Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Klein 33 „Ain tunckle farb“ 3
1. Text 3
2. Übersetzung 4
III. Kommentar zur Übersetzung 5
IV. Interpretation unter Einbeziehung der Gattungsfrage 8
1. Erste Strophe 8
2. Zweite Strophe 9
3. Dritte Strophe 10
V. Zusammenfassung 11
VI. Literaturverzeichnis 14
2
I. Einleitung
Absicht dieser Arbeit ist es, eine Interpretation von Oswalds von Wolkenstein Lied Kl. 33
vorzulegen, innerhalb dieser die Gattungsfrage unter dem Gesichtspunkt „Ist Kl. 33 ein
Tagelied?“ diskutiert wird. Dafür ist zunächst eine Übersetzung des Liedes erforderlich, der
sich ein ausführlicher Kommentar bezüglich der sprachlichen und grammatikalischen
Schwierigkeiten anschließen wird.
II. Klein 33 „Ain tunckle farb“
1. Text
I Ain tunckle farb von occident
mich senlichen erschrecket,
Seid ich ir darb und lig ellend des nachtes ungedecket.
5 Die mir zu vleiss mit ermlein weiss und hendlin gleiss 5
kan freuntlich zu ir smucken, Die ist so lang, das ich von pang in meim gesang mein klag nicht mag verdrucken. Von strecken krecken mir all bain,
10 wenn ich die lieb beseuffte, 10
Die mir mein gier neur weckt allain, darzü meins vatters teuchte.
II Durch wincken wanck ich mich verker
des nachtes ungeslauffen,
Gierlich gedanck mir nahent ferr 15 mit unhilflichem waffen.
wenn ich mein hort an seinem ort nicht vind all dort, 5
wie offt ich nach im greiffe, So ist neur, ach, vil ungemach, feur in dem tach, Als ob mich brenn der reiffe. 20
und winden, binden sunder sail
10 tüt si mich dann gen tage.
Ir mund all stund weckt mir die gail mit seniklicher klage.
III Also vertreib ich, liebe Gret, 25
die nacht bis an den morgen. Dein zarter leib mein herz durchgeet, das sing ich unverborgen,
3
5 Kom, höchster schatz! mich schreckt ain ratz mit grossem tratz, davon ich dick erwachen, 30
Die mir kain rü lat spät noch frü, lieb, dorzü tü, damit das bettlin krache! Die freud geud ich auf hohem stül,
10 wenn das mein herz bedencket,
Das mich hoflich mein schöner bül 35
gen tag freuntlichen schrencket.
2. Übersetzung
I Eine dunkle Farbe von Westen
erschreckt mich Sehnsüchtigen, weil ich sie entbehre und jammervoll nachts unbedeckt liege,
5 sie, die es vermag, mich eifrig mit weißen Ärmchen und glänzenden Händchen 5
liebevoll an sich zu drücken.
Die ist so lange weg, dass ich vor Sorge in meinem Gesang meine Klage nicht unterdrücken kann. Vom Strecken krachen mir alle Knochen,
10 wenn ich die Geliebte beseufze, 10
die, nur die allein, meine Begierde weckt, und dazu Verlangen in meinem Unterleib.
II Ich wälze und drehe mich in der Nacht
schlaflos hin und her. Begehrliche Gedanken nahen sich mir von weitem 15 mit unnützen Waffen.
5 Wenn ich meinen Schatz dort an seinem Ort nicht finde,
sooft ich nach ihm greife, so ist nur, ach, viel Verdruss, Feuer unterm Dach, als ob mich der Reif brennte. 20
Und bei Tagesanbruch dreht und fesselt
10 sie mich ohne Seil.
Ihr Mund weckt immer meine Begierde samt sehnsüchtiger Klage.
III So verbring ich, liebe Grete, 25 die Nacht bis zum Morgen. Dein schöner Körper durchdringt meine Seele, das singe ich offen.
