„Le français est altruiste; son génie a le goût de l’universel: son humanisme, son sens du bien et du beau , son esprit d’équité fomentent les conceptions altruistes qui débordent le cadre national pour étendre sur l’humanité entière un rêve de justice, de solidarité, de bonté fraternelle ... Il s’approche des autres races pour les aider, leur plaire et s’en faire aimer.“ (Lehrbuch Französisch Sekundarstufe II. Hofmann/Morlang: La civilisation francaise. Frankfurt/M.:Hirschgraben-Verlag, 1950. Zitiert nach Krauskopf, 1985, S.76. Siehe auch V. Kapitel 5.1)
(„Kofferträger“ Johannes Gorla, späterer Landtagsabgeordneter der SPD in NRW. Zitiert nach Leggewie, 1984, S.37. Siehe auch Kap.7.3)
Bibliographische Hinweise:
Quellen, die nicht im Original vorlagen, sondern der Sekundärliteratur entnommen sind, werden nur in den Fußnoten, aber nicht in der angehängten Bibliographie ausgewiesen.
Zeitungsartikel - Überschriften sind nicht mit Anführungszeichen gekennzeichnet, sondern mit Einrahmungen: Frankreichs Hitler: Pierre Poujade (Beispiel).
2
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung - warum der Algerienkrieg auch heute noch (auch
aus deutscher Sicht) interessiert 6
a) Aktueller Bezugspunkt: die Krise der Republik 8
b) Aktueller Bezugspunkt: die Krise der Banlieues 8
c) Aktueller Bezugspunkt: der Blick von außen 9
d) Aktueller Bezugspunkt: Abu Ghreib und Guantanamo 10
Fragestellung II. 11
Schwerpunktsetzungen und Methode III. 13
IV. Hauptteil 1: Bedingungsfaktoren der Frankreich -
Wahrnehmung
1. Politischer Führungsanspruch und zivilisatorische Mission -
Zusammenh änge 17
2. Französische Zivilisation - positives Selbstverständnis 1957 20
2.1 Algerienbild bei Bruzière und Mauger 23
2.2 Deutschlandbild bei Bruzière und Mauger 23
3. Der politische Führungsanspruch Frankreichs nach 1945 24
3.1 Die außenpolitische Grundorientierung 24
3.2 Besatzungspolitik in der FBZ 26
4. Französische Zivilisation - Legitimation und politisches
Instrument im historischen Kontext 28
4.1 Die französische Zivilisation - eine europäische Zivilisation
mit einer certaine idée de la France 28
4.1.1 Das „überlegene Europa“ 29
4.1.2 Europa als „Anfang der universalen Moderne“ 30
4.1.3 Das „bedrohte Europa“ 32
4.1.4 Die „innere Vielfalt Europas“ 33
4.2 Europäische Zivilisation im nationalen Profil -
Der deutsch-französische Antagonismus 34
4.2.1 Die Revolution von 1789 und die demokratisch-zivilisatorische
Mission - Rezeption und Wirkung in Deutschland 35
4.2.2 Napoleon und die Deutschen 49
4.2.3 Persistenz von „stereotypen Systemen“: die Nation und der National-
charakter - die langen Schatten der Geschichte 40
4.2.4 Die Kolonialmächte Frankreich und Deutschland als Konkurrenten
in Nordafrika bis 1945 42
4.3 Algerien - das Far West Frankreichs 44
4.3.1 Chronologie 1830 - 1945 44
4.3.2 Der Weg zur Unabhängigkeit 1945 - 1962 45
3
4.4 Die zivilisatorische Mission Frankreichs in Algerien in einem kritischen Licht am Beispiel der Camus-Rezeption
4.4.1 Universalismus-Anspruch 4.4.2 Gerechtigkeit: eine Frage der Verteilung von Gütern? 4.4.3 Eine algerische Nation? 4.5 Die politisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Algerienkrieg in Frankreich in Bezug auf die Nationalmythologie
4.5.1
Littérature engagée
und Existenzialismus 4.5.2 Algerien und Vichy 51
V. Hauptteil 2: Westdeutschland und der Algerienkrieg
5. Die französische Zivilisation - deutsches Wunschdenken in der Nachkriegszeit (Schulbuchanalyse)
5.1 Das Frankreichbild in deutschen Französischbüchern der 50er Jahre 5.2 Das Frankreichbild in deutschen Französischbüchern der 60er Jahre 6. Führungsmacht Frankreich - ein Partner Deutschlands?
6.1 EVG - die große Enttäuschung 6.2 Vertrauensbildende
Zweite Berlin-Krise
7. Frankreichwahrnehmung seitens der SPD 63 7.1 Die SPD und Frankreich im Nachkriegsdeutschland - kein guter Start, vor allem in der FBZ
7.2 Die SPD und der Algerienkrieg 7.2.1 Unabhängigkeitsbewegungen und sozialdemokratische Traditionen 7.2.2 Der „dritte Weg“ - ein „eurosozialistisches Empire“ 7.2.3 Algerienkonflikt: Ausgangslage und Stellenwert für die SPD 7.2.3 SPD - Nibelungentreue zum S.F.I.O ? 7.2.5 Von der Nebenaußenpolitik zur doppelten Außenpolitik 7.2.6 Fazit: Frankreich und Algerien aus der Sicht der SPD 7.3 Algeriensolidarität der „Kofferträger“ und Intellektuellen 8. Die CDU Adenauers - der „natürliche Partner“ Frankreichs 76 8.1 Die Rolle Nordafrikas in den deutsch-französischen Beziehungen
8.1.1 Schwierige Ausgangslage für Westdeutschland 8.1.2 Wirtschaftliche und politische Interessen 8.1.3 Deutschland in Nordafrika: Chancen und Gefahren für Frankreich 8.2 Allgemeine Zielsetzungen der Algerienpolitik der CDU Adenauers
8.2.1 Algerien als Randproblem 8.2.2 Algerien als Gefahr und als Chance bundesdeutscher Europa-und Weltpolitik
8.3 Die FLN und die Bundesregierung 8.4 Die deutsch-französische Kooperation im Rüstungsbereich 9. Der Algerienkrieg in der deutschen Öffentlichkeit
9.1 Die Berichterstattung in der
Zeit
9.1.1 Kritik an der französischen Demokratie 4
9.1.2 „Faschismus“
9.1.3 Stereotype: deutsche Tiefe - französische Oberflächlichkeit 9.1.4 Algerienkrieg: Kriegsziele, Praxis, Legitimation und Erfolgsaussichten 9.1.5 Frankreich und Europa 9.2 Die Berichterstattung in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung
9.2.1 Algerienkrieg: Kriegsziele, Praxis, Legitimation und Erfolgsaussichten 9.2.2 Die französische Demokratie - Gefahr eines Faschismus? 9.2.3 Frankreich und Deutschland in Europa 9.3 Die Berichterstattung im
Rheinischen Merkur
9.4 Pressestimmen aus der Nähe der ehemaligen FBZ;
Stuttgarter Zeitung
und
Badisches Volksecho
100 10. Fazit 101
11. Bibliographie 104 12. Auflistung der zitierten Tages-/Wochenzeitungen in der Reihenfolge der Zitierstelle in der vorliegenden Arbeit 111
5
I. Einleitung - warum der Algerienkrieg auch heute noch (auch aus deutscher Sicht) interessiert
Frankreich - zeigt sich als Land, das sich gern und viel mit sich selbst beschäftigt, vor allem mit seiner Vergangenheit (wenn auch nicht immer mit der ganzen) und mit seiner Zukunft. Anders als in der Bundesrepublik füllen historische, soziologische und politologische Selbstbetrachtungen große Flächen in den Buchläden. Die Zunft der Politologen, Soziologen, Historiker, Philosophen und auch Politiker, die das Land ununterbrochen diagnostizieren und positionieren, gerhören nicht nur zu den omnipräsenten Diskurssubjekten, sondern sind auch die vielgelesenen Stars der Republik und schon immer Teil ihres Kultes, ihrer Rituale, ihres Prestiges und ihrer Institutionen 1 . Vieles, was auch bisher schon kontrovers diskutiert wurde, wie etwa die Vichy-Vergangenheit, konnte meist in einem republikanischen Diskurs „aufgefangen“ 2 werden, das heißt, hinsichtlich der republikanischen Werte geprüft, gedeutet, bewertet und politisch instrumentalisiert werden. Doch nun, so scheint es, steht die Republik als Ganzes auf dem Prüfstand und es wird schonungslos hinterfragt, wie ernst sie es selbst mit ihren Werten nimmt bzw. ob sie es jemals ernst genommen hat. Die Erschütterungen Frankreichs und seines Selbstverständnisses sind gewaltig: Die Debatten der Jahre 2000 und 2001 um die Rolle Frankreichs in der Sklaverei 3 , das französische Nein zur europäischen Verfassung, die Kolonialismus-Debatte anlässlich des Gesetzes vom 23.2.2005 4 , die brennenden Vorstädte des November 2005, die gewalttätigen Proteste gegen den CPE 5 im Frühjahr 2006 und schließlich die Clearstream-Affäre, die einen ganzen Sumpf von Korruption und Patronage zu Tage fördert. Im Gefolge eines „Krieges der Erinnerungen“ 6 wird auch die Vichy-Debatte neu entfacht und sogar der Anteil Frankreichs am deutsch-französischen Antagonismus nach 1870/71 7 und der persönliche Anteil der nationalen Ikone Napoleon I an der Sklaverei auf den Prüfstand gehoben. Man könnte meinen, kein Stein bliebe mehr auf dem anderen und viele
1 Kaelb le (1991, S.191) streicht den starken Konsens innerhalb der bürgerlichen intellektuellen Elite für d ie elitären Institutionen (vor allem der grandes écoles) und ihrer staat lich- repub likanischen Trad it ion her aus. Auch die KPF (PCF) rekrutierte stets ihre hohen Funktionäre auch diesen Institutionen.
