Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
2 Die Verfasserfrage 4
3 Herman Bote Verfasser des Ulenspiegel 5
4 Formale und inhaltliche Erzählstruktur des Ulenspiegel 11
5 Exkurs: Sinn und Intention von Akrosticha 15
6 Kritische Auseinandersetzung mit den Positionen Honeggers 16
7 Weitere Versionen bezüglich des Ulenspiegel -Aufbaus 21
7.1 Der Eulenspiegelaufbau nach Ekkehard Borries 21
7.2 Der Aufbau des Eulenspiegel-Volksbuches von 1515 nach Werner
Hilsberg 22
8 Fazit 29
9 Literaturangabe 31
10 Anhang 34
2
1 Einleitung
Anknüpfend an das im Hauptseminar „Ulenspiegel“ gehaltene Referat „Ulenspiegel. Akrostichon und Erzählstruktur“ soll mit dieser Hausarbeit der Versuch unternommen werden, tiefer in die Thematik einzusteigen, weitere Informationen zu liefern und sich kritischer mit einzelnen Forschungspositionen auseinanderzusetzen. Unterstellt werden soll dabei, dass Herman Bote gemeinhin als der Verfasser des „Ulenspiegel“ gilt. Auch wenn zeitweilig andere Persönlichkeiten, wie z.B. Dr. Thomas Murner als Autoren gehandelt wurden/ werden, erscheint es in der Forschungsliteratur dennoch so, als sei H. Bote weithin als Ulenspiegelschöpfer anerkannt. 1 Einen nicht zu verachtenden Anteil an dieser wissenschaftlichen Position hat Peter Honegger, der mit seiner 1973 erschienen Publikation „Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und Verfasserfrage“ für neue Erkenntnisse in der Ulenspiegelforschung sorgte. Doch nicht nur in Bezug auf den Verfasser lieferte P. Honegger wichtige Informationen, sondern auch hinsichtlich der gesamten Erzählstruktur des Textes. Ich möchte daher im ersten Abschnitt auf die Fragen der Verfasserschaft und der vermeintlichen Erzählstruktur des „Ulenspiegel“ nach Peter Honegger eingehen und mich im zweiten Teil dieser Arbeit damit kritisch auseinandersetzten. Dabei sollen auch andere Konzepte zur Erzählstruktur in den Blick genommen werden. – Dies ergibt sogleich einen Blick auf die verwendete Forschungsliteratur. Hauptsächlich werde ich mit P. Honeggers Publikation arbeiten – nicht zuletzt wegen der methodischen Praktikabilität. Die Mehrzahl der übrigen Literatur wird dann entweder zusätzliche Informationen liefern, flankierend wirken oder in kritischer (Op-) Position zu den Ansichten Honeggers stehen, damit ein umfangreicheres Bild bezüglich der Verfasserfrage und Erzählstruktur gezeichnet werden kann, als dies mittels einer einzigen Publikation möglich ist. Textgrundlage der Arbeit ist die Ulenspiegelausgabe von Reclam „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515“, herausgegeben von Wolfgang Lindow.
1 Eine Übersicht darüber, wer als Autor des „Ulenspiegel“ bereits gehandelt wurde vgl. Bollenbeck, Georg, Till
Eulenspiegel. Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und Rezeptionsgeschichte (=
Germanistische Abhandlungen, Bd. 56), Stuttgart 1985, S. 12-18.
