte nehmen für die Familien in der Situation der Migration eine zentrale Bedeutung ein? Diese Fragen zu beantworten ist nur durch einen empirischen Vergleich der nach Deutschland migrierten St. Petersburger Familien mit solchen, die immer noch in St. Petersburg wohnen, möglich. In der vorliegenden Arbeit werden demnach die Tradierungsprozesse in der Erziehung in den jungen Familien aus Sankt Petersburg und den Sankt Petersburger Familien in Deutschland empirisch untersucht. Dabei wird zum Ziel gesetzt, den Inhalten der Tradierung, also dem, was in diesen Familien von den älteren Generationen an die jüngeren weitergegeben und überliefert wird, mit Hilfe von verschiedenen Erhebungsverfahren auf die Spur zu kommen. Zweitens wird hier von Anfang an ein empirischer Vergleich der Tradierungsinhalte in den beiden Familientypen, also in den Familien mit den Migrationserfahrungen 3 und in den Familien ohne diese Erfahrungen, eine komparative Analyse vorgenommen. Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses steht dabei die Frage: In wieweit lassen sich Inhalte der Tradierung in Familien aus St. Petersburg von Tradierungsinhalten in den St. Petersburger Familien, die nach Deutschland migriert sind, unterscheiden? Dann wäre es interessant zu klären, welchen Einfluss die gesellschaftlichen Transformationsprozesse der 90er Jahre in Russland auf die innerfamilialen Erziehungs- und
2 Auch eine von außen als homogen wahrgenommene Migrantengruppe ist keineswegs homogen, z. B handelt es
sich bei den Migranten aus Russland in erster Linie um Aussiedler und um Kontingentflüchtlinge, aber auch um
diejenigen, die aus beruflichen Gründen, zu Studienzwecken oder im Zuge der Heirat mit einem Deutschen/einer
Deutschen nach Deutschland gekommen sind.
3 Unter der Migrationserfahrung wird hier diejenige Erfahrungsdimension verstanden, „die auf dem Wege der
Migration Hinzugetretenen spezifisch ist“ (Nohl 2001:31).
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Tradierungsprozesse hatten. Lassen sich vielleicht schon neue Inhalte des Tradierten, die auf die Bedingungen der Wende zurückzuführen sind, bei den in St. Petersburg wohnenden Familien feststellen?
Methodisch basiert diese Arbeit auf drei Erhebungsverfahren: dem Tischgespräch, dem Leitfadeninterview und der Fotoanalyse. Die mit Hilfe dieser drei Methoden erhobenen empirischen Daten werden mit der dokumentarischen Methode der Interpretation von Ralf Bohnsack ausgewertet.
Untersuchungsgegenstand der Arbeit sind drei Familien. Es handelt sich erstens um eine junge Familie mit zwei Kindern aus St. Petersburg und zweitens um zwei St. Petersburger Familien, die vor einiger Zeit nach Deutschland migriert sind. Da aber familiale Tradierungsprozesse in der Erziehung nicht nur durch Migration beeinflusst werden können, sondern vom Herkunftskontext der Erforschten abhängen, wurden Familien aus gleichen soziokulturellen Milieus als Vergleichsfälle in die Untersuchung mit einbezogen. Insgesamt beziehen sich meine Ausführungen auf Familien aus dem akademischen Milieu einer russischen Großstadt.
Meine Arbeit habe ich folgendermaßen aufgebaut: Im ersten Kapitel wird eine Klärung der das Forschungsfeld und die Fragestellung beeinflussenden Begriffe vorgenommen sowie der Forschungsstand zur Thematik Tradierung, Erziehung und Familie skizziert. Das zweite Kapitel stellt sowohl die sowjetische als auch die Familie im heutigen Russland vor. Das dritte Kapitel beinhaltet die Darstellung der methodischen Vorgehensweisen der Arbeit. Ich beschreibe zunächst den Forschungsgegenstand der Untersuchung. Danach stelle ich die Auswertungsmethode der dokumentarischen Interpretation dar, gefolgt von den verwendeten Erhebungsverfahren, und schließlich beschreibe ich den Untersuchungsablauf der Arbeit. Im vierten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Studie in drei Unterkapitel präsentiert, dabei werden die drei Familien jeweils für sich dargestellt. Das letzte Kapitel dient der Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse. Als Anhang sind dieser Arbeit beigefügt:
- Interviewleitfaden,
- Transkripte der drei Tischgespräche,
- exemplarische Analyse eines Tischgesprächs,
- Fotografien, die im Rahmen dieser Arbeit Gegenstand einer Analyse sind,
- exemplarische Analyse einer Fotografie.
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1 Theoretisches Vorwissen
Um die in der Einleitung vorgestellte Fragestellung zu bearbeiten, werden zunächst einige theoretische Grundannahen und Kategorien geklärt. Ich beginne mit den Begriffen Tradition und Tradierung.
