„Beten für den Krieg?“
Bruder Willram und der „Heilige Kampf“ Tirols
Geisteswissenschaftliche Dissertation zur Erlangung
des Doktorgrades an der
Leopold–Franzens–Universität Innsbruck
Innsbruck, im Jänner 2002
eingereicht von
David Schnaiter
Inhaltsverzeichnis
TEIL I: EINLEITUNG
1. Einleitende Worte ... 6
1) Ziele der Arbeit ... 10
2) Fragen an die Vergangenheit ... 12
3) Formulierung einer Hypothese (mehrere Einzelthesen) ... 13
4) Aufbau der Arbeit ... 13
2. Methodologisches und Vorverständnis ... 14
1) Persönliches Geschichtsverständnis ... 14
2) Zur Arbeitsmethodik ... 15
3. Der Nachlaß Anton Müller im Brenner–Archiv ... 19
1) Weitere Primärquellen zur Person: ... 22
TEIL II: BRUDER WILLRAM
1. Biographie ... 23
1) Kindheit ... 23
2) Schulzeit ... 26
3) Kooperatorenjahre ... 30
4) Italien ... 33
5) Innsbrucker Jahre ... 34
6) Tod ... 41
2. Das literarische Schaffen Bruder Willrams ... 44
1) Vom Heimat– zum Kriegsdichter ... 44
2) Zäsur 1918 ... 48
3) Mediale Präsenz ... 54
4) Episch–Dramatische Versuche ...
3. Ad Namensgebung ... 57
4. Zur Person Bruder Willrams ... 59
1) Der Mensch Anton Müller ... 59
2) Der Redner Bruder Willram ... 63
A) Veröffentliche Ansprachen und Predigten ... 64
B) Rhetorisches, Stilmittel, Inhalte ... 66
1) „Die Symbolik der Arbeiterfahne ... 69
2) „Gut und Blut für unsern Kaiser!“ ... 70
C) Inhaltliches ... 73
3) Willram als Politiker ... 78
4) Der Lehrer Bruder Willram ... 82
Exkurs: Bruder Willrams Frauenbild ... 87
5) Bruder Willram der Romantiker ... 90
TEIL III: DAS BEDROHTE TIROL.
WURZELN REAKTIONÄR–KONSERVATIVER MENTALITÄTSSTRUKTUREN
1. Einleitung ... 93
2. Das ,Heilige Land Tirol’ ... 95
Tirols Bindung an die katholische Kirche
Exkurs: Die Tiroler Diözesaneinteilung ... 95
3. Die Ängste der Macht ... 100
1) Dimensionen der Angst ... 100
2) Die Abwehrreaktion als Aggression ... 103
3) Masse und Macht ... 105
4. Politischer Katholizismus im Tirol der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ... 107
1) Der Tiroler Kulturkampf ... 108
2) Die Lagerspaltung: Konservative vs. Christlich–Soziale ... 114
Exkurs Alttiroler – Jungtiroler ... 115
Exkurs: Tourismus und Katholizismus ... 116
A) Bruder Willram und der Bruderzwist ... 118
5. Machterhaltung und Feindschaftserwartung ... 120
6. Instrumentarien des Politischen Katholizismus in Tirol ... 123
1) Die Idyllisierung von Vergangenheit ... 125
2) Die ,Nation Tirol’ als Ausdruck kultureller Identitäten ... 126
A) Nationale Identität ... 126
B) Deutsche Internationalität ... 128
C) „Immobiles sicut patriae montes“ – Tiroler Selbstverständnis ... 130
3) Das Bündnis mit dem Herzen Jesu ... 131
A) Herz–Jesu–Verehrung ... 131
B) Eine ,Geistliche Waffe’ ... 133
C) Das Herz Jesu als Abwehrinstrument ... 136
4) Der Sandwirt–Mythos ... 139
A) Mythen im Nationalisierungsprozeß ... 139
B) Der Tiroler Freiheitskampf ... 140
C) Die Kreation eines Mythos ... 142
Exkurs: Tirols schwieriges Verhältnis zur Wiener Zentrale ... 146
D) 1909 – Am Höhepunkt der Hoferverehrung ... 149
