Freie Universität Berlin
Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Friedrich-Meinecke-Institut
13355 PS Deutsches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert
WS 2001/2002
2. Semester
Datum: 09.04.2002
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Daniel Quadbeck
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2.1 Charakter der sozialen Klassen 2
2.2 Ursachen der Aufspaltung des Bürgertums und die Ausdifferenzierung
der verschiedenen Ziele 4
2.3 Gemeinsames Vorgehen in der Märzrevolution 6
2.4 Schwächung der Bewegung 8
2.5 Debatten der Nationalversammlung und Konterrevolution 10
2.6 Bewertung der Ursachen des Scheiterns in der Literatur 12
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Die Revolution von 1848/49 in Deutschland lässt sich weder als eine bürgerliche noch als eine demokratische Revolution klassifizieren, da in ihrem Verlauf unterschiedliche Bewegungen und Aspekte zum Vorschein traten, die, von verschiedenen Zielen geleitet, den Versuch eines Umsturzes der reaktionären Herrschaftshäuser mit ihren jeweiligen Mitteln und Methoden vorantrieben. Obwohl die Revolution in ihren Hauptzielen letzt- endlich scheiterte, erreichte man durch das Zusammenwirken verschiedener gesell- schaftlicher Gruppen im März 1848 zunächst die nötige Stärke, die längst überfälligen Reformen im sozialen, politischen und gesellschaftlichen Bereich gegen die Opposition der konservativen monarchischen Regierungen in den einzelnen Länder durchzusetzen. In der Literatur besteht ein weitgehender Konsens darüber, dass die Revolution zum einen auf Grund der Vielzahl an gleichzeitig zu lösenden Problemen, wie der Nations- bildung, der Schaffung einer Konstitution und der Lösung sozialer Probleme, zum ande- ren aber auch auf Grund der Uneinigkeit in der Zielsetzung und Vorgehensweise der verschiedenen tragenden sozialen Schichten scheiterte. Gerade durch die Beteiligung der verschiedenen Schichten und ihren individuellen Interessen ist es schwierig, eine gegenseitige Abgrenzung vorzunehmen und ihre etwaige Verantwortung am Scheitern der Revolution zu bewerten.
Diese Seminararbeit soll sich insbesondere mit der Rolle des Bürgertums in dieser Zeit beschäftigen und seine Beteiligung an der Revolution untersuchen. Die Frage nach den individuellen Zielen und der Vorgehensweise dieser im Verlauf der Jahre 1848 und 1849 einflussreichen aber keineswegs homogenen Schicht muss dabei stets in Zusam- menhang mit den Gründen für das Scheitern der Revolution stehen, damit eine direkte Abhängigkeit gegebenenfalls herausgearbeitet werden kann.
Als Primärquellen sollen vor allem Briefe und Äußerungen der Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung dienen, an denen verständlich wird, vor welchen Problemen das gespaltene Bürgertum stand und auf welche Weise es die Reformen je- weils durchsetzen wollte. Zum besseren Verständnis der Entwicklungen soll zunächst der Unterschied zwischen den demokratischen und liberalen Kräften dargestellt werden, um anschließend das liberale Bürgertum in seiner Rolle als dominierende Fraktion der Frankfurter Nationalversammlung herauszugreifen und seine Methodik abschließend zu bewerten.
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2.1 Charakter der sozialen Klassen
Die Revolution in Deutschland begann, nachdem in Frankreich König Louis Philippe am 24.2.1848 von republikanischen Demonstranten gestürzt worden war. Dieser Anlass führte in den folgenden Wochen zum Ausbruch einer Kette von Revolutionen in den
deutschen Einzelstaaten. 1 Dass es lediglich dieser Initialzündung bedurfte, um eine Volkserhebung zu verursachen, die die Massen erfasste, zeigt, welches revolutionäre Potential sich in den Jahren der Restauration des österreichischen Staatskanzlers Met-
ternich angesammelt hatte. Auch wenn in diesen Tagen eine scheinbar homogen agie- rende Gruppe durch Volksversammlungen, Demonstrationen, Adressen und Petitionen Druck auf die Regierungen ausübte, „vereinten sich hinter der Fassade gemeinsamen oppositionellen Aufbruchs tiefgreifende, widersprüchliche und teilweise unvereinbare
gesellschaftliche Konflikte“ 2 .
