INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 2
1. Zur Entstehung des Lehrstücks - Die Kulturkrise der Zwanziger Jahre 3
2. Brechts Kritik am bürgerlichen Theater und seine Philosophie eines neuen Spieltypus 5
3. Das Lehrstück Die Maßnahme 8
3.1 Die Erzählebene 10
3.2 Die Maßnahme in der Kritik: Der Tod des jungen Genossen 13
3.3 Vergleichende Textanalyse 15
4. Brechts Lehrstücke: Heute noch zeitgemäß? 17
LITERATURVERZEICHNIS 19
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„Der heutige Mensch weiß wenig über die Gesetzlichkeiten, die sein Leben beherrschen. Er reagiert als gesellschaftliches Wesen meist gefühlsmäßig, aber diese gefühlsmäßige Reaktion ist verschwommen, unscharf, uneffektiv.“ 1
Der Ursprung des Begriffs ‘Lehrstück’ ist bis heute unklar. Weder lässt sich der Terminus in Wörterbüchern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden, noch ist sicher geklärt, ob es sich tatsächlich um eine Brechtsche Wortschöpfung handelt. Brecht war es allerdings, der diesen „Missverständnisse provozierende[n] Begriff“ 2 , der sich in vielen seiner Fragmente, Notizen und Berichte finden lässt, geläufig gemacht hatte.
Erst als am 28. Juli 1929 im Rahmen der Festtage Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929 das Lehrstück von Brecht und dem Komponisten Hindemith (Brecht zeichnete sich für den Text, Hindemith für die Musik verantwortlich) uraufgeführt wurde, setzte sich der Terminus ‘Lehrstück’ als Begriff und bald schon als Schlagwort in der Musikkritik durch. Er bezeichnete seither ein neues musikalisches Genre, einen eigenen Spieltypus, der sich in Form, Ursprung und Verwendungszweck von den klassischen Theaterstücken unterschied und sich von seinem Verwendungszusammenhang her definierte: als pädagogisch motivierte Gebrauchskunst für Laien: „[D]as Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt und nicht dadurch, dass es gesehen wird“ 3 , ist eine vielzitierte Aussage Brechts in diesem Zusammenhang.
Auch soll darauf hingewiesen werden, dass die Musik einen essentiellen Bestandteil der Lehrstücke darstellt, ohne die die Lehrstücke nicht denkbar gewesen wären. War die Brechtsche Textproduktion der Lehrstücke also einerseits auf die musikalische Umsetzung der Komponisten angewiesen, konnte die Musik ihrerseits von Brechts Texten der Lehrstücke nur profitieren, die damals, seiner eigenen Aussage nach, eine „Aussicht für die moderne Musik“ eröffneten. 4 Diesem damals neuartigen Spieltypus also widmet sich diese Arbeit, wobei auf die gerade angesprochene musikalische Komponente aus Platzgründen leider keine Rücksicht genommen werden kann. Auch hat dies nichts mit dem bis in die jüngste Vergangenheit gemachten Versäumnis der germanistischen Diskussion zu tun, die Musik als integralen Bestandteil der Lehrstücke anzuerkennen. 5 Herausgearbeitet werden soll vor allem der fast revolutionäre Charakter dieses neuen Spieltypus in einem von sozialen, gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Umwälzungen geprägten, technischen Zeitalter, in dem auch der gesamte Kulturbetrieb krisenhaften Entwicklungen unterworfen war. Auch soll gezeigt werden, inwieweit die Technifizierung und die gesellschaftlichen
1 Bertolt Brecht: Gesammelte Werke 15. Schriften zum Theater I, 20 Bde., hg. vom Suhrkamp Verlag, Frankfurt am
Main 1967. S. 295.
2 Klaus-Dieter Krabiel: Brechts Lehrstücke. Entstehung und Entwicklung eines Spieltyps. Stuttgart 1993. S. 1.
3 zitiert nach: Bertolt Brecht: Die Maßnahme. Kritische Ausgabe mit einer Spielanleitung von Rainer Steinweg.
Frankfurt a.M. 1972; ²1976. S. 251.
4 vgl. Bertolt Brecht: Die Maßnahme. S. 250.
5 vgl. Jan Knopf (Hg.): Brecht-Handbuch. Band I, Stücke. Stuttgart 2001. S. S. 265.
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Rahmenbedingungen die Menschen, aber auch die Kunst selbst beeinflusste. Brechts Kritik am traditionellen aristotelischen Theater spielt für den Ursprung und die Entwicklung der Lehrstücke eine ebenso wichtige Rolle wie seine Forderungen, die er an die damalige Kunstproduktion stellte und seine Überlegungen und Ideen, diese Kunstproduktion durch die Lehrstücke zu bereichern. Anhand der Maßnahme, sicherlich eines der umstrittensten Lehrstücke Brechts, sollen Lehrinhalte und Lernziele eines seiner Lehrstücke dargestellt und dabei gezeigt werden, dass es sich bei den Lehrstücken keinesfalls um starre Gebilde handelte, sondern Brecht immer wieder dazu bereit war, seine Texte auch selbstkritisch zu betrachten und ggf. zu ändern. Dies wird - wiederum am Beispiel der Maßnahme - u.a. daran deutlich, dass insgesamt fünf verschiedene Versionen dieses Stücks existieren. Anhand von zwei ausgewählten Versionen sollen Brechts Denkprozesse und Überlegungen, die zu diesen Veränderungen geführt haben, verdeutlicht werden. Mit dem Tod des jungen Genossen als ein zentraler Punkt in der Kritik der Maßnahme werden verschiedene Haltungen und Interpretationen skizziert und deutlich gemacht, weshalb das Stück bis heute kontrovers diskutiert wird.