2 Dies gilt mit Sicherheit für die Vichy-Aufarbeitung in den frühen 90er Jahren, die von Chirac mutig vorangetrieben wurde, und zum Teil auch noch für die Sklaverei-Dedatte des Jahres 2001.
3 Die „Loi Taubira“, die die Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit festschreibt, wurde am 10.5.2001 verabschiedet. Vgl. Libération vom 10.5.06.
4 In dessen §4 sollte den Geschichtslehrern vorgeschrieben werden, die Epoche der Kolonialzeit „positiv“ zu unterrichten. Zurückgezogen im Februar 2006.
5 Der „contrat première embauche“ (Erstanstellungsvertrag), zurückgezogen am 10.4.06, hatte flexib lere Künd igungsregelungen vorgesehen.
6 Ausdruck des Historikers Pascal Blanchard : „Non à la guerre des mémo ires“. In: Le Nouvel Observateur n° 2144 (dossier) vom 8.12.05.
7 Vgl. Céc ile Wajsbrot, in: Libération vom 19.4.06. Dort erinnert s ie an den Aufruf Victor Hugos von 1871, Frankreich möge s ich auf eine Revanche gegen Deutschland einschwören. Vgl. auch Kapitel 4.2.3.
6
sehen das Ende der V. Republik bereits gekommen. Es scheint, als bedingten sich Zeiten revolutionärer Umbrüche einerseits und Zeiten gesellschaftlicher Unbeweglichkeit und rück-wärtsgewandter Konservatismus 8 andererseits. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die o.g. intellektuelle „Kaste“ (war sie doch in gewisser Weise systemstabilisierend und trug, indem sie sich als republikanische Institution kultivierte und hofieren ließ nicht unerheblich zur „nationalstaatlichen Saturiertheit“ 9 Frankreichs bei) nun noch heftiger als üblich übereinander und über die politischen Institutionen und Repräsentanten herfällt. Diejenigen, die sich gewissermaßen von einer „Collaboration“ mit einer agonisierenden V. Republik distanzieren wollen, sehen in Selbstvergessenheit, Geschichtsklitterung, Überheblichkeit, anachronistischem Personenkult, Xenophobie und einem eklatanten Demokratiedefizit die zurzeit markantesten Züge des offiziellen Frankreichs. So erkennt Alain Duhamel in dem „Zynismus“, mit dem die Republik „die einfachsten Regeln der Demokratie“ ignoriert, die „autistische Republik“ 10 . Mehdi Belhaj Kacem spricht angesichts einer politischen Klasse, für die die Bewohner der Vorstädte nur „Abschaum“ (racaille) sei, von einer „démocratie fasciste“, für welche die ter-roristische Bedrohung zum überlebensnotwendigen Unterpfand wird 11 . Für die Schriftstellerin Cécile Wajsbrot geht die „Zeit der schönen Täuschungen nun zu Ende“ 12 . Gnadenlos rechnet sie mit der französischen Geschichte ab, in der Euphemismus „ein sehr wichtiges, ein sehr nützliches Wort“ sei, „wichtiger als Amour oder Chanson“. Ein chronischer Realitätsverlust habe u.a. dazu geführt, dass die Kolonien mit großen Opfern ihre Unabhängigkeit erkämpfen mussten. Für diese Arbeit von einiger Bedeutung ist Waysbrots Vorwurf nach außen: „Sie kamen oder kommen, um ein Stück Vergangenheit zu betrachten, (...) Sie haben uns geholfen,
8 Schon 1961, also in einer Zeit, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt steht, befand J. Roche (S.21): „(...); notre pays, attaché à la démocratie sociale et politique, a un faible pour les individualités brillantes; ses habitants, pourtant laborieux, paraissent frivoles; sa tradition de révolutions fait des Francais un peuple conservateur, contrairement à ce qu’ils croient et à ce qu’on pourra croire.“ („Unser der sozialen und politischen Demokratie verpflichtetes Land hat eine Schwäche für herausragende Persönlichkeiten. Seine Bewohner, wenngleich arbeitssam, scheinen glücksritterhaft. Seine Tradition der Revolution macht aus den Franzosen ein konservatives Volk - anders, als man meinen sollte und anders, als sie selbst glauben“).
9 die Kaelb le (1991, S.236) im Kontrast zu „Amb ivalenzen im Selbstverständnis der Bundesrepub lik“ identifiziert.
10 „L'affaire Clearstream n'est pas seulement un scandale d'Etat, elle sert aussi de révélateur implacable des dérives de la Ve République, de son opacité, de son cynisme, de son mépris des lois ordinaires de la démocratie (…). … la Ve République tourne à la République consulaire, ce qui constitue une régression insensée de la démocratie et un anachronisme absolu au début du XXIe sièc le. Ce régime devient ains i une République autiste.” In: Libération v. 3.5.2006. („Die Clearstream-Affäre ist nicht nur ein Staats-Skandal, s ie enthüllt auch schonungslos das Abdriften der V. Republik, ihre nebulösen Praktiken, ihren Zynismus und die Mißachtung der selbstverständlichsten demokratischen Regeln. Sie wird zur Republik der Konsuln, was einen uns innigen Rückschritt der Demokratie darstellt und einen absoluten Anachronismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts“).
11 Éric Loret: „La France, plus à droite que jamais“. (Rezens ion von: Mehd i Belhaj Kacem, La Psychose francaise). In: Libération, 18.05.06.
12 Cécile Wajsbrot: „Nous sommes un pays perdu“, in: Libération vom 19.04.06. „Soweit ist es also gekommendas Aus für die europäische Verfassung durch das Nein der Franzosen beim Referendums ist nur die Spitze eines Eisbergs, die an der Wasseroberfläche aufgetaucht ist, die Spitze eines viel älteren Neins.“
7
die Illusion aufrecht zu erhalten.“ Gegenreaktionen bleiben naturgemäß nicht aus: Max Gallo etwa appelliert an Patriotismus und die Anerkennung dessen, was Frankreich groß macht. 13
a) Aktueller Bezugspunkt: Die Krise der Republik
Wenn es richtig ist, was im einleitenden Absatz angedeutet wird; dass die aktuelle Krise nicht nur Ausdruck eines gesellschaftlichen Modernisierungsrückstands hinsichtlich der Angleichung pluralistischer und partizipatorischer Standards, des Globalisierungsdrucks, der Immigration/Integration oder nicht mehr funktionierender politischer Institutionen ist, sondern Ausdruck einer Implosion des bisherigen Selbstverständnisses und einer grundsätzlichen Neubewertung der Geschichte Frankreichs und seiner republikanischen Werte, dann erscheint ein Blick zurück umso lohnenswerter. Der Algerienkrieg, lange Zeit als les événements („die Ereignisse“) ähnlich wie der état francais (Vichy) beschönigt und semantisch neutralisiert, war Frankreichs schwerste Krise der Nachkriegszeit. Für diese Arbeit stellt sich die Frage, ob oder in welchem Maß die auf den Werten der Republik ruhende zivilisatorische Mission und der politischer Führungsanspruch Frankreichs - aus der bundesrepublikanischen Perspektive - in ihrer Überzeugungskraft eingebüßt haben oder hätten einbüßen müssen.