1.1 Tradition und Tradierung
Tradition ist ein sich aus dem lateinischen Substantiv „traditio“ herleitender Begriff, der ganz allgemein Übergabe bedeutet (vgl. Duden 1989:1546). Bei den alten Römern wurde aber der Begriff traditio meist im juristischen Sinne gebraucht und bezeichnete die Übergabe eines Gegenstands im Rahmen einer Erbschaft. Heutzutage ist der Gebrauch des Begriffs Tradition (sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft) nicht mehr so einheitlich. Schon in der alltagsprachlichen Verwendung wird Tradition unterschiedlich verstanden: einerseits als Handlungsweisen, die einfach üblich sind, so etwa das Eröffnen des Hochzeitsballs durch Braut und Bräutigam; andererseits als ein regionales Brauchtum, wie z.B. das Münchner Oktoberfest oder das Göttinger Gänselieseküssen, oder aber Tradition als eingelebte Gewohnheit wie z.B. der gleiche Sonntagspaziergang. Im Folgenden werde ich einige Überlegungen zum Traditionsbegriff anfügen, wie sie in der sozialwissenschaftlichen Literatur erwogen werden.
Max Weber hat sich Anfang des vorigen Jahrhunderts explizit dem Phänomen Tradition zugewandt. Er zählt die Orientierung an Tradition, d.h. das traditionale Handeln und das wertrationale Handeln (im Sinne einer bewusst erhaltenen Tradition), zu zwei der wichtigsten Grundtypen des sozialen Handelns (vgl. Weber 1976:12-15). Nach ihm ist ein wertrationales Handeln ein Handeln, das „durch bewussten Glauben an den - ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden - unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg“ (1976:12) bestimmt ist. Traditionales Handeln ist, wie Weber es formuliert, ein Handeln, das „durch eingelebte Gewohnheiten“ (1976:12) markiert ist. Nach Weber hat Tradition demnach zwei Ebenen: einerseits Tradition als eingelebte Einstellungen und Gewohnheiten und andererseits Tradition als bewusst aufrecht erhaltenes Handeln. Das traditionale Verhalten steht bei ihm an der Grenze zum wertrationalen. Obwohl in der Alltagspraxis das streng traditionale Verhalten über das wertrationale Verhalten dominiert, kann es leicht in das sinnhaftorientierte übergehen, weil „die Bindung an das Gewohnte in verschiedenem Grade und Sinne bewusst aufrecht erhalten werden kann“ (1976:12). Somit ist in Anlehnung an Weber die soziale Wirklichkeit „durch eine wechselseitige Durchdringung bewusster, halbbewusster und
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vorbewusster Ein- und Vorstellungen“ (Kraul 2003b:10) geprägt. Anknüpfend an die Feststellungen Webers setzten sich Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts mit den sozialen Bedingungen, die Handlungsroutinen und eingelebte Gewohnheiten bewirken, auseinander und stellten fest, dass sowohl Mentalität als auch Habitus 4 zu diesen Bedingungen gehören (vgl. Kraul 2003b:10). Dabei betonen sie, dass sie Mentalität und Habitus „als objektive Determinanten des Handelns und nicht über die Erfahrungen der Handelnden vermittelt betrachten“ (2003b:10).
Josef Pieper (1963) versteht Tradition als einen Vorgang, als einen geschichtlichen Prozess, der sich „zwischen zwei Partnern, einem ältern und einem jüngeren, zwischen Vater und Sohn, zwischen den Generationen abspielt“ (Pieper 1963:22). Dabei handelt es sich nicht um einen Dialog, nicht um Austausch, sondern „um eine sozusagen ‚einseitige’ Mitteilung“ (1963:22). Nach Pieper heißt Tradition nicht einfach etwas „aushändigen“, sondern: “etwas zuvor Eingehändigtes wiederum aushändigen“ (1963:23). Damit kann „der Letzte in der Reihe“ (1963:23) etwas ihm Dargebotenes nur dann annehmen und wiederum weitergeben, wenn er das Dargebotene tatsächlich in selbsterlebter Praxis erworben, d.h. zu Eigenem gemacht hat.
Für Antony Giddens (1993, 1995) ist Tradition „eine Routine voll innerer Sinnhaftigkeit und nicht bloß leere Gewohnheit um der Gewohnheit willen“ (Giddens 1995) 5 , „aufs Engste mit dem Gedächtnis, insbesondere mit dem ‚kollektiven Gedächtnis’, wie es der französische Soziologe Maurice Halbwachs beschrieben hat, verbunden [...] ist, und verfügt im Gegensatz zum Brauchtum über bindende moralische und emotionale Kraft“ (Giddens 1993:450). Nach Halbwachs, so Giddens, dient das „kollektive Gedächtnis“ zur Rekonstruktion der Vergangenheit auf Basis der Gegenwart. Traditionelles zu bewahren heißt nach Halbwachs also, Vergangenheit unter dem gewichtigen Einfluss der Gegenwart zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist grundsätzlich kollektiver Natur und ist an die soziale Praxis fest gebunden (vgl. Giddens 1993:450-451), d.h. das kollektive Gedächtnis ist immer konkret an Gruppen, in denen wir leben, also an ein konkretes soziales Milieu gebunden. Milieuspezifische, bzw. gruppenspezifische Erfahrungsräume liefern uns nach Halbwachs Anhaltspunkte und Anlässe für unsere Erinnerungen und hinterlassen Spuren in unserem Bewusstsein (vgl. Halbwachs 1991:2). Der größte Rahmen in Zusammenhang mit dem
4 Der Begriff Habitus wurde von Pierre Bourdieu (1991) eingeführt und kennzeichnet spezifische
Verhaltensdispositionen einer Person, die Rückschlüsse auf die Klassenzugehörigkeit und damit auf bestimmte
Einstellungen und Prägungen dieser Person zulassen.
