Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Warum Entwicklungsmodelle Und was können sie leisten 4
2.1 Entwicklungsmodell nach Günther 5
2.2 Schriftspracherwerb nach Spitta 9
2.3 Das Stufenmodell der Schreibentwicklung nach Valtin 12
3. Kritischer Rückblick und Fazit 16
Literaturverzeichnis 17
2
1. Einleitung
Lesen und Schreiben gehört heute zu den wichtigsten Kompetenzen die ein Mensch erwerben muss um in einer Gesellschaft, wie die unsere bestehen zu können und nicht ausgeschlossen zu werden.
Ein Leben ohne diese Fähigkeiten ist geradezu unmöglich und geht einher mit einem hohen Maß an Komplikationen und Kompromissen.
Weltweit lebten im Jahre 2003 knapp 862 Millionen Analphabeten 1 . Dabei gehört zu den Hauptaufgaben eines Grundschullehrers 2 , dass er seinen Schülern das Lesen und Schreiben lehrt und die Prozesse der Schreibentwicklung nachvollziehen kann.
Gerade in den letzten 20 Jahren beschäftigten sich Experten vermehrt mit der Thematik des Schriftspracherwerbs. Erst 1976 wurde der Begriff Schriftspracherwerb in die deutsche Diskussion eingebracht, zunächst von Weigl, später vor allem durch Brügelmann. 3 Nicht zuletzt durch die PISA-Studien wurde auch wieder die Gesellschaft auf dieses Thema mit seiner zusammenhängenden Problematik konfrontiert.
Doch wie erlernt man eigentlich Lesen und Schreiben? Welche Voraussetzungen muss ein Kind haben um Schreiben und Lesen zu erlernen? Welche Stufen und Phasen durchläuft es dabei?
Mit diesen Fragen möchte ich mich in meiner Hausarbeit beschäftigen. Dabei werde ich drei Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs detailliert vorstellen und anschließend einen kurzen kritischen Rückblick vornehmen. Ich habe die Modelle von Günther, Valtin und Spitta ausgewählt, weil sie zu den aktuellsten Entwicklungsmodellen gehören und auch im Hauptseminar „Schriftspracherwerb und Rechtschreibung“ schon vorgestellt wurden. Zudem möchte ich mich der Frage stellen, was Entwicklungsmodelle leisten und warum man sie für den Schriftspracherwerb ausgewählt hat.
1 http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus. 28.08.06. 17:26
2 Einfacherhalber wird immer die männliche Form verwendet
3 http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_II/Grundschul_Paedagogik/. 31.08.06. 20:17
3
2. Warum Entwicklungsmodelle? Und was können sie leisten?
Während man früher versuchte den Schriftspracherwerb beispielsweise mithilfe der Wortbildtheorie nach Bormann (1840) zu erklären, ist es heute so, dass man sich eher auf Entwicklungsmodelle stützt.
Entwicklungsmodelle beschreiben die schriftsprachliche Entwicklung des Kindes in ihrem zeitlichen Verlauf, das Kind durchläuft also beim Schriftspracherwerb verschiedene Phasen bzw. Stufen. Schriftsprachliche Entwicklungsmodelle gehen davon aus, dass nicht nur der kindliche Spracherwerb einem Entwicklungsprozess unterliegt, sondern dass auch der Schriftspracherwerb durch qualitativ unterscheidbare Entwicklungsstufen gekennzeichnet ist. Gerade für Pädagogen scheint die Erkenntnis, dass es sich beim Schriftspracherwerb um einen Entwicklungsprozess handelt, aus verschiedenen Betrachtungsweisen wichtig 4 :
1. Individuelle Entwicklungsverläufe
Jedes Kind ist anders, braucht eine andere Ansprache, lernt anders. Zeit, Raum und Geduld sind wesentliche Aspekte des Schriftspracherwerbs.
2. „Fehler“ geben Hinweise auf den Entwicklungsstand
Fehler gehören mit zur Entwicklung und sind ein wichtiger Bestandteil dessen.
3. Feststellung des Entwicklungsstandes
Um Aufschluss über den tatsächlichen Entwicklungsstandes eines Kindes zu erhalten, können unbekannte Worte (Wörter die nicht in seinem Lernwortschatz vorkommen) geschrieben oder gelesen werden.
