Der Blick ins 21 Jahrhundert: Aktuelle Bahnhofsplanungen
Gliederung
1. „Renaissance der Bahnhöfe“: Thematik der neuen
Bahnhofsprojekte in Deutschland
2. Projektbeispiele
2.1 Lehrter Bahnhof Berlin
2.2 Stuttgart 21: Pilotprojekt der 21er-Reihe
2.3 Die anderen 21er Projekte der DB AG
2.4 Dortmund Hauptbahnhof Das UFO
2.5 Blick über den Tellerrand: Penn Station New York
3. Neue Bahnhöfe
Lars Niemann Harry Müller Torsten Robra
Renaissance 1. „Renaissance der Bahnhöfe“: Thematik der neuen
Eine Lösung dieser Probleme soll die sogenannte „Renaissance der Bahnhofsprojekte in Deutschland
Bahnhöfe“ finden. Jetzt gibt es die größte Chance in der Bahngeschichte, Stadtentwicklung zu betreiben und wieder weiter in
Niedergang den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens zu rücken. Unterstützend wirkt
Mit der Verdrängung des Bahnverkehrs durch den Auto- und auch der Wunsch nach Urbanität und der Versuch, das durch
Flugverkehr ging ein gewisser Niedergang des Eisenbahnwesens Einkaufszentren und Vergnügungsstätten „auf der grünen Wiese“
einher, der sich nicht zuletzt in einem Phänomen niederschlug, das verlorengegangene Leben wieder ins Zentrum zurück zu holen.
man mit „Bahnhofsmilieu“ bezeichnet und das die frühere Die spektakulärsten Maßnahmen dieser Renaissance sind wohl zum
„Bahnhofskultur“ nach und nach verdrängte.
einen die Umgestaltung der Bahnhöfe in Multifunktionszentren, wobei
Bahnhofsarchitektur. Meinhard von Gerkan bezeichnet den „Bonatz(nach: „Renaissance der Bahnhöfe“, S. 18-21) Bau“ des Stuttgarter Hauptbahnhofes von 1927 als das „letzte beachtliche Beispiel der Bahnhofsbaugeschichte“ („Renaissance der Bahnhöfe“, S. 19).
Umfeld
Aber nicht nur die Qualität des Bahnhofs und des direkten Umfeldes ist ein Problem, sondern auch der Zustand der angrenzenden Gebiete, die zum Teil „hinter dem Bahnhof“ liegen, da die zerschneidende Wirkung der Bahnanlagen sehr stark ist. Auch die Größe der Bahnanlagen und der ehemaligen Betriebsgelände wirkt störend auf die Stadtentwicklung, bilden aber andererseits großes Potential für eine künftige Entwicklung.
die Abfertigung von Sonderzügen bestimmt war, nach Ankunft und 2.1 Lehrter Bahnhof
Abfahrt getrennt.
Geschichte
Das Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs befindet sich nordwestlich des Spreebogens am heutigen Humboldthafen. Dieses Gebiet zwischen den Rehbergen und dem Spreeverlauf wurde als "Große Stadtheide" oder "Kammereiheide" bezeichnet.
1867 erging die Genehmigung zum Bau einer neuen Bahnverbindung in das seit 1815 zu Preußen gehörende Rheinland und dem aufstrebenden Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet. Die bestehende Verbindung nach Köln über Magdeburg und Braunschweig mit ihren jeweiligen Kopfbahnhöfen und der größeren Entfernung bedingte lange Reisezeiten. Die Konzeption des Lehrter Bahnhofs ging von einer Trennung der Gebäudestandorte je nach ihrer Nutzung für Personenverkehr, Pulvermühlengelände aus.
Plan von Liebenow 1888 (aus: Projektstudien Lehrter Bahnhof)
In traditioneller Bauart wurden fünf Bahngleisen drei Bahnsteige zugeordnet, die über einen schmalen Verbindungsbahnsteig am Südende der Halle verbunden waren. Die beiden äußeren Bahngleise waren im Gegensatz zu dem Mittelbahnsteig, welcher ursprünglich für
Luftbild alter Bahnhof (aus: Projektstudien Lehrter Bahnhof)
Mit der Eröffnung des Lehrter Bahnhofs konnte der zu klein über die
dimensionierte Hamburger Bahnhof geschlossen werden. Der Lehrter Eisenbahnverkehrs.
