2
Im „Rhöndorfer Exil“ gehörte ein Bonner Bekanntenkreis mit dem Kunsthistoriker Josef Busley, dem Zahnarzt Joseph Vollmar 4 und dem Syndicus der Handwerkskammer Fritz Schliebusch zu Adenauers Bezugspunkten. In jener Zeit hat sich „in Bonn und Bad Godesberg ein ganzes Nest ehemaliger Zentrumspolitiker zusammengefunden“. 5 Dazu gehörten neben Adenauer der frühere Reichskanzler Wilhelm Marx, Andreas Hermes, Reichsernährungsminister a. D. und späterer nach der Befreiung aus der Todeszelle in Plötzensee Gründer der CDU, Prof. Albert Lauscher als ehemaliger Vorsitzender des preuß. Zentrums, Rudolf Ameluxen - im Plittersdorfer Haus des späteren ersten Regierungschefs von Nordrhein-Westfalen fand Adenauer nach dem Röhmputsch eine zeitweilige Bleibe - und Prof. Benedict Schmittmann mit seiner Frau Ellen. Auch nach dem Krieg blieb Bonn für die Familie Adenauer vielfacher persönlicher Bezugspunkt. So studierte Sohn Paul in Bonn Katholische Theologie und Sohn Georg besuchte das Godesberger Aloisius-Kolleg. 6
Seine erste große Rede an die Bonnerinnen und Bonner hielt Konrad Adenauer am 7. April 1946 im Kuppelsaal des Museums Koenig. Seine Worte zum Schluss der Rede offenbaren auch den persönlichen Bezug des späteren Bundeskanzlers zur späteren Bundeshauptstadt: „Lassen Sie mich zum Schluss noch ein Wort zu Ihnen sagen als Einwohner der Stadt Bonn. Jede Stadt am Rhein hat ihr besonderes Gesicht, ihre besondere Aufgabe. Ich kenne Bonn. Ich war der Vorsitzende der Bonner Studenten 1½ Jahre lang, und ich habe seit vielen Jahren im geistigen Bereich Bonns gelebt und an seinen geistigen und kulturellen Leben Anteil genommen. Bonn hat die Aufgabe, ein geistiges und kulturelles Zentrum am Rhein zu sein, ein deutsches geistige Zentrum, aber durchdrungen von der Atmosphäre des rheinischen Landes, weltoffen und aufgeschlossen gegenüber dem Westen und gegenüber dem europäischen Geiste. Ich hoffe und ich wünsche, dass Bonn und Bonns Alma matar aus Schutt und Asche wieder auferstehen möge zu neuem Leben, dass Bonn diese Aufgabe, die das Schicksal ihm zugewiesen hat, erfüllen wird.“ 7
4
Als Adenauer im September 1944 aus dem Krankenhaus Hohenlind floh, um sich den Zugriff der Nazis bis zum Eintreffen der Amerikaner zu entziehen, übernachtete er auf der Flucht in Vollmars Bonner Wohnung (vgl. Schwarz, Adenauer I, S. 402).
5 Schwarz, Adenauer I, S. 403.
6 Vgl. Hans-Peter Schwarz/Rudolf Morsey (Hrsg.), Adenauer, Rhöndorfer Ausgabe, Briefe 1951-1953, Rhöndorf 1987, S. 336 ff. (im folgenden abgekürzt: Rhöndorfer Ausgabe).
Dort wollte Adenauer im Februar 1953 übrigens die Abiturrede für den Abiturjahrgang seines Sohnes halten. Wegen einer Grippe musste er kurzfristig absagen, aber die typisch Adenauersche heiter-ernste Rede wurde vom damaligen Ako-Direktor Pater Dr. Hubert Becker verlesen.
7 Eine Rede, die Adenauer für den 18. Februar 1948 beim Parteitag des Kreisverbandes Bonn-Land in Godesberg zugesagt hatte, musste er kurzfristig absagen und bat um Weitergabe des Redemanuskripts an die Versammlung. Das Manuskript ist im Archiv der „Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus“, Rhöndorf erhalten.
