Sprache haben. Dazu kommt auch, dass es bei den okkasionellen Wörtern meistens um
sprachspezifische Züge handelt, die auch ihre Übersetzung in eine andere Sprache erschweren. Von
da aus wurde es in dieser Arbeit auf die Übersetzung der Beispiele verzichtet.
2
1. Zum Begriff "Okkasionalismus" Die okkasionelle Wortbildung hat in der russischen Linguistik eine lange Tradition. Besonders in den letzten Jahren bekommt dieses Thema eine große Beachtung. Viele Autoren wie Feldman, Chanpira, Zemskaja, Namitokova, Lopatin, Lykov, Uluchanov u.a. haben sich bereits mit diesem Thema auseinander gesetzt. Doch gibt es bis jetzt keine einheitliche Theorie der Okkasionalität. Die Bestimmung dieses Begriffs variiert in den verschiedenen Arbeiten zu Okkasionalismen erheblich. In den existierenden Beschreibungen des grammatischen Aufbaus der russischen Sprache wird Okkasionalismen ein sehr begrenzter Raum zugewiesen. Okkasionelle Wörter werden beispielsweise zur Illustration des Grades und der Sphäre der Produktivität usueller Wortbildungstypen gebraucht.
Für die Bestimmung des Begriffs "Okkasionalismus" ist es notwendig, das System der sprachlichen Einheiten vorzustellen. Im Sprachgebrauch werden normalerweise zwei Klassen von Wörtern benutzt: 1) usuelle, d.h. im Wortschatz einer Sprache bereits vorhandene und auch im Wörterbuch fixierte Wörter, z.B. demokratija, olimpiada (Vgl. Uluchanov 2000:11). Sie werden ständig im Sprechakt reproduziert und erfüllen eine nominative, kommunikative und informative Funktion, 2) nicht-usuelle, d.h. neue, nicht im System einer Sprache existierende und auch nicht im Wörterbuch fixierte Wörter, z.B. dymokratija, fel'jetoniada. In dieser Arbeit werden nur nicht- usuelle Einheiten der russischen Sprache behandelt.
Im Bereich der nicht-usuellen Einheiten der russischen Sprache soll es zwischen Neologismen und Okkasionalismen unterschieden werden. Neologismen sind neue, vor kurzem entstandene motivierte Wörter, die im Sprachsystem bereits integriert sind, und im alltäglichen Sprachgebrauch problemlos reproduziert werden können, z.B. avtootvetčik, bezotchodnyj 2 (Vgl. Uluchanov 2000:11). Im Gegensatz dazu sind Okkasionalismen (vom lat. occasio – Zufall) motivierte Wörter, die nur aus einer einmaligen Situation raus entstanden sind und nicht im Sprachsystem verankert sind, z.B. neprijatinka. Das wichtigste Merkmal solcher Wörter ist der enge Zusammenhang mit dem Kontext, d.h. sie sind meistens nicht ohne Kontext, in dem sie entstanden sind, zu verstehen (Vgl. Zemskaja 1973:227). Der Terminus "Okkasionalismus" wurde zum ersten Mal von Feldman (1957) gebraucht. Er versteht unter dem okkasionellen Wort "slovo, obrazovannoje po yazykovoj maloproduktivnoj ili neproduktivnoj modeli, a takže po okkasionalnoj (rečevoj) modeli i sozdannoje na opredelennyj slučaj libo s cel'ju obyčnogo soobščenija, libo s cel'ju hudožestvennoj”. (Vgl. Feldmann 1957:66). Der Terminus “Okkasionalismus” ist in der linguistischen Literatur sehr verbreitet, doch finden sich auch andere Bezeichnungen für diese Wörter, wie z.B. “pisatel'skije
2 Probleme ergeben sich allerdings bei der Frage, ab wann und bis wann ist ein neues Wort als Neologismus zu
bezeichnen? Als ein Kriterium dafür gilt der allgemeinsprachliche Gebrauch eines neuen Wortes, durch den die
Integration als abgeschlossen zu werten ist.
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novoobrazovanija”, “tvorčeskie neologismy”, ”hudožestvennye neologizmy”, “stilističeskie neologismy”, “individual'nye neologizmy”, “slova-samodelki”, “slova-meteory”, “slova- odnodnevki”, “egologizmy”, “individualno-avtorskie novoobrazovanija”, “proizvedenija individual'nogo rečetvorčestva”, “efemernyje innovacii”.
Daraus folgt, dass Okkasionalismen von allen Autoren als Einheiten der Rede und nicht der Sprache bezeichnet werden, die immer spontan entstehen. Erst nach der Integration ins Sprachsystem werden sie zu Neologismen. Auch ihre Expressivität gilt für alle Autoren als Norm. Ich werde in dieser Arbeit der von den meisten Linguisten akzeptierte Begriff "Okkasionalismus" benutzen.