5 zitiert nach Kraul (2003b:11)
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kollektiven Gedächtnis ist nach Halbwachs das nationale Milieu (vgl. Halbwachs 1991:41). Giddens zeigt außerdem, dass Tradition immer zwischen dem Eigenen und dem Anderen, Außenstehenden unterscheidet (vgl. Giddens 1993:464), denn nur da, wo man einander unmittelbar versteht, kann ein kollektives Gedächtnis gebildet werden. Dennoch hat Karl Mannheim darauf hingewiesen, dass nur innerhalb konjunktiver Erfahrungsräume, d.h. innerhalb der Gemeinsamkeiten des biographischen Erlebens, Gemeinsamkeiten der Sozialgeschichte, des Schicksals ein „unmittelbares Verstehen“ (Mannheim 1980 6 ) möglich ist, dort aber, wo das nicht der Fall ist, ist Verständigung auf wechselseitiges „Interpretieren“ angewiesen (vgl. Bohnsack 1998b:120). Tradierung als Prozess, der die Weitergabe der Sinngehalte der Traditionen selbst bezeichnet, ist somit im Sinne von Mannheim, Giddens und Halbwachs auf kollektives Gedächtnis, auf Verständigung gestützt und an konjunktive Erfahrungsräume gebunden 7 .
1.2 Tradition in Russland
Während der Begriff Tradition in der westeuropäischen Kultur einen per se zentralen Begriff darstellt, so hatte dieser in der Kultur des sowjetischen Russland einen marginalen Wert. In den sowjetischen Geistes- und Sozialwissenschaften wurden keinerlei Versuche unternommen, theoretische Erkenntnisse zu Traditionen eines sozialistischen Arbeiter- und Kolchosbauerstaates zu gewinnen. Die Überwindung des zaristischen Erbes wie bürgerliche, kleinbürgerliche, bäuerliche und religiöse Traditionen wurde sogar propagiert und gefordert. Es bleibt also nur noch zu vermuten, was sich mit dem Begriff sowjetische Tradition identifizieren lässt.
Erst nach der Wende, in den Zeiten des Umbruchs und der Veränderungen, sind Traditionen ein wichtiges Thema der sozialwissenschaftlichen Diskussion in Russland geworden. Die russische Kunstwissenschaftlerin Tatjana Čeredničenko 8 (1999) nennt das Wort tradicija (Tradition) sogar das ein in der Literatur der 90er Jahren des 20. Jahrhunderts am meisten zitierte Wort Russlands. Sie schreibt, dass im postsowjetischen Russland eine Sonderform der Tradierung, nämlich die Rückwendung und die Rückbesinnung auf frühere kulturelle Inhalte des zaristischen Russland, eine weite Verbreitung gefunden hat (vgl. Čeredničenko 1999:11-12). So wurden z.B. in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts in Russland Lehranstalten gegründet, wie slawische Gymnasien oder Kadettenkorps, die bewusst auf traditionelle
6 zitiert nach Bohnsack (1998b:120)
7 Familie stellt so einen konjunktiven Erfahrungsraum, in dem ein unmittelbares Verstehen besteht, dar. Denn
zur Familie gehören diejenigen, die „die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten einer konkreten familialen
Alltagspraxis miteinander teilen“ (Bohnsack 2001b:231).
8 Die Transliteration kyrillischer Buchstaben erfolgt in dieser Arbeit nach DIN 1460 (s. Duden 2004:114).
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russische Bildungsinstitutionen der Zarenzeit zurückgreifen (vgl. Gromyko 1996:50-51). Bezogen auf die explodierende Zahl der neugegründeten landwirtschaftlichen Familienbetrieben kann man wohl über ein Wiederaufleben des bäuerlichen Bewusstseins, bäuerlicher Traditionen im heutigen Russland sprechen. Besonderes stark ist Tendenz zur Wiederherstellung der Traditionen aber im Bereich der Kirche. 1.3 Tradition und Migration 9 und Kultur und Migration
Im gängigen Wortgebrauch beinhaltet Tradition in Zusammenhang mit Migration oft Folgendes: Tradition gib es nur im Herkunftsland. Die Migranten treten in die Aufnahmegesellschaft ein und bringen die Traditionen aus den Herkunftsländern in die neue Gesellschaft mit. In der neuen Gesellschaft werden die Traditionen entweder weitergeführt oder gehen verloren. Jedoch geht Tradition im Kontext der Migration weit über dieses Alltagsverständnis hinaus und umfasst viel mehr. Für Ursula Apitzsch (1996, 1999) hat Tradition mit „etwas, was in der Migration entsteht“ (Apitzsch 1996:11) und, bei der Bewältigung von „Migrationssituationen“ (1996:15) neu gebildet wird, zu tun, als mit „Altem“ und „Hergebrachtem“ (vgl. Apitzsch 1996:11-15; 1999:11). Sie definiert Traditionsbildung als eine Art Synthesearbeit: „Als diese Form der Synthese ist Traditionsbildung weder bloße Zurückspiegelung der rahmenden Bindungen, d.h. der sich überlagerten Mikro-, Meso- und Makrostrukturen, unter denen sie erzeugt wurde, noch ist sie bloße „identity history“, eine Narration, die mit nichts als sich selbst vergleichbar ist“ (Apitzsch 1999:11). Für Apitzsch ist Traditionsbildung also nicht eine einfache Übernahme der verfügbaren Verhaltensregeln und Normen oder eine bloße Selbstdarstellung, sie ist viel mehr eine individuelle Leistung der Migranten, die in der Auseinandersetzung mit den Migrationserfahrungen erst entsteht. „Sie ist ‚identity-work’, die Reproduktion eines ‚Eigenen’, welches jedoch nur im Zusammenhang der Aneignung des ‚Anderen’, nämlich der Integration in die Ankunftsgesellschaft, einen Sinn ergibt“ (1999:11). Da die Migranten zu einer bestimmten kulturellen Gruppe gehören, bringen sie nicht nur Traditionen, sondern auch ihre eigene Kultur in die Aufnahmegesellschaft mit. Kultur wird