3
An seinem 75. Geburtstag am 5. Januar 1951 wurde Konrad Adenauer - wie es in der Urkunde u. a. heißt „als bescheidener Dank dafür, dass der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland den Bürgern unserer Stadt sich ganz besonders verbunden fühlt“ die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bonn verliehen. Aus diesem Anlass beschrieb der Bundeskanzler und Bonner Abgeordnete in einer Rede von der Rathaustreppe, von der 1848 auch Karl Schurz gesprochen hatte, sein Verhältnis zu Bonn u. a. mit den Worten:
„Dann bin ich aber doch zum Teil deswegen Bonner, weil mein Vater in Bonn geboren ist. Und weiter, meine lieben Bonner, war ich drei Semester in Bonn Student. Ich erinnere mich, dass auf dem alten Markplatz die Bonner Stadtsoldaten Fastnacht mächtig ihre Wesen und Unwesen treiben und dass sie die Leute verhafteten und hereinbrachten. Die Zeiten sind anders geworden. Das Bonn von damals besteht noch zum Teil. Ich sage nicht, es ist vergangen, denn von der alten Tradition Bonns ist doch noch Gott sei Dank viel erhalten geblieben, und wenn Bonn jetzt Hauptstadtsitz geworden ist, muss es doch bestrebt sein, von seiner alten Tradition möglichst viel durch die Wirrnisse dieser Zeit mitzunehmen in die Zukunft. …Aber Bonn ist nicht nur eine Hohenzollern-Universitätsstadt gewesen, Bonn war immer eine Hochburg demokratischen Gedankens, und eben ist mir gesagt worden, dass von dieser Stelle aus seinerzeit Schurz zu den Bonnern gesprochen hat und ebenfalls Kinkel. Meine Freunde, ich halte fest an dem freiheitlichen Geist, der diese Männer beseelt hat und ich sage Ihnen im Namen der Bundesregierung, dass wir uns mit ganzer Kraft dafür einsetzen werden, dass eines Tages unser geliebtes deutsches Vaterland wieder frei und geachtet im Rate der Völker dastehen wird. Dazu brauchen wir die Mithilfe der deutschen Bevölkerung und insbesondere der deutschen Jugend. Ich habe eben gehört, dass die Bonner Jugend den Problemen unserer Zeit aufgeschlossen gegenüber steht. Ich freue mich darüber und bitte Sie: Halten Sie fest daran, dass von Bonn ausgehen muss in die deutschen Lande dieser Geist einer wahren demokratischen Freiheit.“ 8
Die erste Bundestagskandidatur
An der Bonner CDU-Parteigründung selbst war Konrad Adenauer nicht beteiligt gewesen, im September 1945 war er noch Kölner Oberbürgermeister. Erst einige Zeit nachdem er am 6. Oktober 1945 aus diesem Amt entlassen wurde, kümmerte er sich nach anfänglichem Zögern um den Aufbau der CDU in der britischen Zone, deren Vorsitz der 1946 übernahm. Dennoch gibt es deutliche Bezüge Adenauers zu den Bonner Christdemokraten. Dabei spielen vor
8 Zit. nach Bonner Rundschau vom 6. Januar 1951.
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allem seine persönlichen Kontakte zum ersten CDU-Kreisvorsitzenden Bonn-Stadt, Rechtsanwalt Johannes Henry, eine Rolle.
Kennengelernt hatten sich Henry und Adenauer - beide Jahrgang 1876 - in der katholischen Bonner Studentenverbindung Arminia. Als Henry im April 1896 dort eintrat, gehörte Adenauer bereits zur Aktivitas der Verbindung. Die beiden Bundesbrüder verband in den folgenden Lebensjahren über das gemeinsame Jurastudium hinaus ein ähnlicher Lebensweg. Beide wurden im Zentrum aktiv, dessen Bonner Vorsitz Henry 1907 übernahm, während Adenauer im Kölner Zentrum immer weiter nach vorne rückte. Als 1917 eine Nachwahl in den Reichstag erforderlich wurde, wurde Henry sogar für zwei Jahre Bonner Reichstagsabgeordneter des Zentrums in Berlin. Von 1919-1932 wirkte Johannes Henry dann als Verbandsgeschäftsführer des Kartellverbandes der katholischen Studentenverbindungen Deutschlands. 9 Auch Adenauer war ja bald überregional aktiv geworden. Wie Adenauer 1933 von den Nazis aus seinem Amt als Kölner Oberbürgermeister vertrieben wurde, so gab Henry 1933 wegen der Schikanen nach Hitlers Machtübernahme den Vorsitz des Zentrums und sein Bonner Stadtratsmandat ab, das er seit 1912 größtenteils als Vorsitzender des Zentrumsfraktion ausgeübt hatte. Adenauer und Henry standen in den Jahren der NS-Kontrolle gleichermaßen unter Gestapo-Kontrolle und wurden nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 im August und September beide in der Kölner Messehalle inhaftiert. 10
Die persönliche Beziehung zwischen Konrad Adenauer und Johannes Henry bildete offenbar auch die Grundlage für die ersten politischen Kontakte zwischen dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister und der neu gegründeten Bonner CDU. Henry bat als neuer Bonner CDU-Vorsitzender gleich nach dessen Wahl zum CDU-Vorsitzenden in der britischen Zone am 10. Februar 1946 den „lieben Adenauer“, demnächst einmal hier in einer Versammlung zu sprechen…Wir versprechen uns gerade von einem rednerischen Auftreten von Dir großen Erfolg…Deine wechselvollen Erlebnisse in den letzten Monaten haben wir auch hier in Bonn mit großem Interesse verfolgt und freuen und über die Dir doch letzten Endes (zum Teil) gewordene Anerkennung“. Adenauers Antwort datiert schon vom 22. Februar mit der Bitte um Verständnis, aus Termingründen „wenigstens vorerst in Bonn nicht sprechen zu können“.