5 Komm, liebster Schatz, mir steht der Penis mit großer Hartnäckigkeit,
wovon ich häufig erwache. 30
Der lässt mir weder früh noch spät Ruhe, Liebste, tu doch etwas, damit das Bettchen krache. Vor Freude juble ich vom hohen Thron herab,
10 wenn meine Seele daran denkt,
dass mich meine schöne Geliebte 35
bei Tagesanbruch in höfischer Art und Weise liebevoll umarmt.
4
III. Kommentar zur Übersetzung
Senlichen in Vers 2 entspricht dem mittelhochdeutschen Adjektiv senlich (Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Stuttgart 1979 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1876]. Bd. 2, Sp. 878.), was „sehnsüchtig“ bedeutet. Man vergleiche dazu auch die Angaben von Josef Schatz (Sprache und Wortschatz der Gedichte Oswalds von Wolkenstein. Wien/Leipzig 1930 [Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse. 69. Bd., 2. Abhandlung]. S.
96.).
Nach Vers 4 nehme ich ein Komma statt eines Punktes an und folge somit Werner Marolds Angabe (Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein [Diss. Göttingen 1926]. Bearbeitet und herausgegeben von Alan Robertshaw. Innsbruck 1995 [Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 52]. S. 127.).
Die Bedeutung von zu vleiss (mittelhochdeutsch ze vlîze) in Vers 5 wird bei Lexer (Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Leipzig 1958 29 . S. 292, Sp. 1) mit „sorgfältig“ angegeben, „eifrig“ (vgl. Schatz, S. 67) erscheint mir hier aber die bessere Übersetzung zu sein. Lexer (Taschenwörterbuch, S. 299, Sp. 3.) gibt für vriuntlich die Bedeutungen „lieblich, angenehm“ an, Schatz (S. 68) schreibt „freundlich“, für freuntlich in Vers 6, beziehungsweise freuntlichen in Vers 36 erscheint mir aber „liebevoll“ als Übersetzung am sinnvollsten (vgl. Pretzel, Ulrich: Mittelhochdeutsche Bedeutungskunde. Heidelberg 1982, S. 133.). Bei der Übersetzung von die ist so lang in Vers 7 folge ich Schatz (S. 84.), der „die ist so lange weg“ angibt, was eine Mischung aus den Angaben „seit langem, lange Zeit“ bei Lexer (Taschenwörterbuch, S. 121, Sp. 2.) und „fern, weit fort“ bei Marold (S. 127.) darstellt. Meines vatters teuchte in Vers 12 ist ein durchaus interessanter Ausdruck, der auf den ersten Blick sinnlos erscheint. Vatter bedeutet laut Lexer (Taschenwörterbuch, S. 264, 3. Sp.) wörtlich „Vater“, teuchte leitet sich ab von mittelhochdeutsch tiuhte, das nach Lexer (Taschenwörterbuch, S. 226, Sp. 3.) „Bedrückung, Beschwerde, Kummer“ bedeutet (vgl. auch diuhen, nach Lexer [Taschenwörterbuch, S. 31, Sp. 3.] „drücken, schieben“.). „Meines Vaters Bedrückung“ wäre also die wörtliche Entsprechung von meines vatters teuchte, aber bei der Übersetzung ist zu berücksichtigen, daß vatter laut Deutschem Wörterbuch (Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. München 1984 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1893]. Bd. 25, Sp.
22.) „männlicher Unterleib vom Nabel bis zur Scham“ (vgl. Schatz, S. 101.) bedeutet, die wörtliche Übersetzung wäre also „Beschwerde des Unterleibs“ (vgl. Petzsch, Christoph: Text-und Melodietypenveränderung bei Oswald von Wolkenstein. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 38 [1964], S. 494.), was aber so hölzern klingt, daß
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Ines Hoepfel, 2004, Ist Oswalds von Wolkenstein Kl. 33 "Ain tunckle farb" ein Tagelied?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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