3
2 Die Verfasserfrage
Laut Peter Honegger gab es bei der Frage danach, wer eigentlich der Verfasser des „Ulenspiegel“ sei bis zur Veröffentlichung seiner Publikation ein entscheidendes methodisches Problem. 2 Nicht die Suche nach den Spuren eines möglichen Autors stand im Vordergrund, sondern die nach dem ursprünglichen Text des „Ulenspiegel“. So erkannte die Literaturwissenschaft relativ schnell, dass der uns heute vorliegende Text keine Stringenz in Sachen Sprache, Handlung oder Personencharakterisierung aufweist. – Vielmehr verweisen niederdeutsche Ausdrücke und gute geographische Kenntnisse in und um Braunschweig auf einen Braunschweiger Autor mit niedersächsischer Muttersprache; mitteldeutsche Ortsangaben und sogar das Fehlen niederdeutscher Ausdrücke wiederum auf einen anderen deutschen Dialekt. Es müssen folglich mindestens zwei unterschiedliche Autoren aus verschiedenen Sprachräumen (Übersetzungen einmal ausgeschlossen) in Betracht gezogen werden. Der unterschiedliche Erzählstil einzelner Historien 3 , die keineswegs homogene Darstellung der Figur des Ulenspiegel und einige andere Erscheinungen decken diese Annahme mehrerer Verfasser zusätzlich. Jedoch haben all’ diese Überlegungen keineswegs zum „Nachweis eines plausiblen Verfassernamens“ geführt, weshalb Honegger zu dem Schluss kommt, die Fragestellung sei falsch formuliert worden. So sei nicht etwa der Ursprungstext von den späteren Zusätzen zu trennen, weil dies schon per se voraussetzt, dass es mindestens zwei Verfasser gibt, sondern das „umgekehrte Vorgehen [vonnöten]: zuerst nach Spuren eines möglichen Autors zu suchen und erst danach die ihm sicher zuzuschreibenden Teile des Volksbuches zu eruieren“. 4 Das führt folglich zu der Frage, was Honegger dazu veranlasst, die Behauptung aufzustellen, Herman Bote sei der Verfasser des „Ulenspiegel“.
2 Etwas irreführend kann der Begriff des Autors/ Verfassers hier verstanden werden, falls man ihn mit dem Begriff des geistigen Schöpfers des „Ulenspiegel“ gleichsetzt, denn der Name Vlenspeygel taucht bereits 1411 in handschriftlichen Zeugnissen im Zuge geistlicher Korrespondenz zweier norddeutscher Kleriker auf. Insofern ist der Autor hier nur Konzipient des Werkes, nicht aber der gedankliche Schöpfer.
3 Im Folgenden auch mit „Hist.“ (für Singular und Plural) abgekürzt.
4 Honegger, Peter, Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und zur Verfasserfrage (= Forschungen, Verein fu r Niederdeutsche Sprachforschung, Neue Folge, Reihe B, Sprache und Schrifttum, Bd. 8), Neumünster 1973, S. 84.
4
3 Herman Bote – Verfasser des „Ulenspiegel“!?
Unterstellt man, dass Herman Bote der Autor des „Ulenspiegel“ ist, so sollte man zuerst prüfen, ob die im Text dargestellten Ereignisse möglicherweise in die Lebenszeit Botes gehören könnten. Tatsächlich weisen die Handwerkgeschichten, Ulenspiegels Tod im Jahre 1350, das in der 88. Historie beschriebene Turnier zu Einbeck (1471) sowie die genaue Ortskenntnis des Braunschweiger Landes auf einen Erzähler hin, der „sich selbst als Kind des
15. Jahrhunderts zu erkennen [gibt].“ 5 Herman Bote, als Sohn des Braunschweiger
Schmiedemeisters und Ratsmitgliedes Arnt Bote, war bereits 1488 Zollschreiber. Aus diesem Jahr ist bekannt, dass er seines Amtes enthoben wurde. Man kann davon ausgehen, dass er zum Zeitpunkt dieser Amtsenthebung mindestens 25 Jahre alt gewesen sein muss, weil er sonst diesen administrativen Posten nicht hätte antreten können. Zeitweilig war er wohl auch Verwalter des Braunschweiger Altstadt-Ratskellers. Von 1497 bis 1513 ist er wieder als Zollschreiber tätig gewesen. Zudem wird er zwischen den Jahren 1516 und 1520 als Verwalter der städtischen Ziegelei erwähnt. Das Todesjahr kann nur ungefähr zwischen 1520 und 1525 datiert werden. Insofern bestätigt sich also die Vermutung der partiellen Kongruenz zwischen Lebenszeit Botes und einigen Geschehnissen im „Ulenspiegel“.
Aus Botes Hand ist nur ein einziges authentisches Zeugnis gesichert, das zudem aus seinem Berufsalltag stammt. Mit „Hermen bote me fecit 1503“ signierte er das handgeschriebene Zollverzeichnis der Stadt Braunschweig. Von dieser Handschrift ausgehend wird ihm „Dat schichtbiok“ zugeschrieben, eine Chronik über die Handwerkeraufstände in Braunschweig, die circa zwischen 1510 und 1514 entstanden ist. Neben der Handschrift als primäres Indiz für dieselbe Autorschaft von Zollverzeichnis und Chronik ist der letzteren zusätzlich eine Zeichnung vorangestellt, die eine männliche Figur in der Amtstracht der Stadt Braunschweig als Boten darstellt. 6 Eine ähnliche Darstellung findet sich auch bei einem Werk namens „Dat boek von veleme rade“, das Herman Bote relativ sicher zugeschrieben werden kann, 7 denn neben jener erwähnten Botendarstellung findet sich in diesem Buch das Akrostichon
HERMEN BOTE, das den Kapitelanfängen 2-10 zu entnehmen ist. Auch die mittelalterliche
Spruchsammlung „Der Koker“ ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Feder Botes