b) Aktueller Bezugspunkt: die Krise der Banlieues
Diese Krise ist zwar Teil der gesamtrepublikanischen Krise und doch gewinnt die kaum erfolgte gesellschaftliche Vergangenheitsbewältigung gerade hinsichtlich des Algerienkriegs in der aktuellen Krise eine besondere Brisanz. Denn die brennenden Vorstädte sind nicht nur Ausdruck einer sichtlich scheiternden Integration, einer sozialen und ökonomischen Marginalisierung ethnischer Randgruppen wie in vielen Ländern, sondern offensichtlich auch Protest gegen eine möglicherweise ungebrochene koloniale Attitüde in einem spezifisch französischem Kontext. Während Malek Chebel in dem Konflikt eher eine „crise de la modernité“ als ein „choc des civilisations“ (clash of civilizations) 14 sieht, ist aber für Blanchard die Krise der Banlieues untrennbar von der Debatte um das Gesetz zur „rôle positif“; es bestünde nach wie vor eine „fracture coloniale“ und ein zivilisatorischer, nicht primär ethnischer Überlegenheitsanspruch, gegenüber der Gruppe der Immigrierten. Die Explosivität der Lage könnte nur
13 „La France meurt de ne compter plus assez de patriotes, c’est-à-dire de citoyens capables de reconnaître ce qu’il y a de grand en elle, dont on doit être fier“ (2006, S.41). „Frankreich stirbt aus Mangel an Patrioten, das heißt an Staatsbürgern, die fähig sein anzuerkennen, was groß ist, auf was man stolz sein muss.“
14 Chabel: „La crise des banlieues est une crise de la modernité“, in: Le Figaro vom 4.1.2006.
8
durch eine Akzeptanz kultureller Verschiedenheit und vor allem durch eine wahrhafte „mémoire collective“ entschärft werden 15 . Im übrigen erinnere die Anwendung der Not-standsgesetzgebung von 1955 im November 2005 auf fatale Weise an den Algerienkrieg.
c) Aktueller Bezugspunkt: der Blick von außen
Ein dritter aktueller Bezugspunkt rechtfertigt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Algerienkrieg. Dass in der gegenwärtigen französischen Krise der Spott aus den USA nicht lange auf sich würde warten lassen, war zu erwarten. Eine Art Kulturkampf, eine Konkurrenz zwei verschiedener politisch-zivilisatorischer Modelle kennzeichnet seit langen, insbesondere nach 1945, das französisch-amerikanische Verhältnis 16 . Die amerikanische Kritik am französischen Kolonialismus hat Tradition 17 und es gibt es in den USA mehr wissenschaftliche Arbeiten zum Kolonialismus und zur französischen Kolonialisierung als in Frankreich 18 . Angesichts der Gewalt in den Banlieues attestieren US-Medien Frankreich ein Demokratiedefizit und einen romantisierten, philosophisch intellektualisierten Hang zur Gewalt. 19 Neu ist, dass auch der Blick der Bundesrepublik auf Frankreich nicht wie gewohnt wohlwollend-zurückhaltend, sondern differenzierend, kritisch und abgrenzend ist. Das betrifft nicht nur die gemeinsame deutsch-französische Geschichte wie etwa die französische Besatzungspolitik nach 1945 20 , auch in allgemeineren Betrachtungen des Nachbarn ist der Ton durchaus schärfer geworden. So schreibt etwa der Berliner Tagesspiegel vom 24.11.05 anläßlich der von Innenminister Sarkozy geäußerten Absicht, die Banlieues vom kriminellen Mob („voyous“) „mit dem Kärcher“ säubern zu wollen:
15 „Wir müssen also die Geschichte neu aufrollen um uns besser kennenzulernen und die aktuelle französische Gesellschft zu verstehen. Was von der Kolonialzeit bleibt, sind die Vorurteile, die “idée très élitiste“, nach der jedermann Proben zu bestehen hat, um in das Licht der Zivilisation zu treten und die unglaubliche Unwissenheit über diese gemeinsame Geschichte der Kolonisatoren und der Kolonisierten, der zurückgekehrten Pieds-noirs (Algerienfranzosen, eig. Anm.), der Harkis (Algerier, die auf französischer Seite kämpften, eig. Anm.). Wir s ind heute in einer Situatio n, in der man versucht, „Geschichten“ und Gedächtnisse einzelner Gruppen zu verbannen.“ Pascal Blanchard : „Non à la guerre des mémo ires“. In: Le Nouvel Observateur n° 2144 (dossier) v. 8.12.05. Vgl. hierzu auch Hüser, 2005, S.46-48. Für ihn beginnen bereits die „mémo ires patriotiques“, die „Geschichte als Ko llektivsingular“ in einen „P lural von Geschichten zu zerfallen“.
16 Ausgangspunkt ist der de Gaulle-Rooseveltsche „Kleinkrieg im Weltkrieg“ (vgl.Hüser, 1996, S. 92-96), vorläufiger Endpunkt das Ausscheren Frankreichs aus der „Koalition der Willigen“ im Zweiten Golfkrieg 2003. Zur Aberkennung des Großmachtstatus seitens der USA nach 1940 und dem Konkurrenzkampf zweier Nationen in einer „universalistischen Mission“ vgl. auch Durand in, 1994, S.61ff und Buchrücken.
17 siehe hierzu auch Kapitel 4.3.2.
18 vgl Blanchard „Non à la guerre des mémoires“. In: Le Nouvel Observateur n° 2144 (dossier) vom 8.12.05.
19 Vgl. The New Republic, 28.11.05.
20 Vgl. etwa das umstrittene Buch von Volker Koop des Jahres 2005; Besetzt - Französische Besatzungspolitik in Deutschland. Siehe Kap itel 3.2.
9
„Frankreich ist eine Gesellschaft, die von Mauern durchzogen ist; nicht nur eine Klassengesellschaft mit scharf geschnittenen Konturen und einer selbstbewussten Geld- und Geburtsbourgeoisie, Frankreich ist auch eine alte Kolonialmacht mit einem nie verblassten zi-vilisatorischen Dünkel ..., (der) bis zum Sonnenkönig zurückreicht, und ... mit einem stillen, erbitterten Hass gegen die ehemals Kolonisierten gemischt ist (...) die ewige Arroganz der Civilisation francaise...“
Während Hitlerdeutschland naturgemäß in der politischen Dimension der Civilisation francaise, wie überhaupt in der (vor allem amerikanischen) liberalen Moderne 21 sein natürliches Feindbild 22 fand, Nachkriegs-Westdeutschland sich im Prinzip in zwei Lager spaltete, in die „Atlantiker“ auf der einen Seite und die „Franzosen“ oder „Gaullisten“ 23 auf der anderen, mitunter geradezu frankophilen, Seite, scheint das wiedervereinigte Deutschland ungezwungener und distanzierter auf Frankreich zu schauen. Gab es aber bereits Ende der 50er Jahre eine differenziertere Wahrnehmung Frankreichs? Oder ordnete sich alles den politischen Wünschen und Gegebenheiten - Souveränitätswunsch, Westbindung, Deutschlandfrage, Ost-West-Konflikt - unter?
d) Aktueller Bezugspunkt: Abu Ghreib und Guantanamo
Es soll und kann in dieser Arbeit nicht untersucht werden, welche Seite grausamer war als die andere, welche sich moralisch im Recht fühlen durfte, welche für die Eskalation der Gewalt verantwortlich war. Fest steht: die französische Armee hat systematisch gefoltert - unberührt davon bleibt der Terror der FLN, der vor allem unter den Algeriern selbst Tausenden das Leben kostete 24 . Auch wegen der systematischen Folter stand Frankreich vor dem UN-Tribunal. Angesichts der schockierenden Bilder aus Abu Ghreib und auch aus britischen Gefängnissen im Irak und der alles in allem recht milden Kritik und Empörung in Deutschland stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Berichte über die Folterpraxis in Algerien in die Frankreichwahrnehmung einflossen - vor allem vor dem Hintergrund einer wahrscheinlich großen deutschen Zurückhaltung wegen der Nazi-Verbrechen in Frankreich, dem sehr fragilen Annährungs- und Aussöhnungsprozess und der Unterordnung aller Einzelaspekte unter den Ost-West-Konflikt,
21 siehe etwa Die Zeit vom 28.4.05: „Der NS-Staat als Antwort auf den American way of life“.
22 Siehe hierzu die Besprechung Reinhard Höhns „Frankreichs demokratische Mission in Europa und ihr Ende“ von 1942 im Kap itel 4.2.1.
23 Hildebrand (1984, S.224) nennt Adenauer, F-J. Strauß und Gerstenmaier als prominenteste „Gaullis ten“, dazu den kleineren Teil der CDU und, „nahezu geschlossen“, die bayerische CSU.
24 Vgl. Kettle, 1993, S. XIV: „On the mus lim side, 120.000 FLN troops were said to have been killed by the french; while a further 400.000 Muslims had been killed in part by the FLN, and in part by the French Armay.“ An anderer Stelle weist Kettle (S.IX) auf „this massacre of their own people by the FLN“ hin. Dieser „fanatica l enemy“ „was killing eight or ten times as many of their own people as there were French colons.“
10
der nach französischer Lesart auch in Algerien ausgetragen wurde, und den sich daraus ergebenden außenpolitischen Prioritäten.
