Inhaltsverzeichnis
1. „ V nter yhn kein vnterscheyd denn des ampts halben allein“: Einleitung 3
2. „Dan alle Christen sein wahrhafftig geystlichs stands“: Hauptteil 4
2.1 Aufbau und Gliederung der Schrift 4
2.2 Entstehungskontext und Charakter 5
2.3 Der geistliche Stand aller Christen 6
2.3.1 Biblische Argumentation 6
2.3.2 Praxisorientierte und geschichtliche Argumentation 8
2.4 Hermeneutische Problematik: Wörtliche und bildhafte Rede 9
2.4.1 Charakterisierung 9
2.4.2 Einordnung und Folgerungen 10
2.5 Begriffsdefinitionen 11
2.5.1 Geistlicher Stand 11
2.5.2 Amt 11
2.5.3 Werk und Dienst 12
2.6 Konstituierende Elemente des Allgemeinen Priestertums 12
2.7 Konsequenzen des Allgemeinen Priestertums 14
2.7.1 Macht der weltlichen über die geistliche Gewalt 14
2.7.2 Eigenständige Schriftauslegung 15
2.7.3 Recht auf Einberufung eines Konzils 16
2.8 Freiheit und Pflicht des Priesters 16
2.9 Hierarchiekriterien des Allgemeinen Priestertums 17
2.9.1 Sünde 18
2.9.2 Gottgewollte Ordnung 19
2.9.3 Qualität der Offenbarung 20
2.10 Allgemeines Priestertum und geistliches Amt 20
2.11 Stringenz der Umsetzung des Allgemeinen Priestertums 21
3. „ S ollen wir mutig und frey werden“: Schluss 22
4. Bibliographie 23
2
1. „[V]nter yhn kein vnterscheyd, denn des ampts halben allein“ 1 :
Einleitung
Der Begriff des Allgemeinen Priestertums ist vieldeutig: Es ist begriffsimmanent nicht auszumachen, ob es sich bei diesem Ausdruck um die Beschreibung eines Priestertums handelt, in dem Priester einen allgemeinen Anspruch besitzen oder die Allgemeinheit in Form aller Menschen partizipiert oder in welchem beide Varianten zusammenfließen. Auch der Titel von Luthers Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ gibt zahlreiche Fragen auf: Wie sieht die Besserung des christlichen Standes aus? Um welche Art von Besserung geht es, welche Schritte sind dafür notwendig, wer soll diese Schritte vollziehen und warum? Luthers Adelsschrift und sein Verständnis vom Allgemeinen Priestertum berührten, ja symbolisierten zentrale Fragen und Probleme der damaligen Zeit. Sie bewegten sich im Spannungsfeld von Freiheit und Begrenztheit, Recht und Pflicht, Macht und Ohnmacht, weltlichem und geistlichem Handeln, Ordnung und Anarchie, Mittel- und Unmittelbarkeit – und nicht zuletzt von Hierarchie und Egalität, Gleichheit und Ungleichheit. Was bedeutet es für das Verständnis von Kirche, Gemeinde und Gemeinschaft der Gläubigen, wenn Luthers Verständnis vom Allgemeinen Priestertum konsequent zu Ende gedacht wird? In dieser Arbeit soll versucht werden, nach einer Klärung von Luthers Verständnisses und der kritischen Würdigung seiner Argumentation auch dieser Frage nachzugehen, auf die genannten Spannungen hinzuweisen und die unterschiedlichen Pole zueinander in Beziehung zu setzen.
1 Luther, Martin: Werke. Kritische Gesamtausgabe 6, hg. v. J. K. F. Knaake, G. Kawerau, E. Thiele u.a., Weimar
1888, S. 407.
