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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der
Fremdheitswahrnehmung in der hispanoamerikanischen Literatur 4
2.1 Unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im
20.Jahrhundert 4
2.2 Das Konzept des Phantastischen in der hispanoamerikanischen Literatur 7
3. Der Essay Turismo aconsejable als Beispiel für die besondere Fremdheits
wahrnehmung bei Julio Cortázar 9
3.1 Julio Cortázar: Leben und Werk des argentinischen Schriftstellers 9
3.2 Inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays Turismo aconsejable 10
3.3 Interpretation des ausgewählten Aufsatzes von Julio Cortázar 13
3.4 Neophantastische Aspekte des Essays Turismo aconsejable 14
4. Die neophantastische Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar als Beispiel für
die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20
Jahrhundert 16
5. Resümee 17
Literaturverzeichnis 19
Auswahlbibliographie 20
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1. Einleitung
Die historische Entwicklung der lateinamerikanischen Literatur gehört zu den wohl bemerkenswertesten der internationalen Literaturgeschichte. Ausgehend von vereinzelten Werken der indianischen Kultur wird der literarische Weg Lateinamerikas aus europäischer Sicht vor allem durch die Entdeckung des amerikanischen Kontinents im Jahr 1492 und der nachfolgend einsetzenden Kolonialzeit interessant. Vom 16. bis zum 18.Jahrhundert steht Lateinamerika nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch in kultureller Hinsicht unter dem Einfluss der europäischen Kolonialmächte, allen voran Spanien und Portugal. Erst im 19. und noch mehr im 20.Jahrhundert kommt es, bedingt durch die politischen Veränderungen, zu einer forcierten Neuorientierung auch der lateinamerikanischen Literatur. Dies zeigt sich in erster Linie an der Entstehung der Nationalliteraturen und an der neuen Gattung des für den Kontinent typisch gewordenen „Magischen Realismus“. Zu den wichtigen neuen Gattungen, die in dieser Zeit in Lateinamerika vorzufinden sind, zählt ebenfalls der Essay, dessen Beitrag zur Transformation der lateinamerikanischen Literatur im 20.Jahrhundert in dieser Arbeit exemplarisch untersucht werden soll.
Die vorliegende Arbeit wird sich im Kern mit der Analyse des Essays Turismo aconsejable von Julio Cortázar beschäftigen und hier insbesondere die Erscheinungsformen des Phantastischen, sowie die besondere Fremdheitswahrnehmung behandeln. Zunächst jedoch sollen im ersten Teil der Untersuchung unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im 20.Jahrhundert vorgestellt werden. Des Weiteren soll das Konzept des Phantastischen in der Literatur im Allgemeinen definiert und erörtert werden, um im Folgenden anhand der Beispiele lateinamerikanischer Autoren spezielle Formen von phantastischer Literatur zu verdeutlichen. Der Hauptteil der Arbeit setzt sich mit dem Essay Turismo aconsejable von Julio Cortázar auseinander, der hier als Beispiel für die besondere Fremdheitswahrnehmung des Schriftstellers angeführt wird, die auch in einigen seiner übrigen Werke vorzufinden ist. Einleitend sollen zunächst kurz die Biographie und das literarische Werk des argentinischen Autors vorgestellt werden. Im Anschluss daran folgt eine inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays, die die Grundlage für die nachfolgenden Kapitel bildet. Diese beschäftigen sich erst mit möglichen Interpretationsansätzen zum Essay, um dann, mit Bezug auf die strukturelle Analyse von Turismo aconsejable, die neophantastischen Aspekte des Essays herauszuarbeiten. Im letzten Teil der Arbeit wird beispielhaft die Bedeutung der neophantastischen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20.Jahrhundert erörtert. Dies soll unter Berücksichtigung der folgenden Leitfragen geschehen, deren
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Antworten abschließend in einem kurzen Resümee festgehalten werden: Welche Formen der Fremdheitswahrnehmung sind in der neueren hispanoamerikanischen Literatur vorzufinden? Welche Aspekte neophantastischer Literatur sind speziell im untersuchten Essay vorhanden? Inwiefern spiegelt Turismo aconsejable die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20.Jahrhundert wider?