II. Fragestellung
Auf die Allensbach-Umfrage, mit welchen Ländern „wir möglichst eng zusammenarbeiten“ sollten, sprachen sich im März 1953 nur 55% der befragten Bundesbürger für Frankreich aus, im September 1954 nur noch 46%, im April 1956, 43%, im September 1959, 48%, im Juni 1962, drei Monate nach Beendigung des Algerienkonflikts aber schon 61% und im September 1963 waren es sogar 71% (für die USA im Vergleichszeitraum 83%, 78%, 69%, 81%, 81%, 90%) 25 . Erst Anfang der sechziger Jahre stiegen die Sympathien für Frankreich an, ohne freilich mit denen für die USA ernsthaft zu konkurrieren. Erklärungen hierfür müssen (zunächst) im Bereich des Spekulativen bleiben:
- Trug die Politik der europäischen Integration Früchte?
- Erwies sich Frankreich im Ost-West-Konflikt als zuverlässiger Partner?
- Fand die grande vision, mit der de Gaulle seit 1959 den französischen Führungsanspruch formulierte und auch entsprechend handelte, Zuspruch?
- Machte erst das Tandem Adenauer - de Gaulle die deutsch-französische Aussöhnung und Partnerschaft glaubwürdig und attraktiv?
- Brauchte es einfach mehr Zeit, um die Wunden der Kriegs- und Besatzungserfahrungen zu heilen zu lassen?
- Spielte der Algerienkrieg überhaupt eine Rolle in der Frankreichwahrnehmung oder war er zu weit weg von der politischen Lebenswirklichkeit der Bundesrepublik, deren starke Konzentration auf sich selbst 26 durch die exponierte Stellung im Ost-West-Konflikt verstärkt wurde?
Oder, falls der Algerienkrieg doch, auch in den Medien, eine größere Rolle spielte, :
- Drangen die Grausamkeiten des Krieges nicht ins kollektive Bewusstsein vor?
25 vgl. Scheffler, 1995, S.84.
26 Moersch (1984, S.274) spricht von einer „germanozentrischen Betrachtung der Ost-West-Politik“.
11
- Gab es eine anti-nordafrikanische Stimmung hinsichtlich der eigenen historischen 27 Erfahrungen 1920-25 („Schwarze Schmach“) und 1945-49 („und wieder die Schwarze Schmach?“) 28
- Folgte man bedingungslos Adenauers Interpretation, dass Frankreich in Algerien einen Kampf gegen den Kommunismus führte?
- Wollte man die Aussöhnungspolitik mit Frankreich nicht durch zu starke kritische Einmischung gefährden?
- Hatte man zwar große Vorbehalte hinsichtlich Frankreichs Algerienpolitik, honorierte aber letztlich den Mut de Gaulles, sich von Algerien zu trennen?
Auf all diese Fragen wird keine Statistik eine zufriedenstellende Antwort geben können - in ihnen finden sich jedoch möglicherweise die Fährten, denen in dieser Arbeit nachgegangen werden soll, um dem Einfluss des Algerienkrieges auf die bundesdeutsche Frankreichperzeption wenigstens in seinen Hauptströmungen zu bestimmen.
Der Algerienkrieg selbst, in seiner historischen Chronologie und in seinen bis heute großen Kontroversen hinsichtlich der Verantwortlichkeit für die Eskalation der Gewalt, soll nicht eigenständig thematisiert werden. Da es aber um die subjektive Wahrnehmung seitens der Bundesrepublik geht, werden diese Kontroversen aber indirekt thematisiert. Ein zweiter großer politisch-soziologischer Komplex wird in dieser Arbeit nur gestreift: nämlich die große weltanschauliche Konkurrenz zwischen den USA (grand design) und - in verstärktem Maßedem de Gaulle-Frankreich (grande vision) seit 1959 29 . Nicht nur aus weltpolitischen Motiven, sondern auch aus dieser prinzipiellen missionarischen Konkurrenz - gehörte die USA mit zu den stärksten westlichen Kritikern der französischen Kolonialpolitik. Vor allem ab 1958 und dem Werben de Gaulles um die Bundesrepublik bis zum Auftritt der bekennenden Atlaniker Erhard und Schröder sah sich die Bundesrepublik in einem Spannungsfeld zwischen Paris und Washington 30 , welches sich in der französischen NATO-Politik und der MLF-Debatte 31 ver-
27 Genaugenommen reic ht die Erfahrung einer angeb lichen „Bestialität dieser Afrikaner auf den Schlachtfeldern“ bis zum Krieg von 1870/71 zurück. Vgl. Menzel, Wolfgang: Geschichte des französischen Krieges von 1870-71. Bd. 1. (S.89). Stuttgart: 1871.
28 „Und wieder die ‚schwarze Schmach’? Zu einer generellen ‚Schwärzung’ des Bildes französischen Truppenverhaltens trug d ie Anwesenheit von Kolonialsoldaten beträchtlic h bei. Während die farb igen Amerikaner bald zu ‚Lieblingen’ der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft avancierten, b lieben d ie Nord- und Westafrikaner in Reihen der Franzosen Kristallisationspunkte deutscher Ängste und Traumata“. Hüser, 1996, S.565.
29 Vgl. hierzu Hildebrand, 1984, S.222.
30 Vgl. Ziebura, 1975, S.463, 464. Uterwedde, 1998, 10ff. Mö ller,1984, S.170. Für Hild ebrand (1984, S.222) „durchkreuzten sich amerikanische und französische Strategie im deutsch-französischen Vertrag und seiner Präambel.“
12
stärkte und mit der Präambel zum deutsch-französischen Vertrag (1963) zugleich Höhepunkt und Abschluss fand. Inwieweit amerikanische Kräfte Einfluss genommen haben auf die westdeutsche Frankreichwahrnehmung soll in diesem Rahmen nicht eigenständig untersucht werden. Da aber, wie die Lagerbildung in „Atlantiker“ und „Gaullisten“ zeigt, die Konkurrenz beider Modelle allgegenwärtig war, wird der Einfluss und das Bild der USA wohl in einer Art Umkehrverfahren mitberücksichtigt und geltend gemacht.
III. Schwerpunktsetzungen und Methode
In Kapitel 1 soll aufgezeigt werden, in welch engem Verhältnis machtpolitischer Führungsanspruch und zivilisatorische Ambitionen der Weltmächte zueinander stehen. Letztere legitimieren, nach außen gerichtet, zwingend einen Überlegenheitsanspruch. Machtpolitisches Streben nach außen, das nicht mit dem Anspruch des zivilisatorischen unterfüttert ist, bliebe purer Expansionismus oder Imperialismus 32 . Eine rein zivilisatorische Mission, etwa religiös motiviert (in einem weiteren Rahmen aber auch Entwicklungshilfe, Friedenserhaltung) kann ohne Staat oder Nation als Impulsgeber auskommen. Wird aber eine „zivilisatorische Mission“ von einem Staat, von einer Nation, initiiert, gelenkt und geführt, so überkreuzen sich fast zwangsläufig politische und zivilisatorische Zielsetzungen.
Im Kapitel 2 soll geklärt werden, wie sich denn die spezifisch französische mission civilisatrice definieren lässt; aus einem französischen Selbstverständnis und später aus einer deutschen Perspektive. Nach der für Frankreich maßgebenden Definition von civilisation, schließt diese sämtliche sozialen, technisch-wissenschaftlichen, ästhetisch-künstlerischen, literarischen und gesellschaftlich-politischen Errungenschaften 33 ein. Wie sehr verschmilzt der Anteil der Geschichte und der politischen Kultur, konstitutiv für die Existenz der Nation, mit den anderen kulturellen Zeugnissen und Errungenschaften? Mit Hilfe einer zeitgemäßen positiven Darstellung des Jahres 1957 soll zunächst der Hintergrund skizziert werden, vor dessen Anspruch das konkrete politische Geschehen in Europa und Nordafrika nach 1945 eingeordnet und bewertet werden kann.
31 In der MLF-Debatte (Multi-Lateral-Force) ging es um die etwaige Beteiligung der Bundeswehr an nuklearen amerikanischen NATO - Einheiten. Vgl. hierzu etwa Woyke, Wichard: Opposition und Verteid igungspolitik im gaullis tischen Frankreich (1958-1973). Opladen: Leske & Budrich, 1975, S.79ff.
