Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Institut für Soziologie
Hauptseminar: Soziale Ungleichheit und Interessenartikulation heute
Wintersemester 2001 / 2002
Fundamentalismus im Nord-Süd-Konflikt
von
Eike Freese
Inhalt
I. Einleitung 3
II. Sozialprofil fundamentalistischer Bewegungen 5
a.) Marginalisierte Mittelschichten 6
b.) Intellektuelle 6
c.) Unterschichten 7
III. Allgemeine Merkmale des fundamentalistischen Kulturmilieus 9
a.) Autoritäre und patriarchale Herrschaftsstrukturen 9
b.) Urbane Gesellschaft 10
c.) Klassenheterogenes Kulturmilieu 11
d.) Die Kritik an der bestehenden Gesellschaft und der „Feind“ 12
e.) Apokalyptisches Geschichtsverständnis 14
f.) Politische Ambitionen 15
g.) Fazit 16
IV. Der Fundamentalismus der islamischen Welt 18
a) Historische Perspektive: Der Sechs-Tage-Krieg 18
b) Die politische Krise der islamischen Welt: Innere und äußere Konflikte 20
c) Die sozioökonomische Krise: Sozialer Wandel 23
d) Die kulturelle Krise und die Revitalisierung des Islam 25
V. Fundamentalismus und Nord-Süd-Konflikt 28
a) Globale Revitalisierung von Religion 28
b) Globalisierung von Kultur und Revitalisierung von lokaler Kultur 29
c) Die globalisierte Kultur des Nordens und die kulturelle Defensive des Südens 30
VI. Schluss 32
VII. Literatur 34
I. Einleitung
Nimmt man die Berichterstattung in den Medien zum Maßstab, hängt das weltgesellschaftliche Wohl und Wehe vor allem von zwei Faktoren ab: Der Börse und den Bombenanschlägen islamistischer Terroristen. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und vor allem nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes hat die Bedeutung des gegenwärtigen Kapitalismus und des Fundamentalismus tatsächlich zugenommen: Ihre Bedrohungen sind näher gerückt.
Religiöser Fundamentalismus ist dabei ein Symptom der Krise des Südens und gleichzeitig Ursache vieler ihrer Probleme auf dem Weg wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gesundung. In manchen Ländern eher nur ein innenpolitisches Problem, ist beispielsweise der Fundamentalismus der islamischen Welt eine so starke gesellschaftliche Bewegung, dass er die Handlungsfähigkeit der Staaten unterminiert und sie auch außenpolitisch und wirtschaftlich isoliert. Dass der Fundamentalismus besonders in Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten, Algerien und Nigeria zu politischem Einfluss gekommen ist, also in Ländern, die der westlichen Welt historisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich eher nahe stehen, ist sicher kein Zufall: Fundamentalismus als kulturelle Defensive braucht eine kulturelle Offensive, auf die er reagieren kann.
Mit zwei Theorien über den Fundamentalismus will sich diese Arbeit kritisch auseinandersetzen: Zum einen mit der Erklärung, Fundamentalisten seien Klassenkämpfer, die den Nord-Süd-Konflikt als ökonomischen Konflikt betrachten und den Fundamentalismus als ideologisches Vehikel nutzen, um wirtschaftliche Machtverhältnisse umzukehren. Zum anderen mit der Annahme, Fundamentalisten seien bärtige Traditionalisten, die sich die Welt des Mittelalters in einem Aufstand gegen Aufklärung und Moderne zurückerkämpfen.
Stattdessen soll der Fundamentalismus als Milieu mit seinen sozialen Ursachen dargestellt werden und auf seine Funktion für den Einzelnen befragt werden. Diese Perspektive kann sein Auftreten sowohl in den Industrienationen als auch in den Ländern der Dritten Welt erhellen, unabhängig von der jeweiligen Religion seiner Anhänger (Kapitel II. und III.).
In einem zweiten Schritt soll die islamische Welt als paradigmatischer Fall für den Fundamentalismus der Dritten Welt und als dringendstes Beispiel für die Bedrohungen durch den Fundamentalismus dargestellt werden (Kapitel IV.). Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse über revitalisierte, politisierte und radikalisierte Religion in einen weltgesellschaftlichen Rahmen gestellt, um die Zusammenhänge zwischen Nord-Süd-Konflikt und religiösem Fundamentalismus deutlicher zu machen (Kapitel V.).