Am Schluss soll auf die Frage eingegangen werden, ob und inwieweit den Lehrstücken im 21. Jahrhundert noch eine Bedeutung zugesprochen werden kann.
Der Ursprung des Lehrstücks ist nicht etwa in theatertheoretischen Überlegungen, sondern in Entwicklungen der Neuen Musik und des Musiklebens in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu suchen. Diese Entwicklungen sollen in diesem Kapitel kurz dargestellt werden. Brechts erste Lehrstücke waren Auftragsarbeiten, die in enger Abstimmung mit Komponisten entstanden, die Musik von Beginn an eine wesentliche Komponente des Konzepts dieser neuen Spielgattung.
Hintergrund für Brechts Interesse an der Musik und seine Zusammenarbeit mit der Leitung des Baden-Badener Musikfestes war eine sich seit Mitte der 20er Jahre abzeichnende allgemeine Kulturkrise und die Tatsache, dass sich Brechts ästhetische Auffassungen - zumindest vorerst noch - mit den Intentionen der Gebrauchsmusikbewegung deckten. Die Kulturkrise ergab sich durch die veränderten Umweltbedingungen des technischen Zeitalters, soziale, gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen, die sich, ebenso wie auf den Menschen dieser Zeit, auch auf den Kulturbetrieb negativ auswirkten. Wirtschaftliche Missstände, der inflationsbedingte Rückgang der Zuschauerzahlen und damit verbundene Umgestaltungen in der Publikumsstruktur und in der Erwartungshaltung der Zuschauer stellten die Bereiche der Musik, der Literatur und des Theaters vor ähnliche Probleme.
Ebenso wie der Neuen Musik, einer Bewegung, die sich stark von der Romantik des 19. Jahrhunderts abgrenzte, war es auch dem Theater noch nicht gelungen, adäquat auf die Veränderungen in Gesellschaft und Kultur zu reagieren und sich auf die neuen Bedürfnisse der
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Menschen einzustellen. Somit ergaben sich für Musik und Theater ähnliche Probleme, die sowohl jüngere Musikkomponisten als auch den Literaten Brecht miteinander verbanden. Unter den Schlagworten 'Gebrauchsmusik' und 'Gemeinschaftsmusik' hatte sich eine Bewegung von jüngeren Komponisten und Kritikern gebildet, die die Frage nach dem unmittelbaren Nutzen musikalischer Produktionen für den Konsumenten in das Zentrum ihrer Überlegungen stellten. Mit beiden Begriffen versuchte die Neue Musik ihre Krise und Isolierung zu überwinden und die aktuelle Musikpraxis außerhalb des Konzertbetriebs wieder einer breiteren Bevölkerungsschicht dauerhaft zugänglich zu machen. Man hoffte, das Musikschaffen von praktischen Zwecken, Bedürfnissen und Funktionen her - hier werden bereits Parallelen mit Brechts Forderungen nach einem von einem Gebrauchswert bestimmten Theater deutlich - zu erneuern und vielleicht wieder in einen unmittelbaren Zusammenhang mit Formen der Lebenspraxis bringen zu können. Dabei sollten sowohl die neuen technischen Medien Schallplatte und Rundfunk, als auch der Tonfilm berücksichtigt werden.
Mit der 'Gemeinschaftsmusik' glaubte man, eine bessere Integration des musizierenden Laien erreichen und den Konsumenten aktiver in musikalische Produktionen mit einbinden zu können. 'Gemeinschaftsmusik' war für den Gebrauch durch Sing- und Spielkreise bestimmt, deren aktive Teilnahme am Musikgeschehen ein wichtiger Bestandteil war. Auf dem Kammermusikfest, dem wichtigsten Festival der Neuen Musik, wurde 'Gebrauchsmusik' seit dem Sommer 1927 zum dominierenden Thema.
