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Literaturverzeichnis
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A. Einleitung
Im Januar 1921 berichtet Walter Benjamin seinem damals engstem Freund, Gershom Scho- lem,von einigen persönlichen Differenzen und Besorgnissen, Habilitationsabsichten, aktuellen und erwarteten Lektüren wie dem Gewalt-Buch von Sorel und einer besonderen Entdeckung, nämlich der „ ... Bekanntschaft mit einem Buche ... (,der) bedeutendste(n) Schrift über Politik aus dieser Zeit... Der Verfasser ist aus dem selben Kreise der Neo-pathetiker, dem auch David Baumgart 2 (...) angehört hat... “ 3 Vorsichtig kommt Benjamin Scholem gegenüber auf den Kern seines Berichts. Zuerst muß er sich mehrfach von diesen Leuten distanzieren, durch seine Erinnerung an Simon Guttmann als „ verrufenste und wirklich verderblichste Seite zur Zeit der Jugendbewegung“ , durch Oskar Goldbergs „ unreinliche Aura“ , 4 vom Zionismus der Gruppe durch „ völlige Teilnahmslosigkeit“ , bevor er über Erich Ungers und David Baumgardts „ gänzlich andre Art“ zu sprechen kommt, was sich ihm durch sein „ höchst lebhaftes Interesse an Ungers Gedanken, die sich z.B. was das psycho-physische Problem angeht mit den meinigen überraschend berühren“ erweist, um Scholem Ungers Schrift schließlich zu
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Walter Benjamin: Protokolle zu Drogenversuchen.
2 So in Benjamins Schreibweise David Baumgardt, dessen Buch, „ Franz Baader und die philosophische Romantik“ , Halle/Saale 1927, er 1931 für das Literaturblatt der Frankfurter Zeitung rezensiert hatte (Walter Benjamin: „ Ein Schwarmgeist auf dem Katheder: Franz von Baader“ , in ders.: Gesammelte Schriften, aaO. III, hg. von Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt/Main 1972, S. 304-308. „ Die Unverständlichkeit wird das tertium gewesen sein“ heißt es da. „ Im deutlichen Bewußtsein der Gefahr, die gerade hier ein jeder laufen würde, der, um sich seinem Gegenstande inniger zu nähern, zum ‚Konstruieren’ schreiten würde, hat der Verfasser eine höchst schmiegsame, dem Gegenstande glücklich angeformte, jede Gewaltsamkeit meidende Darstellung sich zu eigen gemacht.“ „ Baader ... ein Denker, ... der exegetisch und kommentierend ..., in der Form aber um so ungebundener und rhapsodischer vorgeht.“ (S. 305)
3 Walter Benjamin: Gesammelte Briefe. Hg. v. Theodor W. Adorno Archiv. Band II 1919-1924. Hg. v. Christoph Gödde und Henri Lonitz, Frankfurt/Main 1996, S. 127 f.
4 Die Mitteilung, „ daß das Hebräisch dieser Menschen aus der Quelle eines Herrn Goldbergs“ kommt und die unmittelbare Verbindung Goldbergs mit der unreinlichen Aura, der Benjamin es verdankt, ihm nicht die Hand reichen zu können, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, daß diese Art Hebräisch unreiner Art sei, oder daß schlicht Vorsicht geboten ist, allem, was aus dieser Quelle stammt, nicht zu nahe zu kommen.
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empfehlen. Am 27.10.1921 erwähnt Benjamin in einem Brief an Scholem, daß Unger „ in nächster Zeit beabsichtigt (...), den 30 Minuten-Doktor von Erlangen zu machen“ . 5 Wie schnell er auch immer sein, d.i. das Thema der Menschen um Goldberg abhandelte, auch die schnelle Erledigung gewisser akademischer Formalia, hindert ihn nicht, eine Übersetzungsarbeit abzuliefern: Übersetzen der „ Überlegungen und Theorien Oskar Goldbergs ... in die philosophische Sprache seiner Zeit.“ 6
Am 27.7.1922 legt Erich Unger die mündliche Prüfung in Erlangen ab; der Titel seiner Dissertation lautet „ Das psychophysiologische Problem und sein Arbeitsgebiet. Eine methodologische Einleitung“ . Sie liegt als Durchschlag eines handschriftlich korrigierten Typoskriptes in der dortigen Universitätsbibliothek und besteht aus einer zehnseitigen Vorbemerkung, einer zweiseitigen Literaturliste, der Erörterung von 32 Seiten und 13 Seiten einer „ paradigmatischen Gliederung des Literaturstoffes“ . Ich werde mich hier auch mit seiner „ paradigmatischen“ Bibliographie befassen, das heißt, ich will den einen oder anderen Titel und sei es nur den Titel in die Betrachtung seiner Herangehensweise miteinbeziehen. Wir dürfen davon ausgehen, daß dieses Bücherverzeichnis auf der Sammeltätigkeit der ganzen Gruppe um Goldberg 7 beruhte.
