Wahlen sind das wesentliche Charakteristikum einer Demokratie. Durch ihre Anwendung wird in meist indirekter Form die Souveränität des Volkes garantiert und die politische Führung eines Landes legitimiert. Mit Hilfe von Wahlen und Abstimmungen wird die politische Macht eines komplexen Systems auf wenige Vertreter des Volkes übertragen, wobei gerade durch die Bestimmung dieses Führungspersönlichkeiten der Grundsatz der Partizipation der Bevölkerung eines Staates an der Politik gegeben ist. Gleichwohl Wahlen in ihrer Technik das wesentliche Ziel der Bildung einer arbeitsfähigen Regierung in sich vereinigen, unterscheiden sich dennoch ihre Ausprägungen in Abhängigkeit der Begriffsauffassung und der Regierungssysteme in verschiedenen Ländern.
Das deutsche Bundeswahlsystem ist eine „mit der Personenwahl verbundene Verhältniswahl“ , d.h. es handelt sich in erster Instanz um eine Verhältniswahl, womit die Tragkraft der Zweitstimme unterstrichen werden soll. Rechtlich wird somit die Mehrheitswahl eingeschränkt. Dennoch erfüllt das deutsche Bundeswahlsystem verschiedene Funktionen, die sowohl Vorzüge als auch Nachteile mit sich bringen. Um sich diesen zu nähern, betrachtet die Arbeit zunächst die allgemeinen Begriffe von Wahlen vor allem in Bezug auf pluralistische Systeme. Anschließend sollen die verschiedenen Elemente des personalisierten Verhältniswahlrechts auf Bundesebene vor allem vor dem Hintergrund der gesetzlichen Absicherung im Grundgesetz und dem Bundeswahlgesetz analysiert und kurz diskutiert werden. Dies beinhaltet auch eine Darstellung der Reformansätze und Kritik an der Durchführung der Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland. Anhand der Ergebnisse dieser Kritik soll schließlich auf die Perspektiven des Wahlsystems eingegangen und Gefahren dessen betrachtet werden. Mit Hilfe der Analyse der verschiedenen Elemente des personalisierten Verhältniswahlrechtes und deren kritischen Bezug soll die zentrale Frage geklärt werden, inwiefern das deutsche Bundeswahlsystem zu Stabilität beigetragen hat oder dieses komplexe Prinzip den Wähler überfordert. Damit wird der Gegenstand der aktuellen Forschungen aufgegriffen. Die in den letzten Jahren auf den Gebiet der Bedeutung der Wahlsysteme aktivsten Politikwissenschaftler, unter anderem Dieter Nohlen, Wolfgang Hartensen und Kurt Sontheimer, vertreten eine These, in der gerade der Beitrag des deutschen Wahlsystems zur Stabilität in der Bundespolitik positiv aber dennoch kritisch betrachtet.
Gliederung
1. Einleitung
2. Wahlen und ihre Erscheinungsformen
2.1 Wahlbegriffe und ihre Unterscheidung
2.2 Bedeutung und Funktion von Wahlen in pluralistischen Systemen
3. Voraussetzungen des Wahlsystems auf Bundesebene
3.1 Das demokratische Grundprinzip
3.1.1 Wahlrecht nach Artikel 38 GG
3.1.2 Voraussetzungen für die Teilnahme an Wahlen auf Bundesebene
3.2 Das personalisierte Verhältniswahlrecht
3.2.1 Die Wahlkreise und ihre Bedeutung
3.2.2 Direkt- und Listenstimme
3.2.3 Stimmen-Splitting
3.2.4 Überhangmandate
3.2.5 Die Sperrklausel und Grundmandatsregel
3.2.6 Reformansätze – Standpunkte in der Gegenwart
4. Schlussteil – Perspektiven des deutschen Bundeswahlsystems
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das deutsche Bundeswahlsystem, um zu klären, inwiefern dieses System zur Stabilität des politischen Systems beigetragen hat oder ob das komplexe Prinzip den Wähler überfordert. Dabei werden die gesetzlichen Grundlagen analysiert, die zentralen Elemente des personalisierten Verhältniswahlrechts kritisch beleuchtet und die Perspektiven sowie Gefahren des Wahlsystems erörtert.
- Grundlagen von Wahlen und ihre Bedeutung in pluralistischen Systemen.
- Analyse des personalisierten Verhältniswahlrechts auf Bundesebene.
- Untersuchung der Funktionsweise von Wahlkreisen, Erst- und Zweitstimmen sowie Stimmen-Splitting.
- Diskussion von Überhangmandaten, der Sperrklausel und der Grundmandatsregel.
- Betrachtung historischer und gegenwärtiger Reformansätze.