32 So etwa Bush’s Kampf gegen die „Achse des Bösen“ im Irak aus der Sicht seiner Kritiker.
33 Vgl. etwa Darstellungen in Lexika oder Wörterbüchern wie dem Petit Robert.
13
Kapitel 3 befasst sich mit dem politischen Führungsanspruch Frankreichs nach 1945 und zeichnet in groben Zügen die wichtigsten außenpolitischen Zielsetzungen (1945-1962) nach. Dabei werden nur diejenigen Aspekte der Deutschland-, Europa-, und Weltpolitik vergegenwärtigt, die Deutschland unmittelbar betrafen und die das Frankreichbild in Deutschland Anfang der 60er Jahre maßgeblich beeinflussen konnten. Wollte Frankreich eine Führerschaft in Westeuropa übernehmen? Und, wenn dem so wäre, mit welchen Konsequenzen für West-deutschland? Ein weiterer Aspekt muß ausführlicher behandelt werden: Frankreichs Besatzungspolitik in Deutschland (Kap.3.2.3). Musste die Besatzungspolitik (bzw. die Erinnerung daran) für Westdeutschland nicht Gradmesser für die (zukünftige) Umgangsweise Frankreichs mit Deutschland sein?
Die enge, legitimatorische Verknüpfung von Zivilisationsanspruch und Machtpolitik ist bereits im Kapitel IV.1 auf eine allgemeine, einführende Art dargestellt worden. Nun soll näher untersucht werden, womit sich der französische Anspruch auf eine mission civilisatrice (und damit seine Einbeziehung in die großen Fragen der Weltpolitik) begründet. Hier werden zwei Argumentationsstränge untersucht: die französische Zivilisation als eine in die europäische Gesamtzivilisation eingebettete (4.1) und als eine gegenüber Deutschland konzeptionell antagonistische (4.2). Denn: 1945 begann das deutsch-französische Verhältnis nicht bei Null: Der deutsch-französische Krieg im Rahmen der beiden Weltkriege war vielmehr der Kulminationspunkt einer gegensätzlichen und gegeneinander gerichteten kulturellen und politischen Identität, die spätestens mit dem Krieg von 1870/71 begann. Hier nehmen die Angst vor kriegerischem germanisme und der Gedanke der Revanche seinen Lauf. Die deutschen Gallophobie 34 gegenüber Frankreich, seiner „kulturellen Arroganz“ gehen zurück auf den ersten Kontakt mit der Verbindung von Machtpolitik und zivilisatorischem Sendungsbewusstsein: auf 1789 und die napoleonische Invasion. Vor allem soll diese Rückschau das Fortbestehen der Klischees, der stereotypen Systeme, den Glauben an einen Nationalcharakter aufzeigen; Wahrnehmungen, die ihrerseits wieder in die Politik auch in den 50er und 60er Jahren einfließen. Es erscheint plausibel, dass die Momentaufnahme einer Frankreichwahrnehmung, wenn überhaupt, dann nur Aussagekraft durch einen zeitlichen Vergleich gewinnen kann. Nach einem Blick auf die Konkurrenz der Kolonialmächte Deutschland und Frankreich in Nordafrika bis 1918 (4.2.5), welche sehr lange Nachwirkungen hatten und einem nur groben Nachzeichnen des Weges Algeriens von seiner Kolonisierung bis zur Unabhängigkeit (4.3) soll die französische Auseinandersetzung mit der zivilisatorischen Mission in Algerien und mit dem Alge-
34 Begriffbei Ziebura, 1970, S.12.
14
rienkrieg beleuchtet werden. Schließlich - war der Algerienkrieg selbst aus deutscher Sicht anfangs auch ein „Randproblem“ - konnte dem deutschen Beobachter wenigstens die gesellschaftlich-politischen Verwerfungen im französischen Mutterland nicht entgehen . Kapitel V befasst sich mit der westdeutschen Wahrnehmung des Algerienkrieges und des Prestiges Frankreichs. Zunächst soll das neue Verständnis der französischen Zivilisation beleuchtet werden. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Propaganda des „demokratischen Imperialismus“ 35 Frankreichs und seines geschichtlichen „Irrweges“ 36 wurde von offizieller Seite ein neues, idealistisches Bild gezeichnet, welches naturgemäß vor allem dort zu finden ist, wo es in der Vereinfachung die stärksten Wirkungen haben soll: in Schulbüchern (Kap.5), vor allem in Französischbüchern, welche sich offensichtlich sehr nahe an den (tages-) politischen Vorgaben orientieren. Die anschließenden Kapitel 7 und 8 beleuchten schließlich zunächst eine allgemeine Frankreichwahrnehmung seitens der SPD und der CDU, wobei einige Aufmerksamkeit darauf verwendet wird, dem schwierigen Verhältnis zwischen SPD und französischer Besatzungsmacht nachzugehen, weil hier ein dauerhafter Grundkonflikt am deutlichsten sichtbar wird. Eine Zusammenfassung der frankreichpolitischen Grundpositionen der CDU soll deren Algerienpolitik und auch die „doppelte Außenpolitik“ (der CDU und der SPD) verständlich machen. Es wird sich zeigen, dass der innerfranzösische Grundkonflikt, eine erfolgreiche Nordafrika-Politik nicht ohne Deutschland und Europa machen zu können und andererseits die spezifische französische Vormachtstellung aufrecht erhalten zu wollen (zusätzlich zur allgemeinen Zerrissenheit über die Zukunft Frankreichs als Kolonialmacht 37 in Nordafrika) gewissermaßen eine deutsche Entsprechung findet in einer Zerrissenheit innerhalb der CDU und der SPD und der „doppelten Außenpolitik“, die eben auch ein doppeltes Spiel beider Parteien ist.
Die Haltung der westdeutschen Kommunisten, der 1956 verbotenen KPD und der DKP, wären hinsichtlich einer auch kommunistischen Inspiration der algerischen Freiheitsbewegung und des starken PCF auf französischer Seite ein interessantes Forschungsfeld; es erscheint hier jedoch gleichermaßen zu speziell und zu umfangreich, um im vorgegebenen Rahmen behandelt zu werden. Mit einigen Einschätzungen des kommunistischen Badischen Volks-
35 sieheKap itel 4.2.1.
36 siehe Kap itel 4.2.1.
37 In der offiziellen Terminologie ist Frankreich natürlich keine Kolonialmacht. Für Mitterand sind 1954 Frankreich und Algerien wie beide Seiten der Seine. Ähnlic h äußert s ich Mendes-France im November 1954 sowie de Gaulle: „L’Algerie doit démontrer qu’elle est une terre francaise pour aujourd’hui et pour toujours, en algerie il n’y a que des francais à part entière avec les mêmes droits et mêmes devoirs”. Ziteirt nach Buhs ins i, 2000, S.44,45. („Algerien muss zeigen, dass es französischer Boden ist, heute und für immer. In Algerien gibt es nur Franzosen „jenseits“, mit gleichen Rechten und Pflichten“).
15
echos (Kap.9.3), der allerdings wegen seiner geographischen Nähe zur FBZ 38 Berücksichtigung fand, wird diese partikulare Frankreichperzeption immerhin angedeutet.
Wichtiger für ein rahmenhaftes Erfassen der westdeutschen Frankreichwahrnehmung erscheinen vielmehr die überregionalen Pressestimmen. Gehör finden sollen: Die Zeit als große, überregionale und voraussehbar eher frankreichkritische Zeitung mit sozialdemokratischer und überkonfessioneller Verankerung - sowie die Frankfurter AllgemeineZeitung (FAZ) - als gleichermaßen überkonfessionelle, aber konservative Stimme. Beide Zeitungen werden für den gesamten Zeitraum des Algerienkonflikts von Ende 1954 bis März 1962 untersucht, wobei ein besonderes Interesse auf die Berichterstattung der Suezkrise 1956, der Vorfälle von Sakiet, Sidi Youssef 1958, der Mai 1958 (Aufstand der Algerienfranzosen unter General Massu, Sturz der Regierung Pflimlin, Machtantritt de Gaulles), die Straßenkämpfe in Paris im Oktober 1961 und das Ende des Krieges 1962 gelegt wird. Aufgrund seiner regionalen, religiösen und parteilichen (CDU) Verankerung soll der Rheinische Merkur als potenziell frankreich-freundliche Zeitung partiell hinzugezogen werden. Wegen der Nähe zur FBZ und einer möglichen Verknüpfung von Algerienkrieg und Besatzungspolitik sollen stichprobenartig das Badische Volksecho und die Stuttgarter Zeitung hinzugezogen werden.
Alle Zeitungen sollen hinsichtlich des Stellenwerts der französischen Civilisation und der Akzeptanz eines französischen Führungswillens für Westeuropa untersucht werden. Dabei sollen, gemäß Themenformulierung, vor allem Artikel ausgewertet werden, die in direktem Zusammenhang mit der Nordafrika-Politik Frankreichs und der Bundesrepublik sowie dem Algerienkonflikt auf algerischem und französischem Boden zu sehen sind.