E) Der Abwehrkampf von 1809 und Tirols militärischer Sonderstatus ... 152
5) Die Tiroler Landesfeiern zwischen 1863 und 1909 ... 156
Exkurs: Tirol und die Habsburger ... 156
A) 1863: Die Vereinigungsfeier ... 157
B) 100 Jahre Tiroler Freiheitskampf ... 158
6) Xenophobie ... 160
A) Feindbildproduktion ... 160
B) Der ewige Jude ... 161
(1) Willram und Antijudaismus ... 162
C) Die roten Teufel ... 165
(1) Willram und Marxismus ... 168
7. Die Techet–Affäre ... 172
8. Bruder Willrams Katholizismus ... 175
9. Zusammenfassung ... 180
TEIL IV: GOTT DER KRIEGSHERR
1. Einleitung ... 181
2. Der Krieg als Chance ... 184
Katholische Theologie im Ersten Weltkrieg
3. Katholische Kriegsvorsehungslehre ... 190
4. Das Herz Jesu im Ersten Weltkrieg ... 194
5. Die Kriegstheologie in der Praxis: ... 197
1) Kriegsgebetsbücher ... 198
6. Zusammenfassung Kriegstheologie: ... 200
7. Bruder Willrams Heiliger Kampf ... 201
8. Schadensbegrenzung ... 206
9. Gott verliert den Weltkrieg ... 210
10. Anmerkung ... 213
TEIL V: DER BLUTIGE DICHTER
1. Dichtung und Krieg ... 215
2. Die unbekannte Wirklichkeit ... 220
1) Der verhinderte Soldat ... 221
2) Der Krieger am Schreibtisch und der Soldat an der Front ... 224
Vergleich von Willrams Phraseologie mit den Kriegseindrücken von Felix Hecht
A) Blut: ... 225
B) Größe: ... 228
C) Gott: ... 230
D) Tirol und Italien ... 231
3) Dio in guerra ... 233
Vergleich Bruder Willrams mit Giosuè Borsi
TEIL VI: "DER FEIGE WELSCHE WICHT"
1. Einleitung ... 238
2. Die Irredenta ... 242
3. Deutsche Kultur und welscher Verrat ... 248
Antiitalienische Kriegspropaganda und –dichtung im Weltkrieg
4. Wider die österreichischen Barbaren ... 253
Italienische Kriegspropaganda
1) Gabriele D’Annunzio ... 256
A) Anmerkung zur Rezeption Gabriele D’Annunzios in der Literatur ... 263
TEIL VII: BILDER VON BRUDER WILLRAM
1. Der Kriegsdichter ... 265
2. Der verschmähte Dichter ... 269
Die Zwischenkriegszeit
1) Die Heimkehrerrede ... 271
2) Karl Kraus und Bruder Willram ... 276
3) Die späten Zwanziger und Dreißiger Jahre ... 281
3. Der wiederentdeckte Dichter ... 285
Die Nachkriegsjahre
4. Bruder Willram heute ... 289
1) Bruder Willram seit dem Zweiten Weltkrieg ... 289
2) Die Kindergartenaffäre ... 293
3) Bruder–Willram–Straßen ... 301
4) Die Brunecker Stadtgalerie ... 301
5) Gedenkfeiern und Würdigungen in den letzten Jahren ... 303
6) Der Bruder–Willram–Bund ... 304
7) Universitäre Arbeiten über Bruder Willram ... 315
A) Zur Dissertation von Iris Garavelli über ihren Urgroßonkel Anton Müller ... 315
TEIL VIII: SCHLUSSTEIL
1. Nachwort ... 321
2. Testament eines Dichters ... 325
3. Kurze Anmerkung zur binären Gerechtigkeit ... 326
Literaturverzeichnis ... 330
Gedruckte Schriften von Bruder Willram (Anton Müller) ... 342
Ungedruckte Schriften von Bruder Willram (Anton Müller) aus dem Nachlaß: ... 343
Primärquellen aus Archiven ... 344
Zeitungen und Zeitschriften: ... 345
Abbildungsverzeichnis ... 346
Abkürzungen: ... 347
Curriculum Vitae ... 348
TEIL I
EINLEITUNG
„ [...] Hei! wie die Schädel krachen,
Die Knochen splittern in dem Handgemenge!
