INHALTSVERZEICHNIS
Zur Charakterisierung der Hauptfigur in Shakespeares Historie Richard III. 3
1. Einleitung 3
2. Zur Persönlichkeitsstruktur Richards 5
3. Richards Rollenspiel 8
4. Die Rolle der übrigen Figuren und ihr Beitrag zu Richards Entwicklung als
„Villain“__________________________________________________________ 12
5. Richards sukzessiver Verlust an Macht und Souveränität 16
5. Schluss 18
Literaturverzeichnis 20
2
“And thus I clothe my naked villainy With odd old ends stol’n forth of holy writ, And seem a saint, when most I play the devil.” (Richard III, Akt I, 3, 335-337)
Richard III. 1 , wahrscheinlich zwischen 1590 und 1594 2 uraufgeführt und somit eines der frühesten Stücke Shakespeares, gehört sicherlich zu den bekanntesten und bösartigsten Schurkencharakteren in Shakespeares Gesamtwerk. 3 Die Figur des gleichsam faszinierenden wie teuflischen Tyrannen und vermeintlichen Titel„Helden“ scheint seit Shakespeares Zeit nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt zu haben und ist heute noch eines der beliebtesten Aufführungsstücke im Shakespeare-Kanon 4 . Zwar gilt es in der Shakespeare-Forschung mittlerweile als gesichert, dass Richard in Shakespeares Bearbeitung des Stoffes v. a. aufgrund der Darstellungen Sir Thomas Moores, Shakespeares Hauptinformationsquelle, verbrecherischer und grausamer gezeichnet wird, als dies tatsächlich der Fall war. 5 CUNNINGHAM zufolge habe v. a. die Tudor-Dynastie großen Anteil an dieser Verzerrung: „Many historians now accept that the true image of Richard has been distorted by the Tudor interpretation of his life.“ 6 Von daher scheint es kaum
verwunderlich, dass es v. a. im 20. Jahrhundert immer wieder zahlreiche Bemühungen gab, den historischen Richard ins rechte Licht zu rücken und seinen Ruf wenigstens teilweise wiederherzustellen. 7 Dennoch darf nicht vergessen werden, dass gerade die übersteigerte und dramatisierte Darstellung Richards das Faszinosum dieses Stückes ausmacht. Zusätzlich lassen sich in Richard III. Einflüsse der populären Vice- Figur der mittelalterlichen Moralitätenspiele und dem Machiavellistischen Bösewicht finden. 8
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Figur und dem Charakter Richards von Gloucester. Das erste Kapitel soll helfen, die Persönlichkeitsstruktur Richards herauszuarbeiten und Voraussetzungen und Bedingungen zu klären, unter denen sich Richard zum mordenden Bösewicht entwickelte. In Kapitel zwei stehen Richards „verschiedene Gesichter“ im Zentrum der Untersuchung. Dabei interessiert v. a., inwieweit seine schauspielerischen Fähigkeiten als Werkzeug zur Durchsetzung seiner Absichten und Pläne dienten. Kapitel drei widmet sich der Frage nach der Rolle seiner Umwelt und untersucht, inwieweit das Verhalten der anderen Dramenfiguren die Entwicklung Richards vorangetragen, unterstützt oder ihr entgegen gewirkt hat. Das vierte Kapitel beschreibt Richards sukzessiven Machtverlust und Untergang und beleuchtet die Gründe dafür, weshalb Richard schließlich scheiterte. Im fünften und letzten Kapitel werden nochmals kurz die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Als Vorlage des Stückes dient die englisch- deutsche Studienausgabe von Ute Schläfer, gedruckt im Stauffenburg Verlag Tübingen, 2004.