Bahnhof übernahm den Güter- und Personenverkehr und wurde 1891 Die Entscheidung fiel für das Pilzkonzept mit der Schaffung einer
wegen Überlastung der Stadtbahngleise zum Endbahnhof der durchgehenden Nord-Süd-Verbindung, der Verbindung von sieben
Hamburger Strecke. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet um den Fernbahnhöfen miteinander und dem Anschluss an das Regional- und
Lehrter Bahnhof besonders schwer getroffen. S-Bahnsystem.
abgeschlossen wurde.
Pilzkonzept (aus: Projektstudien Lehrter Bahnhof)
Der Lehrter Bahnhof als Kreuzungsbahnhof Berlins wird dabei nicht zum Zentralbahnhof, aber doch zu dem aufkommensstärksten Fernbahnhof der Stadt werden. Es werden Besucherzahlen von 240000 Gäste täglich erwartet. Neben ihm werden weitere Bahnhofsbauten in Spandau, Gesundbrunnen und Papestraße entstehen.
Die Bahn will, nach eigener Aussage, die Chance nutzen, im Zuge der Bahnreform moderne, attraktive, aber auch wirtschaftlich betreibbare Bahnhöfe zu errichten, die nicht nur Abgangs- und Ankunftssituationen für den Schienenverkehr; sondern auch Visitenkarte einer modernen Bahn sind.
Als größter Kreuzungsbahnhof Europas ist der Lehrter Bahnhof als Vorzeigeprojekt der "neuen" privatisierten Bahn vorgesehen. Das Bauwerk soll außerdem den Ansprüchen des unmittelbar gegenüber liegenden, künftigen Regierungsviertels funktional und gestalterisch gerecht werden.
Deutlich wird aber auch, dass der Lehrter Bahnhof in dieser Dimension ein dominanter Punkt mit stadtprägendem Charakter sein wird.
Vorstellung des Entwurfes
Studie 02 (aus: Projektstudien Lehrter Bahnhof) Im Herbst 1992 beauftragte die Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen in Übereinstimmung mit der Deutschen Reichsbahn Hier liegt eine Trassenführung der Bahn zugrunde, bei der ein zwei leistungsstarke und erfahrene Architekturbüros, das Büro Prof. Teilstück der Josef Paul Kleihues, Berlin und Büro von Gerkan, Marg und Partner, zusammenhängender Anlage mit der Fernbahn-Trasse neu erstellt Hamburg, mit der Ausarbeitung von Projektstudien. werden muss. Da der Bahnhof sowohl von S-Bahn wie Fernbahn im Sie hatten die Aufgabe, für den Bereich des Lehrter Bahnhofs ein Krümmungsbereich gelegen i st, sind auch die Bahnsteige Stadtquartier zu skizzieren, welches entsprechend mit einer Krümmung ausgebildet. angemessene Baumassen und Räume für ein - Empfangsgebäude
dominierende Ausrichtung in Nord-Süd-Richtung, die durch zwei ,,Lehrter Stadtbahnhof" mit Betriebseinrichtungen und - markanteGebäudescheiben mit einer Höhe von 42 m städtebaulich Stellplatzanlage markiert wird.
ergänzende Gelände -
Bürodienstleistungen Einzelhandelseinrichtungen
Wohnungsbau in Sonderformen - Straßen,Plätze und Grün- bzw. Parkanlagen - Verknüpfungspunktemit dem oberirdischen ÖPNV und - ausreichendeZugänglichkeit für den Individualverkehr berücksichtigt.
Es soll eine Symbiose zwischen der Bahnfunktion und den gewerblichen Funktionen gefunden werden, sowie den Forderungen der verkehrlichen Anbindung und denen des Städtebaus. Grundlage für die weiteren Entwürfe und Wettbewerbe wurde die Studie 02. des und Büros von Gerkan, Marg und Partner.
Bügelbauten
(aus: BW Bauwirtschaft 3/99)
Diese Gebäudescheiben, auch als Bügelhäuser bezeichnet, überspannen die Ost-West gerichtete Bahntrasse brückenartig. Die Nord-Süd-Ausrichtung folgt der unterirdischen Nord-Süd-Fern- und S-Bahn-Trasse. Auf diese Weise wird der bedeutungsvolle Kreuzungspunkt zweier Bahntrassen im Stadtraum deutlich angezeigt. Gleichzeitig erhält der Lehrter Bahnhof zwei deutlich orientierte Hauptzugangsseiten. Die eine auf der Nordseite an der Invalidenstraße gelegen; die andere auf der Südseite, dem neuen Regierungsviertel zugewandt.
