0 VORWORT
Die Geschichte systematischer Sozialforschung geht auf über 100 Jahre zurück. Während sie damals, außer den Sozialwissenschaften (Soziologie, Sozialpsychologie, Politologie und Psychologie) selbst, anderen Wissenschaften vorbehalten blieb, wird sie heute auch in den benachbarten Disziplinen wie Pädagogik, Ethnologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Volkswirtschaft und Marketing eingesetzt.
Dabei hat die Umfrageforschung mittels Telefon immer mehr an Bedeutung zugenommen. Während in der amerikanischen Sozialforschung die Telefonumfrage zu der nunmehr führenden Methode geworden und der Begriff Umfrageforschung schon fast synonym mit dem der Telefonbefragung ist, wird sie in Europa zwar schon verstärkt, aber trotzdem noch die persönliche Befragung bevorzugt eingesetzt. In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Kritik an der unzureichenden Repräsentativität der Stichprobe, die zu einer erheblichen Verzerrung der Ergebnisse geführt hätte.
Telefonumfragen bringen durch den Einsatz von computerunterstützten Verfahren im Vergleich zur postalischen und persönlichen Befragung nicht nur Vorteile in der Kostenersparnis, sondern bieten vor allem die Chance, intensivere und präzisere Gespräche zu führen, da die Befragten am Telefon meist offener antworten. Darüber hinaus ermöglichen Interviews per Telefon verstärkte Kontrollen des Interviewerstabes als auch des Auswahlverfahrens, was den problematischen Bereich von Messfehlern in der Sozialforschung deutlich reduzieren lässt. (vgl. Frey, 1990, S.23 ff) Da ich selbst seit einiger Zeit im Rahmen meines Praktikums am Institut für Grundlagenforschung und bei der Salzburger Nachrichten-Marktforschung Telefoninterviews durchführe, habe ich in diese Arbeit auch meine eigenen Erfahrungen mit einbauen können. Diese Arbeit soll einen kleinen Einblick in die Welt der Telefoninterviews geben und vor allen Dingen die Vor- und Nachteile aufzeigen, die es im Vergleich zu anderen Methoden der empirischen Sozialforschung gibt.
1
1 EINFÜHRUNG
Zweifelsohne würden Telefonumfragen ohne Telefon gar nicht erst möglich sein. Durch die Erfindung und Entwicklung des Telefons wurde vor allem eine Form der Kommunikation geboren, die allein durch die menschliche Stimme und der Sprache ihren eigenen Regeln folgt. Diese soziale Beschränkung ist gekennzeichnet durch eine Struktur, die sich die Sozialforschung anhand von Interviews zu Nutze gezogen hat. Während Eingeborenenstämme noch Rauchzeichen und Trommelsignale für Mitteilungen verwendeten, gab es in den Kulturstaaten trotz Telegrafie den Wunsch, Nachrichten schneller zu übermitteln. Dieser soziale Druck war vermutlich auch der Grund dafür, weshalb damals Alexander G.Bell und Elisha Gray 1876 fast zeitgleich die Patente für die ersten praktisch brauchbaren Telefonapparate einreichten. Der erste Mann allerdings, der das Prinzip des Telefons schon 1854 in einem Aufsatz erwähnte, war Charles Bourseul. Phillip Reis erfand dann 1861 das von ihm so benannte „Telephon“, das zum einen aus einer Schweinsblase als Membran als Geber diente und zum andren aus einer Spule mit Stricknadel und einem aus Tannenholz angefertigten Membran als Empfänger bestand. Diese Erfindung wurde auf der ganzen Welt verschickt, vor allem dem Adel und anderen Persönlichkeiten. Nach Bell und Gray entwickelte D.E.Hughes 1891 das Kohlemikrophon, das letztendlich auch die Übertragung über größerer Entfernungen ermöglichte.