9 Unter Migration wird in dieser Arbeit gemäß der am weitesten verbreiteten Definition ein auf Dauer angelegter
Wechsel in eine andere Gesellschaft von einzelnen oder mehreren Menschen verstanden (vgl. Morokvasic-
Muller 2003:144). „So verstandene Migration setzt erwerbs-, familienbedingte, politische oder biographisch
bedingte Wanderungsmotive und einen relativ dauerhaften Aufenthalt in der neuen Region oder Gesellschaft
voraus; er schließt den mehr oder weniger kurzfristigen Aufenthalt zu touristischen Zwecken aus“ (Treibel
1999:21). Ein Migrant ist demzufolge ein Mensch, der an einem anderen Ort als seiner Heimat auf Dauer seinen
Wohnsitz aufgenommen hat. Der Begriff Migration deckt eine Vielfalt von Migrationsmustern ab und ersetzt
inzwischen die bisher üblichen Bezeichnungen Emigration (Auswanderung) und Immigration (Einwanderung)
weitgehend, da die Unterscheidung in ein- und auswandern häufig keine zutreffende Beschreibung mehr liefert
(vgl. Treibel 1999:18-21).
10
hier in der Funktion symbolischer Bedeutungssetzungen betrachtet und als „das Orientierungssystem, das unser Wahrnehmen, Bewerten und Handeln steuert, das Repertoire an Kommunikations- und Repräsentationsmitteln, mit denen wir uns verständigen, uns darstellen, Vorstellungen bilden“ definiert (Auernheimer 1999:28). Anders gesagt, wird Kultur in Anlehnung an Auernheimer und sein Konzept der interkulturellen Erziehung als übergeordnete Sinn- und Orientierungsstruktur einer Gruppe verstanden. Auernheimer verweist außerdem auf zwei wichtige Merkmale von Kultur, erstens auf ihren Symbolcharakter und zweitens auf die Orientierungsfunktion der Kultur in Form von Kontrollmechanismen und kulturellen Programmen. Zusammenfassend sagt Auernheimer (1999:32-33), dass Kultur sich, wenn sie als ein Orientierungssystem verstanden wird, mit der Änderung der Lebensverhältnisse auch verändern müsse, „um weiter zur Orientierung tauglich zu sein“ (1999:32).
Im Kontext der Migration ist Veränderung bzw. Neugestaltung von Kultur besonders zu beachten, da bei den Menschen in der Migration abrupte Veränderungen in den Lebensverhältnissen stattfinden. Mehrere Studien über die türkischen Migranten haben gezeigt, dass Migration die Bildung einer besonderen Migrantenkultur zur Folge hat. Das zeigt sich z.B. daran, dass Migranten sich in der Aufnahmegesellschaft nicht nur auf ihre Herkunftskultur, sondern viel mehr auf eine eigenständige, in der Migration entstandene Kultur, die Anteile sowohl der Herkunfts- als auch der Aufnahmekultur beinhaltet, beziehen. Es zeigt sich aber auch daran, dass bei einer Rückkehr nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt die türkischen Rückkehrer nicht mehr ohne weiteres in das kulturelle Gefüge ihres Landes passen (vgl. Gemende 1999:13). Herwartz-Emden (2003:22) spricht in Zusammenhang von Migration von einer „Mischkultur“, die auch Aussiedler aus dem postsowjetischen Russland in Deutschland entwickeln 10 . Deutlich wird dies in erster Linie bei der Sprache. So stellten Nina Berend (1998) und Katharina Meng (2001) in ihren Untersuchungen zur sprachlichen Integration von Aussiedlerfamilien und Elena Zemskaja (2001) in einer Studie zur Sprache der zweiten Generation der russischen Immigranten in Berlin fest, dass das in Deutschland gesprochene Russisch viele Veränderungen, besonderes auf der lexikalischen Ebene, gegenüber dem Mutterlandrussischen aufweist. Die russischsprachigen Migranten in
10 Nach Untersuchungen von Herwartz-Emden (2003) durchlaufen Migranten vier Entwicklungsphasen, um eine
neue „Mischkultur“, die Anteile beider Kulturen verarbeitet, zu entwickeln. Die erste Phase ist die Phase der
interkulturellen Orientierungslosigkeit und des Identitätsverlustes; die zweite Phase ist durch tiefes
Gespaltensein entweder mit Integrationsverweigerung oder mit Überanpassung an die Aufnahmekultur
gekennzeichnet; die dritte Phase ist die Phase des Verlustes und der Trauerarbeit mit der reflektierten Krise der
Entfremdung in der neuen Interpretation von Selbst und Umwelt. Erst in der darauffolgenden vierten Phase
entsteht das Gefühl der lebensgeschichtlichen Selbstverständlichkeit der bikulturellen Zugehörigkeit (vgl.