Das Fazit soll die Ergebnisse zusammenfassen und eine Tendenz aufzeigen. Dabei wird interessant sein, festzustellen, ob der Algerienkrieg das zivilisatorische Prestige Frankreichs beschädigt hat oder vielleicht gar nicht beschädigen konnte, da aus westdeutscher Sicht dieses Prestige möglicherweise gar nicht existierte und ob eine etwaige Akzeptanz einer französischen Führungsrolle eher auf strategischen deutschen Interessen (Sicherheit, Wiedervereinigung o.ä.) beruhte.
38 Französische Besatzungszone.
16
1. Politischer Führungsanspruch und zivilisatorische Mission -Zusammenhänge
Beides scheint zunächst zwingend ineinander zufallen; die Wahrnehmung und Durchsetzung einer zivilisatorische Idee ohne politische oder militärische Macht bliebe wirkungslos. Umgekehrt hat ein machtpolitischer Führungsanspruch mit einer Komponente zivilisatorischer Unterfütterung mehr Aussicht auf Erfolg. Wann im Einzelfall das (macht-) politische Element nur das zivilisatorische unterstützt und wann letzteres dem ersten nur als Vorwand dient, bleibt naturgemäß immer umstritten. Mit Blick auf die deutsch-französische Geschichte sind so etwa die zivilisatorischen und machtpolitischen Absichten und Wirkungen der napoleonischen Besetzung deutscher Staaten durchaus umstritten 39 .
Dennoch muss zunächst einmal getrennt werden: Die Durchsetzung eines machtpolitischen Führungsanspruchs kann natürlich auch durch rein ökonomische oder militärische Interessen motiviert sein. Der im Kontrast zu seinen realen Möglichkeiten und zu einer außerordentlichen politischen Geringschätzung seitens der USA 40 und der UdSSR mit relativ großem Erfolg ab 1944 durchgesetzte Anspruch Frankreichs auf eine Mitsprache bei der Mitgestaltung Europas 41 beispielsweise war für Frankreich eine „Frage auf Leben und Tod“ 42 , ein dauerhafter Schutz vor dem östlichen Nachbarn. Zunächst sollte Frankreich auf Dauer und irreversibel sich mit deutschem Potential stärken, später Deutschland in Form eines doppelten Containment in einem französisch geführten Westeuropa gebunden werden. Die zivilisatorischen Maßnahmen im weitesten Sinne (Entnazifizierung, „Entpreußung“, „pénétration culturelle“ 43 in der FBZ) sind hier als verstärkende, aber nachgeordnete Komponente des machtpolitischen Aspekts zu sehen (die Fahnen). Machtpolitisches Handeln sichert hier schlicht den Fortbe-stand der eigenen Zivilisation und zukünftigen Wohlstands.
39 Vgl. Werner, 1984, S.40-44. Zu Napoleonverehrung und Napoleonhass vgl. auch Kautz, 1957, S.40ff. Vgl. auch Kap itel 4.2.2.
40 Vgl. Durandin, 1994, S.61ff
41 Der Erfo lg erscheint nur dann klein, legt man d ie Maximalforderungen zugrunde: Ein durch eine Machtbalance von Frankreich und Russland (de Gaulle rechnete nicht mit einer langen Lebensdauer der UdSSR) geführtes Europa. Hüser, 1996, S.226ff weist aber auf das strategische Moment der Maximalpositionen hin: „versteckter Realismus“ in „utopischer Rhetorik“.
42 „In Wirklic hkeit ist das Schicksal Deutschlands das zentrale Problem des Universums. Für Frankreich ist es gleichzeitig eine Frage auf Leben und Tod“ (de Gaulle am 25.10.44). Charles de Gaulle: Discours et messages -Pendant la guerre 1940-1946. Paris: 1970. S.512. Zitiert nach Dankert, 1991, S. 211, 212.
43 Eine solche konnte jedoch nicht aufwiegen, „was bisweilen rab iates Auftreten keineswegs nur mental verwüstet hatte.“ Herbert Elzer: „Rabiates Auftreten. Frankreichs Besatzungspolitik in Deutschland 1945-49“, in: FAZ vom 29.11.05.
17
Umgekehrt aber kann der Bezug auf eine zivilisatorische Mission oder der Nachweis eines zivilisatorischen Erfolges den politischen Führungsanspruch und seine machtpolitische Durchsetzung legitimieren. In dieser Argumentationsweise findet die Rechtfertigung der Algérie française genauso ihren Platz wie die Führung Europas durch das ewige Frankreich als Hüterin universeller Werte. Hier, im zivilisatorischen Diskurs, ist auch das „Herausdrängen“ Vichys aus der französischen (Zivilisations-) Geschichte begründet.
Der mit dem zunehmenden Machtverlust Frankreichs nach 1945 einhergehende rhetorische Rekurs auf die Grandeur (gemäß dem Diktum de Gaulles, „ohne Größe kann Frankreich nicht sein“ 44 ) wirkt nach außen vor allem kompensatorisch. Diese Transzendenzpolitik 45 war zumindest teilweise Merkmal einer Verhandlungsstrategie der Maximalforderungen, einer diplomatischen Taktik, mit der Frankreich weltpolitisches Gewicht zurückgewinnen wollte. Hierfür war es notwendig, bei einem absehbaren Verlust der Kolonien und Einbuße nationaler Unabhängigkeit durch die westeuropäische Integration, auf anderen Feldern Weltgeltung zu erreichen oder zu sichern (z.B. im Bereich der Nuklearrüstung oder der Frankophonie). Wenn auch außenpolitisch der Bogen des global player manchmal überspannt wurde, wie in der Rumänien-Politik oder im provokanten „Vive le Québec libre“ 46 deutlich wird, so war der innenpolitische Erfolg damit aber meist sicher.
Zweifelsfrei liegt dem Grandeur-Diskurs aber auch die echte Überzeugung einer zivilisatorischen Prädestination (und zwangläufig auch einer Notwendigkeit) für das Innehaben Frankreichs eines „ersten Ranges“. Dieser nutze der Welt und gebe Frankreich seine Existenzberechtigung. Zirkulär argumentiert sind die Werte, Überzeugungen und historischen Erfahrungen Frankreichs von universeller Reichweite. Da die nationale Identität der voluntaristischen Nation auf diesen gleichen Werten und Erfahrungen basiert, ist Frankreich gewissermaßen zu Größe verdammt - ohne Größe zerfiele Frankreich, weil es dann seine Identität verlöre. Weil die Welt Frankreich braucht, muss Frankreich Frankreich, also groß sein. Kolboom/Stark sprechen hier von einer spiegelbildlichen Vorstellung des Bildes Frankreichs und des Bildes der Welt. Sie befinden: „Die Frage nach dem Platz Frankreichs (in der Welt) ist … immer mit
44 Charles de Gaulles: Mémo ires de guerre. L’appel 1940-1942. Paris : Plon, 1954. S.7. Zitiert nach Ko lboom/Stark, 1999, S.461.
45 Kolboom/Stark, 1999, S.444.
46 Mit diesem Ausruf de Gaulles während seiner Québec-Reise sorgte de Gaulle für einigen Wirbel. Vgl. hierzu auch Stercken, 1969, S.125ff.
18
einer ‚certaine idée de la France’ verbunden. Sie ist damit die Frage par excellence nach der Identität Frankreichs“ 47 .
In einer solchen Sichtweise ist Weltpolitik für Frankreich existentiell, seine inneren Werte sind gleichzeitig seine außenpolitischen Interessen. Nur der Glaube an seine Werte und der Glaube an seine Größe halten Frankreich zusammen. Da diese Werte spezifisch französisch und gleichzeitig universell sind, ist Frankreich in seiner Existenz bedroht, wenn seine Werte (in der Welt) bedroht sind. Welche aber sind die Werte und Überzeugungen Frankreichs, die in der Nachkriegszeit universale Ausstrahlungskraft hätten? Weder die Verfassung und politische Kultur der IV. Republik (als Verlängerung der III. Republik) noch die der V. Republik hatten - wenigstens auf Deutschland - Anziehungskraft (vgl. Kap. 9.1.1). Die Vichy-Jahre konterkarierten das Frankreich der Moderne. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, für das Frankreich seit Yalta und gegen die Welt der Blöcke kämpft, schien in Bezug auf Nordafrika nicht in gleicher Weise einlösenswert und auch in Bezug auf Deutschland gelten erhebliche Einschränkungen. Auch die Zurückweisung der amerikanischen Beherrschung des Westens wirkt unglaubwürdig, wenn an die Stelle eines amerikanischen nur ein multilaterales, aber von Frankreich dominiertes Modell gesetzt würde. Aus bundesdeutscher Sicht jedenfalls zeigten bereits die Verhandlungen zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), später die „Fouchet-Pläne“ und die MLF-Debatte 48 , dass Frankreich nicht oder kaum mehr bieten wollte, nicht mehr Partnerschaft und auch nicht mehr Teilhabe, als die USA.