Durch die immer weiteren Verbesserungen des Telefons wurde die Übermittlung der menschlichen Stimme über Draht und später auch drahtlos, zu einem Teil der Lebenswelt und einer wichtigen Kommunikationsform für einen Großteil der Industriegesellschaft. Für die Soziologie ist das Telefon deshalb von Bedeutung, weil es mit der sozialen Entwicklung menschlicher Existenz eng verbunden ist. Wenn man sich vor Augen hält, dass 1910 schon alle Länder der Erde mit 10 Millionen Fernsprechern telefonisch angeschlossen waren, macht es deutlich, wie stark der Drang nach Erweiterung einer neuen Form der Kommunikation war. (vgl. Frey, 1990, S.11 ff)
2
2 TELEFONUMFRAGEN
Keine Methode in der Datenerhebung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so schnell verbreitet wie das telefonische Interview. In der Schweiz finden heute knapp 2/3 aller Meinungsumfragen von Instituten am Telefon statt. Auch in Deutschland und Österreich ist ein Trend durchaus erkennbar. Die Netzdichte hat in relativ kurzer Zeit so enorm zugenommen, dass die Stichprobenziehung im Wesentlichen vereinfacht wurde, da nahezu alle Privatanschlüsse - sowohl der Festnetzanschluss oder das Mobiltelefon, im Telefonverzeichnis (sei es im Telefonbuch oder auf CD-Rom) vorliegen. Aufgrund dessen können heute allgemeine Bevölkerungsumfragen problemlos und mit einer hohen Datenqualität durchgeführt werden. (vgl. Diekmann, 2003, S.429)
2.1. Telefonieren als besondere Form der Kommunikation
Vergleicht man eine „normale“ Kommunikation mit der einer telefonischen, sind die Einflüsse auf Form und Inhalt eines Gespräches viel größer, als man zu allererst erkennen mag. Kommuniziert man von Angesicht zu Angesicht, werden Informationen und Eindrücke ausgetauscht und wahrgenommen und nicht nur die Gesprächspartner selbst, sondern auch andere Personen aus der unmittelbaren Umgebung können mit eingeschlossen werden. Bei einem persönlichen Gespräch unter vier Augen vermitteln nicht nur Worte Informationen, sondern auch Gesten, Mimiken, die Art des Auftretens und das Erscheinungsbild werden als non-verbale Information aufgenommen. Diese Art von Kommunikation wird durch ein soziales Gleichgewicht aufrechterhalten.
Bei einem Telefongespräch hingegen fehlt bis auf den sprachlichen Austausch das meiste einer „normalen" sozialen Beziehung. Die Kommunikation beschränkt sich rein auf den Telefonhörer, wodurch sich eine Konzentration auf den Informationsaustausch ergibt, mit einer vermutlich geringeren Gefahr einer Ablenkung, wie sie verstärkt bei einer normalen Interaktion vorkommen kann (sei es durch andere Personen, Lärm oder Langeweile). Ein kritischer Punkt hierbei ist die Aufrechterhaltung der sozialen Beziehung, nachdem der Name am Telefon genannt wurde. Im Gegensatz zu Bekannten oder Freunden besteht bei Telefonbefragungen durch einen unbekannten Interviewer weder Vertrauen, noch das intensive Bedürfnis, das Gespräch weiter zu führen. Diese Tatsache wird noch dazu dadurch verstärkt, indem der Interviewer dem Unbekannten am Telefon anfangs vermittelt, dass er auf
3
jeden Fall ein Fremder bleiben wird und ihm indirekt sagt, dass ihn persönliche Beziehungen nicht weiter interessieren. Was sollte also unter solchen Umständen einen Gesprächspartner dazu bewegen, die Kommunikation aufrecht zu erhalten, und worin liegt das Geheimnis, dass Fremde Fremden Antworten und somit Informationen über sich selbst preisgeben? (vgl. Frey, 1990, S.20 f)
2.2. Telefoninterviews und ihre Bedingungen