Herwartz-Emden 2003:20).
11
Deutschland entwickeln quasi eine eigene russische Sprache. In der slavischen Sprachwissenschaft entstand in den letzten Jahren sogar der Terminus „Diasporarussisch“ (Steinke 1999), der das Russische in der fremdsprachigen Umgebung vom Mutterlandrussischen abgrenzen soll. Dementsprechend sind die Veränderungen in der kulturellen Praxis der Migranten als unvermeidliche Folge der Veränderungen ihrer Lebensbedingungen und ihrer Lebenszusammenhängen zu sehen. Es wäre folglich falsch, die Mischkulturen der Migranten als defizitär zu bezeichnen, sie sind eher kreative, individuelle Leistungen, die Migranten für ihr Überleben in der Migration hervorbringen.
1.4 Tradierung, Familie und Erziehung in der neuesten deutschen
erziehungswissenschaftlichen Forschung
In der vorliegenden Arbeit werden Tradierungsprozesse, die im Inneren der Familie stattfinden, untersucht. In dieser Arbeit schließe ich mich dem Familienbegriff an, der Jutta Ecarius (2002) Untersuchung „Familienerziehung im historischen Wandel - eine qualitative Studie über Erziehung und Erziehungserfahrungen von drei Generationen“ zugrunde liegt. Ecarius fasst Familie begrifflich wie folgt: „Familie verstehe ich als ein gegenseitig aufeinander bezogenes Miteinander verschiedener Generationen 11 , die in unterschiedlichen sozialen und biographischen Zeitstrukturen den Erziehungsprozess durchlaufen und gleichzeitig durch ein interaktives Beziehungsgeflecht miteinander verbunden sind“ (Ecarius 2002:37). Dieser Begriff kann sich sowohl auf die Zwei-Generationen-Familie (Kernfamilie) als auch auf die Mehr-Generationen-Familie beziehen.
Jutta Ecarius beginnt ihr Buch mit den Worten: „Familie ist ein Ort der primären Erziehung“ (2002:13). Demnach ist für sie Familie der pädagogische Ort, an dem Heranwachsende von
11 Unter Generation wird im Rahmen dieser Arbeit im Sinne von K. Mannheim eine „soziale Lagerung“
(Mannheim 1964:524) verstanden, d.h. eine etwa in der gleichen Zeit geborene Kohorte, die durch
chronologische Gleichzeitigkeit der Geburt gemeinsam von bestimmten historischen Ereignissen geprägt ist.
Nach Mannheim lässt sich die Generationenlagerung im Gegensatz zur „konkreten Gruppenbildung“ (1964:524)
wie Familie, Sippe usw. nicht durch Interaktion, Nähe und Bekanntschaft charakterisieren. Das Besondere der
Individuen in diesem Gefüge ist, dass sie von der Zeitgeschichte, in der sie leben, ähnlich beeinflusst sind und
gleiche, spezifische Erfahrungen haben. Da die in dieser Arbeit untersuchten Eltern ungefähr im gleichen
Zeitraum geboren sind, zwischen 1960 und 1967, sind die Erfahrungen und das Erleben von Gorbatschows
Perestrojka-Zeit für sie gemeinsam. So kann man im Rückgriff auf Mannheim als „Perestrojka-Generation“
(Slepzov 1993:5) diejenigen bezeichnen, die zu Beginn der Perestrojka im Jahre 1985 mindestens 17 und
höchstens 25 Jahre alt waren (also die Jahrgänge 1960-1968) und die die Perestrojka bewusst erlebt haben.
„Durch die Zugehörigkeit zu einer Generation, zu ein und demselben ‚Geburtenjahrgange’, ist man im
historischen Strome des gesellschaftlichen Geschehens verwandt gelagert“ (Mannheim 1964:527). Demzufolge
bedeutet Generation für Mannheim eine „Verwandtschaft“, nicht aber die biologische, sondern biographische
und sozialisationsgeschichtliche. Zusammenfassend sagt er: „Dieselbe Jugend, die an derselben historisch-
aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem ‚Generationszusammenhang’, diejenigen Gruppen, die
innerhalb desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten,
bilden jeweils verschiedene Generationseinheiten im Rahmen desselben Generationszusammenhanges“
(Mannheim 1964:544).
12
Erwachsenen erzogen werden. Was ist aber Erziehung? In der erziehungswissenschaftlichen Literatur gibt es keine einheitliche Auffassung darüber, was der Begriff Erziehung genau beschreibt. Gudjons (1993) schreibt z.B., dass mit dem Begriff Erziehung „inzwischen so Unterschiedliches und Vielfältiges gemeint (ist), dass er seine Kontur verliert“ (Gudjons 1993:76). Tenorth (1988) spricht von „Begriffswirrwarr“ (Tenorth 1988:12). Schwenk (1989) postuliert sogar die Auflösung des Erziehungsbegriffs. Unter Erziehung wird in der Erziehungswissenschaft u. a. der „Versuch der Verbesserung einzelner Qualitäten“ (Olkers 1991) 12 oder aber die dauerhafte Verbesserung des „Gefüges der psychischen Dispositionen“ des Kindes verstanden (vgl. Brezinka 1975:95).