Eine ganz andere, radikal entmythologisierende Sichtweise auf die Grandeur einer Nation formuliert der Schriftsteller Sayouba Traoré:
„La grandeur d'une nation se nourrit de la petitesse des autres nations. Et on ne devient pas impunément une grande nation. Il faut y mettre de la volonté et de la détermination. (…) Ruser, escroquer, massacrer s'il le faut. (…) Prévoir les réponses au cas où des mauvais coucheurs auraient des reproches à vous faire. Prendre ce qui ne vous appartient pas. En prime, vendre le propriétaire de ce bien. L'appétit vient en mangeant. Il s'agit maintenant de faire les choses en grand, sur un plan industriel, c'est-à-dire civilisé “. 49
47 Kolboom/Stark, 1999, S.445.
48 Zur Irrealität einer bundesdeutschen Teilhabe an französischen Nuklearwaffen, des „tabuis ierten Kerns der Staatsräson der V. Republik“, vgl. Schütze, 1988, S.27, und auch Dankert, 1991, S.230. Weisenfeld, 1990, S. 81, erinnert daran, dass eine der ersten Amtshandlungen de Gaulles darin bestand, die Verbindungen der französischen Atomtechnik und -politik zur Bundesrepublik (und zu Israel) abzuschneiden.
49 In: Libération vom 27.12.2005. („Eine Nation wird groß, indem sie die anderen kleinhält. Und man wird nicht ungestraft eine große Nation. Man braucht Willen und Entschlossenheit. (...) Täuschen, betrügen, massakrieren wenn nötig. (...) Antworten bereithalten für den Fall, dass irgendwelche Querulanten Vorwürfe machen. Das nehmen, was einem nicht gehört. Den Eigentümer am besten gleich mitverkaufen. Der Appetit kommt beim Essen. Jetzt heißt es in großem Stil zu handeln, auf einem industriellem - zivilisiertem - Niveau“).
19
2. Französische Zivilisation - positives Selbstverständnis 1960
„La France et ses écrivains“ von Mauger und Bruézière gilt als eines der großen Schul-Standardwerke über die französischen Zivilisation schlechthin. Es wurde nach 1957 mehrfach überarbeitet und ist „couronné par l’Académie francaise“. Darin werden Frankreichs Landschaften und Städte, seine kulturell-ethnischen Wurzeln, seine Bewohner, sein gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Leben, seine Stellung in der Welt, seine Kunst und Architektur, sein ganzes intellektuell-künstlerisches Schaffen durch die Brille der Literatur und der Literaten aufgeschlossen. Durch diese Perspektive wird nicht nur die außerordentliche Rolle der Dichter und Denker für das Renommee und die Grandeur betont, sondern Frankreich, auch das politische, wird durch die Perspektive der Literaten gleichsam auf eine überparteiliche Weise sublimiert und verewigt. Da die zu Wort kommenden Dichter und Denker sich selbst meist überschwänglich zu der Grandeur Frankreichs (und damit der eigenen) bekennen, erscheint dem Leser Frankreich als Zentrum des Universalismus und der humanité (dts. Menschheit, Menschlichkeit). Am deutlichsten wird dies in einem Auszug von Georges Duhamels „Civilisation francaise“ 50 , in dem sich die Berufung der Franzosen, „das Universelle voranzubringen und zu verteidigen“ 51 , bestätigt. In diesem Pamphlet Duhamels werden, nur höflich verschleiert, die begrenzten Möglichkeiten anderer Völker aufgezeigt:
„Manche Völker haben ihren Platz in der Geschichte errungen, weil sie kühne Seefahrer hervorgebracht haben. Andere schulden ihr Prestige ihren beflissenen Händlern. Wieder andere Nationen werden für ihre Industrie bewundert ... Andere aber können stolz auf ihre Dichter, ihre Musiker, ihre Philosophen sein. Wir kennen Nationen, selbst solche, die groß an Fläche und Bevölkerung sind, die vor dem Altar der Geschichte nicht einen einzigen großen Namen nennen können. Umgekehrt können sehr kleine Länder sich vor dem Gericht der Menschheit von einer ganzen Kohorte von Fürsprechern vertreten lassen. (...) Es ist nicht zu erkennen, dass Frankreich in irgendeinem Bereich der menschlichen Aktivität versagt hätte. Es ist überall präsent und überall glänzt es.“ 52
50 Erschienen 1944. Ein Gegenentwurf hierzu, die kulturelle Anklageschrift „Idéo logie francaise“ von Bernard-Henri Lévy, erscheint 1981.
51 Bruézière/Mauger, 1957, S.269: „Car, ce que les francais aiment à considérer comme leur vocation nationale, promouvoir et défendre l’universel (Hervorhebung im Original), l’écrivain le confirme par la variété même des talents et des esprits qui ont fait la grandeur de la France.“
52 „Certains peuples ont pris place dans l’histoire parce qu’ils avaient engendré d’audacieux navigateurs; d’autres doivent leur renom à l’habilité de leurs négociants; d’autres encore se font admirer pour leur industrie dont les produits sont estimés et recherchés. Il en est qui s’enorgueillissent de leurs poètes, ou de leurs musiciens, ou de leurs philosophes. (...) On connaît des nations, même très nombreuses et fortement établies sur de vastes territoires, qui ne peuvent répondre à l’appel de l’histoire en citant le nom d’un seul de leurs citoyens. En revanche, de très petits pays peuvent se faire représenter au tribunal de l’humanité par une cohorte d’avocats. (…) On ne voit pas que la France ait fait défaut dans une quelconque des parties de l’activité humaine. Elle y est partout présente et partout elle excelle. (...) Toutes les provinces de la France ont montré, dans ce grand labeur, des vertus concurrentes ou complémentaires. Voltaire et Lavoisier sont Paris iens, Montesquieu est Gascon, Corneille est Normand
20
Der Reichtum in der Vielfalt Frankreichs ist die dominierende Denkfigur dieses Lehrwerks. Er resultiert zunächst auf natürlichste Weise aus einer „vielleicht einmaligen“ geographischen und ethnisch-kulturellen Beschaffenheit. Durch seinen „front atlantique“ sei Frankreich empfänglich für das liberale Element der angelsächsischen Zivilisation und - „fenêtre ouverte sur le grand large“ - für die Versuchung von Abenteuern in der Ferne („la tentation des aventures lointaines“). Durch seine kontinentale Anbindung machte es sich zum „pièce indispensable“ 53 der europäischen Kultur, durch sein „front méditerranéen“ sei Frankreich geschichtlichräumlich mit Afrika und den großen Kulturen der Antike und des Orients verbunden. Diese mediterrane Latinität, „die dem Nordeuropäer fremd sein mag“, verbinde die Menschen am Mittelmeer mit einem geheimen Bande der Sympathie („une secrète sympathie“). Völkerpsychologische Nationalstereotype werden daraus abgeleitet: Diese Mischung aus „fond latin“ und „fond celtique“, aus den verschiedensten regionalen Traditionen und Bräuchen führe nun aber nicht zu prinzipiellen Unvereinbarkeiten, Konflikten und Rissen, sondern vielmehr zu einem allen Franzosen gemeinsamen Charakterzug, der sich trotz oder wegen aller Unterschiedlichkeiten in einem Hang zum Ausgleich („équilibre“), zu besonnener Rationalität, Logik 54 und wohlwollender Milde („douceur“) äußere. Der Franzose liebe den „contact humain“, er sei zwar Individualist, aber der „Einzelgänger, der Eremit, der Misanthrop fände sich nur selten in Frankreich.“ 55 Aus der Betonung einer reichen, fruchtbaren, komplementären Vielfältigkeit, welche große Persönlichkeiten und große Momente der Weltgeschichte hervorbringe, werden folgende geschichtsphilosophische Ableitungen und politische Zielsetzungen hergestellt:
- Die Vielfalt berge zwar zentrifugale Kräfte, aber in der Deutung als übergeordneten Qualität der Gesamtgesellschaft wirke sie einheitsstiftend. Auch wer feindlich zu einzelnen
.... Elle (la liste) montrerait à merveille que nul canton de la France n’est un médiocre terroir pour le talent et le génie.“
53 Frankreich wäre nicht Frankreich ohne Europa, noch weniger wäre Europa Europa ohne Frankreich. Vgl. Bruézière/Mauger, 1957, S.6.