Es gibt eine Reihe von Gründen, weshalb sich Fremde dazu entschließen, an einem Telefoninterview teilzunehmen. Die Teilnahme am öffentlichen Telefonnetz bedeutet gleichzeitig einer Öffnung der Privatsphäre gegenüber anderen, die über die eigene Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis hinausgehen. Zu dem erweckt jedes Klingeln des Telefons eine positive Erwartung, auch wenn es nach mehreren Anrufen zu einer Störung werden könnte, ändert das nichts an dieser Tatsache. Alle sozialen Beziehungen, auch die am Telefon, sind durch soziale Normen und Konventionen geregelt: man verhält sich einem Fremden gegenüber zwar distanziert, aber höflich, und legt nicht einfach auf; am Anfang eines Gespräches ist die Beziehung gleichwertig und niemand braucht den anderen als Bedrohung empfinden; in der Regel beendet der Anrufer auch wieder das Telefonat. Aus diesen Gründen ist der Sozialwissenschaftler am Telefon in einer günstigen Position und kann schon mal damit rechnen, dass sich der Gesprächspartner den Grund des Anrufes anhören wird. Genau an diesem Punkt gibt es weitere Gründe, die für eine erfolgreiche Durchführung des Interviews entscheidend sein können: der Interviewer muss eine gewisse Präsenz durch Stimme und Worte vermitteln; eine schlechte Erfahrung mit dem Forschungsinstitut würde ein Gespräch zunichte machen; die subjektive Einschätzung über die Funktion wissenschaftlicher oder marktwirtschaftlicher Forschung entscheidet über das Einverständnis eines Interviews; das Ziel bzw. Zweck eines Projektes ist ein wichtiger Faktor zur Beantwortung der Fragen; Aufbau, Gliederung und Verständlichkeit des Fragebogens sind von großer Bedeutung; zu guter letzt muss dem Gesprächspartner zugesichert werden, dass die Antworten vertraulich behandelt werden. (vgl. Frey, 1990, S.21 f)
4
Arbeit zitieren:
Claudia Gruber, 2007, Telefoninterviews - Vor- und Nachteile und ein Vergleich zu anderen Methoden der Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Telefoninterview in der empirischen Sozialforschung
Hausarbeit, 15 Seiten
Die Frau im demokratischen Athen
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 18 Seiten
Die telefonische Befragung - eine Alternative zur mündlichen Befragung...
Zwischenprüfungsarbeit, 18 Seiten
Psychoanalytische und lerntheoretische Erklärung der Angstentstehung
Referat (Handout), 22 Seiten
Heinrich der Löwe und der Wendenkreuzzug 1147
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Der Umgang mit politisch motivierter Kriminalität zu Beginn der Weimar...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Seminararbeit, 32 Seiten
Die gemeinsame Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Europ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Zwischenprüfungsarbeit, 34 Seiten
Die Bindung Isaaks. Unterrichtsentwurf für eine zwölfte Klasse
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Unterrichtsentwurf, 26 Seiten
Was sind wissenschaftliche Revolutionen?
Eine Analyse von Thomas Kuhns ...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 17 Seiten
Heinrich der Löwe und der Wendenkreuzzug 1147
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 19 Seiten
Finnland und der Zweite Weltkrieg: Finnisch-deutsche Waffenbrüderschaf...
Hausarbeit, 24 Seiten
Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union
Die Fortentwicklung der vertra...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Politischer Mord und Kriegskultur an der Wiege der Weimarer Republik
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Bachelorarbeit, 107 Seiten
Claudia Gruber's Text Telefoninterviews - Vor- und Nachteile und ein Vergleich zu anderen Methoden der Sozialforschung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Claudia Gruber hat den Text Telefoninterviews - Vor- und Nachteile und ein Vergleich zu anderen Methoden der Sozialforschung veröffentlicht
Claudia Gruber hat einen neuen Text hochgeladen
Methoden kulturvergleichender Sozialforschung
Eine Einführung
Susanne Rippl, Christian Seipel
IT-Management durch KI-Methoden und andere naturanaloge Verfahren
Unterstützung bei Problemen de...
Christina Klüver, Jürgen Klüver
Anderen Städte IBA Stadtumbau 2010, 6
IBA Stadtumbau 2010, 6. Stadt ...
Unternehmensbewertung - Methoden, Rechenbeispiele, Vor- und Nachteile
Ulrich Wiehle, Michael Diegelmann, Henryk Deter, Peter N. Schömig, Michael Rolf
Komparative empirische Sozialforschung
Anwendungsfelder und aktuelle ...
Tilo Beckers, Jörg Hagenah, Ulrich Rosar, Klaus W. Birkelbach
0 Kommentare