Zwischen den beiden Gebäudescheiben wird ein Glasdach angeordnet, dessen tragende Konstruktion vorgespannte Seilbinder sind. Zwei gegenseitig gekrümmte Seile werden durch Druckstreben gespreizt und an den starren Gebäudeeinheiten verankert. Im Bereich des auskragenden Daches übernehmen zusätzliche Abspannseile die vertikalen Dachlasten und die horizontalen Spannkräfte. Das Dach der Bahnsteighalle und das der Bahnhofshalle durchdringen sich mit konstruktiv ähnlichen linsenförmigen Tragelementen, wodurch beide Dächer auch im Inneren ablesbar werden.
Die acht Gleise der Bahnsteighalle und dazugehörigen Bahnsteige werden stützenfrei durch korbbogenartige, stählerne Bogen überspannt. Sie sind in Längsrichtung im Abstand von ca. 1,2 m Innenansicht (aus: Renaissance der Bahnhöfe) angeordnet, so dass sich zusammen mit den Längsträgern nahezu quadratische Netzmaschen ergeben. Jede dieser Maschen ist durch Die Hauptebene mit den Zugängen zur Bahnhofshalle befindet sich auf Seile ausgekreuzt und in der Regel mit Glas eingedeckt. Zusammen dem Ebene +/-0. Dort befinden sich auch die für den Ablauf immer bewirken Bögen, Längsträger und Diagonalseile ein schalenartiges noch notwendigen Einrichtungen wie Fahrkartenschalter und
Trasse, Ebene +1 wird über eine Zwischenebene, +1/2, erreicht. Tragwerk (aus: Renaissance der Bahnhöfe) Gastronomie, also alles für den angenehmen Aufenthalt. Der Fahrgast Um die Transparenz der Halle auch im Bereich der betritt die Bahnsteigebene -2 der Nord-Süd-Trasse erst, wenn der Zug Aussteifungsrahmen beizubehalten, werden diese in vorgespannte eintrifft.
Seilbinder aufgelöst. Als optimale Seilführung wird die einer vertikalen, symmetrischen Last zugeordnete Stützlinie gewählt.
Diese Gitterschalenkonstruktion folgt der ungeometrischen Grundrissfigur der Bahnsteiganlagen.
Mittels dieses sehr großen Glasdaches wird mit einem vergleichsweise geringen konstruktiven Aufwand eine sehr großzügige lichtdurchflutete und damit freundliche Raumwirkung erzeugt mit gleichzeitig höchstem Komfort für den Wetterschutz auf den Bahnsteigen.
Sehr große Öffnungen stellen eine räumliche Verbindung der Ebene her und lassen Tageslicht von oben einfallen.
In einem Bereich von 80 x 80 m sollen 53 Rolltreppen und Rollsteige, sowie 14 Aufzüge die sich kreuzenden Nord-Süd- und Ost-West-Trassen verbinden und bis zu 24 m Höhenunterschiede überwinden helfen.
Aktueller Stand Hintergrund ist, dass die Bahn sparen muss: Für 10,6 Milliarden Mark Zur Zeit befindet sich der Lehrter Bahnhof im Bau. Die aktuellen sollten die Fernverkehrsanlagen der Bahn nach der Einheit ausgebaut Baumaßnahmen im Bereich des neuen Bahnhofs umfassen: werden. 6,7 Milliarden Mark sind inzwischen verbaut, und der die Baugruben Kostenrahmen ist bereits weit überschritten worden. Der Nord-Süd- - denTunnel- und Bahnhof-Rohbau Tunnel unter dem Tiergarten und der neue Lehrter Bahnhof werden - dieOst-West-Trasse im Bahnhof zusammen mindestens eine Milliarde Mark teurer als veranschlagt. - undden Bau der Humholdthafenbrücke. Nun stehen diese Pläne auf dem Prüfstand. Welche P rojekte - gestrichenoder gestreckt werden, will die Bahn mit der Simulation
Luftbild Baugrube (aus: BW Bauwirtschaft 3/99)
Aber die Bahn speckt ihre anspruchsvollen Ausbaupläne ab: Die beiden gläsernen Bürohochhäuser über dem Lehrter Bahnhof werden nicht gebaut. Wenn sich in den nächsten 18 Monaten kein Investor für die sogenannten Bügelhäuser findet, wird einzig ein 60 Meter hoher Abluftkamin über dem Zentralbahnhof entstehen. Einerseits fällt damit ein wichtiges städtebauliches Gestaltungselement weg, andererseits wird der eigentliche Bahnhof sichtbar.
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Lars Niemann, Harry Müller, Thorsten Robra, 2000, Bahnhöfe des 20. Jahrhunderts - Blick ins 21. Jahrhundert. Aktuelle Bahnhofsplanungen., Munich, GRIN Publishing GmbH
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