In seiner Vorrede zur „Deutschen Ideologie“ (1932) rebelliert Karl Marx gegen die Herrschaft der Gedanken. Der Mensch wird beherrscht von Geschöpfen und Ideen, die er selbst geschaffen hat. Das Opium, geschaffen durch den Menschen für den Menschen, dient zur Selbstnarkotisierung, um soziale Schäden und Missstände zu kompensieren. Die soziale Wirklichkeit wird unerklärlich, Hass, Konkurrenz und Missgunst erzeugen ohnmächtige Unverständlichkeit. Man fühlt sich real ohnmächtig und fremdbestimmt, benötigt eine obere Instanz. Aus der Selbstentfremdung und der Zerissenheit des Menschen entsteht die Überzeugung, dass es ein allwissendes Wesen gibt. Es ist der Wunsch, das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit in einer radikalen Zeit. Doch der Mensch unterwirft sich dem Selbsterschaffenen, macht sich das selbst Erschaffene zu seiner Geißel.
Dahingegen gibt es den „wackren Mann“ (Marx, Deutsche Ideologie, 13), der behauptet, dass der Mensch nicht ertränke, wenn er nur nicht von den Gedanken der Schwere besessen wäre. Er kämpft gegen diese Illusion der Schwere trotz statistischer Widerlegungen. „Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen.“ (ebd., 14) Marx fühlt sich diesem Typus zugehörig und protestiert gegen die Herrschaft der Ideologie, Ideen und Vorstellungen, die bis dato die wirkliche Welt produzierten und bestimmten.
In der vorliegenden Schrift über „Die Ideologie überhaupt, namentlich die deutsche“ finden sich die Grundlagen der Marxschen materialistischen Geschichtsauffassung. Sie entstand in der kritischen Auseinandersetzung mit den Junghegelianern. Im Titel „Feuerbach – Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung“ stellt er die Bemerkungen gerade Feuerbach gegenüber, „weil er der Einzige ist, der wenigstens einen Fortschritt gemacht hat“ (ebd., 18). Für Feuerbach ist die Religion Spiegelung menschlicher Züge und der religiöse Glaube eine menschliche Projektion. Menschen lassen ab von der Religion, wenn ihnen gezeigt wird, dass sie nur Hirngespinste sind und sie davon beherrscht werden. Er beabsichtigte, durch Religionskritik und Anthropologie den Menschen zu ändern.
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Marx nennt als einzige Wissenschaft die des Menschen – er unterscheidet dabei die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen. (Im Folgenden beschränkt er sich auf Letztes.) Die Ideologie reduziert sich dabei auf eine „verdrehte Auffassung“ (ebd.) oder auf „eine gänzliche Abstraktion“ (ebd.) dieser Geschichte.
Sämtliche deutsche, philosophische Kritik beschränkte sich auf die der religiösen Vorstellungen; die Religion wurde als Erzfeind und Ursache allen Übels gesehen. Alle Vertreter stimmten trotzdem überein im Glauben an die Herrschaft der Religion. Der vermeintliche Fortschritt bestand darin, die herrschenden metaphysischen, politischen, moralischen Vorstellungen auch unter "die Sphäre der religiösen Vorstellungen zu subsumieren" (ebd., 19), ebenso das moralische Bewusstsein und in letzter Instanz den Menschen. Die Herrschaft der Religion wurde vorausgesetzt, nach und nach wurde jedes herrschende Verhältnis für eines der Religion erklärt und in Kultus verwandelt. Überall hatte man es nur mit Dogmen und dem Glauben daran zu tun.
Marx kritisiert die Junghegelianer, deren Irrtum in ihrem Versuch bestand, die Wirklichkeit zu verstehen und zu verändern, indem sie nur von durch den Idealismus stark geprägten Bewusstseinsphänomenen und substantivierten Prädikaten ausgingen. Sie hielten die Produkte des von ihnen verselbstständigten Bewusstseins (Vorstellungen, Begriffe, Gedanken) für die Fesseln des Menschen und ihres Tuns und forderten, das Bewusstsein zu verändern und es durch ein menschliches, kritisches, egoistisches Bewusstsein zu ersetzen und somit die Schranken zu beseitigen. Marx bezeichnet sie als Konservative, da sie mit diesem Postulat nur fordern, das Bestehende anders zu interpretieren, es also vermittels einer anderen Interpretation trotzdem anzuerkennen. Es sind Phrasen, gegen die sie zu kämpfen vermögen, aber dabei vergessen, dass sie diesen auch nur solche entgegenzusetzen haben. Sie bekämpfen die wirklich bestehende Welt nicht , indem sie nur die Phrasen dieser Welt bekämpfen. Sie deuteten die zeitgenössische Gegenwart von ihren Phrasen (Ideologien, religiöse Vorstellungen) aus, anstatt sie aus "der deutschen Wirklichkeit" (ebd., 20) und "mit ihrer eigenen materiellen Umgebung" (ebd.) zu erklären. Seine Fundamentalkritik zielt auf den Glauben, durch Bewusstsein etwas ändern zu können, denn trotz der Beseitigung der Religion bleiben die Ursachen bestehen.
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Solange der Mensch unter diesen realen Lebensbedingungen steht, wird er sich Götter erschaffen. Es ist für ihn einfacher, da die Notwendigkeit der mühsamen Ideenentwicklung umgangen wird.
Marx entwirft eine komplexe historische Struktur von Gesellschaft, Staat und Bewusstseinsformen. Seine Voraussetzungen, um die Wirklichkeit zu beschreiben, sind keine Dogmen, sondern auf rein empirischem Wege konstatierbar. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen. Für ihn ist die erste Voraussetzung, die natürliche Grundlage aller Menschengeschichte die Existenz lebendiger, menschlicher Individuen.
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch Bewusstsein und die Produktion seiner Lebensmittel. So bestimmt er sein materielles Leben selbst. Dieser Vorgang stellt nicht nur eine Reproduktion der physischen Existenz dar, er ist eine Art seiner Lebensweise und –äußerung. „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. [...] Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“ (ebd., 21) Wie die Menschen produzieren, so sind sie und so fühlen und denken sie. Die wichtigsten historischen Entwicklungsstufen entsprechen daher der jeweils veränderten Arbeitsweise, vor allem dem Grad und der Art der Arbeitsteilung. Aus der Art und Weise, wie Menschen ihr Leben produzieren, aus ihrer jeweiligen Lebensweise, gehen bestimmte Vorstellungen und Ideen hervor.
Bevor ich auf die verschiedenen Formen des Eigentums eingehe, referiere ich in einem Exkurs über die Marxsche Sechs-Stadien-Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie untergliedert sich in folgende Punkte: Die Urgesellschaft entstand als urwüchsige Gesellschaftsform, in der es noch kein Privateigentum gab. In der Antike, dem zweiten Stadium, wird bereits die Unterschicht sichtbar, Menschen werden zu Sklaven und gelten so nicht länger als Menschen. Die Feudalgesellschaft entwickelt Produktivkräfte, Klassen entstehen. Der Kapitalismus als viertes Stadium beinhaltet nur noch zwei gesellschaftliche Klassen, die unter einfachen Produktionsverhältnissen stehen. Die Zukunft sah Marx in der klassenlosen Gesellschaft. Hier kehrt die Geschichte zu ihren Anfängen zurück, um auf höherem Niveau fortzubestehen. Die Residualkategorie als sechstes und letztes Stadion stellt eine Restkategorie dar, die die asiatische Produktionsweise verdeutlicht. Sie ist entwicklungsresistent und stationär.
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Nelli Schulz, 2006, Karl Marx: Die deutsche Ideologie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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