3
2. „Dan alle Christen sein wahrhafftig geystlichs stands“2:
Hauptteil
2.1 Aufbau und Gliederung der Schrift
Luthers Adelsschrift gliedert sich in drei größere Sinnabschnitte: Nach der expliziten Anrede an Kaiser und Adel (Vgl. WA 405) geht der Autor zunächst in WA 405-415 zu der bildhaften Beschreibung dreier Mauern über, die von den Romanisten errichtet worden seien (Vgl. WA 406). Mit Hilfe der Metaphern charakterisiert Luther drei zentrale Missstände in der Kirche: Sie behaupte, dass sie über der weltlichen Gewalt stehe. Darüber hinaus beanspruche der Papst exklusiv das Recht zur Schriftauslegung und zur Einberufung eines Konzils (Vgl. WA 406). Die zentrale Bedeutung dieser drei bildhaften Mauern wird gleich zu Beginn herausgestellt: „[Die Roma-
nisten] haben [...] die drey rutten vns heymlich gestolen das sie mugen vngestrafft sein“ (WA 406). Sie werden von Luther also als Mittel zur Zurechtweisung und Strafe verstanden. Dieser erste Abschnitt kann als Kernstück der Schrift verstanden werden, da Luther in diesem ausführlich sein Verständnis vom Allgemeinen Priestertum entfaltet.
An ihn schließt sich in WA 415-418 eine Darstellung dreier Bereiche an, die im Rahmen eines Konzils behandelt werden müssten: die Selbstherrlichkeit des Papstes, die große Zahl der Kardinäle und der enorme Umfang des päpstlichen Hofes. Luthers lässt dann einen Exkurs über den römischen Rechtsmissbrauch in Form der geistlichen Jurisdiktion folgen (WA 418-427). Beide Teile fügen sich zu einem zweiten Sinnabschnitt der Schrift zusammen.
Im dritten Abschnitt (WA 427-465) bringt Luther in der zweiten Auflage seiner Schrift vor, „was wol geschehen mocht und solt von weltlicher gewalt odder gemeinen Concilio.“ (WA 427) Er führt dabei 26 Verbesserungsvorschläge an, von denen sich zwölf auf genuin römische Missstände beziehen und die folgenden die Christenheit im Allgemeinen betreffen. Der 27. Punkt kritisiert zahlreiche weltliche Übel (WA 465-469).
2 WA 407. Sämtliche Zitate aus der WA stammen aus dem 6. Band. Dem Sigle folgt die Angabe der Seitenzahl. Zur Wahrung der Übersichtlichkeit werden WA-Zitate außer in den Überschriften direkt im Fließtext belegt.
4
2.2 Entstehungskontext und Charakter
Die Analyse von Aufbau und Gliederung der Adelsschrift ist unmittelbar mit der Frage verknüpft, warum sich Luther für die Abfassung in eben dieser Weise entschied. Ausgehend von dieser Problematik sah sich die Forschung mit der Frage der Kohärenz der Schrift konfrontiert. Hierbei konnte bis heute kein Konsens erzielt werden: Die innere Einheit und Geschlossenheit des Textes wurde mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Formulierungsschärfe gegenüber Kurie und Papst innerhalb der einzelnen Abschnitte vehement bestritten, während andere Parteien stets von einer einheitlichen Konzeption ausgingen. 3
Der Titel der Luther-Schrift, der die deutschen Adeligen als Adressaten explizit benennt, lässt zunächst die These plausibel erscheinen, dass nach dieser eingrenzenden Anrede darin auch konkrete Anliegen thematisiert würden. Auch wenn dies in weiten Teilen zutrifft, muss aufgrund der oftmals allgemein gehaltenen Anreden im Text auf eine weitaus breitere Leserschaft geschlossen werden. 4 Diese Folgerung steht nicht im Gegensatz zur scheinbar eindeutigen Adressaten-Bezeichnung im Titel; es ist durchaus vorstellbar und sogar wahrscheinlich, dass sich ein Verfasser mit konkreten Anliegen an einen bestimmten Personenkreis richtet und zugleich die breite Öffentlichkeit sucht, um seinen Ausführungen damit zusätzliche Bedeutsamkeit zu verleihen.
Wer oder was aber muss sich nach Luther verändern, um dem christlichen Stand zu einer Besserung zu verhelfen? In der Frage, gegen wen sich die Schrift richtet, muss genau differenziert werden. Der Klerus als geistlicher Stand wird nicht kollektiv in seiner Gesamtheit angegriffen. Im Gegenteil: „Es gibt im Grunde nur ein klerikales Amt und eine Institution, gegen die Luther streitet – den Papst und die päpstliche Kurie“ 5 .