Die hier verwendete Primärliteratur, der Essay Turismo aconsejable von Julio Cortázar, stammt aus dem Sammelband Último Round, der Essays aber auch Gedichte enthält und 1969 in Buenos Aires veröffentlicht wurde. 1 Die im Rahmen dieser Arbeit verwendete Sekundärliteratur ist sowohl deutsch- als auch spanischsprachig und umfasst allgemeine Werke über die phantastische Literatur, sowie über die lateinamerikanische Literaturgeschichte. Aber auch spezielle Beiträge zum Werk Julio Cortázars werden insbesondere bei der Analyse des Essays Turismo aconsejable mit einbezogen. 2
2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der Fremdheits-
2.1 Unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung
im 20.Jahrhundert
In den Werken der lateinamerikanischen Literatur des 20.Jahrhunderts lassen sich verschiedene Formen der Fremdheitswahrnehmung erkennen. Zu diesen Formen oder Modellen gehören unter anderem der „Magische Realismus“ (el realismo mágico) und das „Wunderbare Wirkliche“ (lo real maravilloso), die eng miteinander verwandt sind. Darüber hinaus soll als weiteres Beispiel für eine lateinamerikanische Fremdheitswahrnehmung kurz auf die Besonderheiten der „Testimonialliteratur“ (la novela testimonial) eingegangen werden. Alle drei exemplarischen Modelle stehen in einem Zusammenhang zum Konzept der Phantastischen Literatur, den es im Anschluss zu verdeutlichen gilt, wenn einige wichtige Definitionen und Strömungen des Genres aufgeführt werden.
1 Julio Cortázar: Turismo aconsejable, in: Skirius, John (Hrsg.): El ensayo hispanoamericano del siglo XX., Fondo de Cultura Económica, Mexiko Stadt, 2004, S. 437-446.
2 Zur phantastischen Literatur: Uwe Durst: Theorie der phantastischen Literatur, Tübingen 2001; zur lateinamerikanischen Literaturgeschichte: Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995 und Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2002; zum Werk Julio Cortázars: Julia G. Cruz: Lo neofantástico en Julio Cortázar, Madrid 1988 und Alicia H. Puleo: Cómo leer a Julio Cortázar, Madrid 1990.
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Der Begriff des real maravilloso wurde zum ersten Mal von Alejo Carpentier in dem Vorwort zu seinem Roman El reino de este mundo („Das Reich von dieser Welt“) aus dem Jahr 1942 verwendet. In diesem Werk, das Einblicke in die Geschichte Haitis gewährt, entwickelt der kubanische Autor seine Theorie einer magisch-wunderbaren Realität. Die Besonderheit seiner Fremdheitswahrnehmung liegt darin, dass die Existenz des Wunderbaren und des Außergewöhnlichen, entgegen den Denkweisen der Rationalität, zur Wirklichkeit wird. Aus einer vermeintlichen Utopie wird somit Realität. In diesem realistischen Diskurs entwickelt Carpentier einen Gegenentwurf zu der Meinung positivistischer Ethnologen und Mythenforscher. Das Modell der Fremdheitswahrnehmung des Kubaners beschreibt Walter Bruno Berg als „Erkenntnistheorie lateinamerikanischer Wirklichkeit“, die für den europäischen Leser konzipiert sei. 3 Dieser müsse sich nach Carpentier auf die Theorie des real maravilloso einlassen, um die Werke der lateinamerikanischen Literatur besser verstehen zu können. So sagte Alejo Carpentier selbst einmal, und diese Bedingung setzt wohl auch die Phantastische Literatur im Allgemeinen voraus, Folgendes: „La sensación de lo maravilloso supone una fe“ („die Erfahrung des Wunderbaren setzt Glauben voraus“). Der Begriff der Wirklichkeit beruht bei dieser „Erkenntnistheorie“ indes auf der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, was wiederum eine „Dekontextualisierung“ der Kultur ermögliche. Das Problem des lateinamerikanischen Kulturverständnisses, des entendimiento, liegt nach Carpentier für den europäischen Leser in der „Relativität des Wunderbaren“. Der Auslöser für diese Relativität ist die eurozentrische Fremdheitswahrnehmung der hispanoamerikanischen Kultur. 