Ein "Angriff auf die gesamte zivilisierte Welt" wurden die Anschläge islamistischer Fundamentalisten von 11. September 2001 genannt. Sich diese machtvolle zivilisierte Welt zum Feind zu machen, bedarf für einen Menschen entweder guter Gründe oder starker Ursachen.
II. Sozialprofil fundamentalistischer Bewegungen
So nahe es liegt, gerade den Fundamentalismus in wirtschaftlich gebeutelten Ländern der dritten Welt als klassenspezifische Art der Interessenartikulation zu interpretieren, sprechen zwei Merkmale des Phänomens gegen diese Deutung:1
1. Das Selbst- und Weltbild der Fundamentalisten, die sich als Verteidiger ihrer jeweiligen Religion sehen und ökonomische und soziale Missstände wenn überhaupt nur als Folge des religiösen Verfalls anprangern.
2. Die Sozialstruktur der fundamentalistischen Bewegungen, die ihre Mitglieder nie aus einer einheitlichen ökonomischen Klassenlage heraus rekrutieren.
Die Bevölkerungsgruppen, aus denen sich die Bewegungen zusammensetzen, die Ziele, die das Handeln des Fundamentalisten bestimmen, die organisierten und nichtorganisierten sozialen Beziehungen, die das fundamentalistische Milieu charakterisieren, lassen eine „unvermittelt sozioökonomische Deutung“2 des Phänomens nicht zu. Fundamentalismus ist weitgehend klassenübergreifend bzw. nicht klassenhomogen.
Zum einen setzen sich fundamentalistische Bewegungen aus verschiedenen sozioökonomischen Schichten der jeweiligen Bevölkerung zusammen, zum anderen wandelt sich diese Zusammensetzung, ohne die jeweilige Ideologie der Gruppe maßgeblich zu verändern. Sowohl in den bekannten christlichen Fundamentalismen der westlichen Welt, als auch im jüdischen und islamischen Fundamentalismus ist diese „Dominanz kultureller Ideale über ökonomische Interessen“3 wesentlich. Sie integriert stets hauptsächlich drei wichtige soziale Schichten: „Die ‚marginalisierte Mitte’, proletarisierte Intellektuelle und die Unterschichten“.4
a.) Marginalisierte Mittelschichten
Mitglieder der Mittelschicht stellen oft die Basis fundamentalistischer Bewegungen. Internationalisierung der Wirtschaft, Säkularisierung des kulturellen Bereichs, der Einfluss von Konsum und Massenmedien auf die ‚Moral’ der Gesellschaft und politische Veränderungen rauben der traditionellen Mittelschicht die Grundlagen ihres gesellschaftlichen Status. Das fundamentalistische Milieu bietet sich ihr zur Kompensation und Artikulation ihres Elends an: Ihre Angehörigen, die ehemaligen Träger wesentlicher ökonomischer Bedeutung und gleichzeitig Repräsentanten der alten, traditionellen Frömmigkeit, empfinden sich als „Schicksalsgemeinschaft“5, die gegen die entgöttlichte Welt, das moralische Chaos und den sozialen Wandel ihre eigene Religiosität setzen und so zu neuer Identität und Selbstvergewisserung gelangen. Auch soziale und ökonomische Bedrohungen werden religiös uminterpretiert und so zur Herausforderung an die fromme Lebensführung. Durch eine gewisse Abschottung nach außen, die Integration und Zusammenarbeit in der Gruppe erreicht die Mittelschicht auch eine faktische Verminderung vieler ‚Bedrohungen’ der ‚Außenwelt’.
b.) Intellektuelle
[...]
1 vgl. RIESEBRODT, M.: Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“. München, 2000. S. 59 ff.
2 ebd. S. 59.
3 ebd. S. 76.
4 ebd. S. 78
5 ebd. S. 78.
Quote paper:
Eike Freese, 2002, Fundamentalismus im Nord-Süd-Konflikt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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