Bei der dabei im Vordergrund stehenden Schicht des aufstrebenden „Bürgertums“ muss
man weitere Abgrenzungen vornehmen, da es sich keineswegs um eine eindeutige sozi-
ale Größe handelte. 3 Sinnvoll ist es, einen Bürger als denjenigen zu definieren, der we- der zum Adel noch zu den Unterschichten gehörte. Das Bürgertum bildete folglich eine
neue Mittelschicht, die nicht wirtschaftlich unmittelbar abhängig war und über Besitz
bzw. Bildung verfügte. 4 Innerhalb dieser Schicht kann man weiter unterscheiden zwi- schen dem Wirtschaftsbürgertum, dem Beamten- und Bildungsbürgertum, der freiberuf-
lichen Intelligenz und dem Kleinbürgertum. 5 Anhand dieser breit gefassten Definition wird deutlich, dass man unter „Bürgertum“ nicht eine einheitliche Trägerschicht der Revolution verstehen darf, sondern vielmehr eine „Mittelschicht“, deren Angehörige zwar alle am revolutionären Geschehen aktiv beteiligt waren, aber aufgrund ihrer individuellen Ziele und Wünsche, die noch in der
Ausdifferenzierung begriffen waren, unterschiedliche Ansichten vertraten, als es 1848/49 die Chance einer revolutionären Umgestaltung gab.
Die Konstituierung der Bourgeoisie als neue wirtschaftlich dominierende soziale Klasse ist zurückzuführen auf die Frühindustrialisierung und die damit verbundene Differenzie- rung zwischen der Lohnarbeiterschaft als Erwerbsklasse und der die Produktionsmittel
1 Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866, München 1983, S. 595
2 Wolfram Siemann, Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt 1985, S. 17
3 Vgl. Reinhard Rürup, Deutschland im 19. Jahrhundert 1815-1871, Göttingen 1992 (2. Auflage), S. 90
4 Ebd., S. 91
5 Vgl. Wolfram Siemann, S. 21
2
besitzenden bürgerlichen Klasse. 6 Die Ausprägung der modernen Marktwirtschaft führ- te damit zur Entstehung einer neuen Elite, aus deren wirtschaftlicher Dominanz ökono- mische Erwartungen entstanden, die sie mit Hilfe politischer Partizipation durchsetzen wollte. Aus dieser Entwicklung ergibt sich die Frage, ob sich „ die alte aristokratische
und die neue bürgerliche Elite aufeinander zubewegten, zu Symbiose und Eliten- kompromiß tendierten, oder ob sie in Distanz zueinander verharrten, auf Abgrenzung
bedacht blieben und gegebenenfalls eher zum Konflikt neigten.“ 7 Gall kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest Adel und die führende Gruppe des Wirtschaftsbürgertums eng
miteinander verzahnt waren und die Ablösung einer Elite durch die andere erfolgte. 8 Er konstatiert jedoch keine „ Verschmelzung der traditionellen Elite, sprich des Adels, mit der mehrheitlich aus dem Schoß des Stadtbürgertums aufstrebenden neuen bürgerlichen
Elite“ 9 .
Diese Entwicklung verdeutlicht jedoch den Anspruch des Wirtschaftsbürgertums auf politische Macht. Insbesondere in den wirtschaftlich dominierenden rhein-preußischen Gebieten nahm die Verbindung von Wirtschaft und Politik zu, was sich an der Beteili- gung von Wirtschaftsvertretern wie dem Textilkaufmann David Hansemann oder dem
Bankier Ludolf Camphausen an den Provinziallandtagen zeigt. 10 Beide gewannen nach der Märzrevolution in Preußen an politischem Einfluss. Es liegt auf der Hand, dass eine
politische Teilhabe von Vertretern der Wirtschaft auf eine Durchsetzung eigener Inte- ressen bedacht war, wie beispielsweise den Abbau ökonomischer Schranken wie die „ Freisetzung und Mobilisierung der ökonomischen Energien durch Freihandel, Gewer-
befreiheit, Freizügigkeit und freies Niederlassungsrecht“ 11 .
Das städtische Kleinbürgertum hingegen plädierte gegen diese Ziele und trat für Zunft-
schranken ein. 12 Seinen Hintergrund hatte das in der elementaren Existenzkrise dieser insbesondere aus selbständigen Handwerksmeistern und Kleinhändlern bestehenden Schicht. Durch die überdurchschnittliche Zunahme der Zahl der Handwerker und die Liberalisierung der Gewerbegesetze verschlechterte sich ihre soziale Lage in den 1840er Jahren zunehmend. Siemann sieht in diesen „ elementar abstiegsbedrohten Angehörigen
des Mittelstandes“ die demokratisch bis radikale Massenbasis der Revolution. 13
6 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Zweiter Band, München 1987, S. 185f. 7 Lothar Gall, Adel, Verein und städtisches Bürgertum, in: Elisabeth Fehrenbach (Hrsg.), Adel und Bür- gertum in Deutschland 1770-1848, München 1994, S. 31
8 Ebd., S. 37 9 Ebd., S. 42 10 Vgl. Wolfram Siemann, S. 22 11 Ebd., S. 23 12 Ebd., S. 31 13 Ebd., S. 31f.
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Daniel Quadbeck, 2002, Die Rolle des Bürgertums in der Revolution von 1848/49, Munich, GRIN Publishing GmbH
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