5 Ebd., S. 85.
6 Siehe Anhang S. 1.
7 Siehe Anhang S. 2.
5
entsprungen Darauf verweisen zum einen das Vokabular der Reimgebrauch und einige
inhaltliche Übereinstimmungen mit dem „Boek van veleme rade“, zum anderen „Botes
Freude an akrostichischen Spielereien: Zwar ergeben die Kapitelanfänge bei diesem Werk
nicht seinen Namen aber sie durchlaufen der Reihe nach das Alphabet von A-W 8 Auch für
die beiden Weltchroniken konnte 1952 durch G Cordes nachgewiesen werden dass
Herman Bote der Verfasser ist Dazu kommen einige politische Streit- und Spottlieder die
möglicherweise den Grund für seine Amtsenthebung geliefert haben
Nach diesem relativ kurzen Befund Botescher Produktion und deren vermeintlicher
Regelhaftigkeit bezüglich Wortwahl Reimart Akrostichon usw stellt sich in Bezug auf den
Ulenspiegel die Frage ob gewisse Ähnlichkeiten zu den bisher genannten Werken
feststellbar sind und wenn ja ob diese ausreichen können um Herman Bote auch die
Autorschaft für den Ulenspiegel zuzusprechen Peter Honegger führt dafür folgende
Parallelen an:
a) Die kritische Einstellung gegenüber den Handwerkern: Schenkt man P Honegger
Glauben so fällt beim Lesen der vorgeblich anderen Werke Botes und insbesondere beim
Schichtbuch dessen grundsätzlich negative Haltung gegenüber den Handwerken auf
deren Benehmen in der Zollbude wohl oft anmaßend und unbotmäßig gewesen sein
mochte 9 Er stützt diese Annahme auf die Aussagen Werner Dankerts der herausfand
dass die Zöllner noch bis ins Jahr 1652 in Braunschweig als unehrliche Leute galten und
eben keinen geachteten Stand darstellten 10 Generell so Honegger sei es Bote zuzutrauen
dass er den Angehörigen des Handwerkerstandes die Geringschätzung die sie ihn
erfahren ließen mit der ihm zur Verfügung stehenden Münze des Spottes in der Form wie
wir sie im Volksbuch finden heimgezahlt hätte 11
b) Die Bedeutung der Hansestädte: Sowohl im Räderbuch als auch im Schichtbuch wird die
zentrale Bedeutung der Hansestädte durch H Bote hervorgehoben der als Einwohner und
Angestellter der Stadt Braunschweig selbst eine der wichtigsten Hansestädte der
damaligen Zeit bewohnte
8 Honegger P Ulenspiegel Ein Beitrag zur Druckgeschichte und zur Verfasserfrage Neumünster 1973 S 88.
9 Honegger P Ulenspiegel Neumünster 1973 S 88.
10 Vgl Dankert Werner Unehrliche Leute Die verfemten Berufe 2 Aufl Bern München 1979 S 265f.
11 Honegger P Ulenspiegel S 88.
6
c) Im „Ulenspiegel“ zeigt sich jene Präferenz über die Darstellung Braunschweigs und des unmittelbaren geographischen Umfelds hinaus auch durch die auffallende Vorliebe für andere Hansestädte, etwa Krakau oder Koppenhagen. Und in jenen Städten, die nicht zur Hanse gehörten, unterlässt es Ulenspiegel dann auch nicht, sich etwas vollmundig als Hanseat, also als Osterling, auszugeben. 12
d) Die Übereinstimmung in Bezug auf die Themenwahl: Honegger behauptet, man finde die ständische Gliederung des Radbuches (die ersten fünf Räder: Papst und Kardinäle, Kaiser und Kurfürsten, Adel, Städte, Bauern; die zweiten fünf Räder: Frauen, Kinder, Schwarzkünstler, Toren, Betrüger und Diebe) zwar nicht in derselben Reihenfolge aber dennoch komplett im „Ulenspiegel“ vertreten und erhalte somit ein weiteres Indiz für ein und den selben Autor. Ob dies tatsächlich der Fall ist, soll im weiteren Verlauf der Arbeit noch geklärt werden.