Brust gegen Brust! Der welsche Meuchlerdolch,
Den Schurkenfaust nach deutschem Herzen zückt,
klirrt dumpf zu Boden; sieh! für Hieb und Stich
Ist keine Zeit, denn schon am Halse hängt,
Das Leben schnürend wie mit Eisenklammern –
Dem Feind der Tod – und würgt und würgt
und würgt
Den argen Schelmen die Verräterseele
Mit rotem Geifer aus dem Mund;
es dampft
schon Blut und Schweiß [...] “
(Bruder Willram: „Kampf auf Filmoor“ in: Der heilige Kampf)
1. Einleitende Worte
„Die Kriegspropaganda von 1914–1918 hat immer noch Bedeutung. Schon deshalb, weil man es im heutigen Tirol verabsäumt hat, sich von Personen und Werten, die während des Ersten Weltkrieges maßgebend waren, zu distanzieren.“
(Roner: Kriegspropaganda, Vorwort S. IV)
Anton Müller ist unter dem Pseudonym Bruder Willram neben dem auch heute noch sehr bekannten „Reimmichl“ Sebastian Rieger als der meistgelesene Autor Tirols des beginnenden 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Seine Texte, Lieder und Gedichte wurden mehrfach und in hohen Auflagen publiziert, vertont und als Bildunterschriften, sowie auf Partezetteln, Grußkarten etc. über Jahrzehnte hinweg verwendet.
Heute ist er nur mehr einer kleinen Schar älterer Menschen bekannt und unter ca. 25 befragten Studenten der Geschichte bis auf zwei Ausnahmen kein Begriff mehr. Trotzdem findet sich in fast jedem älteren Haus, irgendwo am Speicher unter anderen alten Büchern, wie ich selbst bei drei Gelegenheiten feststellen konnte, ein Gedichtband Willrams.
Sein Bekanntheitsgrad, seine allgemeine Beliebtheit und seine öffentliche Präsenz speziell im Innsbrucker Raum waren enorm. In den Jahren 1905 bis 1920 war Bruder Willram1, wie in dieser Arbeit zu belegen sein wird, schlicht eine der bekanntesten Persönlichkeiten Tirols und sein Einflußbereich zwar geographisch beschränkt, ansonsten aber erstaunlich groß. Als Redner bei jeder größeren Veranstaltung, als Dichter und Autor, als Landespolitiker, Meinungsmacher und Organisator von Volksschauspielen war der Südtiroler Priester aus Bruneck eine der hervorstechendsten Persönlichkeiten des Landes.
Willrams klares, drastisch formuliertes und unermüdlich transportiertes soziales und politisches Weltbild war von (mit–)entscheidender Bedeutung für Tirol und gewissermaßen ein sehr deutlich ablesbarer Katalysator gewachsener Tiroler Mentalitätsstrukturen dieser Zeit.
Die literarische Qualität seiner Heimatdichtung ist für die Ziele dieser Arbeit nicht unbedingt von Interesse, seine mit starken Gefühlen und Ideologien2 vollgestopfte Kriegsdichtung hingegen sehr. Besonders diese seine Kriegsgedichte und –gesänge verkauften sich in, für Tirol, ungewöhnlich hoher Stückzahl und spiegeln ein Stück des Weltbildes dieser Region im Ersten Weltkrieg wieder.
Seine Bekanntheit und sein nicht zu unterschätzender Einfluß auf Tirol rund um den Großen Krieg machten Bruder Willram zu einem der bedeutendsten Kriegshetzer und Propagandisten Tirols, vor allem aber zu einem plakativen Stimmungsbarometer einer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krisenzeit.
Die Geschichtswissenschaft der letzten Jahrzehnte hat sich in Österreich und auch in Innsbruck verständlicherweise in einem sehr starken Ausmaß mit den Geschehnissen rund um den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus beschäftigt und vielleicht vielfach die eigentlichen Wurzeln dieser Katastrophe etwas vernachlässigt. In den letzten Jahren wird jedoch immer mehr die Ursachenforschung in den Vordergrund gestellt und viele Historiker beschränken sich nicht mehr auf die (wichtige!) Darstellung der Auswirkungen.3
Eine der ursächlichsten Ausgangspunkte des europäischen Radikalismus4, erkennbar etwa am Faschismus5 der Zwischenkriegszeit stellen in diesem Zusammenhang zweifellos der wirtschaftlich, sozial und politisch unbewältigte Erste Weltkrieg und die fatalen Friedensdiktate6 von Versailles und St. Germain dar. Und – geht man diesen Gedankenstrang konsequent weiter – die Angst des Menschen vor umwälzenden Neuerungen.