Jutta Ecarius (1998, 2002) versucht aber den Blick in der Erziehungsbegriffsdebatte explizit auf die familiale Erziehung zu lenken, weil sie genau wie viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Familie als ersten Ort, wo erzogen wird, versteht (vgl. Ecarius 1998:57). In Anlehnung an die Studie von Mollenhauer, Brumlik und Wudtke zur Familie in Deutschland in den 60er Jahren definiert sie die Gesamtheit der Familienerziehung allein mit Hilfe des Begriffes Interaktion: “Familienerziehung als familiale Generationsbeziehung lässt sich als eine Form familialer Interaktion zwischen älteren und jüngeren Generationen charakterisieren“ (Ecarius 2002:45). Jede Familie entwickelt aber ihre eigenen, ganz spezifischen Muster der familialen Interaktion, „die über positive und negative Bestätigung verfestigt werden“ (2002:46). Ähnlich wie bei Watzlawicks Axiom (1996) über die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren, postuliert Ecarius die These, dass es in der Familienerziehung nicht möglich ist, nicht zu erziehen (vgl. Ecarius 2002:51). Auch in den Situationen, wo versucht wird, Erziehung zu „verneinen“ (2002:51), wird in den Interaktionsprozess der Erziehung eingetreten. „Familiale Interaktion findet nicht nur dann statt, wenn sie absichtlich, bewusst oder erfolgreich ist. Sie besteht auch dann, wenn kein gegenseitiges Verständnis zustande kommt, sich Generationen streiten und der Interaktionsprozess durch gegenseitige Vorwürfe erschwert ist. Da die Familienerziehung als ein Teilbereich in die familiale Interaktion der Generationen eingebunden ist und teilweise darin aufgeht, gilt für die Familienerziehung, dass es nicht möglich ist, nicht zu erziehen“ (2002:51).
Bei der Interpretation der empirischen Ergebnisse ihrer Studie (2002), in der 27 Familien in Generationslinie (Großeltern, Eltern, Kinder) in Deutschland untersucht wurden, stellt Ecarius fest, dass Familienerziehung sich auch in Form der Tradierung vollzieht, denn teilweise
12 zitiert nach Herbert Gudjons (1993:76)
13
versuchen einige Eltern der zweiten (1939-1953) und sogar dritten (1967-1975) Generation, die traditionelle Machtbalance mit einem asymmetrischen Muster, die sie selbst in der Familie vor 20-30 Jahren erlebt haben, zu praktizieren, auch wenn sie die auf Strafe und Gehorsam setzende Erziehung der eigenen Eltern offen kritisieren (vgl. Ecarius 2002:222-228; 261). Außerdem versuchen Eltern mit landwirtschaftlichen Betrieben, die ländliche Lebensweise trotz vieler Schwierigkeiten und veränderter Bedingungen ihren Kindern attraktiv zu machen (vgl. Ecarius 2002:256). Sie setzen somit bewusst Traditionen ihrer Lebensorientierung und Lebensführung fort. Demzufolge werden in der Familienerziehung, die in Form von Familieninteraktionen stattfindet, einerseits „die kognitiven Schemata der Familie“ (2002:257) wie z.B. die Muster des Umgangs mit Kindern, andererseits die kompletten Lebensweisen tradiert.
Im Rahmen einer weiteren empirischen Studie, die die Tradierungsprozesse in der Erziehung sowie deren Veränderungen in Familien aus der Koblenzer Gegend und aus Potsdam untersuchte, kamen Ralf Bohnsack, Winfried Gebhard, Margret Kraul und Christoph Wulf (2002) zum Ergebnis, dass unter dem, was in der Erziehung tradiert wird, in erster Linie soziale Güter wie Werte, Normen und Einstellungen zu verstehen sind. Ferner werden Handlungs- und Erziehungsorientierungen, habituelle Praktiken (z.B. Essgewohnheiten, Konsum-, Wohn-, Kleidungsverhalten, Freizeitaktivitäten) sowie innerfamiliale Kommunikationsstile in den untersuchten Familien aus Ost- und Westdeutschland in unterschiedlicher Weise tradiert. Zentral ist in dieser Studie die Aussage, dass es sich bei Tradierungsprozessen nie um Einbahnstrassen handelt: Die Interaktionen und das Verhandeln mit den Kindern führen auch auf Seiten der Eltern zu Modifikationen der Tradierungsinhalte (vgl. Kraul 2003b:295-296).
Bei Anna Brake und Peter Büchner (2003) geht es auch im Zusammenhang mit der Mehrgenerationenfamilie als einem Erziehungs- und Bildungsort um die Weitergabe und Aneignung von kulturellem und sozialem Kapital. Die Autoren sehen u. a. die alltäglichen kulturellen Praktiken (Musizieren, Spielen, Essen, Urlaub, Wohnen, Hobbys usw.), Denkweisen, Geschmackspräferenzen 13 , Umgangsformen, sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Medienkompetenz sowie Konfliktfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und
13 In erster Linie auf dem Feld der Musik, der Kunst, beim Konsum kultureller Güter sowie in der Freizeit- und
Urlaubsgestaltung (vgl. Brake 2003:630).