Schon am 4. März 1946 hakte Henry erneut nach: „Wäre es aber nun vielleicht nicht doch möglich, dass Du Ende März oder Anfang April zu uns sprechen würdest? Es würde das hier zweifellos begrüsst werden. Unsere Bitte ist umso dringlicher, als es offensichtlich mit
9
Martin Luible, Johannes Henry - Leben und Schaffen, München-Pasing (Eigenverlag) 1959 (?), S. 5 ff. (im folgenden abgekürzt: Luible, Henry).
10 Luible, Henry, S. 35 ff.
5
zugkräftigen Redner bei der CDU nicht besonders gut bestellt ist, wie leider Gottes auch auf anderen Gebieten.“ Nur vier Tage später, am 8. März 1946, schrieb Henry erneut: „Wir wären Dir auf jeden Fall ungemein dankbar, wenn Du uns recht bald eine wenigstens grundsätzlich zusagende Antwort zukommen lassen wolltest…“ Die Hartnäckigkeit hatte Erfolg, Adenauer sagte am 16. März 1946 zu, „im Laufe des April in Bonn zu sprechen.“ 11
Konrad Adenauer hielt die fragliche Rede dann am 7. April 1946 im Kuppelsaal des Museums Koenig vor 1.200 Gästen, unter ihnen Reichskanzler a. D. Wilhelm Marx. Der Text gehört sicher zu den eindrucksvollsten des späteren Kanzlers. Er sprach zu den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur, den Grundideen der noch nicht ein Jahr alten CDU und Grundfragen der Außenpolitik. Das Godesberger Anzeigenblatt schilderte die Atmosphäre mit den Worten: „Viele Jahre hindurch flossen von Rednertribünen Ströme von Schlagwörtern und Phrasen, von Großsprecherei und Agitation. Kein Wunder, dass man sich heute innerliche angerührt fühlt, wenn nun eine Persönlichkeit wie Dr. Adenauer spricht: ruhig, sachliche, mit sparsamen Gesten, ohne Spekulation auf Beifall, Wege und Werte zeigend, die nach vielhundertjähriger Wirksamkeit hinter dem roten Nebel von Fahnen und Phantasmen versunken waren.“ 12
Dieser Respekt, der Adenauer entgegenschlug, sein Wohnsitz in Rhöndorf und damit im späteren Bundestagswahlkreis „Bonn Stadt und Land“, die Verbundenheit mit Johannes Henry, sein Wirken als Abgeordneter für Bonn-Land im ersten nordrhein-westfälischen Landtag 1946-1950, seine Arbeit als Präsident des Parlamentarischen Rates und sein Einsatz für die Wahl Bonns als Bundeshauptstadt am 10. Mai 1949 - all´ dies lässt im Rückblick die Kandidatur Adenauers im Bonner Bundestagswahlkreis als unabweislich erscheinen. Dennoch ist nicht mehr nachweisbar, wie es dann konkret dazu kam, dass Adenauer im Wahlkreis Bonn-Stadt und Bonn-Land CDU-Bundestagsabgeordneter wurde. Der frühere Bonner Oberbürgermeister und spätere Landtagsabgeordnete Peter Maria Busen nahm jedenfalls am 20. Geburtstag der Bonner CDU 1966 für sich in Anspruch, Adenauer für die Bonner Kandidatur ins Gespräch gebracht zu haben und berichtete: „Als die Kölner sich vierzehn Tage später ebenfalls um Adenauer bemühten, hatten wir den Fuchs bereits in der Falle.“ 13
Auch über Adenauers Wahlkampfaktivitäten im eigenen Wahlkreis sind für die Zeit vor der ersten Bundestagswahl keine Unterlagen erhalten. Überliefert ist allerdings die schon fast klassische Schilderung aus Paul Weymars 1955 erschienenen „autorisierten Biographie“ über
11 Der Briefwechsel ist erhalten im Archiv der „Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus“, Rhöndorf.
12 Godesberger Anzeigenblatt vom 9. April 1946.
13 Bonner Rundschau vom 9. Februar 1966.
Arbeit zitieren:
Stephan Eisel, 2007, Konrad Adenauer als Bonner Bundestagsabgeordneter, München, GRIN Verlag GmbH
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