Im Sommer 1929 schließlich wurden mit der Radiokantate Der Lindberghflug und der Gemeinschaftsmusik Lehrstück auf diesem Festival erstmals vertonte Texte von Bertolt Brecht uraufgeführt. Aufführungsort war nicht das Theater, sondern das Konzertpodium bzw. der Rundfunk. Kritiken waren demnach hauptsächlich in Musikzeitschriften zu lesen, die Theaterkritik spielte, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Auch wenn das Lehrstück nach seiner ersten Aufführung heftigst diskutiert wurde, wurde es von der Öffentlichkeit sofort als Muster einer neuen Form musikalischer Praxis definiert und lieferte so der späteren Genrebezeichnung 'Lehrstück' seinen Namen. Auch dem Komponisten Paul Hindemith muss in dieser Hinsicht ein großes Verdienst zugesprochen werden, der, wie KLAUS-DIETER KRABIEL es ausdrückt, „die Voraussetzungen für das Lehrstück als Spieltypus geschaffen“ 6 und das Grundmodell des Spieltypus Lehrstück in Zusammenarbeit mit Brecht entscheidend geprägt hat.
Mit welcher Philosophie Brecht seine Forderungen nach diesem neuen Spieltypus untermauerte, und welche Rolle der Konsument dabei einnehmen sollte, wird in den nächsten Kapiteln zu klären versucht.
6 vgl. Krabiel: Brechts Lehrstücke, S. 52.
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Was Brecht am zeitgenössischen Theater kritisierte, war die Tatsache, dass es keinen Gebrauchswert mehr hatte. Dass ästhetische Produkte diesen Wert erfüllen mussten, war für ihn seit Mitte der Zwanziger Jahre eine ganz selbstverständliche Forderung.
In diesem Zusammenhang äußerte sich Brecht in einem ‘Gespräch über Klassiker’ mit Herbert Jehring 1929 folgendermaßen:
„Die Klassik dient dem Erlebertum. Der Nutzen der Klassiker ist zu gering. Sie zeigen nicht die Welt, sondern sich selber. Persönlichkeiten für den Schaukasten. Worte in der Art von Schmuckgegenständen. [...] Um diesen Wert (der Klassiker, Anm. des Verfassers) festzustellen, müssen wir ein geistiges Experiment machen. Wir stellen uns einfach vor, daß ein klassisches Werk, nehmen wir den 'Faust' oder den 'Tell', von Knaben dargestellt wird, von einer Schulklasse. Meinen Sie nun, daß dies einen Wert für diese Knaben hätte? [...] Würden Sie oder andere Menschen, von den Bewegungen, die sie auszuführen, die sie einzunehmen hätten, eine Nutzen haben? [...] was hätten diese Knaben [...] anders getan als ein paar schöne Worte gesprochen [...]? Unsere klassischen Werke sind nur für das Auge verfertigt, nicht für den Gebrauch.“ 7
Aus diesem kurzen Abschnitt wird deutlich, wo Brechts Kritik am Theater seiner Zeit ansetzt: an der nicht zeitgemäßen Aufführungspraxis von Stücken und Stoffen, die inhaltlich wie formal weder für die Ausführenden noch für die Zuschauer einen Nutzen hatten. Ganz im Gegenteil zu Brechts Vorstellungen eines sogenannten epischen Theaters 8 , orientierte sich das bürgerliche Theater noch immer am Ideal der auf Einfühlung, Katharsis und Mimesis basierenden Aristotelischen Dramatik. Doch dieses von „Weltbeglückerphrasen“ 9 durchtränkte Theater schien überholt, es hatte - wie Brecht immer wieder bemängelte - keinen ‘Gebrauchswert’ mehr, „bediente weder konkrete Erwartungen, noch nahm es - außer geschäftlichen - vitale Interessen wahr.“ 10 Die gesellschaftliche Wirklichkeit mit ihren großen aktuellen Themen, wie Kriege, Inflation, Weltwirtschaftskrisen und die veränderten, zunehmend politisierten menschlichen Beziehungen verlangten eine neue Dramenform, die nicht mehr auf den individuellen Helden und sein Schicksal ausgerichtet war. In einer Zeit, in der der Film und der Rundfunk, der Jazz und die großen Sportveranstaltungen nicht nur auf den Großteil der Bevölkerung, sondern auch auf Künstler und Literaten eine enorme Faszination ausübten, war das Theater, das durch die Konkurrenz dieser neuen Unterhaltungsformen erdrückt zu werden schien, jedoch nicht in der Lage, entsprechende
7 Bertolt Brecht: Werke. Schriften I. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Herausgegeben von
Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei und Klaus-Detlef Müller. Berlin, Frankfurt a.M. 1988ff. S. 314f.
8 vgl. Krabiel: Brechts Lehrstücke, S.19: „Episches Theater bedeutete die radikale, alle Aspekte von der
Dramaturgie über die theatralisch-schauspielerischen Mittel bis zur Rezeptionshaltung der Zuschauer einbeziehende
Veränderung des existierenden Theaters.“
9 Werner Mittenzwei: Bertolt Brecht. Von der „Maßnahme“ zu „Leben des Galilei“. Berlin/DDR, Weimar ³1973. S.
28.
10 Krabiel: Brechts Lehrstücke, S. 17.
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Arbeit zitieren:
Markus Bulgrin, 2004, Brechts Lehrstücke - Entstehung eines neuen Spieltypus unter besonderer Berücksichtigung der 'Maßnahme' , München, GRIN Verlag GmbH
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