14
Selbstbestimmungsfähigkeit 14 als zentrale Dimensionen des kulturellen und sozialen Kapitals, die im Zuge der intergenerativen Transmission 15 in den Familien von ihren Mitgliedern erworben werden können (vgl. Brake 2003:628-634).
2 Familien in Russland
2.1 Zum Stand und zur Bedeutung der Familie im heutigen
Russland
Die gegenwärtige Situation der Familie in Russland kann nicht ohne die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Transformationsprozesse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion betrachtet werden. Die politischen, sozioökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen, die sich im Zuge dieses Transformationsprozesses verändert haben, wie der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft, die starke soziale Polarisierung der Gesellschaft, die zunehmende Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche, die Liberalisierung der Lebensformen usw. wirken in unterschiedlicher Weise auf den Bereich Familie ein. Darauf, wie sich die familiale Wirklichkeit in Russland verändert, wird im Folgenden eingegangen. Dabei werde ich nur solche besonderen Merkmale der modernen russischen Familie darstellen, die für dieser Arbeit relevant sind, präsentieren. Weil alle an der Untersuchung beteiligten Eltern zur Sowjetzeit geboren wurden und in „sowjetischen“ Familien aufwüchsen, wird zuerst das sowjetische Familienbild kurz vorgestellt.
2.1.1 Familie in der Sowjetunion
Die traditionelle, aber auch politisch propagierte Familienform in der Sowjetunion war die Familie mit verheirateten Eltern und ihren leiblichen Kindern. Die Ehe war sogar die einzige von der Gesellschaft akzeptierte und legitime Form des Zusammenlebens von Männern und Frauen. Nichteheliche Partnerschaften wurden als unmoralisch gebrandmarkt und juristisch nicht anerkannt. Voreheliche sexuelle Beziehungen und Kontakte der Jugendlichen wurden mit allen Mitteln (Verbote und Moralpredigten der Eltern, Pädagogen und Ärzte) zu verhindern versucht. Und es scheint so, dass der aktive „Schutz“ der Jugend vor den Gefahren der frühzeitigen Sexualisierung gewirkt hat, denn der offiziellen sowjetischen Statistik zu Folge machten die meisten Jugendlichen vor 20 bis 30 Jahren ihre ersten sexuellen Erfahrungen erst nach dem Erreichen des offiziellen Heiratsalters, also mit 18 Jahren, und bei
14 Unter Selbstbestimmungsfähigkeit verstehen die Autoren „die Fähigkeit eines jeden Einzelnen, seine
individuellen Lebensbeziehungen und Sinndeutungen sozialer, beruflicher und ethischer Art zu gestalten“ (Brake
2003:634).
15 Transmission meint einen bildungsbezogenen Austausch- und Aushandlungsprozess, in dem Bildungs- und
Kulturtransfer nicht nur von der älteren Generationen auf die jüngere erfolgt, sondern auch im umgekehrter
Richtung verlaufen kann (vgl. Brake 2003:622).
15
70% der jungen Frauen und 45% der jungen Männer erst nach der Heirat, also in der Ehe (vgl. Ahlberg 1969:145-146).
Geheiratet wurde in der Sowjetunion relativ früh. Die Frauen heirateten im Durchschnitt mit 20 bis 21 Jahren (mit 28 oder 30 Jahren galt eine unverheiratete Frau sogar als „alte Jungfer“, der es gebührte, sich dem Beruf und den Verwandten zu widmen). Die Männer leisteten zunächst im Alter von 18 bis 20, 21 Jahren ihren Militärdienst ab. Erst dann heirateten sie. Deshalb lag das durchschnittliche Heiratsalter bei Männern um drei Jahre (24) über dem der Frauen 16 (vgl. Goehrke 2005:342). Das erste Kind wurde bei den meisten jung Verheirateten schon vor dem 25. Lebensjahr der Frau geboren; die damalige Familienpolitik war um die Geburt gesunder Neugenerationen als Sicherung der Zukunft der Gesellschaft und Wirtschaft besorgt. Die historisch bedingte positive Lebenseinstellung zur Großfamilie sowie der Wohnungsmangel waren die Gründe dafür, dass etwa sechs von zehn jungen Leute ihr Elternhaus auch nach der Heirat nicht verließen (vgl. Goehrke 2005:343). In vielen Wohnungen wohnten zwei bis drei Generationen zusammen 17 .
Ein zentrales Charakteristikum des Familienlebens in der Sowjetunion war die Berufstätigkeit beider Elternteile. Für Frauen in Sowjetrussland brachte die Berufstätigkeit soziale Anerkennung mit sich und war eine absolute Selbstverständlichkeit. Sie schloss für eine Mehrheit der Frauen das Wohl der Kinder nicht aus. Beide Bereiche, Beruf und Familie, galten als miteinander vereinbar. Buntes Zusammenleben innerhalb einer Großfamilie (denn in einer Großfamilie gab es immer jemanden, der auf die Kinder aufpassen konnte), sowie ausreichende infrastrukturelle Unterstützungssysteme für erwerbstätige Mütter in Form von öffentlichen Kinderkrippen, Kindergärten und Kinderhorten ermöglichten, dass die Frauen in Sowjetrussland auch nach der Geburt der Kinder berufstätig blieben und eine erfolgreiche Karriere machen konnten.