4. Prinzipien und Fördermaßnahmen
Durch Ermittlung des Entwicklungsstandes kann gezielt gefördert werden um bspw. das nächst höhere Niveau zu erreichen.
Die Schriftsprachentwicklung wird bei den Entwicklungsmodellen als Denkentwicklung verstanden und - analog zu den Stufen der kognitiven Entwicklung von Piaget - aufeinander aufbauende, qualitativ unterscheidbare Stufen annehmen, auf denen jeweils unterschiedliche Strategien angewendet werden.
Beim Übergang von einer Stufe zur qualitativ höheren kann es dabei zu einer "Phase der Überlappung" kommen in der "bei schwierigeren Wörtern ... auf die alte, vertrautere Strategie
4 Vgl. Valtin, Renate: Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In:
Haarmann, Dieter. Handbuch Grundschule (Bd. 2). Fachdidaktik: Inhalte und Bereiche grundlegender Bildung.
Weinheim. 1994. S. 83 - 85
4
zurückgegriffen" wird. 5 Ebenso sind bei diesem Übergang »Übergeneralisierungen« zu beobachten, die vorübergehend sogar zu einem Ansteigen der Fehlerzahl führen können. Diese Fehler sind jedoch unter dem Entwicklungsaspekt als Weiterentwicklung zu werten. Wenn z.B. ein Kind den Vornamen »Jörn«, den es bisher naiv-ganzheitlich richtig geschrieben hat, plötzlich »Jiörn« schreibt, zeigt dies den Entwicklungssprung zum lauttreuen Konstruieren an, wenn aus »Kino« »Kieno« wird, ist das Rechtschreibmuster »Abbildung des langen i durch ie« entdeckt - wenn auch im konkreten Fall nicht der Konvention entsprechend eingesetzt - worden. Die Weiterentwicklung im schriftsprachlichen Denken kommt zustande, weil das Kind als aktiver Lerner aus seinen Erfahrungen mit Beispielen der Schriftsprache selbst eine Ordnung konstruiert.
„Der Unterricht im Erstlesen und Schreiben sollte – dies lässt sich als allgemeiner Grundsatz fassen – die Selbstständigkeit des Kindes [...] ermöglichen.“ 6
2.1 Entwicklungsmodell nach Günther
Günther stellte sein „Stufenmodell des Schriftspracherwerbs als Entwicklungsprozess zum Schriftspracherwerb“ im Jahre 1989 vor. Es ist stark angelehnt an das Stufenmodell von Uta Frith (1985/86), jedoch ergänzte Günther sein Modell um drei wichtige Phasen (die präliteral- symbolische Phase, logographemische Phase und integrativ-automatisierte Phase). Aufgrund der ausgeprägten Parallelen beider Modelle werden diese üblicherweise zusammengefasst und als Frith-Günther-Modell bezeichnet.
Günthers Modell besteht aus fünf zweistufigen aufeinanderfolgenden Phasen, die in einer wechselseitigen Beziehung zum Lesen und Schreiben stehen. Nach Günther kann man Lesen (Rezeption) und Schreiben (Produktion) nicht voneinander trennen, sondern sie sind miteinander verstrickt und stehen eher in Abhängigkeit zueinander. In jeder dieser Phasen wird alternierend zwischen den beiden Modalitäten (Lesen und Schreiben) eine neue Strategie angewandt, die den Erwerbsprozess einem höheren Niveau zuführt 7 .
5 Spitta, Gudrun: Kinder entdecken die Schriftsprache-Lehrer bzw. Lehrerinnen beobachten die Sprachlernprozesse. In: Valtin, Renate; Naegele, Ingrid. „Schreiben ist wichtig“. Grundlagen und Beispiele für kommunikatives Schreiben(lernen). Arbeitskreis Grundschule e. V.. Frankfurt am Main. 1986. S. 69 6 Valtin, Renate: Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In: Haarmann, Dieter. Handbuch Grundschule (Bd. 2).
7 Günther, Klaus B.: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: Balhorn, Heiko; Brügelmann, Hans: Rätsel des Schriftspracherwerbs. Neue Sichtweisen aus der Forschung. Libelle. Lengwil am Bodensee. 1995. S. 99
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Isabelle Neuhaus, 2006, Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs, Munich, GRIN Publishing GmbH
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