4 In einem engen Zusammenhang mit dem Begriff des real maravilloso taucht in der lateinamerikanischen Literaturtheorie der Gedanke des Magischen Realismus, des realismo mágico, auf. Die Theorie des Magischen Realismus wurde in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts erstmals von dem Deutschen Franz Roh entworfen. In Lateinamerika gehören neben Alejo Carpentier auch der Kolumbianer Gabriel García Márquez, mit seinem Werk Cien años de soledad („Hundert Jahre Einsamkeit“) sowie die Chilenin Isabel Allende, mit La casa de los espíritus („Das Geisterhaus“), zu den bekanntesten Vertretern des realismo mágico. Dieser wird allgemein als die lateinamerikanische Antwort auf die phantastische Literatur des 19. und 20.Jahrhunderts in Europa bezeichnet. Auch die Theorie des Magischen Realismus beruht im Kern auf der Beschreibung beziehungsweise Wahrnehmung des Irrealen
3 Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995, S. 214. 4 ebd.: S. 211-216.
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und Fremden als etwas Alltägliches und Reales. 5 Nach Walter Bruno Berg formt der realismo mágico gar einen Pool der „Elemente der ,Neuen Welt’, der Fremdes, Mythisches, Transrationales und Phantastisches“ beinhaltet. 6 Zu den wichtigsten Charakteristika des realismo mágico gehört, dass er zwar aus einem realistischen Diskurs besteht, also eine realistische Beobachtung der Welt wiedergibt, jedoch nicht über einen chronologischen Aufbau verfügt (stattdessen zum Beispiel die Anwendung einer zyklischen Zeitordnung) und eine magische, nicht logische, Darstellungsweise verwendet.
Ein drittes Beispiel für die Fremdheitswahrnehmung in der lateinamerikanischen Literatur ist die Testimonialliteratur. Die wohl bekannteste Vertreterin der sogenannten novela testimonial ist die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska, die mit Werken wie Hasta no verte Jesús mío, La noche de Tlattelolco oder Fuerte es el silencio Aufmerksamkeit erregte. Die literatura testimonial kann als „die direkte Quelle einer erzählten Realität“ bezeichnet werden, in der die geschilderten Fakten, in Form von Zeugenaussagen, in die Handlung integriert werden. Grundsätzlich kann hier zwischen den drei Haupttypen des autobiographischen Berichts, der soziologisch-ethnographischen Dokumentation und des auktorialen Berichts unterschieden werden. 7 Der Autor der novela testimonial verfolgt in der Regel eine bestimmte Absicht, die er durch die Verwendung nicht fiktiver Elemente, und die somit entstehende scheinbare historische Authentizität, vermitteln möchte, die darüber hinaus zu einer Identifikation des Lesers mit dem Zeugen führt. Die besondere Herausforderung an den Leser besteht bei dieser Form der Fremdheitswahrnehmung darin, dass er die Aussagen der Zeitzeugen selbst, ohne Hilfe des Autors, kanalisieren und sich in der fremden Welt zurechtfinden muss. Diese Wahrnehmungsform wiederum weist einige Parallelen auf zu den in der phantastischen und neophantastischen Literatur angewandten Formen. Inwiefern daher die drei vorgestellten Modelle einer lateinamerikanischen Fremdheitswahrnehmung zugleich grundlegend und beispielhaft sind für die weitere Transformation der phantastischen Literatur auf diesem Kontinent, zeigt sich bei der Untersuchung der Entwicklung im Verlauf des 20.Jahrhunderts.
5 http://www.public.asu.edu/~aarios/resourcebank/definitions/ (Homepage der Arizona State University vom
24.03.2006) 6 Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995, S. 211. 7 http://www.uni-muenster.de/CeLA/publik/Ah/AH52.html (24.03.2006)
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Magister Artium Björn Schröder, 2006, Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable, Munich, GRIN Publishing GmbH
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