Die Geschichte des Faschismus etwa begann nicht erst in den Dreißiger Jahren und endete nicht 1945, sondern bildet einen Entwicklungsstrang mit sehr unterschiedlichen Ausformungen und Auswirkungen. Betrachtet man Österreich, so ist eine zunehmende Radikalisierung weiter Bevölkerungsteile, sowie die Zunahme von Extremismen verschiedenster Art7 schon deutlich im 19. Jahrhundert ablesbar.
In der Phase des Umbruchs im Zuge der Industriellen Revolution und der Herausbildung politischer Lager verschärften sich soziale Konflikte, konträre politische Positionen und allgemein Ängste in der Bevölkerung, die in Österreich zu starken Gegenpositionen, politisch vor allem zwischen Konservativen, Deutschnationalen und Sozialdemokraten, aber auch im sozialen Bereich führten. Auch im ländlichen Raum wurde dieser Konflikt schon viele Jahre vor dem Ersten Weltkrieg immanent und nur durch den Burgfrieden zwischenzeitlich ausgesetzt bzw. auf Eis gelegt.
Zum Erzfeind der ländlichen Bevölkerung, dem Kommunismus an sich und im konkreten der Sozialdemokratie, kamen schnell andere Feindbilder hinzu: Der tief im Denken der Menschen verwurzelte Antisemitismus8 und der Haß auf die verräterischen ,Walschen’ im Ersten Weltkrieg etwa. Die Definition und starke Betonung von ,Nation’, vor allem durch die Sozialdemokraten, die Untergangsstimmung innerhalb der Monarchie und die Modernisierungsängste innerhalb der Bevölkerung trugen das ihre dazu bei.
Dieser ,Extremismus’9 als sich kontinuierlich ausbreitendes Merkmal gesellschaftlicher Entsolidarisierung wurde, wie ich glaube, bisher noch nicht in ausreichendem Maße von geschichtswissenschaftlicher Seite her untersucht. Zu stark standen bisher die Auswirkungen des Faschismus und die Zeit von 1934 bis zur Zweiten Republik im Vordergrund der historischen Forschung.10 Erst in den letzten Jahren, wie bereits weiter oben erwähnt, wendet sich die Geschichtswissenschaft wieder vermehrt der Geschichte des Ersten Weltkriegs zu11 und drängt die Ausschließlichkeit des Hauptthemas der Zeitgeschichte „Holocaust und Zweiter Weltkrieg“ zumindest teilweise etwas zurück.
Im Rahmen dieser Arbeit soll nun zugegebenermaßen ebenfalls kein alleingültiges Modell der mentalitätsgeschichtlichen Entwicklung hin zur Machtübernahme des Faschismus entwickelt werden, sondern ein lokaler Beitrag zum besseren Verständnis des Entstehens von Ängsten und den daraus folgernden Radikalismen, die in den extremistischen Auswüchsen Jahrzehnte später ihre furchtbarsten Auswirkungen zeigten, soll entstehen. Ängste und Ursachen im Tiroler Raum in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, sowie die daraus resultierende zunehmende Radikalisierung innerhalb der Gesellschaft, dargestellt anhand der Person und Funktion Bruder Willrams als Hetzer und Einpeitscher stehen dabei im Vordergrund.
Willram war einer von jenen, die schon Jahre vor dem politischen Durchbruch des Austrofaschismus unablässig den totalitär–reaktiven Katholizismus predigten und in den Köpfen der Menschen verankerten. Einer der Wegbereiter, wie im Laufe dieser Arbeit zu belegen sein wird.