Im Folgenden werden die Probleme der Abgrenzung der Okkasionalismen von den anderen nicht-usuellen Einheiten der russischen Sprache behandelt, wie sie bei verschiedenen Autoren vorkommen.
2. Abgrenzung und Definition der Okkasionalismen
In den modernen Theorien der Okkasionalität bleibt die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen okkasionellen und potentiellen Wörtern weiterhin umstritten. Die Versuche, diese zwei Typen der Neubildungen voneinander abzugrenzen, wurden schon von mehreren Autoren 3 unternommen. Von den einzelnen Einteilungen abzusehen, existieren zwei Gesichtspunkte auf das Wesen der Okkasionalismen:
1) Unter den nicht-usuellen Neubildungen soll man zwischen potentiellen, d.h. der Sprachnorm entsprechenden und okkasionellen, d.h. gegen diese Norm gebildeten Wörtern unterscheiden.
2) Alle nicht-usuelle Neubildungen sind okkasionell, unabhängig davon, ob sie nach oder gegen die Regeln des Sprachsystems geschaffen wurden. In diesem Fall werden die potentiellen Wörter unter die Okkasionalismen eingeordnet.
Den ersten Gesichtspunkt vertreten vor allem Zemskaja und Chanpira, indem sie unter Okkasionalismen nur individuelle Wortschöpfungen verstehen. Den Gegensatz dazu bilden potentielle Wörter 4 , die nach den hochproduktiven Modellen gebildet werden. Laut Namitokova sollten auch die nach wenig produktiven Modellen gebildeten Wörter als potentiell bezeichnet werden, wenn dabei ein sprachliches Modell realisiert wird.
Zemskaja betrachtet potentielle Wörter und Okkasionalismen als zwei Polen der Wortschöpfung. Der Differenzierung zwischen potentiellen und okkasionellen Wörtern legt sie das Kriterium der Regelmäßigkeit und Produktivität zugrunde. Laut Zemskaja sind potentielle Wörter 5
3 Siehe Kapitel 1
4 Der Terminus „Neologismus“ wird nur im Bezug auf die potentiellen Wörter gebraucht.
5 Der Terminus "potentielles Wort" wurde von Vinokur (1967) eingeführt. Er versteht darunter "slova, kotorych
4
Derivate, die in der Regel hochproduktiven Modellen folgen, ohne deren Regeln, insbesondere die der Verbindbarkeit zu verletzen (Vgl. Zemskaja 1973:218), z.B. primarsit'sja, vozražatel'. Obwohl sie nicht im Wortschatz einer Sprache existieren, haben sie potentielle Möglichkeit ins Sprachsystem zu gelangen 6 , z.B. Substantive mit dem Präfix -anti 7 : antioriginalnost´ u.a. Demgegenüber sind Okkasionalismen stets mit einem Verstoß gegen die Wortbildungsregeln, bzw. gegen Produktivität und Verbindbarkeit verbunden. Sie sind Ergebnisse von Analogiebildungen, denen aber nicht ein Modell (ein abstraktes Muster), sondern ein konkretes Wort als Vorbild zugrunde liegt (Vgl. Zemskaja 1973:228-230), z.B. zloupotreblenie als Muster für dobroupotreblenie. Okkasionalismen sind einmalig und immer mit einem bestimmten Kontext verbunden. Ihr Unterschied zu den potentiellen Wörtern besteht darin, dass sie nur schwer in der Sprache integriert werden. Die Analyse von 2000 Wörtern 8 , die in der Bank russischer Neologismen vorgestellt sind, zeigte, dass nur 139 davon (z.B. avtopilot, bezothodnyj, bičevat' u.a.) im Wörterbuch der russischen Sprache von Ožegov und Švedova (1997) vertreten sind. Es sind die soziolinguistische, kulturelle und situationspragmatische Faktoren, die die Usualisierung neuer Wörter begünstigen, wie z.B. soziale Notwendigkeit, die Häufigkeit des Auftretens in verschiedenen Kontexten, die Entwicklung der Mehrdeutigkeit (Vgl. Popova 2005:25).
Im Bezug auf die Wortbildungsnorm nennt Zemskaja drei Typen von Okkasionalismen (Zemskaja 1973:229):
1. Okkasionalismen, die durch den Verstoß gegen die Wortbildungsregeln entstanden sind.
2. Okkasionalismen, die nach dem Muster der wenig produktiven oder gar unproduktiver
Einheiten entstanden sind.
3. Bildung von Okkasionalismen nach dem bestimmten Muster. Als Muster gilt in diesem Fall
ein einzelnes unproduktives Wort.