Die Großmütter (Babuškas) waren sehr häufig an der Erziehung der heranwachsenden Generationen aktiv beteiligt. Goehrke (2005:348) schreibt sogar, dass, der Schätzung der sowjetischen Soziologen zufolge, etwa drei Viertel der Anfang der 70er Jahre in Moskau Geborenen im Wesentlichen von ihren Großmüttern erzogen worden sind.
16 1970 lag das durchschnittliche Heiratsalter in der BRD bei Erstheirat bei Männern bei 25,6 Jahren und bei 23
Jahren bei den Frauen, also nur etwa um zwei Jahre über dem Durchschnittsheiratsalter in der Sowjetunion zu
gleicher Zeit (vgl. Schäfers 2002: 143-145).
17 Obwohl es in der sowjetischen Statistik keine offiziellen Zahlen zur Wohnsituation der Bürger bis 1989 gab,
kann man davon ausgehen, dass für eine Mehrheit der jungen Paare nichts anderes übrig blieb, als zusammen mit
den Eltern und oft mit den Großeltern der Frau oder des Manns zu wohnen (vgl. Bertaux /Malysheva 2004:199).
16
Was die Frage nach der Organisation des sowjetrussischen innerfamilialen Alltags angeht, so war sie durch die ungleiche Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann charakterisiert. Dass die Ehefrauen in viel stärkerem Maße als die Ehemänner trotz Berufstätigkeit beider Teile an der Erziehung der Kinder und an der alltäglichen häuslichen Arbeit beteiligt waren, ist ein Faktum (vgl. Herwartz-Emden 2003:210). Diese Situation wurde u. a. durch den traditionellen Glauben, dass Hausarbeit unmännlich sei, verstärkt. Nur in Teilen der „Intelligenzija-Familien“ (Familien der Intellektuellen) beteiligten sich Väter aktiv bei der Hausarbeit und Erziehung der Kinder (vgl. Goehrke 2005:345). Aber auch da hatte die Berufskarriere des Ehemanns immer Priorität, etwa wenn es um die innerfamilialen Alltagsfragen ging wie z. B.: Wer muss wegen Krankheit des Kindes zu Hause bleiben? Damit lastete die Verantwortung für Kinder und Haushalt in Sowjetrussland in erster Linie auf den Frauen.
Als eine Selbstverständlichkeit wurde in sowjetrussischen Familien eine starke Beteiligung der Kinder im Haushalt empfunden. Kinder hatten eine Reihe von Pflichten im familialen Alltagsleben wie Einkaufen, Aufräumen, Hüten von kleinen Geschwistern usw.
2.1.2 Familie im neuen Russland
Heute leben in Russland etwa 42 Millionen Familien, 33% davon haben ein Kind, 20% zwei Kinder, 4% drei und etwa 2,8% der Familien gehören zu kinderreichen Familien mit vier und mehr Kindern (vgl. Skasyrskaja 2004:2). Etwa vier von zehn Familien bleiben heute kinderlos, 1970 war es noch zwei von zehn (vgl. Goehrke 2005:341). Zweifelsfrei haben die tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse der Gegenwart in Russland für den Familienbereich gravierende Konsequenzen 18 . Die durch die
18 Wenn man die Titel der gesellschafts- bzw. sozialwissenschaftlichen Studien aus dem russischen Raum
betrachtet, springen immer wieder ähnliche Schlagworte ins Auge: Es ist oftmals von „Umbruch“,
„Transformation“, „Umgestaltung“, „Wandel“ und „Wende“ die Rede. Das sind mit Recht Wörter, die die
Prozesse in der postsowjetischen Gesellschaft Russlands am besten repräsentieren. Die 90er Jahre des vorigen
Jahrhunderts sind also in der russischen Föderation eine Zeit fundamentaler Veränderungen gewesen. Sie haben
mit Forderungen nach mehr Pluralismus und Offenheit (Glasnost’) angefangen und endeten mit einem raschen
Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Gleichzeitig fand auf politischer Ebene eine Transformation einer
auf kommunistischer Ideologie aufgebauten Regierungsform zur Demokratie statt. Der gesellschaftliche
Umgestaltungsprozess beeinflusste natürlich alle sozialen Gruppen, und es wird kaum eine Person in Russland
geben, die die große Dynamik der gesellschaftlichen Veränderungen nach 1985 entgehen konnte. Natürlich
waren (und sind immer noch) auch die Familien mit in den gesellschaftlichen Transformationsprozess
miteinbezogen. Der Umbau des gesellschaftlichen Grundgerüsts bedeutete für die Familien einen rapiden Verlust
der traditionellen Gegebenheiten, der stabilen sozialen Netzwerke, der feststehenden individuellen Biographien,
d.h. einen Verlust aller vorgegebenen durchregulierenden Mechanismen, die für Gestaltung und Planung des
Lebens bestimmend waren. Das entstehende neue System musste schnell von den Familienmitgliedern selbst und
jetzt ohne Hilfe der staatlich vorgegebenen Orientierungen bewältigt werden. Dies eröffnete den Bürgern im
neuen Russland nicht nur Möglichkeiten und Chancen, sondern zwang sie vielmehr in großem Maß zur
17
Arbeit zitieren:
Anna Bolshukhina, 2006, Tradierung in der Erziehung - Fotoanalysen, Tischgespräche und Interviews mit Familien aus St. Petersburg, München, GRIN Verlag GmbH
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