Wie beliebt seine Werke waren und wie sehr er den Menschen aus der Seele schrieb, dokumentieren seine immer wieder und in immer größerer Auflage gedruckten Gedichtbände. Die aktuelle Brisanz der Thematik ist nicht abzuleugnen und speziell im Zeitalter der virtuellen Revolution sind viele der ursächlichen Existenzängste, die zu Radikalismen, Rechtspopulismus und gesellschaftlicher Entsolidarisierung führen, nicht nur in Österreich, wieder mehr als deutlich wahrnehmbar.
[....]
1 Zum Pseudonym ,Bruder Willram’ und dessen Verwendung vgl. Teil II Kap. 3. Ad Namensgebung
2 Ideologie als Komplex von Ideen verstanden – in enger Assoziation mit ,Weltanschauung’ und verbunden mit dem Versuch „Werturteile als Tatsachenurteile auszugeben“. siehe Hanisch: Die Ideologie des Politischen Katholizismus, S. 1, vgl. auch die Studien von Ernst Topitsch, Werner Hofmann u.a. zum Thema ,Ideologie’
3 vgl. u.a.: Achleitner: Gott im Krieg, Amann: Die Dichter und die Politik, Dietrich: Feindbilder und Ausgrenzung als Fermente der politischen Radikalisierung, Hanisch: Der lange Schatten des Staates, Rettenwander: Stilles Heldentum u.v.a.m – alle diese Arbeiten wurden in den 90–er Jahren veröffentlicht
4 vgl. S. 13
5 Faschismus: Im engeren Sinn die Eigenbezeichnung der politischen Bewegung, die unter der Führung von Benito Mussolini 1922 in Italien die Macht übernahm, sowie für das von dieser Bewegung bis 1945 aufrechterhaltene Herrschaftssystem. Der Begriff leitet sich ab von lateinisch: fasces, italienisch: fascio, der Bezeichnung für das im antiken Rom von den Liktoren als Symbol der umfassenden Amtsgewalt der römischen Magistrate – dazu gehörten das Recht auf Züchtigung und die Verhängung der Todesstrafe – getragene Rutenbündel mit Beil. Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff Faschismus alle politischen Bewegungen und Herrschaftssysteme mit extrem nationalistischer, antidemokratischer und antikommunistischer Ideologie und autoritären Strukturen.
Faschismus ist keine geschlossene Ideologie in sich und deshalb als Begriff unscharf. Trotzdem gibt es hinreichend viele Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen als faschistisch apostrophierten Bewegungen, um seinen Gebrauch als Sammelbezeichnung zu rechtfertigen. Als Merkmale faschistischen Gedankenguts können festgehalten werden:
- streng hierarchische Ausrichtung am Führerprinzip
- Verabsolutierung des jeweiligen nationalen Eigeninteresses
- Extrem überhöhter Nationalismus
- Verherrlichung und Verklärung der Geschichte des eigenen Volkes
- Autoritarismus und Totalitarismus
- Einparteiendiktatur
- Minderheitenfeindlichkeit
- Antikommunismus bzw. –marxismus
- Erhöhte Aggressivität und Gewaltbereitschaft
- Propaganda und Terror statt politischer Überzeugungsarbeit auf demokratischem, parlamentarischem Weg
- Paramilitärische Verbände
- Rekrutierung der Mitglieder vor allem aus der männlichen Bevölkerungsschicht
6 Der Terminus Friedensdiktat erscheint vielfach problematisch, da er eine Wertung beinhaltet, die von vielen Historikern aufgrund der propagandistischen Verwendung durch Politiker und Historiker vor allem in der Zwischenkriegszeit, abgelehnt wird. Dieser Meinung schließt sich der Autor nicht an: „Der in Versailles am 28. Juni von Deutschland unterzeichnete Vertrag beruhte mit Ausnahme von nicht unerheblichen, aber doch begrenzten Milderungen, die durch Verhandlung erreicht wurden, auf Diktat und Ultimatum der Sieger. [...] Als die Weimarer Nationalversammlung sich nach schwersten inneren Kämpfen unter dem unerbittlichen Druck eines Ultimatums zu seiner Unterzeichnung entschloß, geschah das in dem Bewußtsein, daß Deutschland, räumlich geschmälert und wirtschaftlich bedroht, langsam die Grundlagen seines Daseins verlieren werde.“ Herzfeld: Erster Weltkrieg und Friede von Versailles, S. 126
„ [...] die Regierung der Weimarer Republik, die zu Ende des Krieges an die Stelle des Deutschen Kaiserreiches getreten war, war von den Verhandlungen ausgeschlossen.“ Microsoft Encarta ’98 „Friede von Versailles“ Die Friedensschlüsse von Versailles und St. Germain wurden in Deutschland ebenso wie in Österreich als Diktat empfunden und auch de facto wurden die Bedingungen den Mittelmächten diktiert, von einer nennenswerten Verhandlung, einem Dialog etc. kann keine Rede sein. Die Bezeichnung Friedensdiktat an dieser Stelle ist somit nicht als revisionistischer oder gar propagandistischer Kampfbegriff zu verstehen (auch wenn der Terminus in der Vergangenheit zweifellos auch in dieser Absicht verwendet wurde), sondern als Benennung eines Faktums.