e) Die Spruchweisheiten: Untersucht man den „Koker“, den „Ulenspiegel“ und eine der „Weltchroniken“ hinsichtlich bestimmter Spruchweisheiten, fallen folgende Übereinstimmungen auf:
„Der Koker“ „We dâr verladen is mit schelken de mach sîne slippen afsnîden“ (711/ 12) „We brôt hat, dem büt me brôt“ (1136) „Weltchronik“
„Men alse eynen mynschen levent ist, so is ok des mynschen ende“ (Halb. Hs. 394rb)
f) Die Verwendung bestimmter Wortbilder und die Wortwahl im Allgemeinen: Im „Boek van veleme rade“ finden sich kleinere Passagen, die auch im „Ulenspiegel“ zu finden sind. So z.B. „dat dy de hals moghe knacken“ (Boek van veleme rade VI, 102) und „Ulenspiegel“ Hist. 9 „…ich gang vnd trag das mir der halß kracht…“. Zudem treten im Schichtbuch und im „Ulenspiegel“ „eine Anzahl von Wendungen auf, die einzeln genommen keine Bedeutung hätten, in ihrer Gesamtheit aber doch wohl mehr als Zufall
12 Vgl. ebd., S. 89.
13 Vgl. Honegger, S. 90.
7
14
sind.“ Diese sind unter anderem: anslage (Hist. 14, 15); eyn eventur (Hist. 14, 24, 25, 27); so swech he stille unde dachte (Hist. 40); over hundert jaren hirna van seggen (Hist. 14); so reyp eyn to deme anderen (Hist. 46) sowie do wart he ropen ‘mau mau’ (Hist. 55). 15
g) Das Akrostichon: Bereits weiter oben wurde auf die vermeintliche Vorliebe Botes verwiesen, Kryptogramme in seine Werke einzubauen. Eine Art dieser Verschlüsselungen sind so genannte Akrosticha. Dabei ergeben die Anfangsbuchstaben (-silben; -wörter) einzelner Sätze, Verse oder Strophen einen bestimmten Sinn, etwa einen Namen. Wie dargestellt, befindet sich im „Koker“ ein Akrostichon, das den Autor dieses Werkes als
HERMEN BOTE identifiziert. Und auch im „Boek van veleme rade“ sind ähnliche
Phänomene vorhanden. Falls also der „Ulenspiegel“ von Bote stammen sollte, dann liegt die Vermutung nahe, dass auch in ihm Akrosticha bzw. andere kryptologische Erscheinungen enthalten sind. Peter Honeggers herausragende Leistung ist das Auffinden eben eines solchen Akrostichons im „Ulenspiegel“. Er war der erste, der herausfand, dass die Historien 90-95 den vermeintlichen Namen ERMANB hervorbringen. 16 „Mit ,ERMAN B’ ergeben sie (die Historienanfänge – Anm. d. Verf.) den nahezu vollständigen Vornamen und den ersten Buchstaben des Familiennamens des vermuteten Verfassers Hermann Bote.“ 17 Doch nicht nur die letzten Historien enthalten nach Honegger akrostichische Elemente, sondern auch das gesamte Werk, denn wenn „wir schon wissen, daß Hermann Bote seinen Namen in den Kapitelanfängen seines Radbuches bekanntgab und daß er die Abschnittsanfänge des ,Köker’ in der Reihenfolge des Alphabetes setzte, müssen wir auch im Ulenspiegel, nach Anzeichen der gleichen Spielerei Umschau halten.“ 18 Daher erstellt Peter Honegger zunächst folgende Übersicht:
14 Ebd., S. 91.
15 Vgl. ebd., S. 91f.
16 Historie
Historienanfang
90 „Elend…“
91 „Ruw…“
92 „Merke…“
93 „Als…“
94 „Nach…“
95 „Bei…“ 17 Honegger, S. 94.
18 Ebd., S. 92.
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Marc Partetzke, 2006, Aufbau und Erzählstruktur des Ulenspiegel-Buches - Insbesondere in Hinblick auf die Forschungspositionen Peter Honeggers, Munich, GRIN Publishing GmbH
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