Laut Namitokova erweist sich solche Einteilung als problematisch, da z.B. die Bildungen nach wenig produktiven Modellen allerdings potentiell sind, wenn sie die Wortbildungsnorm nicht verletzen und nur als Realisierung eines bestimmten (wenn auch wenig produktiven) sprachlichen Modells auftreten (Vgl. Namitokova 1986:124).
Von der Relativität der Einteilung der Neubildungen in potentielle und okkasionelle spricht auch Lopatin (1973). Laut Lopatin ist jeder Typ potentiell produktiv. Jede Zeit ist die Bildung von Wörtern möglich, die nach unproduktiven Typen gebildet werden (Vgl. Lopatin 1973:114): z.B. die Wörter wie sedota, syrota, gor'kota sind nach dem in der usuellen Lexik unproduktiven Typ
faktičeski net, no kotorye mogli by byt', esli by togo zachotela istoričeskaja slučajnost'" (Vinokur 1967:15)
6 Davon kommt auch der Begriff "potentiell"
7 Der Präfix anti- verbindet sich leicht mit den Substantiven verschiedener Semantik. Das bedingt seine hohe
Produktivität.
8 Näher dazu in: Kotelova projekt slovarja novyh sistem 158-222
5
gebildet. Dementsprechend bezeichnet Lopatin Okkasionalismen als individuelle Mittel, die für einen bestimmten Kontext charakteristisch sind, bzw. für diesen Kontext geschaffen wurden. Der Gruppe der Okkasionalismen schließt er alle einmalige, für den Kontext geschaffene Wörter an, unabhängig davon, ob sie nach den Regeln des russischen Wortbildungssystems (potentielle Wörter) oder durch den Verstoß gegen diese Regel (individuelle Neubildungen) gebildet wurden (Vgl. Lopatin 1973:63). Solche Einteilung basiert auf dem Grundgedanken, dass alle diese Einheiten nicht im Sprachsystem integriert sind.
Eine vielseitige Analyse des okkasionellen Wortes gibt Lykov in seiner Arbeit „Russkoje okkasionalnoje slovo“. Er fasst neun Merkmale zusammen, durch die sich okkasionelle Wörter von kanonisierten, bzw. usuellen abheben: 1) Okkasionalismen als Phänomen der Rede, 2) Nichtreproduzierbarkeit, 3) Abgeleitetheit (es handelt sich um sekundäre Bildungen), 4) Nichtnormativität, 5) nominative Einmaligkeit, 6) Expressivität, 7) nominative Fakultivität, 8) synchronisch-diachronische diffuznost´ (diachron nicht veränderlich), 9) individueller Charakter (Vgl. Lykov 1976:11).
Anders als Zemskaja geht Lykov jedoch nicht grundsätzlich von einem Verstoß gegen die Norm als Merkmal des Okkasionalismus aus. Okkasionalismen können durchaus der Wortbildungsnorm entsprechen, z.B. okeanstvuet okean. Als wesentliches Kriterium der Bestimmung gilt die Opposition Usus vs. Nichtusus. Bildungen wie sineta "das Blau, die Bläue" (normativ: sineva, sin´) könnten zur Variativität der Sprache beitragen und Leerstellen in Wortbildungsparadigmen und Wortbildungsreihen schließen. (Ohnheiser 2000:653). Darauf basierend gibt Lykov folgende Definition des okkasionellen Wortes: "okkazional'noje slovo - ėto rečevaja ėkspressivnaja ediniza, obladajuščaja svojstvami nevosproizvodimosti (tvorimosti), nenormativnosti, nominativnoj fakul'tativnosti i slovoobrazovatel'noj proizvodimosti“ (Lykov 1976:36).
Lopatin und Lykov vertreten einen breiteren Gesichtspunkt auf das Wesen der Okkasionalismen. Sie vereinigen unter dem Begriff "Okkasionalismen" alle individuelle Wörter. Doch umfasst dieser Terminus bei ihnen nicht alle sprachlichen Varianten. Okkasionell können z.B. nicht nur Wörter, sondern auch ihre Bedeutungen, sowie Wortverbindungen und Redewendungen sein: z.B. granaty v meške ne utaiš (vgl. Redewendung šila v meške ne utaiš). Wenn es um die Wortbildung dieser Wörter geht, so scheint die Gegenüberstellung von Okkasionalismen und potentiellen Wörtern sinnvoll, da potentielle Wörter hochproduktiven Modellen folgen, die Okkasionalismen dagegen durch den Verstoß gegen die Wortbildungsnorm gebildet werden. Deshalb werden wir uns in dieser Arbeit auf die Einteilung von Zemskaja orientieren, indem wir Okkasionalismen von den potentiellen Wörtern abgrenzen und unter Okkasionalismen nur die individuellen Wörter verstehen, die 1) durch die Abweichung gegen die Wortbildungsnorm entstanden sind, 2) die Bildungen nach
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Daria Alekhina, 2007, Okkasionelle Wortbildung im Russischen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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