7 siehe v.a. Teil III: Das bedrohte Tirol. Wurzeln reaktionär–konservativer Mentalitätsstrukturen
8 Der Begriff ,Antisemitismus’ wurde 1879 von Wilhelm Marr geprägt und bezeichnet eine grundsätzliche Feindseligkeit gegenüber Semiten, wobei im allgemeinen Sprachgebrauch ausschließlich Juden unter Semiten verstanden wurden und bis heute werden – unabhängig davon, ob sie ihre Religion ausüben oder nicht. Ursprünglich bezeichnet der Ausdruck Semit jedoch alle Nachfahren Sems, des ältesten Sohnes des biblischen Patriarchen Noah, und bezieht sich damit auf eine Gruppe von Völkern des Nahen Ostens, der Juden und Araber gleichermaßen angehören. Da der semitische Kulturkreis von den westlichen Ausläufern der Sahara bis zum Irak und Oman reicht, stellt der infolge in dieser Arbeit verwendete Terminus ,Antijudaismus’ eine treffendere Umschreibung für die unter ,Antisemitismus’ zu verstehende grundsätzliche Feindseligkeit gegenüber Juden dar. Außerdem bezieht sich ,Antijudaismus’ nicht allein auf die rassistische Komponente des in seiner Evolution eng mit dem Begriff Arier (Sanskrit für: edel) verbundenen Ausdruckes ,Antisemitismus’, sondern bezieht unter anderem auch die religiöse Dimension des Judenhasses mit ein.
9 wiederum in seinen unterschiedlichsten Ausformungen politischer oder sozialer Natur wahrnehmbar
10 Eine sehr harte Kritik äußert in diesem Zusammenhang Laurence Cole in seiner Arbeit über die Entstehungsgeschichte Tiroler Patriotismen. Er wirft dem Gros der Tiroler Geschichtswissenschaft bis ca. 1985 vor, einerseits konservativen Historismus mit nostalgischen Bezügen zur Habsburgermonarchie betrieben – und andererseits Deutschtiroler Nationalismen gefördert zu haben. vgl. Cole: Für Gott, Kaiser und Vaterland, S. 13, sowie Cole: Fern von Europa (mehrere Stellen)
Auch wenn diese Kritik vielleicht zu harsch ausfällt, so ist doch festzustellen, daß sich die Tiroler wie auch die gesamtösterreichische Geschichtswissenschaft bis vor kurzem (in den letzten Jahrzehnten kam es offensichtlich zu einem Umdenken) vor allem mit pangermanistischen Themen in Verbindung mit Antijudaismus und Nationalsozialismus befaßte und sich vielleicht noch nicht ausreichend auf die Erforschung des nicht nach Deutschland gerichteten österreichischen Nationalismus und dessen Auswirkungen konzentriert hat.
11 vgl. etwa die in Bearbeitung stehenden Untersuchungen angehender Historiker am Institut für Österreichische Geschichte der Innsbrucker Universität und die dabei auffallende Häufigkeit gewählter Themen rund um soziale und wirtschaftliche Aspekte des ,Großen Krieges’
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Dr. David Schnaiter, 2002, "Beten für den Krieg?" Bruder Willram und der "Heilige Kampf" Tirols, Munich, GRIN Publishing GmbH
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