Wir treten ein ins Referieren der 30-Minuten-Dissertation. Was wollen wir hersagen, auf was hin soll dieser Dissertationstext abgefragt, d.i. klassifiziert, gewissermaßen indexiert und nacherzählt werden? Was können wir mitteilen; was verlesen, was darlegen, was müssen wir erklären? Eine solche erste, knappe Arbeit nimmt die vorgegebene Frage auf, um dem Überfluß unstraffen Redens eine Vielzahl von Erwägungen und Ansichten des dargelegten Materials zu entlocken und so durch Ordnen und Überprüfen am Ende vielleicht eine straffe Fassung der Frage vorlegen zu können. 8 Beim Durchblättern fallen die vielen Seiten mit Literaturangaben auf: Er will also das „ psychophysiologische Problem auf ein Arbeitsgebiet zu-ordnen“ , es „ seinem“ Arbeitsgebiet zuschlagen. Er vermeldet, „ daß die folgenden Ausführungen als methodologische Untersuchungen zu einem Unternehmen gelten wollen,
5 Gesammelte Briefe, aaO., S. 205
6 Manfred Voigts: Walter Benjamin und Erich Unger. Eine jüdische Konstellation, in: global benjamin. Internationaler Walter-Benjamin-Kongreß 1992, 3 Bde., hg. v. Klaus Garber und Ludger Rehm, München 1999, (durchgängig paginiert), Bd. 2, S. 839-855, hier: S. 840
7 Siehe dazu Manfred Voigts: Oskar Goldberg. Der mythische Experimentalwissenschaftler. Ein verdrängtes Kapitel jüdischer Geschichte, Berlin1992. Schilderungen des Goldbergkreises finden sich auch bei: Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen. Erweiterte Fassung. Aus dem Hebräischen von Michael Brocke und Andrea Schatz, Frankfurt/Main 1994, S. 182-186 und ders.: Walter Benjamin - die Geschichte einer Freundschaft, Frankfurt/Main 1997 (1975), 122-126
8 Zum straffen und unstraffen Fragen siehe Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1958, S. 17 f.
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welches zum Ziele hat, das psychophysiologische Problem nach Literatur und denkbaren Standpunkten so weit als möglich zu erschöpfen.“ 9
B. Zur Vorbemerkung
Gleich im ersten Satz seiner Vorbemerkung sieht er sich mit der „ Klassifikation der Wissenschaften“ 10 konfrontiert: Natur und Geist, - er referiert Positionen der Zeit, vor allem den Umbruch durch den Neukantianismus Rickertscher Herkunft, die Einführung des kulturwissenschaftlichen Paradigmas: auch Dinge des seelischen Lebens ließen sich generalisierend erfassen, Geschichte begriffe das einzelne in seiner individuellen und besonderen Wirklichkeit, vereinbar als individueller Begriffsinhalt mit der Beziehung auf allgemeine Werte, die „ dem ‚historischen Individuum’ nicht nur nicht widerstreitet, sondern dieses erst zu einem solchen macht“ . (3 f.) Er kommt also zu Rickerts Klassifikation in Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften 11 . Doch dem geht es nicht um eine strenge Scheidung, ihm schwebt ein Methodenpluralismus vor, um zu zeigen, wie in den Einzelwissenschaften „ sich das Allgemeine mit dem Besonderen YHUNQSIW, und wie aus der 9HUVFKLHGHQKHLWdieser Verknüpfung
die verschiedene logische Struktur der Wissenschaften zu verstehen ist“ 12 . Unger verbleibt in der herkömmlichen Scheidungsbegrifflichkeit, sich auf Dilthey, Spranger und Münsterberg beziehend, um diese „ Antithese als ein heuristisches Prinzip“ (5) zu gewinnen, - ihm geht’s um eine „ sekundäre Disposition“ , um eine „ untergeordnete Disjunktion, welche ... nach der Beziehung zwischen Geist und Körper orientiert ist“ (4) Woher benötigt er ein (kritisches) Hilfsmittel? Er will Geist und Körper verbunden und gegeneinander-abgegrenzt denken, trägt es als eine „ Fragwürdigkeit“ vor, beharrend auf den Geist als den eigentlichen Angriffspunkt, um „ die Totalität der erfahrbaren Welt“ (6) zu erfassen.
9 Erich Unger: Das psychophysiologische Problem und sein Arbeitsgebiet. Eine methodologische Einleitung, Diss. 1922, Friedrich-Alexander Universität Erlangen, S 9. (Im Folgenden belege ich die Textstellen durch in Parenthese stehende Ziffern.)