Auszug aus dem Buch
3.2.3 Stimmen-Splitting
Um die Stabilität der Stimmabgabe zu erhöhen und somit den Faktor der Wahlfreiheit weiter auszudehnen, können die Wahlberechtigten in ihrer Stimmenabgabe zwischen der Erst- und der Zweitstimme variieren, d.h. ein Wähler kann einen Kandidaten der Partei A seine Stimmen geben und zugleich in der Landesliste die Partei B wählen. Mit dieser Praxis wird die Motivation der Staatsbürger, an den Wahlen auf Bundesebene teilzunehmen, erhöht. Gleichzeitig sind zahlreiche Wahlausgänge möglich, die somit der Konzentration der politischen Macht entgegenwirken können.
Für die Wähler ist die unterschiedliche Gewichtung der Stimmen jedoch teilweise nicht klar. Häufig halten die Staatsbürger vor allem aufgrund der regionalen Wahlwerbung für die Bundestagswahlen die Erststimme als entscheidenden Teil ihrer Stimmabgabe. Aufgrund dieser Tatsache haben die kleineren Parteien in den Wahlkämpfen ihre Priorität auf die Gewinnung der Zweitstimme verlagert und somit einen Anstieg des Stimmen-Splittings bewirkt. Laut Hartensen lag die abweichende Stimmabgabe bei Bundestagswahlen in den Sechziger und Siebziger Jahren bei vier bis neun Prozent, in den Neunziger Jahren bereits bei 15 bis 20 Prozent. Was sind aber die genauen Ursachen der Anwendung des Stimmen-Splittings?
In den meisten Fällen ist deren Praxis auf kandidatenbezogene Gründe zurückzuführen, d.h. ein Wähler bevorzugt einen bestimmten (Direkt-)Kandidaten, um diesen die Möglichkeit des Gewinns eines Direktmandates zuzusprechen. Gleichzeitig gibt der Wahlberechtigte seine Listenstimme einer anderen Partei, weil dieser mit der programmatischen Darstellung der Partei seines bevorzugten Kandidaten nicht konform ist. Dieses Beispiel lässt sich vor allem in jenen Wahlbezirken beobachten, in denen regional bekannte Persönlichkeiten kandidieren, die auch Stimmen von traditionell der Partei des Kandidaten abgeneigten Wählern anziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung von Wahlen als demokratisches Charakteristikum ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Beitrag des Bundeswahlsystems zur Stabilität sowie dessen Komplexität für den Wähler.
2. Wahlen und ihre Erscheinungsformen: Dieses Kapitel definiert Wahlen als Technik zur Machtübertragung und differenziert zwischen kompetitiven, semi-kompetitiven und nicht-kompetitiven Wahlsystemen.
3. Voraussetzungen des Wahlsystems auf Bundesebene: Es werden die demokratischen Prinzipien nach dem Grundgesetz erläutert und das personalisierte Verhältniswahlrecht inklusive seiner spezifischen Elemente wie Sperrklausel und Überhangmandate detailliert untersucht.
4. Schlussteil – Perspektiven des deutschen Bundeswahlsystems: Das Fazit resümiert, dass das Wahlsystem trotz historischer Skepsis zur politischen Stabilität beigetragen hat und für die Zukunft auf klare Strukturen und flexible Führungspersönlichkeiten angewiesen ist.
Schlüsselwörter
Bundeswahlsystem, Verhältniswahlrecht, Bundestag, Erststimme, Zweitstimme, Stimmen-Splitting, Überhangmandate, Sperrklausel, Grundmandatsregel, Demokratie, Partizipation, Wahlkreis, Politische Stabilität, Hare/Niemeyer-Prinzip, Legitimation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das deutsche Bundeswahlsystem und dessen Auswirkungen auf das politische System der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Funktionsweise des personalisierten Verhältniswahlrechts, die Rolle der Wahlkreise, die Bedeutung von Direkt- und Listenstimmen sowie die verschiedenen Mechanismen zur Steuerung parlamentarischer Mehrheiten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es zu erörtern, inwiefern das komplexe deutsche Wahlsystem zur Stabilität der Politik beiträgt oder den Wähler durch seine Komplexität möglicherweise überfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer politikwissenschaftlichen Analyse der gesetzlichen Grundlagen (Grundgesetz, Bundeswahlgesetz) sowie der Auswertung von Wahldaten und Fachliteratur renommierter Politikwissenschaftler.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen von Wahlen, die spezifische Ausgestaltung des deutschen Systems (z.B. Wahlkreise, Stimmen-Splitting, Überhangmandate) sowie eine kritische Auseinandersetzung mit Reformansätzen.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem das personalisierte Verhältniswahlrecht, die Sperrklausel, die Grundmandatsregel, das Stimmen-Splitting und die politische Legitimation.
Welche Rolle spielen die Überhangmandate im deutschen Wahlsystem?
Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate gewinnt, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis zustehen würden, was vornehmlich großen Parteien zugutekommt.
Warum ist die Sperrklausel von so großer Bedeutung?
Die Sperrklausel (Fünf-Prozent-Hürde) dient der politischen Konzentration und verhindert das Einziehen zu vieler kleinerer Parteien, um so die Radikalisierung des Parlaments zu vermeiden und die Arbeitsfähigkeit zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Holger Skorupa (Autor:in), 2007, Das deutsche Bundeswahlsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72752