Luthers Beweggründe, diese Schrift im Jahr 1520 zu verfassen, verortet Karlheinz Blaschke schlüssig in drei Bereichen: Erstens war Luthers innerer Reifeprozess, der ihn zu neuen Erkenntnissen über den christlichen Glauben und einer kritischen Haltung gegenüber der römischen Kirche brachte, weit vorangeschritten.
3 Vgl. Luther, Martin: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, bearb. u. eingel. v. K. Blaschke, in: Studienausgabe. Bd. 2, hg. v. H. U. Delius, Berlin 1982, S. 89-168, hier: S. 92f.
4 Vgl. Moeller, Bernd: Klerus und Antiklerikalismus in Luthers Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation von 1520, in: Dykema, Peter A. u.a. (Hg.): Anticlericalism in late medieval and early modern Europe, Leiden u.a.
1993, S. 353-365, hier: S. 356.
5 Moeller, Bernd: Klerus und Antiklerikalismus, S. 360 (Hervorhebung im Original).
5
Zweitens erfuhr Luther von Reichsrittern und Humanisten, mit denen er sich in der Reflexion von weltlichen und national-patriotischen Problemstellungen verbunden fühlen durfte, Zustimmung und Ermutigung zur offenen Stellungnahme. Drittens dürften die damals aktuellen Bestrebungen, den Prozess gegen Luther als Ketzer weiter voranzutreiben, eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der Adelsschrift gespielt haben. Abseits aller Folgerungen aus Indizien und Mutmaßungen muss konstatiert werden, dass ein konkreter Schreibanlass für Luther bis heute nicht eindeutig benannt werden kann. 6
2.3 Der geistliche Stand aller Christen
2.3.1 Biblische Argumentation
Luther konfrontiert den Leser gleich zu Beginn des Textes mit der zentralen Botschaft seiner Schrift. In seiner Argumentation gegen die Behauptung, dass die geistliche über der weltlichen Macht stehe, bezeichnet er die sprachlich-formale Unterscheidung zwischen geistlichem und weltlichem Stand als „ein feyn Comment und gleyssen.“ (WA 407) Seine Hauptthese dient ihm zur Begründung dieser Aussage: „Dan alle Christen sein wahrhafftig geystlichs stands, unnd ist unter yhn kein vnterscheyd, denn des ampts halben allein“ (WA 407). Dieser Satz ist Kern und Grundlage seines Modells vom Allgemeinen Priestertum. Dementsprechend zentral ist daher die Analyse der Argumente, die er zur Untermauerung seiner These gebraucht. Diese finden sich teilweise im unmittelbaren Anschluss, teilweise aber auch in anderen Abschnitten im weiteren Verlauf des Textes. Zunächst sollen dabei gemäß Luthers Grundsatz sola scriptura und der damit verbundenen Absicht, Argumente und Einwände biblisch zu begründen bzw. zu widerlegen, die von ihm angeführten Bibelstellen näher beleuchtet werden.
Luther führt als erstes Argument 1 Kor 12,12ff an. Das Bild des Leibes, das Paulus an dieser Stelle zeichnet, ist mit der Aussage verknüpft, dass die vielen unterschiedlichen Glieder zu einem Leib gehören und damit in Sorge füreinander verbunden sind. Die Gemeinsamkeit der Glieder ist nach V.12 die Zugehörigkeit zum Leib durch die Taufe. Der Unterschied zwischen den Gliedern sind deren unterschiedliche Aufgaben – und auch Fähigkeiten: Das Auge etwa kann seiner Aufgabe nur nachkommen, weil es auch das Vermögen zum Sehen besitzt.
6 Vgl. Luther, Martin: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, bearb. u. eingel. v. K. Blaschke, in: Studienausgabe. Bd. 2, hg. v. H. U. Delius, Berlin 1982, S. 89-168, hier: S. 91.
6
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Florian Amberg, 2007, Luthers Verständnis des allgemeinen Priestertums in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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