10 Gerhard Terton: Die Klassifikation der Wissenschaften als philosophisches Problem, Berlin 1968. Mit besonderem Eifer widmete sich das Zeitalter der Aufklärung dem systematischen Aufstellen und Katalogisieren der Objekte, der Sammlungsgegenstände und der Bücher, der Handschriften und Karten.
11 Da mit dem Wort ‚Geist‘ oft auch seelisches Sein gemeint ist, vermeidet Rickert den Terminus ‚Geisteswissenschaft‘ zugunsten von ‚Kulturwissenschaft‘. Der Gegensatz von Natur und Geist muß durch den von Natur und Kultur ersetzt werden, da die historische Begriffsbildung auf Werte rekurriert; diese aber konstituieren Kultur, nicht Geist.
12 Heinrich Rickert: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften I-II, Tübingen 1929, S. 475 (Hervorhebungen durch den Verfasser)
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Wenn es sich um den oder ganz unbestimmt um Geist dreht, geht die Frage schon seit Jahr-hunderten danach, was denn Geist überhaupt sei und wo er sich finde. 13 Ob man die „ Dunkelheit des Begriffes oder Wortes Geist von der Dunkelheit des Geistes selbst unterscheiden (kann)“ 14 , ergibt sich aus den Zugangs- bzw. Vermeidungsstrategien. Wenn es Heidegger um das Vermeiden geht, so sehen wir in Erich Ungers Dissertation ein geflissentliches Hineingehen in den Geist. Er benötigt den Geistbegriff, um mit dessen „ Chamäleonhaftigkeit“ 15 einen allseitigen Zugriff auf jede nur auch subjektiv verbürgte Wirkung vermeintlich immaterieller Herkunft zu gewinnen. Ihm geht es hier ebenso um eine klar unterscheidende „ Aufteilbarkeit des Weltganzen in Psyche und Physis“ (8). Der Begriff des Weltganzen ist ein von Rickert her stammender Erneuerungsbegriff, der hier gegen den Aristotelischen Sinn auf eine „ ontologisch universale, kritische und theoretisch-wissenschaftliche Erkenntnis der Universalität des Weltganzen, zu dem auch die Totalität der Bedeutungen, d.h. der Gesamtsinn des Lebens in der Welt, das Sinnganze der Welt gehört“ 16 , ab- und hinzielt. Streng genommen geht diese ideale Konzeption eines Weltganzen, einer unbedingten Totalität als Idee auf Kants transzendentale Dialektik zurück, 17 ohne die Dialektik genügend einzuführen. Unger verlegt sich auf eine Art elementare Scheidung, der er haltende Fassung durch sein Weltganzes zu geben sich bemüht, um darin alle Erscheinungen unterbringen zu können. In Kants „ Bewußtsein überhaupt“ sollen auch die Inhalte der Empfindungen übergehen und logische Formen annehmen, die unbequemen Unbegreiflichkeiten werden in logische Bewegung umgesetzt und somit rationalisiert. Es ist ein begreifliches Erziehungs- und Kontrollunternehmen gegen alle sich ungreifbar machenden, sich verflüchtigenden Formen, besonders der phantasmatischer Art, beispielsweise Swedenborgscher Provenienz 18 .
Doch Unger stellt sich dies Problem schwieriger, er eröffnet es gewissenhaft akademisch, um zügig ans gesteckte Ziel zu kommen. Wir werden genauer lesen, insbesondere die bereits erwähnte, etwa 25 Prozent der Arbeit umfassende Literaturliste, die in deutlicher Weise selektiert, d.h. hier weist Unger genau auf den Bereich, der im Rahmen des sogenannten
13 Vgl. Hartmut Buchner: Art. „ Geist“ , in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hg. v. Hermann Krings, Hans Michael Baumgartner und Christoph Wild. Studienausgabe Band 2, München 1973, S. 536-546
14 Jacques Derrida: Vom Geist. Heidegger und die Frage, Frankfurt/Main 1988, S. 71
15 Hartmut Buchner, aaO., S. 536
16 Rainer A. Bast: Rickerts Philosophiebegriff, in: Heinrich Rickert: Philosophische Aufsätze, hg. v. Rainer A. Bast, Tübingen 1999, S. XII
17 Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Nach der ersten und zweiten Original-Ausgabe neu hg. v. Ray-mund Schmidt, Hamburg 1976, S. 438 (A 407 | B 434)
18 Vgl. in diesem Zusammenhang: Hartmut und Gernot Böhme: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Frankfurt/Main 1983
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Michael Meyer, 2002, Erich Unger - Arbeit am psychophysiologischen Problem: Methoden und Ab-Lagerungen, München, GRIN Verlag GmbH
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