54 Allerdings, so André Maurois (ebenda, S.105), irrten die Engländer und Amerikaner, wenn sie glaubten, die Franzosen wären immerzu logisch-rational. Zeitweise seien d ie Franzosen so sehr von einer Idee besessen und leidenschaftlich, dass sie alle Rationalität vergäßen. So etwa in der Dreyfus-Affäre, einer „douloureuse affaire de trahison de la fin du XIXe siècle.“ („Eine schmerzlic he Affäre des Verrats am Ende des 19. Jahrhunderts“). Fast möchte man fragen, ob die Judenverfolgung im unbesetzten Frankreich oder die systematischen Folterungen algerischer Freiheitskämpfer dann auch nur Ausdruck von „Leidenschaft“ war. Auch Bruézière/Mauger, (1957, S.89) folgen der Sichtweise Mauro is’, wenn s ie feststellen, dass „der Franzose“ sich häufig im Widerspruch zu seiner eigentlichen Veranlagung, seinem „esprit de logique“ bewegt. Dies mache ihn sogar zum „le plus paradoxal des êtres.“
55 Ebenda, S.110: „Ses idées, il veut les échanger, les confronter avec celles du vois in, et, lo in de redouter la critique, il la recherche, moins peut-être dans l’espoir d’éclairer sa lanterne que par le moyen de la discussion, un contact humain. Aussi, le misanthrope, le solitaire, l’ermite sont-ils des types d’hommes peu répandus dans notre pays.“
21
Entwicklungen stehe, könne doch die Grandeur im Ganzen, die politische, ideengeschichtliche Reichweite als solche anerkennen und sich darin wiederfinden: als Royalist und Republikaner, als Laizist oder Kleriker, als Katholik oder Protestant, als Bretone, Korse, Elsässer oder Baske.
- Frankreich sei durch seine einzigartige Vielfalt in gewisser Weise das Universum in kleinem Maßstab. Es sei als solches prädestiniert als menschheitsgeschichtliches Experimentierfeld und als Fermentationsbecken großer Ideen. Das bedeute, dass das, was universell ist, auch französisch sei und umgekehrt, dass das, was französisch ist, immer gleichermaßen universell (vgl. Kap.1) Werden die eigenen Ziele mit den universell wünschenswerten gleichgesetzt, ergebe sich daraus zwingend ein ewiger Anspruch auf Führung, mindestens auf Einfluss und Mitwirkung 56 .
- „Die Tendenz des französischen Charakters zu Universalismus, Idealismus und Gemeinnutz“ führen im Denken André Siegfrieds 57 zu einer Haltung „proprement universaliste“ („geradezu universalistisch“), welche unweigerlich aus nationalistischer und ethnischer Enge hinausführe. Die Fähigkeit „de libérer les esprits“ mache den Franzosen, weil er Franzose ist, zum Weltbürger.
Mit einer notwendigen Neupositionierung Frankreichs in der Welt nach 1945 befasst sich der Beitrag von Marcel-Edmond Naegelen 58 , der erkennen will, dass die Zeit einer „einsamen Grandeur“ vorbei sei. Aber: „Wir werden keine militärische Großmacht mehr sein. Wir wer-
56 DieEinsicht, keine Großmacht mehr zu sein wird kompensiert durch die Selbstdefinition als „mittlere Weltmacht“, als „besonderer Akteur“, dessen Besonderheit auch in der Strahlkraft französischer Kultur („Rayonnement“) liegt. Die Verteid igung der französichen Sprache und Kultur (z.B. als „exception culturelle“ in den GATT-Verhand lungen 1993) ist ein Zeichen für „Frankreichs Weltpo litik“, die im französischen Diskurs immer auch „Frankreich in der Welt“ bedeutet. Vgl. Kolboom/Stark, 1999; Kolboom/Stark, 2005; Grosser, 1986, S.400ff.
57 Vgl Bruézière/Mauger, 1957, S.91 (Auszug aus Siegfried, André: L’Âme des peuples. Hachette: Paris, 1950.). André S iegfried war im übrigen Ausbilder für d ie Führungskräfte der französischen Besatzungsmacht und vermittelte in dieser Eigenschaft seine „rassegeographischen Deutungs muster“ des Deutschen (vgl. Hüser, 1996, S. 568ff). Man muss sich allerdings fragen, ob die nationale Beanspruchung eines Universalismus nicht letztlich nur eine Form „kultureller Hegemonialpo litik“ verschleiert, wenn d ieser Universalismus seine Idee genauso gefährlic h verabsolutiert wie jede andere Doktrin. Selbst die Kritik am französischen Universalis mus ließe s ich mühelos positiv in diesen integrieren - möchte doch ein „guter“ Universalismus auch ein streitbarer sein. Selbst ein zerrissener, um Ausgleich im Algerienkrieg bemühter Camus spricht auch immer wieder von einem „nouve l impérialisme arabe“ (Vgl. Camus, 1958, S.203). In der Tat muss jedes universelles Prinzip, von anderen in Anspruch genommen, (und auch d ie Unabhängigkeit ist ein solches) im französischen Universalismus-Konzept wie Imperialismus erscheinen.
58 Vgl Bruézière/Mauger, 1957, S.107, 108. Marcel-Edmond Naegelen war auch französischer Generalgouverneure von Algerien vom 11.2.45 b is 9.3.51. In seine Amtszeit fallen die Massaker von Sétif und Guelma. Vgl. Kap itel 4.3.2.
22
den eine intellektuelle und moralische und folglich auch politische Großmacht sein“. 59 Naegelen greift die im französischen Diskurs gängige Denkfigur auf, dass Frankreichs Abwesenheit auf der Weltbühne nicht ohne Grund zusammenfalle mit einer „Zeit des Hasses, des Misstrauens und der Gewalt“, seine Rückkehr zu Größe aber eine „Ära der Harmonie, der Gestaltungskraft und der Schönheit“ einleiten werde.
Der damalige Blick auf das politische Frankreich spiegelt in gewisser Weise den Blick auf Frankreich in der Welt. Was von außen gesehen zerbrechlich und schwach wirken muss, nämlich die Menge an Parteien, die Parteienzersplitterung („la poussière de partis que compte la France“), der geringe Wille zu Fraktionsdisziplin, die Regierungskrisen u.s.w., sei in Wirklichkeit Ausdruck einer „démocratie jusqu’à l’excès“ („exzessiven Demokratie“). Letztlich sei Frankreich ein Meister des „équilibre“ (dts. Ausgleich, Gleichgewicht). Kontinuität und Stabilität würden durch die neue Verfassung der V. Republik weiter gefördert 60 .
2.1 Algerienbild bei Bruézière und Mauger
Was am meisten auffällt, ist das Vermeiden aller problematischen Bereiche und die offensichtlich enge Anbindung an die politischen Vorgaben. So ist es zwar nicht weiter überraschend, dass das Pétain-Frankreich nicht einmal angedeutet wird, ganz so, als wäre Frankreich in dieser Zeit nicht Frankreich gewesen, aber das totale Ausblenden Algeriens, immerhin noch Teil des Mutterlandes und wichtigster Aspekt im politischen und kulturellen Diskurs über Frankreichs Rolle in Afrika und der Welt, überrascht. Auf 520 Seiten findet sich nur der Hinweis auf Frankreichs unmittelbaren kulturellen (mediterranen) Kontakt mit Afrika. Selbst das Wort Nordafrika wird vermieden, es taucht nur einmal in einer Fußnote in der Besprechung des „L’Étranger“ von Camus auf; einen Hinweis auf Camus’ algerischen Geburtsort Mondovi, gibt es allerdings nicht.
2.2 Deutschlandbild bei Bruézière und Mauger
In besonderer Weise auffällig ist die vollständige Vermeidung eines sonst üblichen antagonistischen Selbstverständnisses (vgl. Kap. 4.2), das seine positive Identität und sein Selbstwertgefühl durch Abgrenzung zum deutschen Nachbarn gewinnt. Die jüngste Geschichte taucht
59 „Nous ne serons plus une grande puissance militaire. Nous serons une grande force intellectuelle et morale et par conséquent politique.“
60 Bruézière/Mauger, 1957, S.194f.
23
Arbeit zitieren:
Bernhard Nitschke, 2007, Europäischer Führungsanspruch und Mission Civilisatrice - Die politische und öffentliche Wahrnehmung Frankreichs in der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit des Algerienkrieges, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Bernhard Nitschke's Text Europäischer Führungsanspruch und Mission Civilisatrice - Die politische und öffentliche Wahrnehmung Frankreichs in der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit des Algerienkrieges ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Bernhard Nitschke hat den Text Europäischer Führungsanspruch und Mission Civilisatrice - Die politische und öffentliche Wahrnehmung Frankreichs in der Bundesrepublik Deutschland zur Zeit des Algerienkrieges veröffentlicht
Bernhard Nitschke hat einen neuen Text hochgeladen
Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2009 / Design Award of the ...
Rat für Formgebung
Die öffentliche Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland auf dem Weg ...
Grundsätze, Chancen und Risike...
Wolfgang Kirk
Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland 04/2
Die einzelnen Grundrechte. Fre...
Klaus Stern
Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland
Martin Greiffenhagen, Sylvia Greiffenhagen
Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland Band IV
Aufgaben des Staates
Josef Isensee, Paul Kirchhof
0 Kommentare