2. Zur Persönlichkeitsstruktur Richards
Richards berühmt gewordener und viel zitierter Willensentschluss „I am determined to prove a villain“ (Akt I, 1, 30) im Prolog zu Beginn des Stückes lässt bereits erahnen, in welche Richtung sich das Drama entwickeln wird: Richard verschreibt sich freiwillig dem Bösen. Sein weiteres Tun und Handeln wird genau diese Entscheidung widerspiegeln. Die Frage nach der Motivierung für diese Entscheidung, die nach dem Warum, kann jedoch - zumindest im Stück selbernicht vollends geklärt werden. Der Titelheld selbst begründet seine für den weiteren Verlauf der Handlung schwerwiegende und folgenreiche Entscheidung damit, nicht für „sportive tricks“ geeignet zu sein und sieht darin die einzige Möglichkeit, „this weak piping time of peace“ zu überstehen. Scheinbar hat Richard ein Problem damit, dass der im letzten Teil der Tetralogie Henry VI. geschilderte Kampf zwischen den beiden Adelsfamilien Lancaster und York sein Ende gefunden hat. Neben der beruhigten politischen Lage zu Beginn von Richard III. ist es aber auch das erkennbare Missgefallen des Protagonisten an seiner äußeren Erscheinung, die auffällt. So finden sich Verweise auf seine körperlichen Entstellungen dann auch in mehreren Szenen. Diese werden einerseits durch Selbsteinschätzungen Richards vorgetragen, wie bereits im Prolog deutlich wird: I, that am curtailed of this fair proportion, Cheated of feature by dissembling Nature, Deformed, unfinished, sent before my time Into this breathing world, scrace half made up, And that so lamely and unfashhionable That dogs barke at me as I halt by them -Why I, in this weak piping time of peace, Have no delight to pass away the time, Unless to see my shadow in the sun And descent on mine own deformity. (Akt I, 1, 18-27)
Andererseits - und dies deutlich öfter - durch seine weiblichen Gegenspieler
geäußert. Besonders klar wird dabei immer wieder Königin Margaret, wie hier im
ersten Akt, beim Aussprechen ihres Fluches über Richard:
Thou elvish-mark’d, abotrtive, rooting hog! Thou that wast seal’d in thy nativity The slave of nature and the son of hell! Thou slander of thy mother’s heavy womb! Thou loathed issue of thy father’s loins! Thou rag of honour! Thou deteted(I, 3, 228-233)
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Aber auch Königin Elizabeth findet klare Worte hinsichtlich Richard: „That bottled spider, that foul bunch-back’d toad“ (Akt IV, 4, 81). Selbst seine eigene Mutter, die Herzogin von York, verflucht ihn ob seiner Taten und nimmt dabei auf seine Missgestalt Bezug: „Thou toad, thou toad […]“ (Akt IV, 4, 145). Weshalb jedoch ist Richard bereits zu Beginn des Stückes entschlossen, ein Schurke und Bösewicht zu werden? Oder war er es bereits vorher? Um Richards Aussage im Prolog verstehen zu können, muss seine Persönlichkeitsstruktur verstanden werden. Hierfür sollen kurz zwei unterschiedliche Interpretationsansätze skizziert werden.
UNTERSTENHÖFER verweist auf den letzten Teil der York-Tetralogie, 3 Henry VI, der bereits einige Facetten der zukünftigen Entwicklung Richards in Aussicht stellt. Dort schon scheint sich Richard an dem vom Himmel an ihm verübten Verbrechen mit Hilfe der Hölle rächen zu wollen: Then, since the heavens have shap’d my body so, Let hell make crook’d my mind to answer it. (3, Heinrich VI, V, 6, 78) 9
Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Richards Böswilligkeit und seinem missgebildeten Äußeren zu geben. UNTERSTENHÖFER erklärt den psychologischen Zustand Richards als eine Mischung aus Vereinsamung, Liebesunfähigkeit und emotionaler Undifferenziertheit. Diese ergebe sich nicht nur aus dem Tod des Vaters in 3 Henry VI., sondern auch aus einer gestörten Mutterbindung heraus, die ihren Ursprung ebenfalls in 3 Henry VI. hat 10 , in Richard III. im Dialog Richards mit seiner Mutter bereits an mehreren Stellen angedeutet wird und dort ihren Höhepunkt in Akt IV, 4, findet. Dort lässt Richards Mutter in einer Wutrede kurz die verschiedenen Stadien der Entwicklung ihres Sohnes zum jungen Mann Revue passieren und ihren Emotionen freien Lauf. Die Verbitterung, Abscheu und Enttäuschung, die sich seit Richards Geburt in ihr angestaut zu haben scheinen, finden ihren Ausdruck in dem zweifelnden „Are thou my son?“ (Akt IV, 4, 155), der letzten Konsequenz dieses etwas später sogar in einem Fluch gegen ihren Sohn endenden Hassgefühls:
Arbeit zitieren:
Markus Bulgrin, 2007, Determined to prove a villain: Zur Charakterisierung der Hauptfigur in Shakespeares Historie "Richard III", München, GRIN Verlag GmbH
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